Religion in Japan

Verwandlungskünste der Füchse

kitsune
Kitsune von Ogata Kōrin (1658-1716)
Bild: The Kitsune page (2006/2)

Als Meister der magischen Verwandlung waren und sind Füchse (kitsune) ein wichtiger Bestandteil der japanischen Geisterwelt. Sie können nach Belieben in die Gestalt von Menschen schlüpfen, bzw. in Menschen illusorische Wahrnehmungen erzeugen. Der Fuchs auf der Abbildung rechts bedeckt etwa seinen Kopf mit einem Blatt und vollführt einen magischen Tanz. Es ist dies ein untrügliches Zeichen, dass er im Begriff ist eine andere Gestalt anzunehmen.

Die meisten Fuchsbilder auf dieser Seite stammen aus der Edo Zeit (17.-19. Jh).Ihre Beliebtheit verdankt sich der besonderen Vorliebe für das Unheimlich-Myteriös-Gespenstische in der Edo-zeitlichen Populärkultur. Neben dem wohligen Gruselgefühl, das unheimliche Fuchsgeschichten vermitteln können, wurde und wird die magische Macht der Füchse aber auch durchaus für real gehalten und führte in der Edo-Zeit zu ähnlichen Extremen wie der europäische Hexenglauben: Insbesondere Frauen konnten verfolgt oder verstoßen werden, weil man sie für verwandelte Füchsinnen hielt.

Zauberische Fuchsfrauen

Auch in Geschichten und Legenden verwandeln sich Füchse in Japan vorzugsweise (wenn auch nicht nicht ausschließlich) in schöne Frauen. Solche Fuchsfrau-Legenden tauchen schon im japanischen Altertum auf, wurden im Laufe der Zeit immer weiter ausgeschmückt und schließlich in der Edo-Zeit für das Kabuki Theater adaptiert. Die beiden bekanntesten Gestalten sind Kuzunoha, die liebende Mutter und Ehefrau, und Tamamo no Mae, die verruchte Hofdame. Sie stehen einander charakterlich diametral gegenüber und zeigen, dass der Fuchs mit seinen Zauberkräften sowohl positiv als auch negativ in Erscheinung treten kann. Dennoch haben beide Legenden überraschende Parallelen: In beiden Fällen kann die Fuchsfrau nicht lange in der Gesellschaft der Menschen verbleiben und verwandelt sich schlussendlich in einen Stein. Außerdem tauchen in beiden Legenden Mitglieder der Familie Abe auf. Diese waren in der Heian Zeit die führenden Yin Yang Meister bei Hof und galten als solche — ebenso wie die Füchse selbst — als Meister der Magie.

Kuzunoha, die liebende Fuchsmutter
kuzunoha

Die Fuchsmutter Kuzunoha verlässt ihr Kind. Im Vordergrund die Pflanze, die Kuzunoha ihren Namen gab.

Holzschnitt von Tsukioka Yoshitoshi (um 1890)
Quelle: Sinister Designs (2005/10)
kuzunoha kuniyoshi

Kuzunoha in ihrer Wechselgestalt von Frau und (trauernder) Füchsin. Hier ist auch der Ehemann der Kuzunoha, Abe no Yasuna, dargestellt.

Holzschnitt aus der Serie "Die 69 Stationen der Kiso-Route" von Utagawa Kuniyoshi, 1852
Bildquelle: Cultural Heritage Online
kuzunoha toyokuni

Die Fuchsmutter schreibt, ihr Kind in den Armen, ihr Abschiedsgedicht.

Holzschnitt von Utagawa Toyokuni (1769-1825)
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2007/1)
kuzunoha hiroshige
Das Kuzunoha-Motiv von Andō Hiroshige (1797-1858)
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2007/1)
kuzunoha
Noch einmal der verräterische Schatten.
Ein weiterer Holzschnitt von Kuniyoshi.
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2007/1)
kuzunoha hiroshige
Auf diesem Bild von Toyokuni verrät die Haltung der Kuzunoha ihre wahre Fuchsnatur.
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2007/1)

Die Grunderzählung dieser Legende lautet in etwa folgendermaßen:

Abe no Yasuna, ein Heian-zeitlicher Höfling, der sich in der Kunst der Magie übt, rettet im Wald von Shinoda (in der Umgebung des heutigen Osaka) einen weißen Fuchs vor einem Jäger. Er verletzt sich dabei, doch es erscheint eine junge Frau namens Kuzunoha (Rankenblatt), die ihn gesund pflegt. Die beiden verlieben sich, heiraten und bekommen einen Sohn. Als dieser fünf Jahre ist, kann Kuzunoha ihre wahre Identität nicht länger verbergen. Sie besucht ein letztes Mal ihr Kind und schreibt ein zu Herzen gehendes Abschiedsgedicht, um schließlich als Füchsin in ihren Wald zurückzukehren. Das Kind des Paares ist Abe no Seimei (921?-1005), der in der Folge zum berühmtesten Magier der Heian Zeit heranwächst.

Diese Geschichte existiert in zahlreichen Varianten. (Die etwas kompliziertere Version des Kabuki-Dramas findet sich etwa bei Baiten.de oder Kabuki 21. [2007/1]) Das einzige unveränderliche Element ist jeweils das Abschiedsgedicht, das auch auf den meisten Bildern zu finden ist:

恋しくば / 尋ね来て見よ / 和泉なる / 信太の森の / うらみ葛の葉
Wenn du mich liebst/ so komm und such mich/ in Izumi/
im Wald von Shinoda/ die trauernde Kuzunoha

Im Stadtgebiet von Osaka, dort wo sich einst der Wald von Shinoda befand, existiert noch heute ein alter Schrein, der Kuzunoha geweiht ist. Natürlich ist es ein Inari Schrein. In ihm wird ein Stein aufbewahrt, in den sich die Füchsin schlussendlich verwandelt haben soll.

Tamamo no Mae, die heimtückisch-elegante Fuchsdämonin
tamamo

Tamamo no Mae, die Hofdame, die in Wirklichkeit ein neunschwänziger Fuchs ist.

Edo-zeitl. Darstellung aus dem Gespensterbuch Kaibutsu gahon
Quelle: Kisei fūzoku zue database (2009/5)
tamamo

Enttarnung der Tamamo no Mae durch den Priester Abe no Yasunari. Im oberen Bildteil sieht man sie als neunschwänzigen Fuchs, verfolgt von den tapfersten Bogenschützen des Landes.

Holzschnitt von Chikanobu
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2009/5)
tamamo

Tryptichon der Tamamo no Mae mit Yasunari, dessen Spiegel sie und ihre Fuchsarmee mit wahrem Gesicht zeigt (li), sowie dem Bogenschützen Miura-no-suke, der sie schließlich zur Strecke bringen wird.

Holzschnitt von Utagawa Kunisada
tamamo

Enttarnung der Tamamo no Mae durch Yasunari mit Hilfe eines Spiegels, in dem sie als neunschwänziger Fuchs erscheint.

Holzschnitt von Kuniyoshi, um 1835
Quelle: Museum of Fine Art, Boston (2009/7)
tamamo

Nach ihrer Enttarnung erscheint Tamamo als "goldener Fuchs mit weißem Gesicht und neun Schwänzen".

Darstellung von Hokusai (Detail), um 1810
Bildquelle: Muian (2009/5)
tamamo

Zunächst gelingt es Tamamo dank ihrer Zauberkünste die Pfeile der Verfolger an sich abprallen zu lassen.

Holzschnitt von Ochiai Yoshiiku, 1864.
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2009/5)
tamamo

Der buddhistische Mönch Gennō befriedet den Geist der Tamamo und beseitigt damit den Fluch des Todessteins, in den sich Tamamo schlussendlich verwandelt hat.

Holzschnitt von Kuniyoshi.
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2009/5)
tamamo

Auch in Indien trieb der neunschwänzige Fuchs sein Unwesen.

Holzschnitt von Kuniyoshi.
Quelle: Kichū shogazō database, National Diet Library (2009/5)

Die Legende der Tamamo no Mae spielt in der späten Heian Zeit und lautet in etwa folgendermaßen:

Ein kinderloses Paar zieht ein Waisenmädchen auf, dessen Schönheit und Klugheit so außergewöhnlich sind, dass man selbst in der Hauptstadt davon erfährt. Man ruft sie an den Hof, wo sie den Namen Tamamo no Mae (Hofdame Juwelenseegras) bekommt und alle verblüfft, da sie selbst die kniffligsten Fragen zum Buddhismus beantworten kann. Als einmal in der Dunkelheit helles Licht aus ihrem Körper erstrahlt, wird sie für ein buddhistisches Wesen gehalten. Der Exkaiser Toba (er regierte als sog. Ex- oder Klosterkaiser von 1129-56, während sein Sohn Konoe das Amt des Tenno innehatte) verliebt sich in das Mädchen und macht sie zu seiner Geliebten. Doch bald erkrankt er an einem rätselhaften Leiden, dessen Ursachen sämtlichen Ärzten rätselhaft bleiben. Der Astrologe und Yin-Yang Meister Abe no Yasunari (ein Abkömmling des oben erwähnten Abe no Seimei) erkennt, dass der Exkaiser von Tamamo no Mae verhext wird. Diese sei in Wirklichkeit ein uralter Fuchsgeist mit zwei (in späteren Versionen neun) Schwänzen, ein Feind des Buddhismus, der es darauf abgesehen habe, fromme Herrscher zu Fall zu bringen. Yasunari lässt Tamamo zu Testzwecken selbst ein buddistisches Ritual durchführen, sie aber ist dazu nicht im Stande, zeigt endlich ihre wahre Gestalt und flieht.

Nach einer langwierigen Expedition gelingt es schließlich den tapfersten Bogenschützen des Landes, Tamomo an ihrem Heimatort, der Nasuno-Ebene in der heutigen Präfektur Tochigi (nördlich von Tokyo), zur Strecke zu bringen. Von einem Pfeil tödlich getroffen verwandelt sie sich in einen giftigen "Todesstein" (Sesshōseki), der jeden, der zu nahe kommt, tötet. Erst über zweihundert Jahre später gelingt es einem Zen Mönch namens Gennō (1329-1400), den Fluch der Tamamo no Mae zu bannen.

In einigen Versionen der Legende heißt es, Tamamo hätte bereits in früheren Erscheinungsformen die Kaiser von Indien und China verhext, sofern sie gläubige Buddhisten waren, und den Untergang ganzer Dynastien herbeigeführt. Dieses Motiv findet sich tatsächlich auch in chinesischen Fuchslegenden.

Weitere Fuchsmotive

fuchsmutter
Fuchstreffen zum Neuen Jahr beim Ôji Inari Schrein.
Holzschnitt (Detail) von Andō Hiroshige, 1857.

Neben konkreten Geschichten illustrieren Edo-zeitliche Fuchsbilder auch allgemeine Vorstellungen über die Zauberkraft der Füchse. Auf der Abbildung oben sind bei genauer Betrachtung Lichter über den einzelnen Füchsen zu erkennen, sog. "Fuchslichter", die nach volkstümlichen Vorstellungen die Seelen von Versorbenen sein könnten. Außerdem fällt in den folgenden Bildern auf, dass Füchse oft im Gewand von buddhistischen Mönchen und Nonnen dargestellt wurden.

fuchslichter
Kitsunebi (Fuchslichter)
Darstellung aus dem Kaibutsu gahon (Gespenster Bilderbuch, 1882)
Bildquelle: Kinsei fuzoku ezu database (2009/5)
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Kitsune von Shiba Kōkan (1747-1818) im Gewand einer Nonne
Bild: The Kitsune page (2006/2)
kitsune
Fuchsmönch bei stürmischem Wetter von Katsushika Hokusai (1848)
Bild: Yokai - Bestiaire du fantastique japonais (2005)
kitsune
Ähnlich verkleideter Fuchs von Tsukioka Yoshitoshi (1839-1892)
Quelle: Freer Gallery, Washington
fuchsmutter
Die Kabuki-Heldin Yaegaki-hime mit dem heiligen Helm der Takeda, der mit Fuchsmagie ausgestattet ist. Füchse helfen ihr, den schweren Helm zu tragen.
Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi, 1852
Bild: Historias japonesas de zorros (2006/11)
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