Einleitung: Religiöse Bauten in Japan

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Bernhard Scheid, „Einleitung: Religiöse Bauten in Japan.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 11.1.2012). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten?oldid=30322

Die traditionelle japanische Architektur arbeitet fast ausschließlich mit Holz. Dies liegt nicht zuletzt an der bestän­digen Bedrohung durch Erd­beben in Japan. Gegen­über Stein­bauten haben Holz­häuser den Vorteil, dass sie leichter und bieg­samer sind und im Fall der Zer­störung schneller wieder auf­gebaut werden können. Aller­dings fallen sie umso leichter einem Brand zum Opfer. Diese Grund­vor­aus­set­zungen haben be­stimmte archi­tektoni­sche Muster her­vor­ge­bracht, die sich ganz beson­ders in den religi­ösen Bau­werken Japans erhal­ten haben.

Vergängliche Materialien, beständige Struktur

Die traditionelle japanische Architektur nimmt die Tatsache bewusst in Kauf, dass sie nicht für die Ewig­keit bestimmt ist. Statt dessen werden Gebäude immer wieder nach einem einmal be­währten Muster neu aufgebaut. Es ist außer­dem ver­hältnis­mäßig einfach, Gebäude aus­einander­zu­nehmen und an anderer Stelle wieder aufzu­bauen. Auch lassen sich einzelne schad­hafte Hölzer ohne große Schwie­rig­keiten durch neue erset­zen, wenn der Schaden nicht allzu groß ist.

In manchen Fällen, etwa im Fall der Schrein­anlage von Ise Ise 伊勢 vormoderne Provinz (heute Präfektur Mie); Kurzbezeichnung für die Schreinanlage von Ise (Ise Jingū)siehe auch Baustil Ise → Schreine/Torii→ Pilgerschaft→ Bekannte Schreine/Kasuga→ Kamidana→ Shinto-Goetter → mehr , reißt man dennoch sämt­liche Gebäude alle zwanzig Jahre ab, um sie nach exakt dem gleichen Muster, aber mit neuen Hölzern wieder auf­zu­bauen. Heute geschieht dies vor allem aus rituellen Gründen, in alter Zeit, als Bauholz in un­limi­tierter Menge zur Verfü­gung stand, gab es aber auch die durch­aus rationale Erwä­gung, auf diese Weise dem natür­lichen Verfall zuvor­zu­kommen.

Interessanterweise hat diese Bereitschaft, die Vergänglichkeit mit in die Architektur einzu­beziehen, dazu geführt, dass sich die Grund­struktur der tradi­tionellen Bau­kunst seit der japani­schen Klassik (Nara- und Heian-Zeit) kaum nennes­wert verändert hat. Sobald man durch Versuch und Irrtum die effek­tivste Methode gefunden hatte, um einen bestimm­ten Ge­bäude­typ herzu­stellen, behielt man ihn bei. Dies ist im Fall buddhis­tischer Pagoden ganz besonders auffällig: Sie ent­wickel­ten sich aus einem chinesi­schen Urtyp, der in China schon längst nicht mehr existiert, in Japan aber bis heute fast unver­ändert weiter tradiert wird.

Im übrigen sind einige Bauten aus älterster Zeit vor dem Unbill der Natur verschont geblie­ben. In der Gegend um die alte Haupt­stadt Nara stammen einige Holz­bauten aus dem achten Jahr­hundert und zählen damit zu den ältesten Holz­bau­werken der Welt, etwa der buddhis­tische Tempel Hōryū-ji Hōryū-ji 法隆寺 Tempel in Ikaruga bei Nara, gegr. 607; wtl. „Tempel des prosperierenden [Buddha]-Gesetzes“siehe auch Tempel → Tempel/Tempeltore→ Kannon→ Shaka→ Waechtergoetter/Nio→ Fruehzeit → mehr .

Gemeinsamkeiten und Unterschiede religiöser Gebäude

Sowohl die Tempel des Buddhismus als auch die Schreine des Shinto widmen die größ­te archi­tekto­nische Sorgfalt dem Dach. Die Dächer von Tempeln und Schrei­nen ziehen daher mit ihren ele­ganten Schwüngen und raf­finier­ten Kon­struk­tionen sofort alle Blicke auf sich. Was da­runter ist, beschränkt sich zumeist auf eine stabile Kon­struktion von Balken, die oft nur durch ein­fache Bretter­wände oder gar Papier­schiebe­türen ver­bunden sind. Die Wände haben daher so gut wie gar keine tragende Funktion. Die meisten traditio­nellen Gebäude sind eben­erdig oder einstöckig. Auch die Böden sind aus Holz und lagern nicht direkt auf der Erde, son­dern schwe­ben auf stützen­den Pfählen. Dies schützt die Gebäude vor Feuch­tig­keit und un­er­wünsch­ten Schäd­lingen.

Tempel und Schreine unter­scheiden sich unter­ein­ander oft nur in Details, die dem Laien zunächst nicht ins Auge fallen. Auch funktionell ähneln sich die Gebäude des Shinto und des japanischen Buddhismus: Die Haupt­gebäude dienen im Wesent­lichen der Auf­bewah­rung von Heilig­tümern und nicht der Versamm­lung von Gläubigen. Religiöse Massen­ver­an­stal­tungen im Stil christ­licher Messen finden weder im Shinto noch im Bud­dhis­mus mit ähnlicher Regel­mäßig­keit statt wie in christ­lichen Ländern. Wenn viele Leute an einer reli­giösen Feier beteiligt sind, nimmt das Ganze rasch einen bunten Festcharakter an und wird im Freien abgehalten.

Um Shinto Schreine und buddhistische Tempel auseinander zu halten, bedarf es der Kennt­nis ganz bestimmter Merkmale: Schreine sind in der ersten Linie anhand von torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Schreine→ Shinto→ Schreine/Shimenawa→ Schreine/Schreinbilder→ Tempel/Tempeltore → mehr zu identi­fizieren, Pagoden oder Tore mit Wächter­figuren (Niō Niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch Nio → Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Tempeltore→ Bekannte Schreine/Nikko→ Waechtergoetter → mehr ) sind ein Hinweis, dass es sich wahr­schein­lich (wenn auch nicht sicher) um einen bud­dhisti­schen Tempel handelt. Weitere Einzel­heiten dazu werden auf den folgen­den Seiten besprochen. Die Listen berühm­ter Tempel und Schreine in diesem Kapitel bieten weiteres An­schau­ungs­material, erheben aller­dings keinen An­spruch auf Voll­stän­digkeit.

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