Kannon Bosatsu der „Bodhisattva des Mitgefühls“

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Bernhard Scheid, „Kannon Bosatsu der „Bodhisattva des Mitgefühls“.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 17.5.2012). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie:Kannon?oldid=31555
Kannon fresco horyuji.jpg

Shō Kannon

Wandgemälde, fresco secco, Detail. Nara-Zeit, 1949 durch Brand zerstört; Hōryū-ji, Nara
Bild © Yamashina Reiji, aus Haruyama Takematsu, Hōryūji no hekiga 法隆寺壁画 (1947). (Letzter Zugriff: 2011/12/19)

Kannon als Begleiter von Amida in Fresco-Technik. Die photographische Aufnahme entstand vor dem Brand des Hōryū-ji im Jahr 1949.

Kannon Portrait, 8. Jh.

Kannon Kannon 観音 Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“siehe auch→ Bekannte Tempel→ Bekannte Tempel/Asakusa→ Bekannte Schreine/Fushimi→ Bekannte Schreine/Nikko→ Matsuri/Phalluskulte → mehr (skt. Avalokiteshvara अवलोकितेश्वर Avalokiteśvara (skt., m.) „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva; jap. Kannon 観音 oder Kanzeon 観世音siehe auch →  Buddhas Leben → Kannon/Bato Kannon→ Myoo/Vajrapani→ Sutra ) ist die im gesamten Mahayana महायान Mahāyāna (skt., n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Daijō 大乗siehe auch →  Buddhismus → Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Myoo/Vajrapani→ Paradiese → mehr Buddhismus be­kannteste Bodhisattva बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Pagoden→ Matsuri/Phalluskulte → mehr Figur. Bodhisattvas (jap. bosatsu Bosatsu 菩薩 Bodhisattva, buddhistische Heilsgestaltsiehe auch Ikonographie → Shinto-Goetter ) sind Mittler­gestalten, ähnlich den christlichen Heiligen, die ganz besonders daran interessiert sind, den Menschen und allen anderen fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu verhelfen. In der Ikonographie äußert sich dieses Mitgefühl der Bodhisattvas interessanter­weise nicht nur darin, dass sie viel bewegter ab­ge­bildet werden als die Buddhas बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr , sie verfügen darüber hinaus auch über diverse über­mensch­liche Attribute, nämlich bis zu tausend Arme, mehrere Köpfe, diverse Gegen­stände und Waffen und allerlei Schmuck — alles Zeichen ihrer über­natür­lichen Fähig­keiten, in den Lauf des Schicksals einzugreifen und die Gläubigen vor der karmischen Vergeltung ihrer schlechten Taten zu retten. Diese Charakteristika äußern sich exemplarisch in der Figur des Kannon Bosatsu.

Kannons Vielgestaltigkeit

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    Shō Kannon

    Statue (Holz) von Zen'en (1197–1258). Kamakura-Zeit; Höhe: 106,3 cm
    Bild © Cultural Heritage Online. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Mit abgebrochener Lotosblüte in der Linken Hand.

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    Tausendarmiger Kannon (Senju Kannon)

    Statue von Tankei (1173–1256). 1254; „Nationalschatz“; Sanūsangen-dō, Kyoto; Höhe: 3,5 m

    Hauptstatue des Tempels. Die tausend Arme erklären sich dem Shingon-Mönch Ono Nigai (951–1046) zufolge daraus, dass diese Kannon-Manifestation für alle jene Wesen zuständig ist, die im Reich der Hungergeister wiedergeboren wurden. Diese Wiedergeburt droht jedem, der sich in früheren Leben der Gier schuldig gemacht hat. Ganz offensichtlich gibt es in diesem Bereich für Kannon besonders viel zu tun.

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    Jūichimen Kannon

    Hängerollbild (Seide, Farbe, Blattgold), Detail. Kamakura-Zeit, 14. Jh.; 101,7 x 41,6 cm
    Bild © www.emuseum.jp. (Letzter Zugriff: 2014/1)

    Die Ausgestaltung der elf Köpfe, die Kannon hier auf dem eigenen Kopf trägt, ist einem Sutra entnommen, das sich ausschließlich mit dieser Erscheinungsform des Bodhisattvas befasst (jap. Jūichimen jinjushin-gyō) und 656 vom Pilgermönch Xuanzang ins Chinesische übertragen wurde. Hierin heißt es, dass drei der Köpfe mild, drei weitere streng blicken, drei hätten nach oben stehende Zähne, einer ein wildes Grinsen und einer das Aussehen eines Buddhas (Kajitani Ryōji in Epprecht 2007, S. 133-134). Bis auf diesen Buddha-Kopf tragen alle Zusatzköpfe wiederum eine Art Kopfputz, der einen Buddha (wahrscheinlich Amida) darstellt. In der linken Hand hält Kannon das für ihn typischste Attribut: eine Vase mit Lotosblüte.

Shō-Kannon (li.), Senju Kannon (m.), Jūichimen Kannon (re.)

Kannon tritt den Gläubigen in verschiedenen Gestalten entgegen, je nach dem, wie es die Situation erfordert. Diese verschiedenen Erscheinungs­formen werden in der Fach­literatur als Manifestationen, Emanationen oder Inkarnationen bezeichnet. Wichtig ist, dass es sich im Kern jeweils um den gleichen Bodhisattva handelt, der bloß dem Auge des Unerleuchteten als vielgestaltig erscheint. Auch andere Bodhisattvas besitzen unter­schied­liche Erscheinungs­formen, von keinem sind allerdings so viele bekannt wie von Kannon. Einige der häufigsten bildlichen Darstellungen sind:

  • Shō Kannon Shō Kannon 聖観音 Heilige(r) Kannon (Heilige(r) Kannon): Einfache Figur, zumeist stehend, mit einer Lotos-Blüte in der Hand. Die Lotos-Blüte ist auch in anderen Mani­festa­tionen ein besonderes Charak­teristi­kum Kannons.
  • Jūichimen Kannon Jūichimen Kannon 十一面観音 Kannon mit den Elf Gesichtern (Kannon mit den Elf Gesichtern): Elf Gesichter als Kopfputz, drei davon mit zorni­gem Gesichts­aus­druck.
  • Nyoirin Kannon Nyoirin Kannon 如意輪観音 Kannon mit Wunscherfüllungs-Perlesiehe auch→ Imaginaere Tiere (Kannon mit der Wunscherfüllungsperle): Figur mit sechs Armen, meist sitzend, in der „Haltung könig­licher Gelas­senheit“.
  • Senju Kannon Senju Kannon 千手観音 Kannon mit den Tausend Händensiehe auch→ Bekannte Schreine/Nikko (Kannon mit den Tausend Händen): Zumeist nicht mit tausend sondern mit 42 Armen dargestellt; manchmal erscheint auf den Hand­flächen jeweils ein Auge.
  • Suigetsu Kannon Suigetsu Kannon 水月観音 Wassermond Kannon; Motiv Kannons an mondbeleuchtetem Meer oder Byakue Kannon Byakue Kannon 白衣観音 Kannon im weißen Gewand (Kannon beim Betrachten des Mondes): Kannon in weißem Gewand, am Meer sitzend, in Betrachtung der Mond­spiege­lung im Wasser. In China ent­standene Figur, dort meist weiblich.
  • Batō Kannon Batō Kannon 馬頭観音 Kannon mit dem Pferdekopf, eine zornvolle Manifestation Kannonssiehe auch Bato Kannon → Bekannte Schreine/Nikko→ Myoo→ Symboltiere/Drei Affen (Kannon mit Pferdekopf): Zornvolle Erscheinungsform (s.u.).

Darüber hinaus gibt es noch zahllose andere Kannon Motive, die sich allerdings oft nur gering­fügig von einander unter­scheiden. Die buddhis­tische Ikono­graphie hat diese Erschei­nungs­formen wiede­rum in unter­schied­lichen Reihen zusam­men­gefasst. Dazu zählen:

  • Die Sechs Kannon (Roku Kannon Roku Kannon 六観音 Sechs (Erscheinungsformen von) Kannon, entsprechend den Sechs Wegen). Sie entsprechen den Sechs Bereichen der Wiedergeburt. Jeweils eine Kannon-Inkarnation ist dafür zuständig, den Wesen in diesen Bereichen zum Austritt aus dem Geburten­kreis­lauf zu verhelfen.
  • Die 33 Kannon (Sanjūsanshin Kannon Sanjūsanshin Kannon 三十三身観音 33 (Erscheinungsformen von) Kannon). Diese gehen auf das Lotos Sutra zurück, das diesem Bodhisattva ein eigenes Kapitel widmet und darin von seinen 33 Erscheinungs­formen berichtet. Ausgehend von der Zahl 33 entstand bereits in der Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr -Zeit eine Kannon-Pilgerroute in den Provinzen rund um Kyoto mit 33 Stationen. Später kam noch eine zweite im Kantō-Gebiet (Raum um das heutige Tokyo) dazu und schließlich komplet­tierte eine dritte Route mit 34 Tempeln die Gesamt­zahl der Kannon-Pilger­stätten auf 100. Auch der Name der berühmten „33-Klafter Halle“ (Sanjūsangen-dō Sanjūsangen-dō 三十三間堂 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyotosiehe auch→ Waechtergoetter→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Hoellen/Hungergeister ) erklärt sich aus den 33 Erscheinungs­formen des Avalokiteshvara im Lotos sutra सूत्र sūtra (skt., n.) „Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典siehe auch →  Sutra → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Tempel→ Gluecksbringer → mehr . Die Sanjūsangen-dō ist das vielleicht beein­druckend­ste Kannon-Gesamt­kunst­werk Japans. In ihr thront eine über­dimensionale Kannon-Statue, umgeben von tausend lebens­großen Tausend­armigen Kannons.

Kannon findet sich öfter als irgend ein anderer Bodhisattva als Haupt­verehrungs­gegen­stand eines japanischen Tempels. So sind etwa der berühmte Kiyomizu-dera Kiyomizu-dera 清水寺 Tempel in Kyotosiehe auch Bekannte Tempel → Imaginaere Tiere/Komainu→ Gluecksgoetter/Daikoku in Kyoto oder der Asakusa Asakusa-dera 浅草寺 Tempel in Tokyo; offizielle (sino-jap.) Lesung: Sensō-jisiehe auch Asakusa → Bekannte Tempel→ Zen/Bodhidharma Tempel in Tokyo diesem Bodhisattva geweiht. Kannon kann aber auch als Begleiter eines Buddhas auftreten. In der Amida Trias wird Amida Nyorai Amida Nyorai 阿弥陀如来 Buddha Amitabhasiehe auch Amida → Myoo→ Hoellen/Hoellenbilder von den Bodhisattvas Kannon und Seishi Bosatsu Seishi Bosatsu 勢至菩薩 Bodhisattva Mahasthamaprapta; Begleiter Amidassiehe auch Ikonographie → Amida→ Paradiese flankiert. Ein berühmtes frühes Beispiel der Amida Trias befindet sich auf einem Wandfresco im Tempel Hōryū-ji Hōryū-ji 法隆寺 Tempel in Ikaruga bei Nara, gegr. 607; wtl. „Tempel des prosperierenden [Buddha]-Gesetzes“siehe auch Tempel → Tempel/Tempeltore→ Shaka→ Waechtergoetter/Nio→ Fruehzeit → mehr . Von dort stammt auch das Portrait Kannons (Bild oben rechts). Bei genauer Betrachtung (Bild anklicken) erkennt man, dass in der Krone Kannons wiederum eine Buddhafigur sitzt. Diese stellt Amida, sozusagen als „Chef“ dieses Bodhisattvas, dar.

Mildtätigkeit

Die häufige Verbindung von Kannon und Amida kommt nicht von ungefähr, stellt doch Amida selbst das Urbild eines Bodhisattvas dar. Der Legende des Amida zufolge war er zunächst ein Prinz, der der Welt ent­sagte und ein Bodhisattva wurde. In dieser Gestalt, unter dem Namen Hōzō Bosatsu Hōzō Bosatsu 宝蔵菩薩 skt. Dharmākara; Bodhisattva-Namen des Buddha Amida (skt. Dharmakara धर्मकार Dharmakāra (skt., m.) „Gesetzesmacher“, Bodhisattva-Namen des Amida; jap. Hōzō Bosatsu 宝蔵菩薩), leistete er seine berühmten 48 Schwüre. Der Theorie nach haben auch alle anderen Bodhisattvas diese oder ähnliche Schwüre ge­leistet und durch­laufen dann eine lange Reihe von Übungen, an deren Ende die höchste Stufe der Buddha­schaft steht. Auch der historische Buddha selbst muss wohl das Stadium eines Bodhisattvas absolviert haben. Für die buddhistische Kunst ist das Bodhisattva Stadium eines Buddhas aller­dings nur von geringem Interesse. Bosatsu Figuren wie Kannon scheinen da­gegen auf immer im Bodhisattva Stadium zu ver­harren, Hinweise auf ihre zukünftige Buddha­schaft sind in der Ikonographie nicht zu erkennen.

Im klassischen Sanskrit wird Kannon meist Avalokiteshvara अवलोकितेश्वर Avalokiteśvara (skt., m.) „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva; jap. Kannon 観音 oder Kanzeon 観世音siehe auch →  Buddhas Leben → Kannon/Bato Kannon→ Myoo/Vajrapani→ Sutra genannt. Es gibt unterschiedliche Deutungen des Namens, doch geht es in jedem Fall um das „Wahrnehmen“. In Ostasien lautet der volle Name Kan-ze-on Kanzeon 観世音 voller Name von Kannon, wtl. „Der, der den Klang der Welt erhört“, wobei der Klang als die Anrufung Kannons durch die Gläubigen interpretiert wird. Der Name impliziert somit, dass Kannon derjenige ist, der unmit­telbar auf die Anrufung seines Namens (in Form von mild­tätiger Unter­stützung) reagiert. Kannon/Avalokiteshvara wird aufgrund dieser besonderen Bereitschaft, sich um „die Welt“ zu kümmern, auch als „Gottheit des Mitleids“ bezeichnet. Die starke Betonung seiner Barm­herzig­keit macht diesen Bodhisattva nicht nur in Japan, sondern auch in allen anderen bud­dhis­tischen Kulturen Asiens zu einer der re­prä­sen­ta­tivsten Gestalten des Buddhismus über­haupt. In Tibet wird etwa der Dalai Lama als Inkarnation des Avalo­kiteshvara an­ge­sehen. In China, wo Kannon als Guanyin Guanyin (chin.) 観音 chin. Namen von Avalokiteshvara; jap. Kannon bekannt ist, und im Anschluss daran in Korea und Japan zieht er weit mehr Gläubige an als die meisten anderen Buddhas und Bodhisattvas. Dies hat wie bereits erwähnt u.a. damit zu tun, dass bereits das Lotos Sutra, der viel­leicht wichtigste Mahayana Text über­haupt, diesem Bodhisattva ein ganzes Kapitel (Kap. 25) gewidmet hat, das manch­mal auch als eigenes Sutra (Avalo­kiteshvara Sutra) angesehen wird.

Alles in allem tendiert die Kannon-Verehrung dazu, sich zu verselbständigen und die Buddha-Verehrung in den Hintergrund zu drängen. Kannon verfügt sogar über ein eigenes Paradies, die Insel Fudaraku Fudaraku 補陀落 paradisische Insel des Kannon (Avalokiteshvara), abgeleitet von skt. Potalakasiehe auch→ Bekannte Schreine/Nikko→ Opfergaben/Selbstopfer (von skt. Potalaka), die im Süden Indiens gelegen sein soll. Darstellungen des meditierenden Kannon (Nyoirin Kannon oder Suigetsu Kannon) imaginieren den Bodhisattva meist auf dieser Insel der Glückseligkeit und einzelne Episoden aus diversen Sutren berichten von frommen Gläubigen, die Kannon dorthin gefolgt sind. Kannons Popularität scheint somit auf der unausgesprochenen Erwartung zu gründen, dass es über diese Instanz des buddhistischen Pantheons verhältnismäßig einfach sei, dem unerbittlichen Gesetz der karmischen Vergeltung zu entkommen.

Er oder sie?

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Guanyin in der „Haltung königlicher Gelassenheit“

Statue (Holz, bemalt, vergoldet). China,Shanxi, 12. Jh.; Höhe: 117cm
Bild © Rijksmuseum Amsterdam. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Sung-zeitliche Darstellung.

Guanyin/Kannon als göttlicher Androgyn


Im Zusammenhang mit dieser Mildtätigkeit fällt bereits in den frühen chinesischen und japanischen Skulpturen ein besonderer Hang zu androgynen Dar­stel­lungen auf. Darüber hinaus tritt Guanyin/Kannon vor allem in chinesischen Legenden als weibliche Gestalt auf, die auch zum Thema der bildenden Kunst wurden, zum Beispiel die Mond be­trach­tende Kannon, oder die Kannon mit einem Säugling an der Brust (Koyasu Kannon Koyasu Kannon 子安観音 Kannon als Beschützer der Kinder). Diese ikonographischen Formen sind außerhalb Ost­asiens unbekannt, wie über­haupt die explizite Ver­weib­lichung dieses Bodhisattvas eine chinesische Innovation sein dürfte. Die weibliche Guanyin erlebte in der Ming-Zeit (1368–1644) ihre große Blüte. Es entstanden damals sogar apokryphe Sutren, die Guanyin eine Bio­graphie als chinesische Prinzessin beifügten. Als die Jesuiten im sech­zehnten und sieb­zehnten Jahr­hundert in China ihre Missions­tätig­keit entfalteten, bauten sie den Kult für die Gottes­mutter Maria nach dem Vorbild der Guanyin Verehrung auf. Sie waren damit sehr erfolg­reich. Dass dabei die Figur Jesu in den Hinter­grund trat, wurde allerdings vom Vatikan heftig kritisiert. Auch in Japan wurden Maria und Kannon einander an­ge­glichen. Vor allem während der Christen­verfolgungen in der Edo-Zeit beteten japanische Christen zu Statuen, die äußerlich wie Kannon aussahen, jedoch Maria darstellen sollten.

Der Glaube an Kannon in weiblicher Form ist in Japan nicht in gleichem Um­fang verbreitet wie in China. Die meisten traditionellen Kannonskulpturen sind in Japan männlich. Sofern sie bemalt sind, erkennt man häufig, dass wie bei anderen Buddhas und Bodhisattvas ein feiner Bart den Mund umspielt. In jüngerer Zeit sind in Japan allerdings vermehrt Varianten der Weißgewandeten Kannon, ins­be­sondere die Kollosal­statuen aus dem 20. Jahr­hundert, zu bemerken, die eher weiblich als männlich konnotiert sind.

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    Kannon mit Säugling (Koyasu Kannon)

    Bild © Shikoku henro shashinshu. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Zu finden im Tempel #71 der Shikoku Pilgerroute.

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    Ōfuna Kannon

    Statue (Beton). Errichtet 1929–1960; Ōfuna, Kamakura; Höhe: 25 m
    Bild © Ron Reznick, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Riesenstatue von Kannon im weißen Gewand (Byakue Kannon). Was hier nicht zu sehen ist: Die Statue beschränkt sich auf ein Brustbild.

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    Sendai Daikannon

    Statue (Stein). 1991; Sendai; Höhe: 100 m
Moderne, weiblich konnotierte Kannon Motive

Kannons fließende, weibliche Körper­formen und -bewegungen sind im übrigen auch bei anderen Bodhisattva Figuren an­zu­treffen. Ulrich Pauly spricht in diesem Zu­sammen­hang vom Typus des „Göttlichen Androgyns“, der in vielen Religionen, nicht zuletzt in den christlichen Engeln zu erkennen ist. Daher ist es zweifel­haft, ob man von der oder dem Kannon sprechen soll. Es kommt wohl auf den jeweiligen Kontext an.

Zornvolle Erscheinungen

Im Buddhismus gibt es bekanntlich keinen Teufel und auch nicht das absolute Böse, eben­so­wenig wie es einen Schöpfer­gott gibt. Dennoch haben sich auch im Bud­dhis­mus Höllen­vor­stellungen entwickelt, die frappante Ähn­lich­keiten mit der christlichen Hölle haben. Auch außer­halb der Hölle begegnet man zahl­reichen furcht­ein­flößenden Gestalten. Diese quälen oder strafen die menschlichen Sünder jedoch nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auf­trag Buddhas bzw. des Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Opfergaben→ Shaka/Buddhas Leben→ Jenseits → mehr -Gesetzes.

Im allgemeinen sind die strafenden Instanzen des Buddhismus den mild­tätigen unter­geordnet. Es gehört jedoch zu den Be­sonder­heiten des buddhistischen Glaubens, dass auch diese mitfühlenden Figuren über zornvolle Er­scheinungs­formen verfügen können. Besonders im esoterischen Buddhismus, der seinen Höhe­punkt im japanischen Mittel­alter erreichte, wandte man diesen zorn­vollen Erscheinungs­formen große Aufmerksamkeit zu. Im Fall Kannons gibt es unter den Zusatz­gesichtern des Elfgesichtigen Kannon drei zornige. Noch deutlicher erkennt man die Ambivalenz der Bodhisattva Ikono­graphie in der Figur „Kannon mit Pferdekopf“ (Batō Kannon Batō Kannon 馬頭観音 Kannon mit dem Pferdekopf, eine zornvolle Manifestation Kannonssiehe auch Bato Kannon → Bekannte Schreine/Nikko→ Myoo→ Symboltiere/Drei Affen ), der ganz ähnlich aussieht wie Myōō Myōō 明王 wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārājasiehe auch Myoo → Ikonographie→ Waechtergoetter→ Kannon/Bato Kannon→ Myoo/Fudo → mehr oder tenbu tenbu 天部 Gruppe der indischen bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva)siehe auch Waechtergoetter → Ikonographie→ Myoo→ Kamakura→ Jenseits/Enma → mehr Gottheiten. Mehr dazu auf der Sidepage Batō Kannon ...

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