Kannon Bosatsu der „Bodhisattva des Mitgefühls“
Shō Kannon
- Wandgemälde, fresco secco, Detail. Nara-Zeit, 1949 durch Brand zerstört; Hōryū-ji, Nara
Bild © Yamashina Reiji, aus Haruyama Takematsu, Hōryūji no hekiga 法隆寺壁画 (1947). (Letzter Zugriff: 2011/12/19)
Kannon als Begleiter von Amida in Fresco-Technik. Die photographische Aufnahme entstand vor dem Brand des Hōryū-ji im Jahr 1949.
Kannon (Kannon 観音 — Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“ ) (skt. Avalokiteshvara (अवलोकितेश्वरAvalokiteśvara (skt., m.) — „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva …mehr ⇒) ) ist die im gesamten Mahayana (महायानMahāyāna (skt., n.) — „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung …mehr ⇒) Buddhismus bekannteste Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.) — „Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) Figur. Bodhisattvas (jap. bosatsu (Bosatsu 菩薩 — Bodhisattva, buddhistische Heilsgestalt …mehr ⇒)) sind Mittlergestalten, ähnlich den christlichen Heiligen, die ganz besonders daran interessiert sind, den Menschen und allen anderen fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu verhelfen. In der Ikonographie äußert sich dieses Mitgefühl der Bodhisattvas interessanterweise nicht nur darin, dass sie viel bewegter abgebildet werden als die Buddhas (बुद्धBuddha (skt., m.) — „Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) , sie verfügen darüber hinaus auch über diverse übermenschliche Attribute, nämlich bis zu tausend Arme, mehrere Köpfe, diverse Gegenstände und Waffen und allerlei Schmuck — alles Zeichen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten, in den Lauf des Schicksals einzugreifen und die Gläubigen vor der karmischen Vergeltung ihrer schlechten Taten zu retten. Diese Charakteristika äußern sich exemplarisch in der Figur des Kannon Bosatsu.
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Kannons Vielgestaltigkeit
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Shō Kannon
- Statue (Holz) von Zen'en (1197–1258). Kamakura-Zeit; Höhe: 106,3 cm
Bild © Cultural Heritage Online. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Mit abgebrochener Lotosblüte in der Linken Hand.
- Statue (Holz) von Zen'en (1197–1258). Kamakura-Zeit; Höhe: 106,3 cm
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Tausendarmiger Kannon (Senju Kannon)
- Statue von Tankei (1173–1256). 1254; „Nationalschatz“; Sanūsangen-dō, Kyoto; Höhe: 3,5 m
Hauptstatue des Tempels. Die tausend Arme erklären sich dem Shingon-Mönch Ono Nigai (951–1046) zufolge daraus, dass diese Kannon-Manifestation für alle jene Wesen zuständig ist, die im Reich der Hungergeister wiedergeboren wurden. Diese Wiedergeburt droht jedem, der sich in früheren Leben der Gier schuldig gemacht hat. Ganz offensichtlich gibt es in diesem Bereich für Kannon besonders viel zu tun.
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Jūichimen Kannon
- Hängerollbild (Seide), Detail. Späte Heian-Zeit; „Nationalschatz“; 169 x 90 cm
Bild © www.emuseum.jp. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die Ausgestaltung der elf Köpfe, die Kannon hier auf dem eigenen Kopf trägt, ist einem Sutra entnommen, das sich ausschließlich mit dieser Erscheinungsform des Bodhisattvas befasst (jap. Jūichimen jinjushin-gyō) und 656 vom Pilgermönch Xuanzang ins Chinesische übertragen wurde. Hierin heißt es, dass drei der Köpfe mild, drei weitere streng blicken, drei hätten nach oben stehende Zähne, einer ein wildes Grinsen und einer das Aussehen eines Buddhas (Kajitani Ryōji in Epprecht 2007, S. 133-134). Bis auf diesen Buddha-Kopf tragen alle Zusatzköpfe wiederum eine Art Kopfputz, der einen Buddha (wahrscheinlich Amida) darstellt. In der linken Hand hält Kannon das für ihn typischste Attribut: eine Vase mit Lotosblüte.
- Hängerollbild (Seide), Detail. Späte Heian-Zeit; „Nationalschatz“; 169 x 90 cm
Kannon tritt den Gläubigen in verschiedenen Gestalten entgegen, je nach dem, wie es die Situation erfordert. Diese verschiedenen Erscheinungsformen werden in der Fachliteratur als Manifestationen, Emanationen oder Inkarnationen bezeichnet. Wichtig ist, dass es sich im Kern jeweils um den gleichen Bodhisattva handelt, der bloß dem Auge des Unerleuchteten als vielgestaltig erscheint. Auch andere Bodhisattvas besitzen unterschiedliche Erscheinungsformen, von keinem sind allerdings so viele bekannt wie von Kannon. Einige der häufigsten bildlichen Darstellungen sind:
Kannon mit der Wunscherfüllungsperle (Nyoirin Kannon)
- Statue, ichiboku zukuri (Holz). Mitte 9. Jh.; „Nationalschatz“; Kanshin-ji, Osaka; Sitzhöhe: 109,4 cm
Bild © Sztuka ezoteryczna. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Sechsarmiger Kannon in der Haltung „königlicher Gelassenheit“ (d.h. mit aufgestelltem Knie), mit dem Juwel oder der Perle der Wunscherfüllung (nyoiju), einem magischen Gegenstand, an seiner Brust und dem „Rad der Lehre“ (hōrin, skt. Dharmacakra) in erhobener Position. Diese beiden Attribute geben der Figur den Namen Nyoi-rin. Daneben ist auch eine Lotos-Blüte zu erkennen. Dieser Kannon sitzt außerdem auf einer Lotosblüte, auf anderen Abbildungen aber auf einem Felsen im Meer. Dieser Felsen symbolisiert Kannons Reines Land, also quasi das Zuhause des Bodhisattvas.
Die Nyoirin-Statue des Kanshin-ji ist die früheste bekannte japanische Statue dieses Typs. Ihr ausgezeichneter Erhaltungszustand erklärt sich daraus, dass die Statue auch heute noch als „geheimer Buddha“ (hibutsu) gilt und nur einmal im Jahr öffentlich gezeigt wird.
- Shō Kannon (Shō Kannon 聖観音 — Heilige(r) Kannon ) (Heilige(r) Kannon): Einfache Figur, zumeist stehend, mit einer Lotos-Blüte in der Hand. Die Lotos-Blüte ist auch in anderen Manifestationen ein besonderes Charakteristikum Kannons.
- Jūichimen Kannon (Jūichimen Kannon 十一面観音 — Kannon mit den Elf Gesichtern ) (Kannon mit den Elf Gesichtern): Elf Gesichter als Kopfputz, drei davon mit zornigem Gesichtsausdruck.
- Nyoirin Kannon (Nyoirin Kannon 如意輪観音 — Kannon mit Wunscherfüllungs-Perle ) (Kannon mit der Wunscherfüllungsperle): Figur mit sechs Armen, meist sitzend, in der „Haltung königlicher Gelassenheit“.
- Senju Kannon (Senju Kannon 千手観音 — Kannon mit den Tausend Händen ) (Kannon mit den Tausend Händen): Zumeist nicht mit tausend sondern mit 42 Armen dargestellt; manchmal erscheint auf den Handflächen jeweils ein Auge.
- Suigetsu Kannon (Suigetsu Kannon 水月観音 — Wassermond Kannon; Motiv → Kannons an mondbeleuchtetem Meer ) oder Byakue Kannon (Byakue Kannon 白衣観音 — Kannon im weißen Gewand ) (Kannon beim Betrachten des Mondes): Kannon in weißem Gewand, am Meer sitzend, in Betrachtung der Mondspiegelung im Wasser. In China entstandene Figur, dort meist weiblich.
- Batō Kannon (Batō Kannon 馬頭観音 — Kannon mit dem Pferdekopf, eine zornvolle Manifestation → Kannons …mehr ⇒) (Kannon mit Pferdekopf): Zornvolle Erscheinungsform (s.u.).
Darüber hinaus gibt es noch zahllose andere Kannon Motive, die sich allerdings oft nur geringfügig von einander unterscheiden. Die buddhistische Ikonographie hat diese Erscheinungsformen wiederum in unterschiedlichen Reihen zusammengefasst. Dazu zählen:
- Die Sechs Kannon (Roku Kannon (Roku Kannon 六観音 — Sechs (Erscheinungsformen von) Kannon, entsprechend den Sechs Wegen )). Sie entsprechen den Sechs Bereichen der Wiedergeburt. Jeweils eine Kannon-Inkarnation ist dafür zuständig, den Wesen in diesen Bereichen zum Austritt aus dem Geburtenkreislauf zu verhelfen.
- Die 33 Kannon (Sanjūsanshin Kannon (Sanjūsanshin Kannon 三十三身観音 — 33 (Erscheinungsformen von) Kannon )). Diese gehen auf das Lotos Sutra zurück, das diesem Bodhisattva ein eigenes Kapitel widmet und darin von seinen 33 Erscheinungsformen berichtet. Ausgehend von der Zahl 33 entstand bereits in der Heian (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit eine Kannon-Pilgerroute in den Provinzen rund um Kyoto mit 33 Stationen. Später kam noch eine zweite im Kantō-Gebiet (Raum um das heutige Tokyo) dazu und schließlich komplettierte eine dritte Route mit 34 Tempeln die Gesamtzahl der Kannon-Pilgerstätten auf 100. Auch der Name der berühmten „33-Klafter Halle“ (Sanjūsangen-dō (Sanjūsangen-dō 三十三間堂 — 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyoto )) erklärt sich aus den 33 Erscheinungsformen des Avalokiteshvara im Lotos sutra (सूत्रsūtra (skt., n.) — „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift …mehr ⇒) . Die Sanjūsangen-dō ist das vielleicht beeindruckendste Kannon-Gesamtkunstwerk Japans. In ihr thront eine überdimensionale Kannon-Statue, umgeben von tausend lebensgroßen Tausendarmigen Kannons.
Kannon findet sich öfter als irgend ein anderer Bodhisattva als Hauptverehrungsgegenstand eines japanischen Tempels. So sind etwa der berühmte Kiyomizu-dera (Kiyomizu-dera 清水寺 — Tempel in Kyoto …mehr ⇒) in Kyoto oder der Asakusa (Asakusa-dera 浅草寺 — Tempel in Tokyo; offizielle (sino-jap.) Lesung: Sensō-ji …mehr ⇒) Tempel in Tokyo diesem Bodhisattva geweiht. Kannon kann aber auch als Begleiter eines Buddhas auftreten. In der Amida Trias wird Amida Nyorai (Amida Nyorai 阿弥陀如来 — Buddha Amitabha …mehr ⇒) von den Bodhisattvas Kannon und Seishi Bosatsu (Seishi Bosatsu 勢至菩薩 — Bodhisattva Mahasthamaprapta; Begleiter → Amidas …mehr ⇒) flankiert. Ein berühmtes frühes Beispiel der Amida Trias befindet sich auf einem Wandfresco im Tempel Hōryū-ji (Hōryū-ji 法隆寺 — Tempel in Ikaruga bei Nara, gegr. 607; wtl. „Tempel des prosperierenden [Buddha]-Gesetzes“ …mehr ⇒). Von dort stammt auch das Portrait Kannons (Bild oben rechts). Bei genauer Betrachtung (Bild anklicken) erkennt man, dass in der Krone Kannons wiederum eine Buddhafigur sitzt. Diese stellt Amida, sozusagen als „Chef“ dieses Bodhisattvas, dar.
Mildtätigkeit
Die häufige Verbindung von Kannon und Amida kommt nicht von ungefähr, stellt doch Amida selbst das Urbild eines Bodhisattvas dar. Der Legende des Amida zufolge war er zunächst ein Prinz, der der Welt entsagte und ein Bodhisattva wurde. In dieser Gestalt, unter dem Namen Hōzō Bosatsu (Hōzō Bosatsu 宝蔵菩薩 — skt. Dharmākara; Bodhisattva-Namen des Buddha → Amida …mehr ⇒) (skt. Dharmakara (धर्मकारDharmakāra (skt., m.) — „Gesetzesmacher“, Bodhisattva-Namen des Amida ) ), leistete er seine berühmten 48 Schwüre. Der Theorie nach haben auch alle anderen Bodhisattvas diese oder ähnliche Schwüre geleistet und durchlaufen dann eine lange Reihe von Übungen, an deren Ende die höchste Stufe der Buddhaschaft steht. Auch der historische Buddha selbst muss wohl das Stadium eines Bodhisattvas absolviert haben. Für die buddhistische Kunst ist das Bodhisattva Stadium eines Buddhas allerdings nur von geringem Interesse. Bosatsu Figuren wie Kannon scheinen dagegen auf immer im Bodhisattva Stadium zu verharren, Hinweise auf ihre zukünftige Buddhaschaft sind in der Ikonographie nicht zu erkennen.
Im klassischen Sanskrit wird Kannon meist Avalokiteshvara (अवलोकितेश्वरAvalokiteśvara (skt., m.) — „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva …mehr ⇒) genannt. Es gibt unterschiedliche Deutungen des Namens, doch geht es in jedem Fall um das „Wahrnehmen“. In Ostasien lautet der volle Name Kan-ze-on (Kanzeon 観世音 — voller Name von → Kannon ), wtl. „Der, der den Klang der Welt erhört“, wobei der Klang als die Anrufung Kannons durch die Gläubigen interpretiert wird. Der Name impliziert somit, dass Kannon derjenige ist, der unmittelbar auf die Anrufung seines Namens (in Form von mildtätiger Unterstützung) reagiert. Kannon/Avalokiteshvara wird aufgrund dieser besonderen Bereitschaft, sich um „die Welt“ zu kümmern, auch als „Gottheit des Mitleids“ bezeichnet. Die starke Betonung seiner Barmherzigkeit macht diesen Bodhisattva nicht nur in Japan, sondern auch in allen anderen buddhistischen Kulturen Asiens zu einer der repräsentativsten Gestalten des Buddhismus überhaupt. In Tibet wird etwa der Dalai Lama als Inkarnation des Avalokiteshvara angesehen. In China, wo Kannon als Guanyin (Guanyin 観音 (chin.) — chin. Namen von Avalokiteshvara; jap. → Kannon ) bekannt ist, und im Anschluss daran in Korea und Japan zieht er weit mehr Gläubige an als die meisten anderen Buddhas und Bodhisattvas. Dies hat wie bereits erwähnt u.a. damit zu tun, dass bereits das Lotos Sutra, der vielleicht wichtigste Mahayana Text überhaupt, diesem Bodhisattva ein ganzes Kapitel (Kap. 25) gewidmet hat, das manchmal auch als eigenes Sutra (Avalokiteshvara Sutra) angesehen wird.
Alles in allem tendiert die Kannon-Verehrung dazu, sich zu verselbständigen und die Buddha-Verehrung in den Hintergrund zu drängen. Kannon verfügt sogar über ein eigenes Paradies, die Insel Fudaraku (Fudaraku 補陀落 — paradisische Insel des Kannon (Avalokiteshvara), abgeleitet von skt. Potalaka ) (von skt. Potalaka), die im Süden Indiens gelegen sein soll. Darstellungen des meditierenden Kannon (Nyoirin Kannon oder Suigetsu Kannon) imaginieren den Bodhisattva meist auf dieser Insel der Glückseligkeit und einzelne Episoden aus diversen Sutren berichten von frommen Gläubigen, die Kannon dorthin gefolgt sind. Kannons Popularität scheint somit auf der unausgesprochenen Erwartung zu gründen, dass es über diese Instanz des buddhistischen Pantheons verhältnismäßig einfach sei, dem unerbittlichen Gesetz der karmischen Vergeltung zu entkommen.
Er oder sie?
Guanyin in der „Haltung königlicher Gelassenheit“
- Statue (Holz, vergoldet). China, 12. Jh.; Höhe: 117 cm, Breite: 130 cm
Bild © Rijksmuseum Amsterdam. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Sung-zeitliche Darstellung.
Kannon im weißen Gewand (Byakue Kannon)
- Hängerollbild (Seide, Tusche), Detail. Kamakura-Zeit; enthält eine Inschrift des Zen-Abtes Yakuō Tokken (1244–1320).; 100,3 x 41,4 cm
Bild © Nara National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Frühes Beispiel eines monochromen Tuschebilds, wie es vor allem im Zen gepflegt wurde. Die dargestellte Szene zeigt Kannon in meditativer Haltung, im Hintergrund deutet der Nimbus (Heiligenschein) des Bodhisattvas zugleich den Mond an. Der Felsen, auf dem Kannon auch auf anderen Darstellungen in meditativer Haltung thront, ist ein Zeichen, dass sich Kannon in seinem Reinen Land, Fudaraku (skt. Potalaka), befindet. Die feminine weiße Gewandung entspricht dem damaligen chinesischen Zeitgeschmack, der zusammen mit dem Zen Buddhismus auch in Japan Eingang fand.
Im Zusammenhang mit dieser Mildtätigkeit fällt bereits in den frühen chinesischen und japanischen Skulpturen ein besonderer Hang zu androgynen Darstellungen auf. Darüber hinaus tritt Guanyin/Kannon vor allem in chinesischen Legenden als weibliche Gestalt auf, die auch zum Thema der bildenden Kunst wurden, zum Beispiel die Mond betrachtende Kannon, oder die Kannon mit einem Säugling an der Brust (Koyasu Kannon (Koyasu Kannon 子安観音 — Kannon als Beschützer der Kinder )). Diese ikonographischen Formen sind außerhalb Ostasiens unbekannt, wie überhaupt die explizite Verweiblichung dieses Bodhisattvas eine chinesische Innovation sein dürfte. Die weibliche Guanyin erlebte in der Ming-Zeit (1368–1644) ihre große Blüte. Es entstanden damals sogar apokryphe Sutren, die Guanyin eine Biographie als chinesische Prinzessin beifügten. Als die Jesuiten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert in China ihre Missionstätigkeit entfalteten, bauten sie den Kult für die Gottesmutter Maria nach dem Vorbild der Guanyin Verehrung auf. Sie waren damit sehr erfolgreich. Dass dabei die Figur Jesu in den Hintergrund trat, wurde allerdings vom Vatikan heftig kritisiert. Auch in Japan wurden Maria und Kannon einander angeglichen. Vor allem während der Christenverfolgungen in der Edo-Zeit beteten japanische Christen zu Statuen, die äußerlich wie Kannon aussahen, jedoch Maria darstellen sollten.
Der Glaube an Kannon in weiblicher Form ist in Japan nicht in gleichem Umfang verbreitet wie in China. Die meisten traditionellen Kannonskulpturen sind in Japan männlich. Sofern sie bemalt sind, erkennt man häufig, dass wie bei anderen Buddhas und Bodhisattvas ein feiner Bart den Mund umspielt. In jüngerer Zeit sind in Japan allerdings vermehrt Varianten der Weißgewandeten Kannon, insbesondere die Kollosalstatuen aus dem 20. Jahrhundert, zu bemerken, die eher weiblich als männlich konnotiert sind.
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Kannon mit Säugling (Koyasu Kannon)
- Bild © Shikoku henro shashinshu. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Zu finden im Tempel #71 der Shikoku Pilgerroute.
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Ōfuna Kannon
- Statue (Beton). Errichtet 1929–1960; Ōfuna, Kamakura; Höhe: 25 m
Bild © Ron Reznick, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Riesenstatue von Kannon im weißen Gewand (Byakue Kannon). Was hier nicht zu sehen ist: Die Statue beschränkt sich auf ein Brustbild.
- Statue (Beton). Errichtet 1929–1960; Ōfuna, Kamakura; Höhe: 25 m
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Sendai Daikannon
- Statue (Stein). 1991; Sendai; Höhe: 100 m
Kannons fließende, weibliche Körperformen und -bewegungen sind im übrigen auch bei anderen Bodhisattva Figuren anzutreffen. Ulrich Pauly spricht in diesem Zusammenhang vom Typus des „Göttlichen Androgyns“, der in vielen Religionen, nicht zuletzt in den christlichen Engeln zu erkennen ist. Daher ist es zweifelhaft, ob man von der oder dem Kannon sprechen soll. Es kommt wohl auf den jeweiligen Kontext an.
Zornvolle Erscheinungen
Kannon mit dem Pferdekopf (Batō Kannon)
- Seidenrollbild (Tusche, Farbe, Gold, Silber), Detail. Heian-Zeit, 12. Jh.; 190,5 x 93,3 cm
Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Im oberen Teil des Kopfes ist undeutlich ein Pferd zu erkennen.
Im Buddhismus gibt es bekanntlich keinen Teufel und auch nicht das absolute Böse, ebensowenig wie es einen Schöpfergott gibt. Dennoch haben sich auch im Buddhismus Höllenvorstellungen entwickelt, die frappante Ähnlichkeiten mit der christlichen Hölle haben. Auch außerhalb der Hölle begegnet man zahlreichen furchteinflößenden Gestalten. Diese quälen oder strafen die menschlichen Sünder jedoch nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag Buddhas bzw. des Karma (कर्मKarma (skt., n.) — „Tat“, auch „konsequente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen …mehr ⇒) -Gesetzes.
Im allgemeinen sind die strafenden Instanzen des Buddhismus den mildtätigen untergeordnet. Es gehört jedoch zu den Besonderheiten des buddhistischen Glaubens, dass auch diese mitfühlenden Figuren über zornvolle Erscheinungsformen verfügen können. Besonders im esoterischen Buddhismus, der seinen Höhepunkt im japanischen Mittelalter erreichte, wandte man diesen zornvollen Erscheinungsformen große Aufmerksamkeit zu. Im Fall Kannons gibt es unter den Zusatzgesichtern des Elfgesichtigen Kannon drei zornige. Noch deutlicher erkennt man die Ambivalenz der Bodhisattva Ikonographie in der Figur „Kannon mit Pferdekopf“ (Batō Kannon (Batō Kannon 馬頭観音 — Kannon mit dem Pferdekopf, eine zornvolle Manifestation → Kannons …mehr ⇒)), der ganz ähnlich aussieht wie Myōō (Myōō 明王 — wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārāja …mehr ⇒) oder tenbu (tenbu 天部 — Gruppe der indischen, bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva) …mehr ⇒) Gottheiten. Mehr dazu auf der Sidepage Batō Kannon ...
Weiterführende Informationen
- Kannon Notebook, Mark Schumacher (en.)
Der Eintrag zu Kannon in Schumachers A-Z Dictionary of Japanese Buddhist Statuary ist besonders reichhaltig. - Kannon
Ausführlicher Beitrag aus Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS).
- Katharina Epprecht (Hg.) 2007
Kannon: Göttliches Mitgefühl. Frühe buddhistische Kunst aus Japan. Zürich: Museum Rietberg. [Ausstellungskatalog.]
- Ulrich Pauly 2003
Kannon: Wandel einer Mittlergestalt. München: Iudicium.
Prägnante Einführung in die Ikonographie und Ikonologie des Bodhisattva im gesamten asiatischen Raum.
- Yü Chün-Fang 2001
Kuan-yin: The Chinese Transformation of Avalokitesvara. New York: Columbia University Press.
In dieser umfangreichen historischen Studie wird u.a. die Frage erörtert, wann und wie es zum Geschlechterwandel des Bodhisattva in China kam.Letzte Überprüfung der Linkadressen: 2010/8
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