Westliche Astrologie im vormodernen Japan

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Bernhard Scheid, „Westliche Astrologie im vormodernen Japan.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 10.1.2012). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Texte:Himmelskunde/Astrologie?oldid=30403
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Die zwölf Tierkreiszeichen des Westens

Edo-Zeit; aus Butsuzō zui
Bild © Ehime University Library. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Suzuka bunko
Die zwölf Tierkreiszeichen des Westens in einer Darstellung aus der Edo-Zeit

In einer Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyosiehe auch Geschichtsperioden → Sandkiste→ Buddhismus→ Bekannte Tempel→ Shinto→ Stereotype/Herrigels Zen → mehr -zeitlichen buddhistischen Bildenzyklopädie (Butsuzō zui) findet man neben zahl­reichen anderen Dar­stel­lungen auch die oben ab­ge­bildeten zwölf Figuren, die hier als „Zwölf Paläste“ (jūni-kyū jūni-kyū 十二宮 wtl. „Zwölf Paläste“; traditionelle jap. Bezeichnung für die 12 Sternzeichen der westl. Astrologie) be­zeichnet werden. Ab­ge­sehen von den in­di­vi­duellen Be­zeich­nungen ist keine nähere Er­läuterung dieser Figuren angebracht, sie finden sich aller­dings in einem Ab­schnitt, der den Sternen ge­wid­met ist. Tat­sächlich er­kennt man ohne große Mühe Ähn­lich­keiten dieser Figuren mit den im Westen be­kannten astro­logischen Tier­kreis­zeichen. Dies lässt darauf schließen, dass die Astro­logie der klas­sischen euro­päischen Antike auch im japanischen Buddhismus nicht ganz unbekannt war.

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Karazu 火羅図

Museum des Toji Tempels, Kyoto
Bild © Tōji no mikkyō zuzō (Bildwerke des Tōji Tempels; Ausstellungskatalog), 1999, Abb. 12
Sternbilder der Heian-Zeit

Obiges Beispiel stammt aus einem astro­logischen Lehr­buch der späten Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr -Zeit (12. Jh.). Die Zeich­nung ist ähnlich einem mandala मण्डल maṇḍala (skt., n.) „Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung; jap. mandara 曼荼羅siehe auch →  Mandala → Dainichi→ Shinto-Goetter→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala → mehr (jap. mandara mandara 曼荼羅 skt. Mandalasiehe auch Mandala → Shinto-Goetter ) in diverse kon­zentrische Bereiche gegliedert, die jeweils auf be­stimmte Er­schei­nungen am Sternen­himmel Bezug nehmen. In einem schmalen Band, dem von außen ge­sehen zweiten Rahmen, lassen sich wieder die zwölf Stern­zeichen er­kennen. In der rechten unteren Ecke be­ginnend sind dies (gegen den Uhrzeiger):

Fisch, Widder, Stier, Zwillinge (hier ein Ehepaar), Krebs, Löwe, Jung­frau(en), Waage, Skorpion, Schütze (Bogen), Steinbock (Wasser­monster), und Wasser­mann (Krug).

Die prominenteren Figuren, die jeweils mit Kreisen um­geben sind stellen die „Neun Planeten“ (jap. kuyōsei kuyōsei 九曜星 Neun Planeten) dar, die kleinen Figuren im inner­sten Bereich re­prä­sen­tieren die 28 „Stationen“ (shuku oder suku), also die chi­ne­sischen Stern­bilder. In der Mitte ist Manjushri (jap. Monju Bosatsu Monju Bosatsu 文殊菩薩 Bodhisattva Manjushri; Schüler des historischen Buddhasiehe auch→ Tempel ), Bodhisattva बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Pagoden→ Kannon→ Matsuri/Phalluskulte → mehr der Weis­heit, auf seinem Löwen zu sehen, da­runter der Planet Saturn (jap. Doyōsei Doyōsei 土曜星 wtl. Erdplanet, Saturn). Während die chi­ne­sischen Stern­bilder je­weils durch eine mehr oder weniger be­kannte bud­dhis­tische Gestalt re­prä­sen­tiert sind (Saturn etwa hat die Gestalt des Königs der Unter­welt, Enma Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch Enma → Ikonographie→ Jizo→ Myoo→ Waechtergoetter→ Jenseits → mehr ), haben die „west­lichen Stern­zeichen“ ihre hier­zu­lande bekannte Form zum Großteil behalten.

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Sternenmandala (Hoshi mandara)

Hängerollbild (Farbe, Tusche auf Seide). Edo-Zeit; 83 x 51,9 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2010/8)
William Sturgis Bigelow Collection
„Sternen Mandala“ der Edo-Zeit
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Diese Abbildung nennt sich Sternen Mandala und zeigt ein ähnliches Schema. In der Mitte sieht man den buddhis­tischen Welten­berg Sumeru सुमेरु Sumeru (skt., m.) Weltenberg des indisch-buddhistischen Universums; auch: Meru; jap. Shumi-sen 須弥山siehe auch→ Jenseits/Ashura→ Jinno shotoki (jap. Shumisen Shumisen 須弥山 Buddhistischer Weltenberg; skt. Meru oder Sumeru;), auf dem Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr mit dem Rad der Lehre in Händen trohnt. Den Sanduhr-förmigen Welten­berg um­gibt ein Ozean (in dessen südlichem Teil die be­kannte Welt einen eigenen Kon­ti­nent namens Jambudvipa जम्बूद्वीप Jambudvīpa (skt., m.) „Rosenapfelland“, in der trad. indischen Kosmologie: Kontinent der irdischen Welt südlich des Weltenbergs Sumeru; jap. 閻浮提 Enbudai, jap. Enbudai Enbudai 閻浮提 skt. Jambudvipa. Kontinent der irdischen Welt in der trad. indischen Kosmologie. Im Buddhismus Kontinent südlich des Weltenbergs Sumeru, bildet, der hier aber nicht ab­ge­bildet ist). Rund um den Welten­berg scharen sich die Neun Planeten sowie die sieben Sterne des Großen Wagens (Hokuto Hokuto 北斗 Sternbild des Großen Wagens (chin. Nördlicher Schöpflöffel)siehe auch Himmelskunde ). In einem weiteren Kreis finden sich wieder die Stern­zeichen der west­lichen Astro­logie. Im äußersten Bereich sind schließ­lich die 28 chi­ne­sischen Stern­bilder zu sehen.

Die obigen Darstellungen und die ent­sprech­enden Methoden der bud­dhis­tischen Astro­logie gehen auf einen Text zurück, der in Japan land­läufig als Sukuyō-kyō Sukuyō-kyō 宿曜経 Sutra der Sternbilder be­zeich­net wird. Der volle Titel lautet in etwa „sutra सूत्र sūtra (skt., n.) „Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典siehe auch →  Sutra → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Tempel→ Gluecksbringer→ Kannon → mehr der von guten und schlechten Tagen gemäß den Stern­bildern wie sie von Bodhisattva Manjushri मञ्जुश्री Mañjuśrī (skt., m.) Bodhisattva; jap. Monju 文殊siehe auch →  Vajrapani → Jenseits/Enma und diversen Weisen er­klärt wurden.“ Manjushri ist also nicht zufällig auf dem Bild aus der Heian-Zeit ab­geildet. Er wurde offen­bar als der Ent­decker astro­logischer Ge­heim­nisse angesehen.

Der Text selbst stammt von dem großen Übersetzer Amoghavajra अमोघवज्र Amoghavajra (skt., m.) chin. Bukong, 705–774; Autor und Übersetzer zahlreicher Schriften des esoterischen Buddhismus aus dem Sanskrit ins Chinesische; jap. Fukūkongō 不空金剛siehe auch→ Gluecksgoetter/Bishamonten (705—774), der v.a. Texte des eso­terischen Bud­dhis­mus aus dem Sans­krit ins Chi­ne­sische übertrug. In manchen Fällen, so auch in diesem, ist aller­dings unklar, ob tat­sächlich ein ent­sprechendes Sans­krit-Original existierte oder ob es sich nicht um Amoghavajras eigene Schriften handelt. Zu Amoghavajras „Enkel­schülern“ zählte auch Kūkai Kūkai 空海 Gründer des Shingon Buddhismus, 774–835siehe auch Kukai → Bekannte Tempel→ Bekannte Tempel/Berg Koya→ Pilgerschaft→ Bekannte Schreine/Fushimi→ Mandala → mehr , der das Sutra der Stern­bilder in Japan bekannt machte.

Siehe auch: Tierkreiszeichen.

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