Das Projekt

Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät war eine der vier Fakultäten, in die sich die 1365 gegründete Universität Wien traditionell gliederte. Seit dem 18. Jahrhundert wurden an ihr nicht nur Rechtswissenschaften, sondern auch politische Wissenschaften, Statistik und Ökonomie gelehrt, was ab 1850 im Namen "Rechts- und Staatswissenschaften" zum Ausdruck kam. 1975 wurde sie geteilt; weitere Teilungen folgten. Ihre heutigen Nachfolger sind die Rechtswissenschaftliche Fakultät, die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und die Fakultät für Informatik sowie Teile der Fakultät für Sozialwissenschaften.

Die Zeit der Ersten Republik (1918–1938) war eine Blütezeit für viele Wissenschaften. Im gegenständlichen Zusammenhang sind vor allem die von Hans Kelsen begründete Wiener rechtstheoretische Schule zu nennen sowie die Wiener Schule der Nationalökonomie, die in jener Zeit v.a. durch Ludwig v. Mises repräsentiert wurde. Ferner lehrten in jener Zeit an der Fakultät Max Adler, Ferdinand Kadečka, Heinrich Klang, Othmar Spann und Alfred Verdroß, um nur einige weitere, noch heute bekannte Wissenschafter anzuführen.

Das gegenständliche Projekt hatte zum Ziel, die Entwicklung der Wiener Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät vom Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1918 bis zum „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 zu beschreiben, und zwar nicht allein in wissenschaftsgeschichtlicher, sondern auch in sozialgeschichtlicher Hinsicht. Zum ersten Punkt gehörten eine Untersuchung der vorherrschenden methodologischen Strömungen und der diversen fachlichen Kontroversen zwischen den Fakultätsmitgliedern, das Entstehen einer eigenen Studienrichtung der Staatswissenschaften sowie die Einbettung der Rechts- und Staatswissenschaften in das allgemeine wissenschaftliche Umfeld jener Zeit (zB die Kontakte zum „Wiener Kreis“). Zum zweiten Aspekt gehörten die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Monarchie auf die personelle Struktur der Fakultät, die Zulassung von Frauen zum Rechtsstudium (1919), die Bedeutung des jüdischen Anteils der Professoren und Studierenden, aber auch des Antisemitismus, für das Fakultätsgeschehen, zuletzt ganz allgemein die Rolle der Fakultät in den politischen Kämpfen der Ersten Republik. Grundidee ist, dass beide Aspekte, der sozialgeschichtliche und der wissenschaftsgeschichtliche, untrennbar miteinander verwoben sind und der eine ohne Berücksichtigung des anderen nicht hinreichend verstanden werden kann.