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up 3 Forschungsansatz II: Hermeneutik
up 3.4 Pragmatische Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer)

3.4.2 Martin Heidegger

Martin HeideggerMartin Heideggers Ansatz erweiterte die Hermeneutik über das Textuniversum hinaus, Bild: Badische Zeitung

Mit seiner "Hermeneutik der Faktizität" versuchte der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) eine Neuformulierung hermeneutischen Verstehens. Auslegendes Verstehen ist nicht mehr auf sprachliche Äußerungen reduziert: Heidegger dehnt den Verstehensanspruch vom Textverstehen auf ein Seinsverstehen aus. Verstehen bezieht sich damit nicht mehr nur auf etwas Bestimmtes, sondern gilt grundsätzlich als Dimension bzw. als Grundstruktur menschlichen Daseins. (Heidegger 1927).

"Verstehen" behandelt in dieser Konzeption nicht mehr die Frage, wie Wissen hergestellt wird, sondern die Frage, wie menschliches Sein in der Welt beschaffen ist (vgl. Blaikie 2007, 123). Die menschliche Existenz umfasst, so Heidegger, ein ständiges "Selbst-Entwerfen", d.h. das Erkennen und Verwirklichen immer neuer Möglichkeiten des Seins (vgl. Eagleton 1992).

Hermeneutik erhält bei Heidegger eine über die Konzeption einer Methode der Geisteswissenschaften hinausgehende Bedeutung: Verstehen ist kein psychischer Akt, sondern eine pragmatische Erschließung der Welt. Da Verstehen die Basis menschlichen Daseins darstellt, ist Handeln immer als Sinnverstehen und Interpretieren zu denken. Philosophie müsse bei diesem "Verstehen" ansetzen und wird dadurch zur Hermeneutik.

Positivismuskritik: Heidegger ging es auch um philosophische Fragen von Objektivität und um eine Kritik des Positivismus. Dabei betont er, dass Erkenntnis nicht unmittelbar, sondern immer schon aus einem Vorverständnis heraus erfolgt. "Das Wertvolle an dieser Philosophie ist unter anderem ihr Beharren darauf, dass theoretische Erkenntnis immer aus dem Zusammenhang praktischer sozialer Interessen heraus entsteht." (Eagleton 1992, 29).

Kritik an Heidegger: In Heideggers – und auch Gadamers – positivismuskritischen Ansätzen wird das Subjekt einerseits als historisch kontingentes und den Verstehensprozess ständig mitformendes gedacht. Zugleich ist es andererseits aber in eine spezifische Geschichts- und Gesellschaftskonzeption eingebaut, welche den interpretierenden Subjekten eine tendenziell passive Position zuweist. Als Alternative zur instrumentalistischen Rationalität der Aufklärung sieht Heidegger nur die Abwertung der Vernunft zugunsten des "Vor-Verstehens". "[I]m Mittelpunkt des Heideggerschen Denkens steht (…) nicht das individuelle Subjekt, sondern das Sein selbst." (Eagleton 1992, 28).

NS-Vergangenheit: Ob und, wenn ja, in welcher Weise Heideggers Philosophie mit seiner (zumindest zeitweise NS-nahen) politischen Einstellung verknüpft ist, ist weiterhin Gegenstand heftiger Debatten. Vgl. dazu bpsw. die Rezension des Philosophie-Historikers Kurt Flasch (Flasch 2005) oder Habermas 1991 (49ff.).

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