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up 3 Forschungsansatz II: Hermeneutik
up 3.4 Pragmatische Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer)

3.4.3 Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg GadamerHans-Georg Gadamer in seinem Büro, Bild: Universität Heidelberg

Geprägt vom seinsgeschichtlichen Denken weitet auch Hans-Georg Gadamer (1900-2002) den Begriff der Hermeneutik aus. In seinem Hauptwerk "Wahrheit und Methode" (Gadamer 1960) zur "philosophischen Hermeneutik" geht es ihm um "Wahrheit" im Unterschied zur Hermeneutik als "Methode" (verstanden als Verfahrensweise, die die soziale Welt nach dem Vorbild der mathematisch- naturwissenschaftlichen "Methode" zu analysieren sucht).

Hermeneutik ist für Gadamer die besondere Art und Weise, in der ein kulturell gewachsener Überlieferungs-, Traditions- und Normzusammenhang aufrechterhalten bzw. weiterentwickelt wird. Durch das Lesen, Auslegen und Weitervermitteln von überlieferten Texten, vor allem auch durch ihre Neuinterpretation, schließen wir unsere Gegenwart immer aufs Neue an die soziokulturelle Tradition an.

Die Strukturen hermeneutischer Erfahrung sieht Gadamer durch drei Kennzeichen geprägt:

  • Sprachliche Verfasstheit unserer Weltorientierung: Gadamer hebt die Sprachlichkeit des hermeneutischen Geschehens und die Vorgegebenheit eines Sprachsystems, sowie die Teilhabe der Individuen daran, hervor.
  • Vorurteilsabhängigkeit allen Verstehens: Anhand des Begriffs des ‚Vorurteils‘ (als Vor-Urteil) betont Gadamer die Bedeutung des historischen Ortes des Verstehenden für dessen Verstehen. Vor-Urteile beziehen sich auf die vorstrukturierte Verstehensfähigkeit des jeweiligen Subjekts, d.h. nicht auf Störungen, sondern auf produktive Bedingungen des geschichtlichen Verstehens (etwa beim Versuch, Neues zu verstehen).
  • Verstehen bedeutet das "Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen": Die hermeneutische Tätigkeit ist eine (mehr oder weniger bewusste) Konfrontation mit der Tradition, die im Vollzug des Verstehens eine "Verschmelzung" des gegenwärtigen mit dem vergangenen Horizont vollbringt.

Kritik an Gadamer: Eagleton (1992, 39f.) kritisiert an Gadamers Hermeneutik, dass sie mit dem Problem der Ideologie nicht zu Recht kommt und die Verstricktheit von Diskursen in Machtverhältnisse nicht anerkennt. Die Geschichte und die Tradition werden so gut wie nicht als repressive oder auch als befreiende Kräfte wahrgenommen, als von Konflikten und Herrschaft bestimmte Bereiche. Geschichte ist für Gadamer nicht ein Ort des Kampfes, der Diskontinuität und der Ausgrenzung, sondern ein immerwährender Strom. Außerdem gehe Gadamer in seiner traditionalistischen Ausrichtung auf die Klassiker von einer organischen Einheit dieser Werke aus und schließt die Möglichkeit ihrer inneren Widersprüchlichkeit oder Unvollständigkeit aus.

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