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Übergeordnete Kapitel
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up 4 Forschungsansatz III: Diskurstheorien und Poststrukturalismus
up 4.4 Michel Foucaults Diskurstheorie und Diskursanalyse
up 4.4.2 "Archäologie des Wissens" und "Genealogie der Macht"

4.4.2.2 "Genealogie der Macht"

Ende der 1960er Jahre erkannte Michel Foucault – angeregt vor allem durch die Proteste der Studierenden 1968 –, dass er in seinen Schriften, die der "Archäologie des Wissens" folgen, die Frage nach der Macht zwar angedeutet, aber nicht ausgearbeitet hatte. Er erweitert und verändert sein Forschungsprogramm: "Man muss die Archäologie der Humanwissenschaften auf die Erforschung der Machtmechanismen gründen, die Körper, Gesten und Verhaltensweisen besetzt haben." (Foucault, zit. n. Lemke 1997, 50). Er wendet sich nun verstärkt der Entstehungsgeschichte der gesellschaftlichen Praktiken zu.

Zellentrakt in AlcatrazDie Herausbildung eines Überwachungs- und Prüfungssystems mit dem Gefängnis im Zentrum analysierte Foucault als Disziplinierung von Körpern und Arbeitskraft im industriellen Zeitalter, Bild: Zellentrakt in Alcatraz, Wikipedia

Die Genealogie "radikalisiert" die in der "Archäologie" aufgeworfene Machtfrage (Sarasin 2005, 118f.) und beschäftigt sich genauer mit den Verbindungen von Gesellschaft und Diskurs, sowie von Herrschaft und Diskurs. Die Genealogie analysiert Macht-Wissens-Verhältnisse in ihrer historischen Gewordenheit. Es geht um die "Verknüpfung der Diskurstatsachen mit den Machtverhältnissen" (Foucault). Im Zentrum stehen die Beziehungen zwischen Macht, Wissen und Körper in der modernen Gesellschaft. Dazu analysiert sie die strategischen Kämpfe um Macht-Wissenspositionen auf dem Feld des Wissens wie des Sozialen. Die Genealogie sollte die diskontinuierliche Abfolge diskursiver Praktiken erklären.

Die Genealogie ist auch eine Erweiterung der archäologischen Analyse von Diskursen, indem explizit nach den äußeren Bedingungen, Beschränkungen und Institutionalisierungen von Diskursen gefragt wird. Der Bezugspunkt der Genealogie ist "nicht mehr das große Modell der Sprache und der Zeichen, sondern das des Krieges und der Schlacht. Die Geschichtlichkeit, die uns mitreißt und uns determiniert, ist eine kriegerische; sie gehört nicht in die Ordnung der Sprache" (Foucault 1977). – Diese Konzeption wird Foucault ab Mitte der 1970er Jahre in seinen Vorlesungen zur "Gouvernementalität" dann noch einmal differenzieren und verändern (vgl. Foucault 2004a und 2004b; als Einführung: Sennelart 2004).

Die Genealogie ist die zur Archäologie komplementäre (und parallele) Suche nach dem Machtpotential. Ihre Fragen sind etwa: "Wer kann sprechen?", "Wer darf sprechen?", "Wie entstehen neue Machtverhältnisse im Diskursraum?".

Diskursanalyse in der Genealogie: Foucault analysiert Diskurse als Machteffekte. Diskursive Regelmäßigkeiten entstehen aus historisch sich verändernden Machtkonstellationen und Machtspielen. Foucault möchte die bestehende Ordnung analysieren und die Mechanismen ihres Funktionierens sichtbar machen, ihr die "Maske der Evidenz" (Eribon 1991, 314) abreißen, hinter der sie sich verbirgt. Diskursanalyse beschreibt und problematisiert die Ordnung der Dinge in ihrer Historizität. Sie beraubt sie damit ihrer naturalisierenden Wirkungen und universellen Wahrheitseffekte (Veyne 2003).

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