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| 5 | Forschungsansatz IV: Critical Realism |
5.1 Positivismuskritik und der wissenschaftliche Zugang zum Realen
Kritik des Critical realism am Positivismus: Ereignisse werden in einem Zusammenspiel von Handlungen und Strukturen bzw. Mechanismen produziert
Für positivistische Ansätze ist nur dasjenige wissenschaftlich relevant, das direkt beobachtbar ist (vgl. Steinmetz 2005) – alles andere wäre Gegenstand von Spekulationen und daher Metaphysik. Zugleich geht der Positivismus davon aus, dass die äußere Realität wesentlichen Einfluss auf unsere Erkenntnisse hat.
Der Critical realism argumentiert, dass das, was wir beobachten können, ein Resultat des komplexen Zusammenspiels der "Mechanismen" und "Tendenzen" gesellschaftlicher Strukturen und Handlungen ist. Diese Strukturen – z.B. der Staat, die Geschlechterverhältnisse, die Produktionsverhältnisse – sowie die Intentionen, Motivationen, Dispositionen, Vorstellungen etc. von AkteurInnen sind meist nicht direkt beobachtbar (sondern nur einzelne Ereignisse und Handlungen von Personen sind es). (Pühretmayer 2005).
Andrew Sayer hat sich insbesondere mit den sozialwissenschaftlichen Implikationen des Critical realism beschäftigt (1984/1992; 2000), Aufnahme: London 2008, Bild: International Association for Critical Realism IACR
Critical realism: Strukturen und Mechanismen sind real
Im Gegensatz zu hermeneutischen (inklusive Phänomenologie, symbolischer Interaktionismus, Ethnographie etc.) und zu poststrukturalistischen und konstruktivistischen Ansätzen argumentiert der Critical realism, dass soziale Strukturen REAL sind, d.h. nicht von uns Forschenden ge- oder erschaffen wurden und werden. Als individuelle oder kollektive AkteurInnen sind wir jedoch prinzipiell sehr wohl in der Lage, diese Strukturen (wie partiell auch immer) zu verändern. (Bhaskar 1997/1975; 1998/1979; Collier 1994; Sayer 1992/1984; 2000).
Mit Poststrukturalismus und Konstruktivismus argumentiert der Critical realism, dass diese Strukturen uns nicht direkt zugänglich sind, dass wir sie vor allem vermittelt über Sprache wahrnehmen und zu begreifen versuchen, dass unsere Kategorien, mit denen wir dies versuchen, kulturell spezifisch und gesellschaftlich- kulturell geformt sind (vgl. auch Cultural Studies).
Und dennoch können wir (entgegen begründungsrelativistischen Behauptungen vieler poststrukturalistischer und konstruktivistischer Ansätze) zwischen besseren und schlechteren Theorien begründet unterscheiden, ohne letzte Garantie allerdings. Poststrukturalismus, Konstruktivismus und Hermeneutik bestreiten diese These zwar, praktizieren sie jedoch de facto selbst: Sie beanspruchen logischerweise, dass ihre Thesen besser sind als andere, und dass sie gute Gründe dafür angeben können ("performativer Selbstwiderspruch").
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