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up 6 Ideologie und Ideologietheorien

6.3 Gesellschaftstheoretischer bzw. klassischer Ideologiebegriff bei Marx und im Marxismus

Der Ideologiebegriff bei Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820- 1895) ist explizit gesellschaftstheoretisch orientiert und verweist auf den (wechselseitigen) Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Denken von Individuen und sozialen Gruppen bzw. Klassen. Gegenüber der Aufklärungsphilosophie bedeutet dies, dass ideologisches Denken nicht einfach durch Aufklärung des Bewusstseins veränderbar ist, sondern mit materiellen ökonomischen und politischen Verhältnissen verbunden ist.

Statue von Karl Marx und Friedrich EngelsStatue von Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin; Fotograf: Jorge Lascar 2009

Marx hat im Rahmen seines Werkes zwei Ideologiebestimmungen ausgearbeitet:

(1) In seinen sogenannten "Frühschriften" wird Ideologie v.a. als "falsches Bewusstsein" der Individuen über ihre Lebensverhältnisse verstanden. Ideologien sind dabei die falschen Vorstellungen, die der "materielle Verkehr"(die Produktionsverhältnisse) in den Menschen bewirkt. Diese verschleiern die tatsächlichen Lebensverhältnisse, stützen faktisch die Macht der jeweils herrschenden Klassen und lähmen die politische Kraft der Individuen. (Marx/Engels 1845-1846, 22).

Marx entwickelt dabei einen materialistisch-objektiven Ideologiebegriff, der Bewusstseinsveränderungen als in realen historischen Prozessen begründet versteht und sich damit gegen den idealistisch-objektiven Ideologiebegriff der deutschen (idealistischen) Philosophie (G.W.F. Hegel, Ludwig Feuerbach) richtet. Individuen dürfen, so Marx gegen Feuerbach, nicht auf das "Bewusstsein" reduziert werden (bspw. auf religiöse Ideen), sondern sind in ihrer Wirklichkeit "das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse"(Marx 1845, 6). Gegen Hegels Idealismus betont Marx, dass Geschichte letztlich nicht das Werk von Ideen, sondern von konkreten menschlichen Handlungen in bestimmten sozialen Verhältnissen darstellt. Die Analyse von Ideologien muss daher von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der die Menschen leben, ausgehen.

Ideologiekritik im Sinne des kritischen Materialismus von Marx und Engels besteht nun darin, die wesentlichen wirkenden ökonomischen, politischen und ideologischen Mechanismen zu analysieren und damit Ansatzpunkte für Veränderungen zu benennen (und damit auch schon einen ersten Schritt zu setzen, Ideologien politisch zu bekämpfen).

Wie im Großteil der Frühschriften ging Marx auch im ersten Abschnitt des "Kapital" (Marx 1867/1872) über den sogenannten "Fetischcharakter der Ware" von einer unvermittelten, quasi- automatischen Wirkung der ökonomischen Verhältnisse auf das Bewusstsein der Menschen aus.

(2) Zugleich thematisierte Marx – v.a. in seinen politikwissenschaftlichen Schriften (Marx 1852/1869; 1871) – zusätzlich die Vermittlungstätigkeit durch spezifische AkteurInnen und Institutionen, die notwendig ist, um Ideologien auszuarbeiten und zu verbreiten.

Wesentliche Kennzeichen der Ideologiebestimmung bei Marx: In der gesellschaftstheoretischen Ideologiebestimmung ist die dialektische Betrachtung des Ideologischen in seinem Verhältnis zu materiellen (also ökonomischen und politischen) Prozessen und Strukturen zentral. Soziale und politische Ideen werden in Bezug zu den gesellschaftlichen Produktions- und politischen Herrschaftsverhältnissen gelesen, analysiert und kritisiert. Ideologiekritik spürt der Nicht- Angemessenheit von Ideen in Bezug auf die materiellen (insbesondere ökonomischen) Verhältnisse nach. Bewusstsein ist "falsch", wenn oder weil es (1) die realen ökonomischen Verhältnisse (die Basis, den Unterbau) einseitig / verzerrt / verkehrt darstellt und dabei (2) die realen Herrschaftsverhältnisse verschleiert / entnennt.

Bezugnahmen: Das Konzept der Ideologiekritik wird im 20. Jahrhundert von zahlreichen westeuropäischen Neomarxisten aufgenommen: von Georg Lukács (1923) und von Vertretern der "Kritischen Theorie" (auch "Frankfurter Schule" genannt), Max Horkheimer, Theodor W. Adorno (1944/1947) und Herbert Marcuse (1928; 1967). Antonio Gramsci (1991ff.) knüpfte an die politiktheoretischen Schriften von Marx an, analysierte die Rolle von Intellektuellen bei der Ausarbeitung und Verbreitung von Ideologien und erweiterte die Ideologietheorie zu einer Hegemonietheorie.

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