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up 6 Ideologie und Ideologietheorien

6.6 Ideologietheorie bei Louis Althusser

Der französische Philosoph Louis Althusser (1918-1990) hat auf der Basis einer Verknüpfung der Theorien Baruch Spinozas, Gaston Bachelards, Jacques Lacans und Antonio Gramscis mit denen von Karl Marx eine einflussreiche neue Ideologietheorie entwickelt: Er verbindet dabei erstmals gesellschafts- (und staats- )theoretische Aspekte mit subjekttheoretischen Aspekten der Produktion und Funktionsweise von Ideologien.

Louis AlthusserLouis Althusser (1918-1990) in seinem Büro etwa Mitte der 1970er, Bild: Wikimedia

Ideologiebestimmung: Für Althusser stellt Ideologie nicht bloß ein Bewusstsein über die Realität dar, sondern die imaginäre (vorgestellte) Beziehung der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen (Althusser 1969). Ideologien bezeichnen damit die Vorstellungen der Individuen über ihr Verhältnis zu ihren Lebensverhältnissen. Die wesentliche Neuerung ist, dass Ideologie dadurch als ein "gelebtes Verhältnis" verstanden wird. Eine von Althussers Grundthesen lautet, dass Ideologie nicht in erster Linie Bewusstsein, sondern materielle Praxis – situiert in "ideologischen Staatsapparaten" – bezeichnet. Eine Ideologie existiert immer in Praxisformen, in Ritualen sowie in einem Apparat (dies können auch nicht- staatliche Organisationen und Initiativen sein) und dessen Praxen. Dies nennt Althusser die "materielle Existenz" der Ideologie.

Das Herausarbeiten der charakteristischen Funktionsmechanismen von Ideologie (wie Subjektivierung durch Anrufung, Materialität von Ideologie) macht den wesentlichen Unterschied der Ideologietheorie im Vergleich zur Ideologiekritik aus.

Althusser unterscheidet zumindest folgende vier Aspekte von Ideologie/n:

(1) Die "Ideologie im Allgemeinen" bezieht sich auf die "formale Struktur" einer jeden Ideologie, d.h. auf diejenigen grundsätzlichen Aspekte bzw. "Mechanismen", die jeder Ideologie eigen sind. Bei diesem Aspekt geht es um den konstitutiven Mechanismus der Ideologie bei der Subjektivierung von Individuen. Ideologie ist ein aktiver, produktiver Vorgang durch den "Subjekte" überhaupt erst konstituiert werden. Ideologien geben den Menschen ein Verständnis von sich selbst (Ideologie als "sinngebende Praxis") und vermitteln ein – verkennendes – "Wiedererkennen" in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Durch Ideologie werden Menschen dazu veranlasst, ihr Handeln – das real zahlreichen gesellschaftlichen Determinationen unterliegt, sowie ihr Selbst, das immer von Widersprüchen und unbewussten Mechanismen bestimmt ist – als "frei" und "autonom" gestaltet zu verstehen.

Doppelte Bedeutung von "Subjekt": Einerseits meint "Subjekt" ein unterworfenes Wesen (z.B. dem Staat), andererseits ein autonomes, sich selbst durchsichtiges, rational Zwecke verfolgendes und freies Wesen. – Althusser geht es darum, diese Spannung eines jeden Individuums (in seinen Handlungen, Vorstellungen, Begehren etc.) zwischen der gesellschaftlichen Positioniertheit und der psychischen Geformtheit einerseits und den aktiven individuellen wie kollektiven Handlungs- und Interventionsfähigkeiten andrerseits zu denken.

Diese allgemeinen Charakteristika existieren selbstverständlich nicht in dieser abstrakten Weise; real gibt es nur konkrete Ideologien (wie z.B. Rassismus und Sexismus), die je nach geschichtlicher Epoche, gesellschaftlicher Struktur sowie den sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen unterschiedlich gestaltet sind.

(2) Ideologie als gelebtes imaginäres Verhältnis der Individuen und gesellschaftlichen Gruppen zu ihren Existenzbedingungen. – Ideologie existiert immer in Praxisformen, in Ritualen sowie in einem Apparat und dessen Praxen und ist daher keine bloße Illusion oder bloßes "falsches Bewusstsein", sondern hat eine eigenständige Wirksamkeit.

(3) Relativ autonome "ideologische Staatsapparate" (wie Medien, Schule, Sport, Kirche, Verbände, Familie etc.) tragen durch die spezifische "Anrufung" der Individuen (als konkrete Subjekte) zur Reproduktion einer Gesellschaftsformation (der Produktionsverhältnisse, der politischen Verhältnisse etc.) bei. Die ISAs sind zugleich Ergebnis und Schauplatz der Auseinandersetzungen und Konflikte der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.

(4) Althusser unterscheidet auch die Struktur und Funktionsweise von Wissenschaft und Ideologie: Wissenschaftliche Erkenntnisse (im empathischen Sinn) sind ein ständig produzierter und permanent bedrohter epistemologischer Bruch mit theoretischen Ideologien.

Bezugnahmen: An Althussers Ideologietheorie wurde und wird gegenwärtig angeknüpft u.a. durch Nicos Poulantzas (1978/2002), Stuart Hall (1994; 2004), Judith Butler, Jason Read, Alex Demirović, Hasana Sharp, Warren Montag (2002) und Slavoj Žižek. (Einführungen zu Althusser: Berthold 1992; Elliot 1987; Lewis 2005; Payne 1997; Resch 1992).

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