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up 8 Theorien über Rassismus und Antirassismus
up 8.3 Konzeptionen von Rassismus und Antirassismus

8.3.2 Ableitung von Rassismus aus den ökonomischen Verhältnissen und der technisch-ökonomistische Antirassismus

Das Konzept der Ableitung von Rassismus aus der Ökonomie erklärt die Organisationsweise des Ökonomischen deterministisch als Ursache von rassistischen Denk- und Handlungsformen sowie rassistischer Strukturen.

Rassismuskonzeption 1 – Ideologie der "Modernisierungsverlierer": Personen, die beim sog. Modernisierungsprozess nicht mithalten können, wird hier generell unterstellt, ihre sozialen Abstiegsängste in Abneigung gegen oder Hass auf bestimmte Gruppen, die von diversen Medien und PolitikerInnen als Bedrohung aufgebaut worden sind, zu transformieren. Insbesondere Intellektuelle und Mitglieder gut situierter gesellschaftlicher Gruppen imaginieren sich als "kosmopolitisch und frei von Rassismus", indem sie eine besondere Anfälligkeit für Rassismus bei "unteren Schichten" konstruieren. Étienne Balibar (1993, 72) spricht von dieser Variante als einem Abkömmling der phantasmatischen Konstruktion von ArbeiterInnen als "gefährliche Klassen", wie sie vor allem zu Beginn der industriellen Revolution propagiert worden war.

Rassismuskonzeption 2 – Ökonomistische Kapitalismuskritik: Einen weiteren Versuch einer ökonomistischen Erklärung von Rassismus findet man in der Behauptung, dass rassistische Diskriminierung ein notwendiger, quasi- logischer Ausdruck des kapitalistischen Verwertungsprozesses sei. Die historische und sozialräumliche Spezifität rassistischer Herrschaftsformen wird zu einer Marginalie einer "tiefer liegenden Logik".

Diesem Modell entspricht der technisch-ökonomistische Antirassismus (vgl. Pühretmayer 2002, 296ff.), der Antirassismus als eine Angelegenheit ausschließlich ökonomischer Maßnahmen begreift: Die Veränderung der Organisation des Ökonomischen liefere das "fertige" Rezept für eine Beseitigung von Rassismus. Durch Maßnahmen wie eine wohlfahrtsstaatliche Zähmung des Neoliberalismus, eine Politik der Vollbeschäftigung alleine (sozialtechnische Variante 1) oder gleich eine Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse alleine (kapitalismuskritische Variante 2), würden sozusagen als Nebeneffekt rassistische Phänomene und Verhältnisse verschwinden. Antirassismus wird so zu einer technischen Angelegenheit.

Weitere technische Formen von Antirassismus: Der technisch- kulturalistische Antirassismus beschränkt sich auf Maßnahmen kulturpolitischer Art (Betonung der Vorzüge kultureller Vielfalt: Musik, Gastronomie etc.); der technisch- legalistische Antirassismus reduziert sich auf juristische Maßnahmen (Antidiskriminierungsgesetze).

Probleme des technischen Antirassismus: Antidiskriminierungsgesetze, Vollbeschäftigungspolitik etc. sind zwar bedeutende Faktoren einer antirassistischen Politik; zur Herstellung und Absicherung von nicht-rassistischen Verhältnissen ist aber unabdingbar ständiges aktives politisches Handeln notwendig. – Technische Sichtweisen nehmen weder rassistisch Agierende noch rassistisch Diskriminierte als aktiv Handelnde in den Blick, sondern vielmehr nur als Reflexbündel (von bestimmten Strukturen beliebig steuerbare bzw. durch kluge Maßnahmen günstig programmierbare Subjekt- Objekte). Die Beteiligung bspw. von MigrantInnen am politischen Prozess kommt als Forderung in diesem Verständnis von Antirassismus nicht vor. Die Verweigerung aktiver und institutionalisierter Partizipation(srechte) von bislang durch rassistische Verhältnisse und Handlungen ausgegrenzte Gruppen und Personen wird nur am Rande in Frage gestellt.

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