Logo

Sozialwissenschaften und gesellschaftlicher Wandel
– aktuelle Debatten

Der Staat in der Politikwissenschaft

Quelle: http://www.univie.ac.at/sowi-online/esowi/cp/staatpowi/staatpowi-full.html
Johann Dvorák
Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Wien

Diese Lernunterlage soll:

  • einen ersten Einblick in politikwissenschaftliche Konzepte geben, und einzelne Begriffe in ihrem historischen Zusammenhang erläutern;
  • die Entwicklung dieser Begriffe im Zusammenhang mit der englischen Revolution erörtern, und die durch diese gebildete Tradition darstellen;
  • die Konzepte einzelner Autoren, die mit dieser Tradition verbunden waren erörtern.


Kapitelübersicht

Zu einigen Schlüsselbegriffen des Politischen
1.1 Zum Begriff "Gesellschaft"
1.1.1 Aristoteles
1.1.1.1 Das gesellschaftliche Wesen
1.1.1.2 Wahlrecht der Besitzenden
1.1.1.3 Sklaven
1.1.2 Weiterentwicklung
1.1.3 Englische Tradition
1.1.4 Anmerkung
1.2 Zur Entwicklung des Begriffs "Staat"
1.2.1 Der moderne Staat
1.2.2 Entstehung des modernen Staates
1.2.3 Bedeutungsvielfalt
1.2.4 Deutschland 19. Jhd.
1.3 Zum Begriff der Verfassung
1.3.1 Entstehung in Europa
1.3.2 Thomas Paine
1.3.2.1 Rights of Man
1.3.2.2 In eigenen Worten
1.3.2.2.1 Eine gute Regierung
1.3.2.2.2 Die öffentliche Sache
1.3.2.2.3 Was eine Verfassung ist
1.3.2.2.4 Definition von Staat und Regierung
1.3.2.3 Persönliche Herrschaft
Parlament, Wahlrecht und Eigentum in England während der Englischen Revolution 1640 – 1660
2.1 Eigentum & Wahlrecht I
2.2 Eigentum & Wahlrecht II
2.3 Konsequenzen für USA
John Locke
3.1 Wer Mitglied der Gesellschaft ist
3.2 Warum schließen sich Menschen zu einem Staat zusammen?
3.3 Eigentum & Zivilgesellschaft
Adam Smith
4.1 Ordnung/Unterordnung und bürgerlicher Staat
4.2 Armut & Reichtum
4.3 Wozu gibt es einen Staat?
Thomas Paine
5.1 Lebensweg
5.2 Unmittelbare Wirkung
5.2.1 The Rights of Man
5.3 Wirkung & Andenken
5.4 Zeit & Gesellschaft
5.5 Die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft
5.5.1 Aufklärung und Bildung
5.5.2 Demokratie und Bildung
5.6 Verschiedene Arten gesellschaftlicher Organisation
5.6.1 Was eine Regierung ist
5.6.2 Die monarchisch-aristokratisch-elitären Prinzipien des Regierens
5.6.3 Das demokratisch-republikanische Regierungssystem
5.6.3.1 Das Wissen der Bürger
5.6.3.2 Der Wohlfahrtsstaat
5.6.3.3 Die Schwierigkeiten eines demokratisches Staatswesens
5.7 Paine & Kelsen
Karl Marx & Friedrich Engels
6.1 Die Deutsche Ideologie
6.2 Das kommunistische Manifest
6.3 Staat & Unterdrückung
6.4 Das Kapital
Zitate & Nachweise und weiterführende Literatur
7.1 Johann Dvorák
7.2 Hans Kelsen
7.3 John Locke
7.4 Marx, Engels
7.5 Thomas Paine
7.6 Adam Smith
7.7 Bildquellen

1 Zu einigen Schlüsselbegriffen des Politischen

Die Idee dieses Abschnittes ist es Begriffe welche

  • im Laufe dieser Abhandlung
  • in den Politikwissenschaften im Allgemeinen

häufig erläutert werden kurz und in ihrem historischen Kontext darzustellen.


1.1 Zum Begriff "Gesellschaft"

Noch gegen 1900 wird der Begriff "Gesellschaft" im Deutschen zunächst in seiner rechtlichen und kaufmännischen Bedeutung beschrieben.

Als die allgemeine Bezeichnung für die Gesamtheit der Einrichtungen und Beziehungen des menschlichen Zusammenlebens ist das Wort "Gesellschaft" schon im 17. und 18. Jahrhundert in England und in Frankreich, aber erst im 19. und 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum gebräuchlich geworden.


1.1.1 Aristoteles

Aristoteles lebte von 384 - 322 v. Ch.

AristotelesAristoteles: Kopie hergestellt von Lysippus


1.1.1.1 Das gesellschaftliche Wesen

Zwar bezeichnete schon im Altertum der Gelehrte Aristoteles den Menschen als "gesellschaftliches Wesen", als "zoon politikon"; aber die griechische Bezeichnung kann ebenso gut mit

  • politisch,
  • staatlich oder
  • städtisch

übersetzt werden.

In den griechischen Stadt-Staaten (deren Wirtschaft auf massenhafter Sklavenhaltung beruhte) waren Staat, Politik und Gesellschaft nicht ohne weiteres als getrennte, unterscheidbare Bereiche zu erfahren, sondern eher als eine Einheit.


1.1.1.2 Wahlrecht der Besitzenden

Allerdings galt selbst für jene griechischen Stadt-Staaten, die – wie etwa Athen – Demokratien waren, dass die Volksherrschaft die Angelegenheit einer Minderheit von Besitzenden war, von städtischen Vollbürgern, denen es durch Besitz und Wohlstand möglich war, über Freizeit und Muße zu verfügen; und so konnten sie sich auf öffentlichen Plätzen versammeln, ihre Interessen artikulieren und gemeinsam diskutieren und beschließen, auf welche Weise ihre Interessen auch tatsächlich durchgesetzt werden könnten; denn aus ihrer Mitte wurden jene politischen Funktionäre, jene Inhaber von Staatsämtern (bis hin zu den militärischen Befehlshabern) gewählt, die in der Folge dafür zu sorgen hatten, dass der Staat all jene den Geschäften und sonstigen Interessen der Vollbürger förderlichen Maßnahmen setzte.


1.1.1.3 Sklaven

Die Sklaven galten nicht als Menschen sondern wurden wie Vieh oder wie Werkzeuge eingestuft und die ärmeren Stadtbewohner[1] verfügten nicht über die vollen politischen Rechte, galten nicht als vollwertige Bürger.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 2.2


1.1.2 Weiterentwicklung

In der Folge wird das Wort "Gesellschaft" viele Jahrhunderte lang in einer Reihe von europäischen Sprachen im Sinne von "geselligem Beisammensein" verwendet, um dann etwa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, im Übergang vom Feudalismus zur kapitalistischen Produktionsweise, zunehmend in unserem heutigen Sinn verstanden zu werden.


1.1.3 Englische Tradition

Sehr schön lässt sich diese Entwicklung in der englischen Tradition[1] verfolgen:

  • 1577 wird "ein Staatswesen als Gesellschaft oder als das gemeinsame Handeln einer Vielzahl von Freien" bezeichnet.
  • 1650 ist die Rede von "der Gesellschaft, in der wir leben".
  • Im späten 17. Jahrhundert verwendet John Locke[2] den Begriff "Gesellschaft" sowohl im Sinne einer Verbindung, die die Menschen (in Form eines Gesellschaftsvertrages) eingehen, als auch im Sinne einer Gesamtheit, die die einzelnen Menschen ebenso wie die von ihnen geschaffenen Einrichtungen umfasst.
  • Nahezu ein Jahrhundert nach John Locke schreibt dann Adam Smith[3] in seinem Werke Der Wohlstand der Nationen (erschienen 1776) von "Gesellschaft" zum Unterschied vom "Staat" und seinen Organen. Er unterscheidet zwischen verschiedenen sozialen Klassen innerhalb der Gesellschaft.

"Gesellschaft" ist nunmehr ein neutraler umfassender Begriff geworden, der die Summe der einzelnen Menschen, soziale Klassen, aber auch alle möglichen Institutionen beinhaltet.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 2
[2] Siehe Kapitel 3
[3] Siehe Kapitel 4


1.1.4 Anmerkung

In deutschen Übersetzungen von Adam Smith’s The Wealth of Nations, so in der im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienenen, wird man den Begriff "Gesellschaft" oft vergeblich suchen, weil "society" ebenso gerne wie falsch mit "Land" oder mit "Volkswirtschaft" übersetzt wird.


1.2 Zur Entwicklung des Begriffs "Staat"

Wenn unter "Gesellschaft" zunächst die Vereinigung freier, vielleicht gar gleicher Menschen (Eigentümer) vorgestellt wird, so hat "Staat" von Anfang an mit Über- und Unterordnung, mit Macht und Herrschaft zu tun: Staat ist organisierte Gewalt, organisierte Macht.

Obwohl der Begriff, die Bezeichnung "Staat", sehr alt ist, so hat der bezeichnete Gegenstand in den vergangenen Jahrtausenden sehr wohl einen starken Wandel erfahren.


1.2.1 Der moderne Staat

Der moderne Staat entstand und entwickelte sich im Zusammenhang mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise und er unterscheidet sich in seiner konstitutionellen, demokratisch-republikanischen[1] Ausprägung wesentlich von allen früheren Ausformungen durch die prinzipielle Möglichkeit der politischen Einflussnahme durch die große Zahl, durch die Masse der Bevölkerung.

Im Gefolge der neuzeitlichen Revolutionen in den Niederlanden, in England, Nordamerika und Frankreich entstanden auch völlig neuartige Vorstellungen von den Aufgaben, Zielen und Zwecken des Staates und der Regierung, ebenso wie von den Möglichkeiten der Gestaltung eines Staatswesens durch das Volk.

Dabei war in Bezug auf parlamentarische Vertretungen eine wichtige und immer wiederkehrende Frage, wer denn überhaupt und warum wahlberechtigt sein sollte.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.5


1.2.2 Entstehung des modernen Staates

Der Staat ist eben keineswegs eine ewige Einrichtung.

Den Staat, wie er heute existiert, gibt es erst seit dem 16./17. Jahrhundert. Er ist entstanden im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kapitalismus[1] und der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft, in der Zeit des Übergangs von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft der Neuzeit.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 6.4


1.2.3 Bedeutungsvielfalt

Wenn wir den Begriff "Staat" verwenden, so meinen wir damit alles mögliche:

  • vom Land, in dem wir leben,
  • bis zum Staatsapparat im weitesten Sinne
  • Parlament,
  • Regierung,
  • Justiz,
  • Verwaltung,
  • Polizei,
  • Militär,
  • Erziehungswesen,
  • Sozialfürsorge.

Der Staat ist sowohl die Summe der verschiedenen Einrichtungen als auch die Idee einer Gesamtheit, des Staatswesens.


1.2.4 Deutschland 19. Jhd.

Im Deutschen wurde der Staat im 19. Jahrhundert gerne als eine das Gesamtwohl im Auge behaltende Einrichtung der von Einzelinteressen und Klassenauseinandersetzungen geprägten und zerrissenen Gesellschaft gegenübergestellt.

Die Aufgabe des - möglichst starken - Staates war es demnach, diese Einzelinteressen auszugleichen oder - wenn nötig - zu unterdrücken und die Interessen des Staats- beziehungsweise Volks-Ganzen zu bewahren.

In dieser Argumentation erscheinen alle Versuche der Arbeiter, sich zwecks besserer Vertretung ihrer Interessen (zum Beispiel in Gewerkschaften) selbst zu organisieren[1], als staatszersetzende Unternehmungen, die es zu bekämpfen gilt.

Soziale Maßnahmen sollten - falls es solche gab - von der Regierung kommen, und nicht durch das Volk geschehen.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6.3


1.3 Zum Begriff der Verfassung

Eine Verfassung, eine Konstitution, ist eine Summe von rechtlichen Vorschriften, die das politische Zusammenleben der Menschen in einem Staatswesen regeln.


1.3.1 Entstehung in Europa

Die Entstehung von Verfassungen im neuzeitlichen Europa ist eng verknüpft mit gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um absolute Fürstenherrschaft (von Gottes Gnaden), um die Rechte von Stände-Parlamenten, um die Rechte des Volkes; verknüpft auch mit Fragen der neuen reformierten Religion, des neuen Wirtschaftens, der neuen Lebensweise.


1.3.2 Thomas Paine

Wir wollen am Beispiel der Auffassungen von Thomas Paine sehen, wie Verfassung, demokratische Republik und allgemeine Wohlfahrt zusammenhängen.

Thomas Paine[1] in der Wikipedia[2]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Paine


1.3.2.1 Rights of Man

Im Gefolge der amerikanischen und Französischen Revolution verfasste Thomas Paine in den Jahren 1791 und 1792 eine zweiteilige Schrift mit dem Titel Rights of Man.

Darin verteidigte er nicht nur die großen Revolutionen in Amerika und in Frankreich, sondern formulierte vor allem umfassende Vorstellungen von einem wahrhaft republikanischen Staatswesen, das an den Interessen und Bedürfnissen seiner Bürger orientiert und vom politischen Willen dieser Bürger getragen sein sollte

Textstellen aus Rights of Man finden sich bei der Besprechung von Pains Idee von verschiedenen Arten gesellschaftlicher Organisation.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6


1.3.2.2 In eigenen Worten

Eine Regierung sollte eine Einrichtung sein, welche für alle und nicht für einzelne da ist. Die Idee, dass eine Regierung das Wohl der Bevölkerung vertreten sollte, war zu Paines Zeit eine revolutionäre Ansicht.

Wenn Staat, Verfassung und Recht nicht als eine Summe von Einrichtungen und Regeln, losgelöst von den übrigen gesellschaftlichen Bedingungen (und das heißt allemal: von den materiellen Lebensbedingungen der Menschen) angesehen werden, sondern damit unauflösbar verknüpft werden, dann entstehen auch andere, ungewohnte, Bilder von Republikanismus[1], Demokratie und repräsentativen Versammlungen.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6.3.3


1.3.2.2.1 Eine gute Regierung

Der folgende Absatz verknüpft Zustände und Regierung offenbar in der Absicht darzulegen, wofür eine Regierung zuständig ist:

"Wenn man in einem Lande der Welt wird sagen können: »Meine Armen sind glücklich, es herrscht weder Unwissenheit noch Elend unter ihnen; meine Gefängnisse sind leer von Gefangenen, meine Straßen von Bettlern; die Alten fühlen keinen Mangel, die Abgaben sind nicht drückend; die vernünftige Welt ist mein Freund, weil ich der Freund ihres Glücks bin«: wenn dieses gesagt werden kann, so mag das Land sich seiner Konstitution und Regierung rühmen."


1.3.2.2.2 Die öffentliche Sache

Hier erläutert Paine nach welchen Gesichtspunkte eine Regierung ihre Zuständigkeiten[1] auswählen soll:

"Was eine Republik genannt wird, ist keine besondere Regierungsform. Nach dem Zweck und Wesen, weswegen die Regierung eingesetzt worden, nach den Gegenständen, womit sie sich beschäftigen sollte, ist eine Republik im eigentlichen Verstande Res Publica, die öffentlichen Angelegenheiten, das öffentliche Beste, oder buchstäblich übersetzt, die öffentliche Sache. ... Jede Regierung, die nicht nach dem Grundsatz einer Republik verfährt, oder mit anderen Worten, die nicht die öffentliche Sache zu ihrem ganzen und einzigen Zwecke macht, ist keine gute Regierung. Republikanische Regierung ist nichts weiter als eine zum öffentlichen Besten, sowohl einzeln als zusammen genommen errichtete und geführte Regierung."

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6.3.2


1.3.2.2.3 Was eine Verfassung ist

Das englische Wort constitution, welches Paine im englischen Original gebrauchte, heißt eigentlich Zustand sollte hier aber mit Verfassung[1] übersetzt werden, und bedeuted (nach dem Vorbild der amerikanischen Verfassung) ein geschriebenes Dokument.

"Eine Konstitution ist nicht nur ein Etwas dem Namen, sondern auch der Sache nach. Sie hat keine eingebildete, sondern eine wirkliche Existenz, und wo sie nicht in sichtlicher Gestalt vorgezeigt werden kann, findet sich auch keine. Eine Konstitution ist ein Etwas, das der Regierung vorherging, und die Regierung ist nur das Geschöpf der Konstitution. Die Konstitution eines Landes ist nicht das Werk der Regierung, sondern des Volkes, das eine Regierung einsetzte."

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.7


1.3.2.2.4 Definition von Staat und Regierung

Eine Regierung ist (sollte) für das Wohl aller (und nicht exklusiver kleiner Gruppen) zuständig:

"Die Regierung ist nichts weiter als eine Nationalverbindung und der Zweck dieser Verbindung ist das Beste aller, sowohl einzeln als insgesamt.".

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen. S. 237.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.5


1.3.2.3 Persönliche Herrschaft

Monarchien[1], sowie jede Form der persönlichen Herrschaft, waren für Thomas Paine Formen von Sklaverei im absoluten Widerspruch zu jeglichem menschenwürdigen Leben und jeglichem Menschenrecht. Daher bekämpfte er auch immer wieder alle Tendenzen zur schleichenden Wiedereinführung persönlicher Herrschaft im Rahmen eines nominell republikanischen und repräsentativen politischen Systems.

Auch die Menschenrechte waren für ihn keineswegs bloß papierene Prinzipien, dazu dienend, die Armen und Entrechteten über ihr Elend hinwegzutäuschen, eine Fassade, hinter der die alten Formen der Willkürherrschaft sich um so besser praktizieren lassen.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6.2


2 Parlament, Wahlrecht und Eigentum in England während der Englischen Revolution 1640 – 1660

Die englische Revolution ist die erste der großen modernen Revolutionen. Wie später (etwa in den USA und Frankreich) wurde ein absolutistisch herrschendes Regime, welches als eine Bedrohung von Freiheit verstanden wurde gestürzt.

Freiheit hatte für die einzelnen Revolutionäre ganz verschiedene Bedeutungen. Unter anderem:

  • Freiheit von Besteuerung;
  • Freiheit des eigenen Besitzes;
  • Freiheit von Unterdrückung (durch die Regierung).

2.1 Eigentum & Wahlrecht I

Während der Englischen Revolution 1640 bis 1660 kam es immer wieder zu Debatten über die Fragen des Wahlrechts.

Gegen Ende des Bürgerkrieges zwischen den Anhängern des Königs und der Partei des Parlaments diskutierten im Jahre 1647 Vertreter der Armee des Parlaments über die zukünftigen Regelungen des Wahlrechts:

Dabei wurde auch die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht erhoben – ausgehend von der prinzipiellen und natürlichen Gleichheit aller Menschen.

Allerdings wurde auch die Auffassung vertreten:

"Die Menschen kamen überein, in einem Staate zu leben, um so das Eigentum zu bewahren."

Johann Dvorák: Eigentum und Freiheit, Wahlrecht und Demokratie in den Debatten der Armee während des Englischen Bürgerkrieges. S. 77-87.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.1


2.2 Eigentum & Wahlrecht II

So wurde denn im Zusammenhang mit der Erweiterung des Wahlrechts auf die möglichen politischen Gefahren für das Eigentum und die Besitzenden verwiesen: (Das englische Parlament war (und ist) absoluter Souverän; es kann mit einfacher Mehrheit über alle Angelegenheiten des Staatswesens Beschlüsse fassen; dagegen gibt es rechtlich keinerlei Beschwerde oder Einspruchsmöglichkeit. Über dem englischen Parlament steht keine Verfassung, keine Gerichtsbarkeit!).

Es wurde die Furcht davor geäußert, dass die Masse der Habenichtse, einmal im Parlament vertreten, die Minderheit der Besitzenden auf dem Wege parlamentarischer Beschlüsse enteignen und eine Gleichheit an Besitz herstellen könnte:

"Es könnte geschehen, daß die Mehrheit des Volkes, durch ein Gesetz, (nicht in Unruhe und Aufruhr) das Eigentum beseitigte; es könnte ein Gesetz beschlossen werden, das eine Gleichheit an Gütern und Besitz bestimmte."

Johann Dvorák: Eigentum und Freiheit, Wahlrecht und Demokratie in den Debatten der Armee während des Englischen Bürgerkrieges. S. 77-87.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.1


2.3 Konsequenzen für USA

Diese Furcht der Besitzenden um ihr Eigentum wird alle künftigen Verfassungs- und Wahlrechtsdebatten in Europa und Nordamerika bestimmen:

  • Die "Heiligkeit" des Eigentums wurde in Verfassungen verankert.
  • Wenn "Minderheiten" geschützt werden sollten, dann vor allem die Minderheit der viel Besitzenden.
  • Der moderne Staat wurde zum Schutz des Eigentums und zur Abwehr der wahren Volksherrschaft entwickelt.
  • Die Vielen dürfen am Staat nur teilhaben, wenn sie die wenigen Viel- Besitzenden dadurch nicht beeinträchtigen.

3 John Locke

John Locke lebte von 1632 bis 1704.

John LockeJohn Locke: gemalt von Godfrey Kneller


3.1 Wer Mitglied der Gesellschaft ist

"Doch wenn man sich den Gesetzen eines Landes unterwirft, friedlich lebt und seine Privilegien und seinen Schutz genießt, macht das einen Menschen noch lange nicht zu einem Mitglied dieser Gesellschaft. ... Nichts kann einen Menschen dazu machen als sein wirklicher Eintritt durch positive Verpflichtung und ausdrückliches Versprechen und Vertrag. Und eben das ist meine Meinung über den Anfang der politischen Gesellschaften und jene Zustimmung, die jemanden zum Glied eines Staatswesens macht."

John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung. S. 277 f.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.3


3.2 Warum schließen sich Menschen zu einem Staat zusammen?

Die Frage ist, warum sich Menschen zu einer derartigen politischen Gesellschaft, einem Staatswesen, zusammenschließen.

"Wenn der Mensch im Naturzustand so frei ist, wie gesagt worden ist, wenn er der absolute Herr seiner eigenen Person und seiner Besitztümer ist, dem Größten gleich und niemandem untertan, warum soll er auf seine Freiheit verzichten? Warum soll er seine Selbständigkeit aufgeben und sich der Herrschaft und dem Zwang einer anderen Gewalt unterwerfen? Die Antwort darauf liegt auf der Hand: obwohl er nämlich im Naturzustand ein solches recht hat, so ist doch die Freude an diesem Recht sehr ungewiß, da er fortwährend den Übergriffen anderer ausgesetzt ist. Denn da jeder im gleichen Maße König ist wie er, da alle Menschen gleich sind und der größere Teil von ihnen nicht genau die Billigkeit und Gerechtigkeit beachtet, so ist die Freude an seinem Eigentum, das er in diesem Zustand besitzt, sehr ungewiß und sehr unsicher. Das läßt ihn bereitwillig einen Zustand aufgeben, der bei aller Freiheit voll von Furcht und ständiger Gefahr ist. Und nicht grundlos trachtet er danach und ist dazu bereit, sich mit anderen zu einer Gesellschaft zu verbinden, die bereits vereinigt sind oder doch die Absicht hegen, sich zu vereinigen, zum gegenseitigen Schutz ihres Lebens, ihrer Freiheit und ihres Vermögens, was ich unter der allgemeinen Bezeichnung Eigentum zusammenfasse."

John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung. S. 278.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.3


3.3 Eigentum & Zivilgesellschaft

"Das große und hauptsächliche Ziel, weshalb Menschen sich zu einem Staatswesen zusammenschließen und sich unter eine Regierung stellen, ist also die Erhaltung ihres Eigentums."

John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung. S. 27.[1]

  • Bei John Locke ist die politische oder bürgerliche Gesellschaft tatsächlich als eine Vereinigung der Besitzenden zu ihrem gemeinsamen Schutz vor Übergriffen auf ihr Eigentum gedacht; das heißt aber auch, dass genau genommen nur die Besitzenden auch Mitglieder der politischen oder bürgerlichen Gesellschaft sind und ihre Rechte und Vorzüge genießen, während die Besitzlosen außerhalb dieser Gesellschaft stehen und nur ihren Maßnahmen und Regeln unterworfen sind.
  • Der nunmehr häufig gebrauchte Begriff "Zivilgesellschaft", der den nicht-staatlichen Bereich bezeichnen soll, geht im übrigen auf John Locke zurück.
  • Seine "civil society", die bürgerliche Gesellschaft, ist jedoch eine Gesellschaft zum Schutz des Eigentums, und nicht Freizeit- oder Wohltätigkeitsunternehmen für die Masse der Besitzlosen.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.3


4 Adam Smith

Adam Smith lebte von 1723 bis 1790.

Adam Smith Adam Smith: gefertigt von James Tassie


4.1 Ordnung/Unterordnung und bürgerlicher Staat

Adam Smith hatte 1776 in seinem Hauptwerk The Wealth of the Nations (Der Wohlstand der Nationen) davon geschrieben, dass der bürgerliche Staat eine gewisse Unterordnung voraussetzte und dass die Notwendigkeit des bürgerlichen Staates in dem Ausmaß anwüchse, in dem wertvolles Eigentum erworben würde.


4.2 Armut & Reichtum

Zugleich beobachtete Adam Smith, wie große Reichtümer geradezu notwendigerweise Armut und soziale Ungleichheit steigerten.

"Wherever there is great property there is great inequality. For one very rich man there must be at least five hundred poor, and the affluence of the few supposes the indigence of the many. The affluence of the rich excites the indignation of the poor, who are often both driven by want, and prompted by envy, to invade his possessions. It is only under the shelter of the civil magistrate that the owner of that valuable property ... can sleep a single night in security."

Adam Smith: The Wealth of Nations. S. 298.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.6


4.3 Wozu gibt es einen Staat?

"Civil government, so far it is instituted for the security of property, is in reality instituted for the defence of the rich against the poor, or of those who have some property against those who have none at all."

Adam Smith: The Wealth of Nations. S. 302.[1]

Bei Adam Smith, dem Schöpfer der klassischen Nationalökonomie, finden wir klare Aussagen darüber, dass die Steigerung des Reichtums der Wenigen zusammenhängt mit dem Anwachsen der Armut der großen Zahl.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.6


5 Thomas Paine

Thomas Paine lebte von 1737 bis 1809.

Thomas PaineThomas Paine: Kopie einer Gravur nach George Rommey

Hier interessiert uns vor allem seine Konzeption eines republikanischen Wohlfahrtsstaates.


5.1 Lebensweg

Thomas Paine

  • geboren in England am 29. Jänner 1737, gestorben in den Vereinigten Staaten am 8. Juni 1809;
  • entstammte einer Handwerkerfamilie und lernte zuerst ebenfalls ein Handwerk; später wurde er Steuereinnehmer.
  • Als Bediensteter der Finanzverwaltung unternahm er den Versuch der Gründung einer Beamten- Gewerkschaft (dies war wahrscheinlich historisch der erste Versuch, die Interessen staatlicher Bediensteter organisatorisch zusammenzufassen).
  • In einer Petition an das Parlament, die von tausenden seiner Kollegen unterschrieben worden war, trat er für eine neue rechtliche Regelung der Steuereinhebung und für eine Verbesserung des Status der Steuereinnehmer ein. Die Petition hatte zwar keinen Erfolg, doch es war schon eine imposante organisatorische und agitatorische Leistung gewesen, die Unterschriften zustande zu bringen.

5.2 Unmittelbare Wirkung

Thomas Paine wurde zu seinen Lebzeiten vor allem durch zwei Schriften weltweit bekannt und berühmt. Nachdem er 1774 aus England in die englischen Kolonien in Nordamerika emigriert war, verfasste und veröffentlichte er dort im Jahre 1776, während des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes, eine Schrift mit dem Titel Common Sense (was etwa mit Vom gesunden Menschenverstand übersetzt werden kann).

Darin verfocht er die Position, dass die künftigen Vereinigten Staaten als Republik, unabhängig von der englischen Monarchie, gegründet werden sollten. Wenn schon gekämpft werden musste, dann sollte das Ziel dieser Kämpfe gleich auch die Schaffung eines neuen Staatswesens auf demokratisch-republikanischer Grundlage sein.

Common Sense war wohl jene Schrift, die auf die Bevölkerung der nordamerikanischen Kolonien Englands am stärksten mobilisierend in ihrem Freiheitskampf wirkte.


5.2.1 The Rights of Man

Die zweite bedeutende Schrift war The Rights of Man. Sie erschien in England in zwei Teilen in den Jahren 1791 und 1792. Die Übersetzung des Titels mit Menschenrechte gibt heutzutage das damals Gemeinte nicht richtig wieder. Wenn Thomas Paine von den Rechten der Menschen schreibt, dann ist damit tatsächlich die demokratische Gestaltung[1] der Gesellschaft gemeint und die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse aller Angehörigen eines Staatswesens (und nicht nur einer Minderheit der Besitzenden).

Thomas Paines Schriften hatten zu seiner Zeit höhere Auflagen als selbst die Bibel; Übersetzungen von The Rights of Man fanden ihre Verbreitung in ganz Europa bis nach Dubrovnik und ins Baltikum.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6


5.3 Wirkung & Andenken

Sein Andenken ist insbesondere von den Arbeiterbewegungen in den englischsprachigen Ländern bewahrt worden, aber etwa auch von deutschen Radikalen in der 1848er Revolution (die als politische Emigranten seine Schriften wieder mit in die Vereinigten Staaten brachten).

Wichtige Vorschläge Thomas Paines zur staatlichen Wohlfahrtspolitik[1] sind in Österreich unter der Regierung Kreisky in den 1970er Jahren eingeführt, aber inzwischen schon wieder beseitigt worden (z.B. finanzielle Zuschüsse für Neuverheiratete, etc.).

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 5.6.3.2


5.4 Zeit & Gesellschaft

Thomas Paine lebte und schrieb zu einer Zeit, in der die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von jeglicher Beteiligung an der politischen Gestaltung der Gesellschaft ausgeschlossen war. Es war daher notwendig, zugleich die politischen Rechte des Volkes, der Nation (die Bezeichnungen "the Nation" und "the People" wurden von Paine gleichbedeutend verwendet), zu begründen und die wesentlichen Prinzipien des Republikanismus, und zwar eines neuen, demokratischen Republikanismus, zu formulieren.

Eine der wichtigsten Errungenschaften in Thomas Paines politischem Denken war die Einsicht, dass alle staatlichen Vorgänge durch das Geld der Steuerzahler - und nur dadurch - ermöglicht werden, und dass auch die Ärmsten der Armen durch ihre Steuerbeiträge daran Anteil hätten.

(Auch wer keine Lohn- oder Einkommenssteuern entrichtet, leistet über die Steuern, mit denen die einzelnen Waren belegt sind, Beiträge): Nicht zuletzt von daher wird auch die Teilhabe aller an der Politik begründet.


5.5 Die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft

Was Thomas Paines Schriften ihre eigentümliche Qualität und Beständigkeit verleiht, liegt in ihren Argumenten für die Entwicklungen einer demokratischen Gesellschaft, eines demokratisch- republikanischen Staatswesens und in den Hinweisen zur Überwindung der damit einhergehenden Probleme.

Thomas Paine ging es um die Herstellung, den Ausbau und die Erhaltung zivilisierter Lebensweisen für alle; um die Schaffung einer Gesellschaft und eines Staatswesens (und dies war durchaus weltweit gedacht), in dem die Bürger in Freiheit arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit genießen könnten, in der sie die Möglichkeit der bewussten Gestaltung der politischen und sozialen Verhältnisse haben sollten.


5.5.1 Aufklärung und Bildung

Die Mittel zur Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft würden den Menschen durch Wissen um die Vorgänge in Natur und Gesellschaft, durch Aufklärung und (Selbst-)Bildung, ebenso wie durch die gleichzeitige Schaffung von politischen Strukturen, die der persönlichen Verfügungsgewalt von Menschen über Menschen ein Ende setzten, in die Hände gegeben.

Die dauerhafte Aktualität Paine’s ergibt sich aus seinem unerschütterlichen Vertrauen in das Volk, in die große Zahl der Menschen:

"... weil es aber nur eine Gattung von Menschen gibt, kann es auch nur ein Element menschlicher Macht geben, und dies Element ist der Mensch selbst."

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen. S. 171.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.5


5.5.2 Demokratie und Bildung

Thomas Paine war zutiefst davon überzeugt, dass das demokratisch-republikanische System, für das er eintrat, nur existieren und von einem Volk abgesichert werden könnte, das sowohl politisch gebildet, als auch ständig politisch tätig war.

Bildung war für Paine wesentlich lebendige Erfahrung; eine Verbindung von Beobachtung und denkender Beurteilung der sinnlichen Wahrnehmungen; die Fähigkeit, Bücherwissen mit eigener lebensgeschichtlicher Erfahrung zu verknüpfen.

Regieren sollte eine möglichst verbreitete Erfahrung in der Bevölkerung sein (politische Bildung durch politische Praxis); gleichzeitig sollte das Entstehen einer eigenen Schicht von Berufspolitikern verhindert werden. Dies verlangte umfangreiches Wissen aller Bürger um gesellschaftliche Vorgänge sowie Fähigkeit – und vor allem – Gelegenheit zu politischem Handeln.


5.6 Verschiedene Arten gesellschaftlicher Organisation

Während das monarchisch-aristokratisch-elitäre System die Bevölkerung sowohl an der politischen Praxis, als auch am Erwerb von Wissen hinderte, sollten in einer demokratischen Republik alle an der politischen Gestaltung der Gesellschaft teilhaben können.

Tabelle: Gesellschaftliche OrganisationTabelle: Gesellschaftliche Organisation


5.6.1 Was eine Regierung ist

"Dasjenige, was Regierung genannt wird, oder vielmehr was wir uns unter Regierung denken sollten, ist nichts weiter als ein gemeinschaftlicher Mittelpunkt, in dem alle Teile der Gesellschaft sich vereinigen. Dieses kann durch kein Mittel erreicht werden, welches alle die verschiedenen Vorteile des gemeinen Wesens so wirksam beförderte, als das repräsentative System."

"Es konzentriert die zum Besten der Teile und des Ganzen notwendige Kenntnis. Es setzt die Regierung in einen Zustand beständiger Reife, ist [...] niemals jung, niemals alt, ist weder der Unreife noch der Gebrechlichkeit unterworfen, nie in der Wiege, noch auf Krücken. Es läßt keine Absonderung zwischen Kenntnis und Macht zu und ist, wie die Regierung immer sein sollte, über alle Zufälle des einzelnen Menschen, und folglich über das, was Monarchie genannt wird, erhaben."

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.5


5.6.2 Die monarchisch-aristokratisch-elitären Prinzipien des Regierens

Die monarchisch-aristokratisch-elitären Prinzipien des Regierens bewirken, dass die Politik immer wieder zwischen Experten und Laien, zwischen Wissenden und Unwissenden trennt. Gleichzeitig sollen unkontrollierte, autodidaktische, Zugänge zum Wissen um politische Geschehnisse versperrt werden. An Stelle von Wissen verschleiern pompöse Fassaden den Blick auf die Wirklichkeit.


5.6.3 Das demokratisch-republikanische Regierungssystem

Den monarchisch-aristokratisch-elitären Prinzipien des Regierens gegenüber macht das wahrhaft demokratisch-republikanische Regierungssystem das Wissen für alle zu seiner entscheidenden Grundlage.

  • "Allein das repräsentative System verbreitet eine solche Masse von Einsicht über das Regierungswesen in der ganzen Nation, daß die Unwissenheit aufgeklärt und der Betrug unmöglich gemacht wird.[ ...]
  • Hier ist kein Raum für Mysterien, kein Ort zu ihrem Entstehen. Diejenigen, welche nicht zur Repräsentation gehören, verstehen die Art des Geschäftes so gut als die, welche dabei sind. Jeder Anschein geheimnisvoller Wichtigkeit würde aufgedeckt werden.
  • Nationen können keine Geheimnisse haben; und die Geheimnisse der Höfe, gleich den Geheimnissen einzelner Menschen, sind immer ihre Fehler.
  • Bei dem repräsentativen System muß die Ursache von allem öffentlich dargelegt werden.
  • Jeder Mensch ist ein Eigentümer bei der Regierung und sieht es als einen notwendigen Teil seines Geschäfts an, sie zu verstehen.
  • Sie betrifft seinen Vorteil, weil sie sein Eigentum angeht. Er untersucht die Kosten und vergleicht sie mit den Vorteilen; und vorzüglich nimmt er nicht die sklavische Gewohnheit an, denen zu folgen, die in anderen Ländern "Führer" genannt werden."

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen. S. 219 f.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.5


5.6.3.1 Das Wissen der Bürger

Das demokratisch-republikanische System beruht wesentlich darauf, dass alle Bürger um die politischen Angelegenheiten Bescheid wissen und an ihnen Anteil nehmen.

Es ging Thomas Paine um eine wahrhaft republikanische Kultur, eng verbunden mit einer Kultur der Arbeit; um eine umfassende republikanische Lebensweise, gestützt auf die produktive Arbeit aller Bürger. Das hieß aber auch, dass alle arbeitenden Menschen zu ihrem Recht kommen und sich am Produkt ihrer Arbeit erfreuen können sollten. "Reichtum für alle" lautete das Programm. Die Verfassung sollte jedem Anteil an der Gestaltung des Staatswesens gewähren. Dies nicht als Akt einer "huldvollen" Obrigkeit, sondern als Akt des arbeitenden Volkes selber.


5.6.3.2 Der Wohlfahrtsstaat

Zugleich wurde von Thomas Paine auch ein umfassendes Programm eines Wohlfahrtsstaates entwickelt: Begründet wurde dies nicht nur mit dem Hinweis auf das Recht auf ein menschenwürdiges Leben für die Armen, sondern vor allem auch mit dem Hinweis auf ihren hohen Anteil am Steueraufkommen. Von daher wurde das Recht auf öffentliche Versorgung abgeleitet, für den Fall, dass sie selbst nicht in der Lage sein sollten, für ihren Unterhalt zu sorgen.

Die programmatische Losung Thomas Paines lautete:

  • "justice, and not charity",

also

  • "Gerechtigkeit und nicht Wohltätigkeit"

5.6.3.3 Die Schwierigkeiten eines demokratisches Staatswesens

Thomas Paine hat nicht nur Argumente für die Entwicklung eines demokratisch-republikanischen Staatswesens präsentiert, sondern auch bereits Probleme dieses Staatswesens gesehen.

Die Einsicht in die Möglichkeit der Manipulation des Volkes zu seinem eigenen Nachteil bestärkte ihn jedoch in der Überzeugung, dass nur vollendete Aufklärung, das Wissen um die Vorgänge in Natur und Gesellschaft, Sensibilität gegenüber der Sprache und gegenüber der ideologisch- theatralischen Sprache jener Politiker, die das Volk gegen seine ureigensten Interessen zu mobilisieren trachteten, brauchbare Mittel wären. (Und keineswegs Rückfälle in autoritäre, monarchisch-aristokratische Verhältnisse um das "unmündige" Volk vor sich selbst zu schützen.)

"Die Regierung besteht nicht in einem Kontrast zwischen Gefängnissen und Palästen, zwischen Armut und Pracht; sie ist nicht eingesetzt, um dem Dürftigen sein Scherflein zu rauben und das Elend der Elenden zu vermehren."

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen. S. 243.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.5


5.7 Paine & Kelsen

Bei Thomas Paine finden wir übrigens auch einen Gedanken, der uns ähnlich formuliert bei Hans Kelsen[1] begegnen wird (und im rechtsstaatlichen Prinzip der österreichischen Bundesverfassung seinen Niederschlag gefunden hat):

"Denn wie in absoluten Regierungen der König das Gesetz ist, sollte in freien Ländern das Gesetz der König sein und nichts anderes."

Thomas Paine: Die Rechte des Menschen.[2]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.2
[2] Siehe Kapitel 7.5


6 Karl Marx & Friedrich Engels

Karl Marx lebte von 1818 bis 1883.

Karl MarxKarl Marx: Gravur in Holz

Friedrich Engels lebte von 1820 bis 1895.

Friedrich EngelsFriedrich Engels: Gemälde

Engels und Marx arbeiteten bei der Erstellung vieler Werke zusammen, nach Marx Tod gab Engels eine Reihe seiner Werke heraus.

Links:

  • Marx in der Wikipedia[1]
  • Engels in der Wikipedia[2]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Engels


6.1 Die Deutsche Ideologie

Karl Marx und Friedrich Engels hatten in der Deutschen Ideologie (geschrieben 1845 - 46) den Staat definiert als

"... die Form der Organisation, welche sich die Bourgeoisie sowohl nach außen als nach innen hin zur gegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben."

Karl Marx/ Friedrich Engels: Werke. S. 62.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.4


6.2 Das kommunistische Manifest

Und im "Kommunistischen Manifest" von 1848 hieß es:

"Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet."

Karl Marx/ Friedrich Engels: Werke S. 464.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.4


6.3 Staat & Unterdrückung

Friedrich Engels wies dann vor allem auf die Unterdrückungsfunktionen des Staates hin:

"Da der Staat entstanden ist aus dem Bedürfnis, Klassengegensätze im Zaum zu halten, da er aber gleichzeitig mitten im Konflikt dieser Klassen entstanden ist, so ist er in der regel Staat der mächtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse, die vermittelst seiner auch politisch herrschende Klasse wird und so neue Mittel erwirbt zur Niederhaltung und Ausbeutung der unterdrückten Klasse."

Karl Marx/ Friedrich Engels: Werke. S 166 f.[1]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 7.4


6.4 Das Kapital

Karl Marx hat in seinem Werk Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie herausgearbeitet, daß der Kapitalismus ein gesellschaftliches System ist, das nicht vornehmlich durch außerökonomische Gewalt[1] aufrechterhalten wird, sondern, einmal etabliert, sich stetig selbst reproduziert.

"Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Organisationsprozesses bricht jeden Widerstand, ... der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den Naturgesetzen der Produktion überlassen bleiben."

Karl Marx/ Friedrich Engels: Sämtliche Werke. S. 765.[2]

Verweise in diesem Kapitel:
[1] Siehe Kapitel 1.2.4
[2] Siehe Kapitel 7.4


7 Zitate & Nachweise und weiterführende Literatur

Dieser Abschnitt soll die eigenständige Beschäftigung mit den hier besprochenen Texten anregen.


7.1 Johann Dvorák

Johann Dvorák (2007): "Eigentum und Freiheit, Wahlrecht und Demokratie in den Debatten der Armee während des Englischen Bürgerkrieges", In Bader-Zaar, Birgitta, Grandner, Margarete und Saurer, Edith (Hrsg.) Auf dem Weg in die Moderne. Radikales Denken, Aufklärung und Konservatismus. Gedenkband für Michael Weinzierl. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag, S. 77- 87

Weiterführende Literatur:

  • Eine Auswahl käuflicher Werke findet sich über Google[1] oder auch jede anderen Suchmaschiene.
  • Bücher können auch an der Universitätsbibliothek Wien[2] ausgeliehen werden

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://books.google.at/books?as_auth=Thomas+Paine
[2] http://aleph.univie.ac.at


7.2 Hans Kelsen

  • Biographische Informationen zu Hans Kelsen finden sich etwa in der Wikipedia[1]
  • Sein wesentliches Buch Vom Wesen und Wert der Demokratie, Scientia, 1963 ist vor allem kurz und leicht verständlich.
  • Mehr Bücher finden sich beispielsweise über Google[2].

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kelsen
[2] http://books.google.at/books?as_auth=Hans+Kelsen


7.3 John Locke

  • John Locke (1998): Zwei Abhandlungen über die Regierung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bücher können auch an der Universitätsbibliothek der Universität Wien[1] ausgeliehen werden.
  • Werksammlungen[2] von John Locke liegen in vielen Editionen (auch im Internet) vor.
  • Wessen Wissensbegierde nach John Locke noch immer nicht gestillt ist, möge dessen Namen in eine Internetsuchmaschine[3] eingeben.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://aleph.univie.ac.at
[2] http://socserv2.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/locke/index.html
[3] http://www.google.at/webhp?hl=de


7.4 Marx, Engels

  • Karl Marx/ Friedrich Engels (2006): Werke (MEW). Berlin: Dietz. 16., überarbeitete Auflage.
  • Weiterführende Literatur kann an der Universitätsbibliothek Wien ausgeliehen[1] werden.
  • Sehr umfangreiche Sammlung von Texten von Marx und Engels findet sich frei zugänglich im Internet[2]
  • Wessen Wissensbegierde nach Marx/Engels noch immer nicht gestillt ist, möge deren Namen in eine Suchmaschine[3] eingeben.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://aleph.univie.ac.at
[2] http://www.marxists.org/archive/marx/index.htm
[3] http://www.google.at/webhp?hl=de


7.5 Thomas Paine

  • Thomas Paine (1973): Die Rechte des Menschen. In der zeitgenössischen Übertragung von Dorothea Margareta Forkel. Bearbeitet und eingeleitet von Theo Stemmler. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bücher von Thomas Paine können auch an der Universitätsbibliothek Wien[1] ausgeliehen werden

Weiterführende Literatur:

  • Werke von Thomas Paine liegen in vielen Editionen vor; eine Auswahl käuflicher Werke findet sich etwa über Google[2] oder auch jeder anderen Suchmaschine.
  • Wer lieber Texte im Internet liest, oder sie als Texte herunterlädt, findet jede Menge, z.B. www.infidels.org[3]
  • Wessen Wissensbegierde nach Thomas Paine noch immer nicht gestillt ist, möge dessen Namen in eine Suchmaschine[4] eingeben.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://aleph.univie.ac.at
[2] http://books.google.at/books?as_auth=Thomas+Paine
[3] http://www.infidels.org/library/historical/thomas_paine/
[4] http://www.google.at/webhp?hl=de


7.6 Adam Smith

  • Adam Smith (1999): The Wealth of Nations. Books IV-V. Harmondsworth: Penguin.
  • Bücher von Adam Smith können auch an der Universitätsbibliothek der Universität Wien ausgeliehen[1] werden.

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://aleph.univie.ac.at


7.7 Bildquellen

  • Thomas Paine[1]: Kopie einer Gravur nach George Rommey
  • Karl Marx[2]: Gravur in Holz
  • Friedrich Engels[3]: Gemälde
  • John Locke[4]: gemalt von Godfrey Kneller
  • Adam Smith[5]: gefertigt von James Tassie
  • Aristoteles[6]: Kopie hergestellt von Lysippus

Verweise in diesem Kapitel:
[1] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ThomasPaine_2.jpg
[2] http://www.loc.gov/rr/print/list/235_pom.html
[3] http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Engels_painting2.jpg
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:John_Locke.jpg
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:AdamSmith.jpg
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Aristotle_Altemps_Inv8575.jpg