Wiener Gespräche zur Sozialgeschichte der
Medizin
AKADEMISCHE ÄRZTINNEN
9. - 11. November 2000
Im Wintersemester 1900/1901 wurden in
Österreich erstmals Frauen zum Medizinstudium
zugelassen - obwohl sie davon nie davon ausgeschlossen
waren. 1897 war die Medizinerin Gabriele Posanner als
erste Frau an der Universität Wien promoviert
worden - sie war jedoch eine Ausnahme. Wie viele
Medizinerinnen in dieser Zeit, hatte sie ihr Studium in
der Schweiz absolviert und musste es - im Gegensatz zu
ihren ebenfalls im Ausland promovierten männlichen
Kollegen - in Österreich beinahe zur Gänze
nochmals durchlaufen. Der Weg zur Zulassung war ein
langer und harter, geprägt von bürokratischen
Hindernissen und den vorgegebenen Einstellungen zu
intellektuellen Fähigkeiten von Frauen im
allgemeinen.
Dass Frauen mit der Verordnung des
Unterrichtsministeriums vom 3. September 1900, die
für die gesamte damalige Monarchie Gültigkeit
hatte, nun “allgemein“ zum Medizinstudium
zugelassen wurden, setzt eine Änderung in
Denkweisen voraus, die nun Frauen prinzipiell die
Fähigkeit zugestehen, Medizin zu studieren.
Österreich war eines der letzten Länder
Europas, in dem Frauen zum Medizinstudium zugelassen
wurden. Über die Anfänge des Frauenstudiums
in Österreich liegen einige profunde Studien vor,
wobei besonders auf die Untersuchung von Waltraud
HEINDL und Marcella STERN “Durch Erkenntnis zu
Freiheit und Glück ...“(Wien 1997)
hinzuweisen ist. In dieser Studie wurde auch der
Lebensweg von Gabriele Posanner und einiger anderer
Pionierinnen umfassend dargestellt. Der besondere
Aspekt des Medizinstudiums und auch die Frage nach den
weiteren Karrieren der Medizinerinnen bzw. den
verschiedenen Einflüssen und Auswirkungen des
Frauenstudiums der Medizin sind, bislang noch wenig
bearbeitet worden.
Das “Jubiläum“ 100 Jahre
Medizinstudium für Frauen in Österreich soll
zum Anlass genommen werden um Rückschau zu halten,
die gegenwärtige Situation von Ärztinnen zu
analysieren und Ausblicke zu wagen. Der historischen
Dimension kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu, da
die entsprechenden Tatsachen - vor dem
gesellschaftlichen, kulturellen, politischen aber auch
dem wirtschaftlichen Hintergrund betrachtet -
Ausgangsbasis für heutige Zustände sind. Die
Analyse dieser Basis soll dazu dienen, zu erkennen,
dass die heutige Situation eine historisch gewachsene
ist, die aktuellen gesellschaftlichen Strukturen jedoch
bereits verändert sind. So kann zumindest die
These aufgestellt und diskutiert werden, dass die
heutige Situation von Ärztinnen (aber auch von
Ärzten) noch durch Denkweisen früherer Zeiten
geprägt ist, die der heutigen Realität des
Lebens weitgehend nicht mehr entsprechen. Auch was die
Fragestellungen der forschenden und praktizierten
Medizin betrifft, kann über diese These
nachgedacht werden.
Die “Wiener Gespräche zur
Sozialgeschichte der Medizin - akademische
Ärztinnen“ werden, ausgehend von den
genannten Fragestellungen und wissenschaftlichen
Ansätzen folgenden großen Themenschwerpunkten
behandeln:
Karrieren von akademischen Ärztinnen
Frauengesundheit - Männergesundheit
Unter dem Terminus “akademische
Ärztinnen“ verstehen wir jene Frauen, die
ein Studium der Medizin an einer akademischen
Einrichtung absolviert haben und im theoretischen oder
praktischen Bereich tätig waren bzw. sind. D.h
Frauen, die in verschiedenen historischen Epochen als
Ärztinnen bezeichnet wurden bzw. medizinisch
tätig waren sind diesmal nicht
berücksichtigt. Voraussichtlich werden die
nächsten “Wiener Gespräche...“
(Nov./Dez.2002) diesen Frauen sowie Hebammen gewidmet
sein. (Anregungen werden gerne entgegen genommen)
Die Verbindung der beiden genannten Themen ergibt
sich einerseits aus der historischen Tatsache, dass
sowohl berufliche Möglichkeiten von Frauen in der
Medizin, als auch das Bild von gesunden/kranken
Menschen durch die gesellschaftliche Definition der
Rolle einer Frau/eines Mannes bestimmt sind.
Andererseits gehört es zur Methodik der
Sozialgeschichte der Medizin, bei der
Auseinandersetzung mit der Geschichte von Gesundheit
und Krankheit auch die Seite jener zu betrachten, die
Medizin “erleiden“, seien sie nun
tatsächlich krank oder gesund
Die Verknüpfung erfolgt über die Frage,
ob, wie und in welchem Ausmaß sich in der Medizin
als “Wissenschaft“, aber auch als
“Kunst“ Inhalte und Praktiken geändert
haben, seit Frauen nicht nur
“Forschungsgegenstand“ sind, sondern sich
auch forschend und praktizierend betätigen.
Verschiedene Aspekte bieten sich hier an - etwa die
Definition des männlichen Körpers als jenem,
von dem Normen abgeleitet werden, des weiblichen
Körpers als etwas “anderem“ und damit
als prinzipiell Pathologischem; das Einfließen
gesellschaftlicher Normen im Bezug auf
“männlich“ und “weiblich“
in die forschende und praktizierte Medizin; sowie das
Wirksamwerden dieser (zum Teil überkommenen)
Normen auf den beruflichen Alltag von Medizinerinnen
(Studentinnen wie Ärztinnen) und die Situation von
Patientinnen.
Veranstaltungsort:
Kleiner Festsaal des Hauptgebäudes der
Universität Wien,
A-1010 Wien, Dr. Karl Lueger-Ring 1
Veranstalter:
Verein für Sozialgeschichte der Medizin
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
der Universität Wien
Institut für Geschichte der Universität
Wien
Frauenreferat der Wiener Ärztekammer
mit Unterstützung des Österreichischen Ost-
und Südosteuropainstitutes, der
Österreichischen Forschungsgemeinschaft und der
Stadtentwicklung Wien/Gruppe Wissenschaft
MITTWOCH, 8. November, 18.00 Uhr
Anreisetag, abends Begrüßung und
“warming up“.
Eröffnung der Ausstellung in der Aula des
Haupthauses der Universität Wien und
Buchpräsentation “100 Jahre Medizinstudium
für Frauen an der Universität
Wien“.
DONNERSTAG, 9.November, 8.00–14.00 Uhr:
Referate der ModeratorInnen
Begrüßung und Moderation:
Prof. Dr.phil. Birgit
BOLOGNESE-LEUCHTENMÜLLER
(Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
der Universität Wien - Vorsitzende des
wissenschaftlichen Beirates des Vereins für
Sozialgeschichte der Medizin)
Prof. Dr.jur. Sibylla FLÜGGE (Fachhochschule
Frankfurt am Main)
HR Univ.-Doz. Dr.phil. Waltraud HEINDL (Österr.
Ost- und Südosteuropainstitut Wien)
Prof. Dr.med. Gabriele MOSER (Vizerektorin für
Personal- und Frauenangelegenheiten der
Universität Wien): Soziale Herkunft und
Karrierechancen in der Medizin
Prof. Dr. phil. Ulrike FELT (Institut für
Wissenschaftsforschung und Wissenschaftstheorie der
Universität Wien)
Prof. Dr.med. Marianne SPRINGER - KREMSER (Univ.
Klinik für Tiefenpsychologie der Universität
Wien)
Prof. Dr.phil. Wolfgang SCHMALE (Institut für
Geschichte der Universität Wien)
15.00–17.00 Uhr
Themenschwerpunkt: “Historische
Rahmenbedingungen“
Moderation: Prof. Dr.jur. Sibylla FLÜGGE
Dr.phil. Brigitta KEINTZEL (Inst. f. Wissenschaft
und Kunst Wien):
Körper und Geschlecht im Spannungsfeld von
Philosophie, Medizin und Psychiatrie
Mag.phil. Meike LAUGGAS (Wien):
“Mädchenbildung bildet
Mädchen“
Dr. Georg HOFER (Wien): Die
“Effeminierung“ Äskulaps. Frauen,
Arztberuf und Medizinstudium im Spiegel der
Neurastheniedebatten um 1900
Anschließend:
Projektteam “Töchter des Hippokrates
“: Vorstellung der Myces-Datenbank
österreichischer Ärztinnen.
Gemeinsamer Besuch der Ausstellung in der Aula des
Hauptgebäudes der Universität Wien.
Das Projektteam freut sich über interessante
Diskussionen, Kritik und Anregungen.
FREITAG, 10. November, 8.00–12.30 Uhr:
Themenschwerpunkt “Aller Anfang ist schwer
...“
Moderation: HR Univ.-Doz. Dr.phil. Waltraud
Heindl
Verena MÜLLER (Zürich): Zürich - Eine
Pionierstadt. Medizinstudentinnen in der Schweiz
Dr.phil. Lila KRASZ (Europa-Universität
Budapest): Vorläuferinnen der ungarischen
weiblichen Ärzteschaft. Der lange Weg von den
vornehmen heilkundigen Frauen zu den ersten
Ärztinnen
Dr.phil. Petr SVOBODNY (Karlsuniversität Prag):
Weibliche Ärzte in Böhmen und Mähren in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
cand. phil. Sonja STIPSITS (Wien): “...und so
giebt es nichts Widerwärtigeres als ein die
gesteckten Grenzen überschreitendes
Mannweib.“ Die konstruierte Devianz - Argumente
gegen das Frauenstudium und die Rolle der Pionierinnen
des Medizinstudiums.
cand. phil. Martina GAMPER (Wien): Ärztinnen
für Arbeiterinnen. Die Unterstützung
weiblicher Ärzte durch die sozialdemokratische
Arbeiterbewegung am Beginn des 20. Jahrhunderts am
Beispiel der Arbeiterinnenzeitung
Dr.phil. Karin WALZEL (Linz): Karrieren von
Medizinerinnen in Oberösterreich
13.30–18.00 Uhr
Themenschwerpunkt “Akademische Karrieren von
Medizinerinnen“
Moderation: Vizerektorin Prof. Dr.med. Gabriele
MOSER
Mag.phil. Stefanie MARGGRAF (Interdisziplinäres
Institut für Frauen - und Geschlechterforschung
der TU - Berlin): “...bei der Zulassung von Damen
zur Habilitation einen möglichst strengen
Maßstab anzulegen“. Karrieren habilitierter
Medizinerinnen in Deutschland vor 1945
Dr.phil. Gabriele DORFFNER/ Mag.phil. Dr.med.
(Wien): Habilitierte Medizinerinnen an der
Universität Wien 1900 - 1960
Dr.phil. Elisabeth MIXA (Wien): Bericht zur
aktuellen Situation akademischer Karrieren von
Medizinerinnen
Themenschwerpunkt “Feministische Theorie und
medizinische Realität“
Moderation: Prof. Dr.phil. Ulrike FELT
Dr.phil. Anne MASSERAN
(Straßburg):Grenzverschiebungen: Zur rhetorischen
Konstruktion von Frauen im medizinischen Bereich
Dipl.Psych. Christa SOMMER (Inst. f. Geschichte der
Medizin der Universität Göttingen):
Moralische Argumente, moralische Strategien -
Geschlechterdifferenzen und die Konstruktion des
moralischen Diskurses in der Medizin
Prof. Dr.med. Christine MAROSI (Univ.Klinik für
Innere Medizin I): Ein anderer Umgang mit PatientInnen?
Die weibliche Seite der Medizin
Prof. Dr.phil. Beate WIMMER-PUCHINGER
(Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien): Brauchen
Frauen ein “anderes“ Gesundheitswesen?
SAMSTAG, 11. November, 8.00–13.30 Uhr:
Themenschwerpunkt:
“Männergesundheit“
Moderation: Prof. Dr.phil. Wolfgang SCHMALE
Dr.phil. Martin DINGES (Institut für Geschichte
der Medizin der Robert Bosch-Stiftung Stuttgart): Der
alltägliche “aufgeklärte“
Körper von Männern in den Patientenbriefen an
Samuel Hahnemann (1830 – 1835)
Dr.phil. Christa HÄMMERLE (Inst. f. Geschichte
der Univ. Wien): Der Körper des Rekruten.
Kriegsdienst(un)tauglichkeit und
Gesundheitsvorstellungen 1868–1914/1918
Prof. Dr.med. Anita RIEDER (Inst f. Sozialmedizin d.
Universität Wien): Der Wiener
Männergesundheitsbericht
DI Dr.techn. Hannes SCHMIDL (Gesundheitsplanung der
Stadt Wien): Die Notwendigkeit einer
geschlechtssensiblen Gesundheitspolitik
Themenschwerpunkt: “Die gesunde Frau - die
kranke Frau“
Moderation: Prof. Dr.med. Marianne
SPRINGER-KREMSER
Dr.phil. Katrinette BODARWE (Bad Abbach):
Frauengesundheit und Nonnenklöster im
Mittelalter
Dr.phil. Sabine SANDER (Medizinhistorisches Institut
der Universität Mainz): Weibliche Schönheit
und Aufklärung - Gesundheit statt Galanterie
Dr.phil. Elisabeth DIETRICH (Inst. f. Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte der Universität Innsbruck):
Bleich, schwach, krank. Zur Konzeption
bleichsüchtiger und schwindsüchtiger Frauen
im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert
Prim. Dr.med. Katarina PILS (Abt. f. physikalische
Medizin und Rehabilitation, Sozialmedizinisches Zentrum
Sophienspital Wien): Kompetent altern - die alternde
Frau in der heutigen Gesellschaft
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