Hans Kelsen - Institut

Robert Walter 1931-2010

(ÖJZ 2011, 49)

Gabriele Kucsko-Stadlmayer

Am 25. Dezember 2010 ist Robert Walter überraschend gestorben. Am 31. Jänner hätte er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Bundespräsident Heinz Fischer hat ihm aus diesem Anlass das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen; posthum hat er ihn als „einen der bedeutendsten österreichischen Rechtslehrer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts” gewürdigt.

Robert Walter war mit außerordentlicher Geisteskraft begabt. Markante Züge seines Charakters waren Fähigkeit zur Begeisterung, Kampfgeist und herausragende innere Unabhängigkeit. Vom Wunsch der Familie, er möge eine Steuerberaterkarriere einschlagen, um die lukrative Kanzlei des Onkels zu übernehmen, distanzierte er sich bald. Als er sein Jusstudium 1953 mit Doktorat abschloss, hatte er sein Interesse schon der Rechtstheorie zugewendet: Der von ihm verehrte Adolf Merkl hatte ihn zur Lehre Kelsens hingeführt. Um eine rechtstheoretische Dissertation schreiben zu können, studierte er auch noch Staatswissenschaften. Eine Arbeit über Recht und Logik, von Merkl und Verdross als „ausgezeichnet” beurteilt, machte ihn 1955 - mit 24 Jahren - zum zweifachen Doktor. Trotz einer raschen und für ihn erfüllenden Richterlaufbahn (1956 bestand er die Richteramtsprüfung mit Auszeichnung, 1957 wurde er zum Richter ernannt) ließ ihn die Wissenschaft nicht los. Von Merkl animiert, habilitierte er sich 1960, neben der richterlichen Tätigkeit. Nur schweren Herzens entschloss er sich 1962, sein geliebtes Richteramt für eine außerordentliche Professur an der Universität Graz aufzugeben. Dem folgten bald weitere, ordentliche Professuren: 1965 in Graz, 1966 an der Hochschule für Welthandel, der heutigen Wirtschaftsuniversität, und 1975 an der Universität Wien. Hier hat er bis zu seiner Emeritierung 1999 geforscht und gelehrt.

Für Robert Walters Juristenleben prägend waren sein Streben nach präziser rational nachprüfbarer Erkenntnis, seine wissenschaftliche Überzeugung von der Reinen Rechtslehre und sein Einsatz für deren nachhaltige Weiterentwicklung. Als „Bannerträger der Reinen Rechtslehre” hat Kelsens Biograf Rudolf Métall ihn 1968 bezeichnet. Besonders verdienstvoll war seine Initiative für die Gründung der Hans Kelsen Institut Bundesstiftung durch die Bundesregierung 1971: Damit wurde nicht nur der aus Österreich vertriebene Verfassungsvater geehrt, sondern auch das umfangreiche wissenschaftliche Werk jenes Mannes für die Nachwelt gesichert, der heute als bedeutendster deutschsprachiger Rechtswissenschafter des 20. Jahrhunderts gilt. Bis zu seinem Tod, fast 40 Jahre, war Robert Walter als ehrenamtlicher Leiter dieses Instituts tätig. In Co-Geschäftsführung mit seinen Schülern - zuerst Kurt Ringhofer, dann Clemens Jabloner - hat er Manuskripte aus dem Nachlass Kelsens publiziert, Übersetzungen seiner Werke gefördert, seinen weltweiten Einfluss dokumentiert, eine Schriftenreihe herausgegeben (bisher 33 Bände) und eine Kelsen-Gesamtausgabe auf den Weg gebracht.

Durch seine Lehrtätigkeit an der Universität hat Robert Walter mehrere Juristengenerationen geprägt. Mit doppelter Begeisterung, sowohl für theoretische Überlegungen als auch für die spezifisch juristische Arbeit, trachtete er nicht nur Wissen, sondern auch methodische Haltung zu vermitteln. Über seine Lehrbücher zum Verfassungsrecht und Verwaltungsverfahrensrecht konnte er damit einen breiten Kreis Studierender erreichen. Die bestechende Systematik dieser Bücher, ihre klare methodische Position, präzisen Formulierungen und kritische Distanz zur Judikatur machen ihren Wert für Wissenschaft, Lehre und Praxis unschätzbar. Mitverfasst durch seinen Schüler Heinz Mayer wurden sie bald zu Klassikern der juristischen Literatur. Sie reflektieren eine intensive Beschäftigung mit allen zentralen Fragen des öffentlichen Rechts, zu dessen wissenschaftlicher Durchdringung Robert Walter auch mit vielen anderen Publikationen (26 Bücher, mehr als 260 Aufsätze) beigetragen hat.

Weniger bekannt ist, dass Robert Walter mitreißende Vorlesungen gehalten hat. Auch in entlegenen Rechtsgebieten konnte er ungeklärte wissenschaftliche Fragen entdecken, Probleme für die Praxis aufzeigen und daran das Auslegungsinstrumentarium der Zuhörer schärfen. War man gut vorbereitet, so wurden sogar Prüfungen bei ihm zu einem intellektuell reizvollen Erlebnis. In seinem Schülerkreis war er stets offen für Diskussion: Selbst die Jüngsten wurden mit ihren Beiträgen ernst genommen und an allen Fachgesprächen beteiligt. So kannte er auch keine fachlichen Scheuklappen: Der Austausch mit Vertretern anderer Disziplinen, anderer methodischer Richtungen sowie der praktischen Rechtsberufe war ihm stets wichtig. Zur Vertiefung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse pflegte er auch Kontakte zur internationalen Scientific Community. Seine herausragende Kenntnis der Reinen Rechtslehre machte ihn weltweit zu einem begehrten Redner und Publizisten; in elf Sprachen wurden seine Werke übersetzt. All dies zeigt, dass sein Arbeitsethos dem Idealbild eines Wissenschafters entsprach.

Auch als Mensch hat Robert Walter niemanden gleichgültig gelassen. Er stellte hohe Anforderungen an sich selbst, erwartete dies aber auch von den anderen. Disziplin, Leistungswille und Engagement für die Sache waren ihm selbstverständlich, politische Ränkespiele verabscheute er. So ging er manche Konfrontation ein, in der er eine unbeugsame Haltung einnahm; höchstes Ziel war ihm der Mut zur Wahrheit. Dies machte ihn frei von gesellschaftlichen Vorurteilen: Als erster der Professoren im öffentlichen Recht hat er unablässig die wissenschaftliche Tätigkeit von Frauen gefördert - in einer Zeit, als diese in der Jurisprudenz kaum präsent waren und in Österreich keine einzige für öffentliches Recht habilitiert war.

Robert Walter wurde vielfach für sein Lebenswerk geehrt. Auf die Wirkungen seiner wissenschaftlichen Bemühungen blickte er letztlich mit zunehmender Gelassenheit zurück. Seine Selbstbiografie in Jabloner/Mayer (Hrsg), Österreichische Rechtswissenschaft in Selbstdarstellungen (2003), ist dazu äußerst lesenswert.