Hans Kelsen - Institut

Robert Walter; 1931-2010: Der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet - Der Verfassungsrechtler Robert Walter hat vier Jahrzehnte des österreichischen Rechtslebens geprägt.

(Presse vom 10. Jänner 2011, Seite 16)

Clemens Jabloner

Am 25. Dezember 2010 ist Robert Walter, nach längerem Leiden, doch letztlich überraschend, gestorben. Er stand im 80. Lebensjahr. 1931 in Wien geboren, durchlief er die Schule in schwierigsten Zeiten und maturierte 1949 in Wiener Neustadt. Es folgte das Studium der Rechtswissenschaften in Wien, das Walter im Juli 1953 mit der Promotion abschloss. Danach sollte es der Staatsdienst sein: Walter trat in den richterlichen Vorbereitungsdienst ein. 1956 bestand er die Richteramtsprüfung mit ausgezeichnetem Erfolg und wurde am 1. August 1957 zum Richter ernannt.

Zugleich widmete sich Walter der Wissenschaft und promovierte 1955 zum Dr. rer. pol. bei Adolf Julius Merkl. 1960 folgte die Habilitation, zu der Merkl ihn ausdrücklich aufgefordert hatte - „Verfassung und Gerichtsbarkeit” war das passende Thema. Obzwar ein ausgezeichneter, passionierter Richter voller Gründlichkeit und Tatkraft, folgte Walter seiner eigentlichen Bestimmung: 1962 nahm er den Ruf an die Universität Graz an, 1965 wurde er dort Ordinarius. Schon 1906 wechselte er an die Hochschule für Welthandel; und seit 1975 gehörte er der rechtswissenschaftlichen, Fakultät der Universität Wien als o. Univ.-Prof. für Staats- und Verwaltungsrecht an, 1999 emeritierte er.

Als Gelehrter knüpfte Robert Walter an die Meister der Wiener rechtstheoretischen Schule - Kelsen und Merkl - an und führte deren Werk, „Die Rein Rechtslehre”, weiter. Er war von der Klarheit und Rationalität der Lehre Kelsens fasziniert und wurde zu ihrem Hauptvertreter im Österreich der zweiten Republik. Dabei gelang es ihm, die Reine Rechtslehre - in durchaus kritischer Weise - weiterzuentwickeln. Zudem machte er sie für die wissenschaftliche Durchdringung des Verfassungs- und Verwaltungsrechts nutzbar. Ein rechtstheoretischer Höhepunkt ist der „Aufbau der Rechtsordnung” (1962), sein berühmtes grünes Buch - „Österreichisches Bundesverfassungsrecht. System” (1972) - soll für das rechtsdogmatische Werk stehen. Die wissenschaftliche Bearbeitung des Verwaltungsverfahrensrecht war ihm besonders wichtig.

Mit der wissenschaftstheoretischen Position steht die Gründung des Hans-Kelsen-Instituts 1971 in engem Zusammenhang. Die Verantwortung für diese Einrichtung nahm Walter immer besonders ernst, nach seiner Emeritierung war dort der Mittelpunkt seines Wirkens.

Robert Walter blieb in einem bestimmten Sinn stets Justizrichter. Bei höchstem wissenschaftlichen Niveau war ihm die Vollendung der jeweiligen Aufgabe - und sei sie hochtheoretisch gewesen - wichtig. Zur singulären fachlichen Begabung traten die Fähigkeit zur Selbstorganisation, eiserne Selbstdisziplin und eine besondere Leistungskraft. Anders hätte das reiche und große Werk Walters - 24 Bücher, über 250 Aufsätze - nicht zustande kommen können.

Ein herausfordernder Lehrer

Robert Walter war ein anstrengender und herausfordernder akademischer Lehrer, ein Professor im bestem Sinn, ein mitreißender Vortragender. Wie kaum ein anderer förderte er seine Schüler und Schülerinnen, die heute einen großen Kreis bilden. Wer einige Zeit mit und bei Walter arbeiten durfte, verfügte fortan über ein tragfähiges wissenschaftliches Fundament.

Als Rechtspolitiker war Robert Walter stets kämpferisch; sein Einsatz etwa gegen das UOG 1975 wurde legendär. Wo es um die Qualität von Lehre und Forschung geht, kannte er keinen Kompromiss. Robert Walter hat mehr als vier Jahrzehnte lang das österreichische Rechtsleben nachhaltig geprägt. Er bleibt als ein Mann in Erinnerung, für den die wissenschaftliche Wahrheit der höchste Wert war.