Hans Kelsen - Institut

Der Kreis um Kelsen

Kelsen hatte mit seiner Habilitationsschrift „Hauptprobleme der Staatsrechtslehre” im Jahr 1911 einen Weg der wissenschaftlichen Betrachtung des Rechts eingeschlagen, der sich in den folgenden 20 Jahren wesentlich vertiefte und ausbaute und der schon bald als „Reine Rechtslehre” bekannt wurde. Großen Anteil an dieser Weiterentwicklung hatte das Privatseminar, das Kelsen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit an der Universität Wien abhielt.

Teilnehmer waren zunächst einige Hörer aus Kelsens Vorlesungen zwischen 1911 und 1914, zum Beispiel Adolf Merkl, Leonid Pitamic und Alfred Verdross. Nach Kriegsende stießen weitere Personen, Studenten, Habilitanden, junge Dozenten, hinzu, etwa Walter Henrich, Felix Kaufmann, Josef L. Kunz, Fritz Sander, Fritz Schreier, sowie später Josef Dobretsberger, Erich Voegelin. In den 1920er Jahren erweiterte sich dieser Kreis bedeutend, denn es kamen nun auch „echte” Ausländer (also nicht „nur” Personen aus Wien und den ehemaligen Kronländern) zu Kelsen, um bei ihm zu forschen; zu erwähnen sind hier etwa Alf Ross aus Dänemark, Charles Eisenmann aus Frankreich, Julius Kraft aus Deutschland, Luis Legaz y Lacambra und Luis Recaséns Siches aus Spanien sowie Marinus Maurits van Praag aus den Niederlanden, aber auch Tomoo Otaka aus Japan und Wiktor Sukiennicki aus Polen. Diese Gelehrte kehrten später in ihre Heimatländer zurück und konnten dort über das in Wien Erfahrene berichten.

Leider sind zu dem Privatseminar Kelsens keine Anwesenheitslisten bekannt; derart können zur Ermittlung des Kreises der Teilnehmer nur die Erinnerung Kelsens in seiner Autobiographie (1947, enthalten in HKW 1) und die Erwähnung Métalls (Hans Kelsen. Leben und Werk [1969]) herangezogen werden bzw auf bekannt gewordene Überlieferungen der Teilnehmer abgestellt werden, etwa von Albert Fuchs.

Der Kreis von rechtstheoretisch interessierten Personen, der sich derart um Kelsen bildete, wurde schon bald als „Wiener Rechtstheoretische Schule” bekannt. Der Begriff der „wissenschaftlichen Schule” hat seine Herkunft in der Wissenschaftsgeschichte und stellt wohl darauf ab, dass innerhalb derselben gewisse Grundpositionen geteilt werden. Zu beachten ist aber, dass innerhalb der hier betrachteten Bewegung nie das Verständnis herrschte, dass alle Überlegungen Kelsens kritiklos übernommen werden müssten. Oder anders formuliert: Im Kreis um Kelsen wurden viele Ideen in verschiedene Richtungen entwickelt, es fand ein Gedankenaustausch in einem freien geistigen Klima statt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Weggefährten eigene Standpunkte bezogen, die von jenen Kelsens auch abweichen konnten. Kelsen selbst nennt in dieser Hinsicht im Vorwort zur 1. Auflage der „Reinen Rechtslehre” (1934) seinen Kreis eine „Schule … nur in dem Sinne …, dass hier jeder versucht, vom anderen zu lernen, ohne darauf zu verzichten, seinen eigenen Weg zu gehen”. Und im Geleitwort zum Buch das Kelsen-Schülers William Ebenstein über „Die rechtsphilosophische Schule der Reinen Rechtslehre” (1938) schreibt der Brünner Rechtsgelehrte und Kelsen-Freund František Weyr: „Die Anhänger einer wissenschaftlichen Schule bilden keine Religionsgemeinschaft in dem Sinne, dass etwa die Lehrsätze derselben für sie in allen Einzelheiten grundsätzlich unantastbare Wahrheiten bilden müssten. Dies gilt in ganz besonderem Maße von der Reinen Rechtslehre …”. Zu Weyr siehe etwa Vladimir Kubes/Ota Weinberger (Hrsg), Die Brünner rechtstheoretische Schule (Normative Theorie), Schriftenreihe des Instituts, Band 5 (1980) sowie Tanja Domej, Frantisek Weyr und Hans Kelsen - eine biographische Skizze, in: Walter/Jabloner/Zeleny (Hrsg), Hans Kelsens stete Aktualität, Schriftenreihe des Instituts, Band 25 (2003), 45 ff.

Einige Weggefährten Kelsens wandten sich auch von dessen Grundpositionen ab und entwickelten ganz eigene Rechtstheorien; hier ist insbesondere an die schon genannten Ross und Sander zu denken. Dass die Personen, die zum Kreis um Kelsen zu zählen sind, aber zumindest zeitweise die Positionen Kelsens geteilt haben und zur Weiterentwicklung der Reinen Rechtslehre beigetragen haben, liegt auf der Hand.

Das Hans Kelsen-Institut unternimmt es seit einigen Jahren, jene Personen einer näheren Betrachtung zu unterziehen, die zum Kreis um Kelsen gezählt werden können. Einen ersten Abschluss haben diese Arbeiten mit der Publikation des Bandes 30 der Schriftenreihe des Instituts gefunden, in dem 28 Männer und Frauen sowohl mit einer kurzen Biographie als auch mit ihrem Beitrag zur Reinen Rechtslehre behandelt sind, nämlich Hans Aufricht, Otto Bondy, Charles Eisenmann, Georg Fleischer, Leo Gross, Walter Henrich, John Herz, Felix Kaufmann, Hans Klinghoffer, Alois Körner, Julius Kraft, Margit Kraft-Fuchs, Josef L. Kunz, Luis Legaz y Lacambra, Hans Mayer, Rudolf Aladár Métall, Leonid Pitamic, Marinus Maurits van Praag, Luis Recaséns Siches, Gisela Rohatyn, Sigmund Rohatyn, Alf Ross, Fritz Sander, Fritz Schreier, Helen Silving, Moritz Stockhammer, Eric Voegelin und Emanuel Winternitz. Die meisten dieser Personen waren auch Teilnehmer des Privatseminars. Hingewiesen sei hier darauf, dass sich der Kreis um Kelsen nicht in der Wiener Rechtstheoretischen Schule erschöpft: Kelsen war auch auf anderen Forschungsgebieten - etwa dem österreichischen Verfassungsrecht, dem Völkerrecht, der Staatslehre und Politikwissenschaft sowie der Rechtsphilosophie - tätig und hatte auch dabei entsprechende Kontakte; weiters fanden sich an den weiteren Stationen seines Lebens, in Köln, in Genf, wohl auch in Prag (trotz seines nur kurzen Wirkens dort), dann in den USA, jedenfalls in Berkeley erneut Personen um Kelsen ein, und zwar nicht nur schon aus Wien bekannte, sondern auch „neue Gesichter”, die zum Kreis um Kelsen gezählt werden können.