Hans Kelsen - Institut

Hans Kelsens Werk

Wissenschaftliches Werk

1. Aus Kelsens vielseitigen Schaffensbereichen ist in erster Linie seine Rechtstheorie, die „Reine Rechtslehre” zu nennen. Hauptanliegen dieser - philosophisch vom Neukantianismus inspirierten - Lehre ist es - wie Kelsen in der ersten Auflage seines Buches „Reine Rechtslehre” (1934) programmatisch schrieb -, „eine reine, das heißt: von aller politischen Ideologie und allen naturwissenschaftlichen Elementen gereinigte, ihrer Eigenart, weil der Eigengesetzlichkeit ihres Gegenstandes bewusste Rechtstheorie zu entwickeln”, „die Jurisprudenz auf die Höhe einer echten Wissenschaft, einer Geisteswissenschaft zu heben” und ihre „ausschließlich auf Erkenntnis des Rechts gerichtete Tendenz zu entfalten und deren Ergebnisse dem Ideal aller Wissenschaft, Objektivität und Exaktheit, soweit als möglich anzunähern”. Das Erfordernis, einer alten Wissenschaft ein neues philosophisches Fundament zu geben, entstand aus der damaligen wissenschaftsgeschichtlichen Situation: Der im 19. Jahrhundert zur Vorherrschaft gelangte Rechtspositivismus meinte, das Recht aus den Anordnungen der sozialen Autorität - einem „Sein” - ableiten zu können. Wie konnte aber „Recht” - als ein System von Sollensanordnungen - aus einem „Sein”, nämlich der effektiven sozialen Macht, abgeleitet werden? Mit seiner Lehre von der Grundnorm wandelte Kelsen den älteren Positivismus zum „kritischen Rechtspositivismus”. Wer die Anordnungen der sozialen Autorität - ihrem intentionalen Sinne nach - als Sollensanordnungen deuten will, muss die Grundnorm seinen wissenschaftlichen Bemühungen voraussetzen. Diese Annahme ermöglicht die Beschreibung der effektiven Anordnungssysteme so, als ob sie gelten. Damit wird eine exakte und normative Rechtswissenschaft möglich. Weil die Reine Rechtslehre aber die Grundnorm voraussetzt, beantwortet sie nicht die - auch von keiner anderen Wissenschaft beantwortbare - Frage, ob man persönlich einer effektiven Ordnung gehorchen soll. Sie erweist in diesem Punkte ein weiteres Element ihrer Reinheit: Ihre - unverständlicherweise vielfach verkannte - Distanz zur politischen Macht. Ausgehend von diesem Rechtsbegriff entwickelten Kelsen und seine Schule ein zweckmäßiges System zur Beschreibung des Rechts in Rechtsnormen, die zueinander in einem hierarchischen Verhältnis stehen (Lehre vom Stufenbau der Rechtsordnung). Kelsens Lehre wurde in einer Reihe von Arbeiten entfaltet, von welchen die „Reine Rechtslehre” (1. Auflage 1934, 2. Auflage 1960), die „General Theory of Law and State” (1945) und die „Allgemeine Theorie der Normen” (1979) hervorgehoben seien. Sie hat auf die Rechtstheorie einen kaum zu überschätzenden Einfluss gewonnen, der sich nicht nur in Europa, sondern vor allem auch in Südamerika zeigt und bis Japan, Korea, China und Australien reicht. Diese weltweite Rezeption der Reinen Rechtslehre wird in den Bänden 2, 8, 12, 22 und 33 der Schriftenreihe des Instituts umfassend dokumentiert.

2. Ein weiteres bedeutendes Wissenschaftsgebiet, auf dem Kelsen tätig war, ist das österreichische Verfassungsrecht, das er seinen rechtstheoretischen Überlegungen entsprechend zu erforschen suchte. Vor allem während seiner Zeit in Wien betätigte er sich als Dogmatiker des Verfassungsrechts. Hervorzuheben sind hier der gemeinsam mit Merkl und Froehlich verfasste Kommentar zum Bundes-Verfassungsgesetz 1920 („Die Verfassungsgesetze der Republik Österreich V” [1922]) und das Buch „Österreichisches Staatsrecht” (1923).

In der Folge befasste sich Kelsen vermehrt mit dem Völkerrecht, so während seiner Aufenthalte in Köln und in Genf sowie später in den USA. Auch diesen Rechtsbereich erforschte er unter Zugrundelegung seiner rechtstheoretischen Einsichten, stieß damit aber bei vielen Kollegen auf Unverständnis. Trotzdem waren seine Bücher „ The Law of the United Nations” (1950) und „Principles of International Law” (1952) weit verbreitet. Siehe dazu Walter/Jabloner/Zeleny (Hrsg), Hans Kelsen und das Völkerrecht, Schriftenreihe des Instituts, Band 26 (2004).

3. Wesentliche und bis heute grundlegende Arbeiten verfasste Kelsen im Wissenschaftsbereich der Staatslehre und Politikwissenschaft. Hier interessierte ihn vor allem die Demokratietheorie. Sein Band „Vom Wesen und Wert der Demokratie” (2. Auflage 1929) zählt bis heute zu den Standardwerken. Hier ist auch Kelsens Auseinandersetzung mit dem Sozialismus zu erwähnen, so etwa in dem Buch „Sozialismus und Staat” (2. Auflage 1923).

Die ideologiekritischen Überlegungen Kelsens zeigen sich in vielen Bereichen seines Schaffens, nicht nur im soeben angesprochenen Bereich der Staatslehre, sondern auch in seinen Auseinandersetzungen mit der damals noch jungen Wissenschaft der Soziologie. Hinzuweisen ist insbesondere auf sein Buch „Vergeltung und Kausalität” (1941). Siehe dazu auch Walter/Jabloner (Hrsg), Hans Kelsens Wege sozialphilosophischer Forschung, Schriftenreihe des Instituts, Band 20 (1997).

4. Ein Schwerpunkt von Kelsens Forschungen waren Fragen der Abgrenzung zwischen der juristischen, normativen Betrachtung des Rechts und den empirischen Betrachtungen der Soziologie. In diesem Zusammenhang trat er immer für den eigenständigen Fortbestand der normativen Rechtswissenschaft ein, die im Gegensatz zu einer soziologischen Betrachtungsweise ihren Zweck in der intrasystematischen Beschreibung der geltenden Rechtsordnung sieht und nicht in der Erforschung der Auswirkungen des Rechts in der Wirklichkeit. Damit wurde Kelsen vielfach missverstanden und angefeindet; die Zulässigkeit, ja für gewisse Aufgaben sogar Notwendigkeit beider Betrachtungsweisen hat Kelsen, der Ausschussmitglied der Wiener soziologischen Gesellschaft war, nicht geleugnet, jedoch die strikte Trennung der beiden Betrachtungsweisen eingemahnt: Wenn nämlich allein rechtswissenschaftliche Aussagen erzielt werden sollen, so haben andere als normative Überlegungen keinen Platz. Angeführt sei hier der Band „Über Grenzen zwischen juristischer und soziologischer Methode” (1911) sowie die Auseinandersetzung mit Eugen Ehrlich („Eine Grundlegung der Rechtssoziologie” [1915]).

5. Schließlich befasste sich Kelsen auch mit Rechtsphilosophie und Gerechtigkeitslehre in wissenschaftlicher Weise. Von den alten Griechen bis zu rechtsanthropologischen Überlegungen reichte hier sein Blick. Auf die Werke „Was ist Gerechtigkeit?” (1953) und „Die Illusion der Gerechtigkeit” (1985) sei hier verwiesen. Siehe dazu auch Walter/Jabloner/Zeleny (Hrsg), Griechische Philosophie im Spiegel Hans Kelsens, Schriftenreihe des Instituts, Band 28 (2006).

Rechtspraktische Tätigkeit

Aus Kelsens praktischer juristischer Tätigkeit stechen zwei Bereiche besonders hervor: Zum einen war er als Konsulent der Staatskanzlei an der Ausarbeitung des Bundes-Verfassungsgesetzes von 1920 beteiligt. Nach den politischen Vorgaben entwickelte er mehrere Entwürfe, die zur Grundlage der weiteren politischen Beratungen wurden, denen er selbst - als parteiunabhängiger Experte - beigezogen wurde. Das Wissen um Kelsens Rolle bei der Entstehung des B-VG ist bis heute in Österreich Gemeingut. Siehe insbesondere Schmitz, Die Vorentwürfe Hans Kelsens für die österreichische Bundesverfassung, Schriftenreihe des Instituts, Band 6 (1981).

Nach seinem eigenen Zeugnis war Kelsen bei der Mitgestaltung des Bundes-Verfassungsgesetzes 1920 die Einrichtung einer umfassenden Verfassungsgerichtsbarkeit ein besonderes Anliegen; deren wesentliches Merkmal ist, dass der Verfassungsgerichtshof des Bundes-Verfassungsgesetzes 1920 die Befugnis erhielt, verfassungswidrige Gesetze aufzuheben, also aus dem Rechtsbestand auszuscheiden. Nach 1945 hat sich das von Kelsen mitgeprägte Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit in vielen Rechtskreisen durchgesetzt; Kelsens Einfluss auf diese Konstruktion ist nach wie vor bekannt.

Zum anderen war Kelsen von 1919 bis 1930 als Richter des Verfassungsgerichtshofes tätig; seine Rolle in diesem Gremium wurde umfassend von Walter, Hans Kelsen als Verfassungsrichter, Schriftenreihe des Instituts, Band 27 (2005) untersucht.

Dass Kelsen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen lehrte, wurde schon erwähnt. Neben diesen Lehrtätigkeiten war er aber auch, und zwar von 1910 bis 1919 regelmäßig, in der Volksbildung tätig, danach durch vereinzelte Vorträge bis ins Jahr 1928. Er hielt Kurse an den Volkshochschulen sowie im Rahmen der volkstümlichen Universitätsvorträge. Siehe dazu Ehs, Hans Kelsen und politische Bildung im modernen Staat, Schriftenreihe des Instituts, Band 29 (2007).