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Foucault hinterlässt der Wissenschaft mit seinen düsteren und verschrobenen Werken – wie man auch immer den Wert seiner Erkenntnisse beurteilen mag – einen kritischen Beitrag zur Geschichte des 19. Jahrhunderts. Oder allgemeiner: zur Geschichte der Menschheit. In seinem letzten großen Werk, einer mehrbändigen Geschichte der Sexualität, geht Foucault sogar bis in die Antike zurück und untersucht christliche und heidnische Sexualmoral. Langgezogene Sinnzusammenhänge breitet der Philosoph in seinen Büchern aus, oft bleibt er unklar und unverständlich. Dennoch, der bekennende Marxist, der von 1950 bis 1953 sogar Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs war, bekommt die prominentesten Lehrstühle an Frankreichs Elite-Unis, unter anderem am renommierten ‘Collége de France’ in Paris und an der ‘ENS’, der Ecole Nationale Superieure.
Für die einen ist er der Meister eines neuen historischen Denkens. Für die anderen ist Foucault das Abbild eines Wahns, dem nichts heilig ist, der ständig ‘dekonstruiert’, zuletzt die eigene – liebgewonnene – ‘Geschichte’ als Wissenschaft. Der homosexuelle Foucault infiziert sich in den ersten AIDS-Jahren der Achtziger mit dem tödlichen Virus. 1984 stirbt er und läßt ein Werk zurück, dass heute von Historikern, Soziologen und Philosophen in mehrere Etappen und Entstehungsphasen eingeteilt wird. Kaum möglich, lapidar über ‘den Foucault’ zu sprechen, weil jeder Diskutant einen anderen Foucault denkt. Also teilen die Foucault-Kenner ihren Meister in verschiedene Stadien auf – mit der Konsequenz, dass nur eine winzig kleine Elite über und mit Foucault sprechen oder streiten kann, weil keiner so richtig weiß, worauf man sich bezieht, wie sich die Grenzen zwischen ‘den Foucaults’ legitimieren und in welcher Etappe man sich befindet. Nimmt man etwa sein Leben in seiner chronologischen Folge als Anhaltspunkt für Zensuren? Oder bieten die Brüche, Widersprüche und Kontinuitäten seiner historisch-philosophischen Ansätze eine geeignetere Weise, Foucault zu konzipieren?
ISERNHAGEN, Stephan:TV-Inszenierung des Privaten. Die ewige Wiederholung. In: Die Gegenwart. Onlinemagazin Ausgabe 37.
http://www.diegegenwart.de/ausgabe37/foucault.htm