Archiv des Autors: Ingrid Thurner

Stammeskrieg im Südsudan?

Der Kommentar ist am 3. 1. 2014 in Die Presse erschienen.

Für die gegenwärtigen Schwierigkeiten im jüngsten Staat der Welt haben die europäischen Medien die älteste Erklärung parat. Sie muss bei allen Kriegen, Konflikten, Ehestreitigkeiten, und sogar bei Fußballausschreitungen auf dem afrikanischen Kontinent als Ursache herhalten: ethnische Differenzen.

Wie häufig bei näherer Betrachtung erweist sich solch simple Erklärung als simpel falsch. Derart eindimensional sind soziale Wirklichkeiten nicht, auch nicht in einem Staat, der seine Unabhängigkeit erst 2011 erlangte. weiterlesen »

Ist der Arabische Frühling noch zu retten?

Der Kommentar ist in leicht veränderter Form in der NZZ vom 31. 10. 2013 erschienen, ebenso auf Qantara und wurde ins Englische und Arabische übersetzt.

Neuerdings gefallen sich Medien darin, den Arabischen Frühling zu Grabe zu tragen, und zwar durchaus auch intellektuellere Blätter. Nachgerade wird ein arabischer Winter heraufbeschworen. „In Ägypten hat Demokratie keine Chance“, kann man lesen oder: „Das Experiment ist vermutlich für längere Zeit gescheitert“.

Dabei ist man in Syrien und Ägypten, in Tunesien und Libyen gerade mitten in der Arbeit, es wird gekämpft und gestorben, aber auch verhandelt. Nichts ist entschieden, in keinem der Revolutionsländer. Aber aus europäischen Mündern tönt es hämisch: „Ihr werdet es ja doch nicht schaffen.“ Warum geben wir ihnen keine Zeit? weiterlesen »

Wider besseres Wissen: Medien und Islam

Der Kommentar ist in Südwind, Oktober 2013 erschienen.

Die Berichterstattung liefert ein äußerst einseitiges Bild einer ganzen Religion, zusammengewürfelt aus wenigen Versatzstücken.

Wer Zeitungen liest, muss feststellen, dass Meldungen und Kommentare zu Islam auf wenige Themen reduziert sind: Kopftuch, Minarett, Polygamie, Zwangsheirat, Beschneidung, Ehrenmord, Terrorismus, Islamismus, Hassprediger, Unterdrückung. weiterlesen »

“Reality Queens auf Safari”

Die sogenannte Reality Show “Reality Queens auf Safari” von Prosieben wurde vorzeitig abgesetzt, nicht wegen der Rassismus-Vorwürfe von 22 NGOs, sondern wegen schlechter Quoten. Die Sendung fiel auf durch wilde Tiere, nackte Busen, geduldige Einheimische und dümmliche Dialoge. Sowohl aus ethnologischer, wie auch aus feministischer Perspektive ist sie ein Rückschritt in finstere Zeiten. weiterlesen »

Wer hat Interesse an Demokratie in Ägypten?

Der Kommentar ist am 20. 8. 2013 in Die Presse erschienen.

Vor Gläubigen und Theologen fürchtet man sich in aufgeklärten westlichen Ländern mehr als vor Generälen. Wie leise sind doch die Proteste aus Brüssel und Washington gegen das gezielte Morden in Kairo? Bloß um den Schein zu wahren legen sie zeitweise ein wenig an Schärfe zu. Die Medienberichterstattung ist tendenziös und überwiegend Anti-Mursi und Pro-Sisi. Hunderte Tote – und dennoch wird das Wort Massaker in Anführungszeichen gesetzt („Massaker“). Da ist die Rede von „Räumung“ oder „Auflösung“ der Protestlager, obwohl sie doch niedergewalzt und leer geschossen wurden. Da kann man lesen: „Es sieht aus wie ein Schlachtfeld“ – wo es doch eines ist. weiterlesen »

Mali und Europa

Der Kommentar erschien am 25. 7. 2013 gekürzt in der Wiener Zeitung.

Eine Jugend, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlt, setzt ihre Hoffnungen nicht auf die Präsidentschaftswahl und das Versprechen von drei Milliarden aus Washington und Brüssel. weiterlesen »

Das Afrikabild der Kronenzeitung

Sehr geehrte Redaktion,

wir erlauben uns, Sie darauf hinzuweisen, dass das Bilderrätsel in der Kronenzeitung vom 13. 7. 2013, S 66 einem gänzlich veralteten Afrikabild entspricht. Da werden Menschen reduziert auf wenige körperliche Merkmale wie Hautfarbe und Lippenform (beim Kind), die hypertrophiert werden. Solche Zeichnungen pflegen Leute mit Afrika-Bezug als rassistisch wahrzunehmen. weiterlesen »

Fatales Nicht-Schweigen eines Islamkritikers

Betr: Fatales Schweigen vieler Muslime, Standard, 24. 5. 2013

Sehr geehrter Herr Kirchengast, sehr geehrte Redaktion,

die Freude und das Lob über den Standard vom Samstag 18. 5. – den wir über weite Strecken schätzten, weil Diversität als Chance gesehen und nicht als Problem aufgebaut wurde – ist uns im Hals stecken geblieben, als wir den Kommentar „Fatales Schweigen vieler Muslime“ (24. 5.) lasen. Er hat die ganze schöne Wochenendausgabe Lügen gestraft. weiterlesen »

Die antimuslimischen Vorurteile pflegen

Der Kommentar erschien am 17. 5. 2013 gekürzt in der Wiener Zeitung.

„Mehrheit der Muslime weltweit für Scharia“, so oder so ähnlich lauteten weltweit die Schlagzeilen anlässlich einer Umfrage des Pew Research Center*), die dieser Tage für mediale Aufregung sorgte.
Es klang zugleich wie eine Anklage und wie ein Triumph, wie wenn endlich offiziell bestätigt würde, was man immer schon befürchtet hat. Aber was ist daran überraschend, wenn Muslime für die Scharia sind? Selbstverständlich befürworten die Angehörigen einer Religion ihre Glaubensinhalte. weiterlesen »

Marokko ist anders

Betr.: Sabine Scholl „Was wären wir ohne Fatima?“ im Standard, Album vom 20. 4. 2013.

Sehr geehrte Frau Scholl, 

mit zunehmendem Entsetzen lasen wir Ihren Text zu Marokko. Das ist eine Aneinanderreihung von negativ besetzten Worten und Wertungen (todgeweiht, räudig, stinkend, grob, sterbend, muffeln, Staubschichten und Sand, stinkt, Blut, Exkremente, tot, getötet, Ansteckungsgefahr, Gestank, Latrine, dreckig, kotzen und so fort). In diesem Reisebericht dürfte die häufigste beschreibende Vokabel das sympathische Wörtchen „stinken“ in all seinen grammatischen Variationen sein. weiterlesen »