Archiv des Autors: Ingrid Thurner

Ist bei Satire alles erlaubt?

Der Kommentar erschien am 15. 1. 2015 in der Wiener Zeitung.

Von Heidi Weinhäupl und Ingrid Thurner

Keine Verbote, aber mehr Reflexion in den Redaktionen

Angesichts der Terroranschläge in Paris findet derzeit eine reflexartige Solidarisierung mit Inhalten statt, die davor von vielen als diskriminierend gesehen worden wären. Wer anzweifelt, dass Satire alles darf, wird in dieser polarisierten Diskussion häufig abgestempelt: Als Befürworterin des Terrors oder als argloser „Gutmensch“, je nach Religionszugehörigkeit. Um alle Zweifel auszuschließen: Terror und Gewalt befürworten wir in keiner Situation. Doch was manche Cartoons betrifft, ist die Welt nicht nur schwarz-weiß, sondern komplizierter. weiterlesen »

Möchtegern-Islamexperten

Der Kommentar ist am 13. 1. 2015 in Die Presse und am 15. 1. 2015 in Die Furche erschienen.

Der Flächenbrand im Nahen Osten produziert im Schnellverfahren Möchtegern-Islamexperten. In letzter Zeit häufen sich wieder die Anti-Islam-Texte, im Kurier vom 5. 1. („Zehn aktuelle Thesen zum Islam und Europa“), in der Presse vom 3. 1. („Die Sache des Leviathan“), in der Wiener Zeitung vom 27. 12. 2014 („“Die Wahrheit ist zumutbar, auch dem Islam“).

Mit wenig Recherche und vielen Vorurteilen wird da Meinung produziert und verbreitet, Sachkenntnis scheint nicht vonnöten, dass man eine Plattform in einer Zeitung findet. Leider häufen sich nicht in gleicher Zahl die Gegenstimmen, die Islamverbände und muslimischen Kommentatoren des Landes sind es anscheinend leid, den immer gleichen Anschuldigungen gegen ihren Glauben zu begegnen. Und wir von der Teilnehmenden Medienbeobachtung haben auch schon häufig darauf hingewiesen, dass man nicht immer wieder der Religion und ihren Angehörigen zur Last legen kann, was in Wirklichkeit Kämpfe um Macht und Ressourcen und geopolitische Vorherrschaft sind. weiterlesen »

Lernt Geschichte!

Der Kommentar erschien am 12. 11. 2014 in der Wiener Zeitung.

Der Islam ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Verfolgt man die Berichterstattung der letzten Jahre zum Thema Islam und Terrorismus, so stellt man ein bestimmtes Muster fest: Die einen, eher rechts Gerichteten, erklären, der Islam begünstige Gewalt und Terror, und sie begründen das mit Zitaten aus dem Koran und Hadithen. Die Anderen widersprechen, behaupten, der Islam sei eine Religion des Friedens und sei perfekt mit Demokratie vereinbar, wenn der menschliche und der politische Wille gegeben seien. Auch dieser Standpunkt wird mit Textstellen aus den heiligen Schriften untermauert, ihn vertritt die Teilnehmende Medienbeobachtung in vielen Kommentaren.

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Sippenhaftung für Muslime

Der Kommentar erschien am 6. 11. 2014 in Die Furche, S 14.

Warum werden hierzulande alle mit muslimischen Wurzeln ohne Unterschied unentwegt aufgefordert, sich öffentlich gegen kriminelle Aktivitäten von Muslimen zu stellen?

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Gottesstaaten überall?

Der Kommentar erschien am 20. 8. 2014 in der Wiener Zeitung.

Was hat Gott mit den Kriminellen zu tun, die unter Missbrauch der Religion in mehreren Ländern Terror verbreiten?

In letzter Zeit werden in deutschsprachigen Medien eine Unzahl von Gottesstaaten heraufbeschworen, wenn nicht herbeigebetet. Es besteht allerdings wenig Aussicht, dass Gott demnächst im Irak, in Syrien, in Mali, in Nigeria, in Afghanistan, in Somalia oder sonst irgendwo regiert, denn diese Hoffnung beruht vorläufig nur auf der Tatsache, dass gut organisierte Verbrecherbanden sich beim Morden, Plündern und Brandschatzen auf die Religion berufen. weiterlesen »

Im Zweifel gegen ein Burka-Verbot

Der Kommentar erschien am 9. 7. 2014 in der Wiener Zeitung.

Niemand darf einer Frau die Verhüllung aufzwingen – und niemand darf sie ihr verwehren.

Die Debatte um ein Verbot der weiblichen Ganzkörperverhüllung in der Öffentlichkeit ist dominiert von ethnologischer Unkenntnis, historischen Wissenslücken, hastig zusammengegoogelten Erläuterungen und an den Haaren herbei gezogenen Argumenten. Sie hat viele Mitwirkende, selbsternannte Fachleute, wohlmeinende Feministinnen, rechts stehende Parteien und ihre medialen Sprachrohre. Nicht thematisiert werden die Wünsche und Bedürfnisse derjenigen, die ein solches Kleidungsstück tragen könnten, die ganze Diskussion findet nahezu unter Ausschluss von Musliminnen statt. Zur Verdeutlichung von Standpunkten sind sie auf soziale Netzwerke und Blogs verwiesen, auf Druckwerke mit geringen Auflagen oder beschränkten Zielgruppen.

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Himba: Leben wie vor 500 Jahren?

Sehr geehrte Redaktion,

der Bericht “Leben wie vor 500 Jahren” des Deutschlandfunk vom 22. 6. 2014 hat uns über weite Strecken gefallen, weil er nicht bloß wie so oft die Kuriositäten voyeuristisch vorführt, sondern Kulturelemente, die mitteleuropäischen Interessierten unerklärlich sein müssen, in verständlicher Sprache in ihren sozialen Zusammenhängen erläutert.

Dennoch erlauben wir uns, auf einige Widersprüche aufmerksam zu machen. weiterlesen »

Islamfeindlichkeit als Kalkül

Sehr geehrter Herr Ortner,

Ihre grundsätzlich islamfeindliche Haltung ist sattsam bekannt, solche Artikel wie in Die Presse am 13. 6. 2014 bieten gute Chancen abgedruckt zu werden, die bei anderen Themen weit weniger gegeben sind. Es läge in der journalistischen, redaktionellen und verlegerischen Verantwortung, nicht gegen Gläubige zu hetzen, sondern zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen zu vermitteln und genau die Missverständnisse auszuräumen, die hier mit Genuss und Unkenntnis aufgebaut werden. weiterlesen »

Hadza: Von wegen Besitzverweigerer

Der Artikel ist erschienen im Standard, 23. 5. 2014.

Seit Langem geistern immer wieder Hadza durch die Medien, in diesem Fall im Artikel „Besitz macht ökonomisch unvernünftig“ (Standard 21. 5. 2014), als eines „der letzten Jäger- und Sammler-Völker dieser Erde“. Dazu ist zu sagen, dass das Aussterben von Kulturen, die aneignende Wirtschaftsformen wie Jagen und Sammeln betreiben, seit mindestens Anfang des 19. Jahrhunderts vorausgesagt wird – und dass es sie nach wie vor auf allen Kontinenten gibt. Und wenn sie „völlig abgeschieden von der Umgebung leben“ könnten, würden sie nicht für absonderliche Projekte von Universitäten zur Verfügung stehen müssen. weiterlesen »

Stammeskrieg im Südsudan?

Der Kommentar ist am 3. 1. 2014 in Die Presse erschienen.

Für die gegenwärtigen Schwierigkeiten im jüngsten Staat der Welt haben die europäischen Medien die älteste Erklärung parat. Sie muss bei allen Kriegen, Konflikten, Ehestreitigkeiten, und sogar bei Fußballausschreitungen auf dem afrikanischen Kontinent als Ursache herhalten: ethnische Differenzen.

Wie häufig bei näherer Betrachtung erweist sich solch simple Erklärung als simpel falsch. Derart eindimensional sind soziale Wirklichkeiten nicht, auch nicht in einem Staat, der seine Unabhängigkeit erst 2011 erlangte. weiterlesen »