LeserInnenbrief zu “Neue Wege gegen Arbeitslosigkeit bei Migranten”

Sehr geehrter Herr Gerald John, sehr geehrte Standard-Redaktion,

mit Bedauern habe ich den Beitrag “Neue Wege gegen Arbeitslosigkeit bei Migranten” gelesen (erschienen am 28.10.2011 in der Printausgabe).

Ohne die genannten Fakten bezüglich der Arbeitslosigkeit anzuzweifeln, halte ich deren Darstellung für sehr unglücklich gewählt. Als Einstieg folgt ein Stereotyp dem nächsten. „Sie kommen oft in Begleitung, manchmal mit der halben Familie im Schlepptau. Stumm sitzen die Frauen da, das Kopftuch ins Gesicht gezogen, während der Mann an ihrer Seite das Wort führt. Zieht die Beraterin ihnen doch ein paar Sätze aus der Nase, offenbart sich nicht selten holpriges Deutsch.“

Was wie ein Rätsel klingt – mit der richtigen Antwort „Türkische Mädchen und Frauen zählen zur schwierigsten Klientel von Jobvermittlern“ – ist vielmehr die Festschreibung immer wieder bedienter Stereotype.

Natürlich motiviert es zum Weiterlesen, wenn das in der Bevölkerung bereits vielfach vorherrschende Bild über Mitbürgerinnen mit türkischem Migrationshintergrund bestätigt wird. Einer Qualitätszeitung würdig ist es jedoch nicht. Für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt braucht es gegenseitige Anerkennung und Respekt. Eine Darstellung, wie die oben zitierte, wirkt aber genau diesen Aspekten entgegen und trägt somit eher zum Gegenteil bei.
Die spätere Relativierung, dass nicht alle in einen Topf zu werfen wären, ist höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein, der das bereits gezeichnete Bild nicht mehr ins Wanken bringt.
Sie zitieren einseitig eine AMS-Beraterin und übernehmen das Bild der rückständigen hierarchischen türkischen Familie. Doch wer hat die Beratenen gefragt? Frust über beengte Familienverhältnisse gibt es sicher, doch wer sich das von der Seele redet, kommt nicht in Begleitung der halben Familie. Insofern liefert die AMS-Vize-Geschäftsführerin hier ein widersprüchliches Bild.

Was die große Bedeutung der Bildung betrifft, ist Ihrem Artikel sicherlich zuzustimmen. Es ist jedoch bereits hinreichend bekannt, dass die Grundvoraussetzung für den Erwerb einer Zweitsprache das perfekte Beherrschen der Muttersprache ist. Dass fast die Hälfte der jugendlichen Klientel zu Hause ausschließlich in der Muttersprache spricht, ist daher nicht unbedingt zu kritisieren. Eher wäre zu hinterfragen, warum dies nicht auch die andere Hälfte tut und welche Folgen dies hat – nämlich Fehler einzulernen und weder in der einen noch in der anderen Sprache wirklich sattelfest zu sein. Wichtig wäre muttersprachlicher Unterricht, um die Erstsprache auch schriftlich zu erlernen.
Zusätzliche Mittel für den Kampf gegen Arbeitslosigkeit sind durchaus zu begrüßen, es braucht jedoch Bewegung auf beiden Seiten. Solange österreichische Unternehmen nicht gewillt sind Frauen mit Migrationshintergrund einzustellen, sind diverse Bildungskampagnen gerade einmal ein netter Anfang.

Ich würde mir wünschen, dass ohnehin heikle Themen unserer Gesellschaft in einem Qualitätsblatt wie dem Standard innovativer aufgearbeitet werden anstatt immer wieder in dieselbe Klischeekiste zu greifen. Neue Wege (wie es im Titel so schön hieße) sind gefragt.

Mit freundlichen Grüßen,
Mag.a Susanna Reiskopf, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)

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