Zum Hadsch. Die Pilgerfahrt nach Mekka.

Betr:  Die Presse, Fotoserie “Hadsch nach Mekka: Die größte Pilgerreise der Welt” (Abfrage 9. 11. 2011, 14:35)

Sehr geehrte Redaktion,

es ist erfreulich, dass die Presse für  Interessierte die Pilgerfahrt nach Mekka in Wort und Bild veranschaulicht, es haben sich dabei jedoch Irrtümer und Ungenauigkeiten eingeschlichen.

1: Dies ist nicht die größte Pilgerreise der Welt, sondern die größte, jährlich stattfindende. Es heißt “der” Hadsch und nicht “die” Hadsch, im Arabischen ist das ein maskulines Wort, der Duden weiß das auch.

7, 15, 17, 19, 21, 23, 25, 29: Mehrere Fotos zeigen den Berg Hira, sind aber mit falschen Bildtiteln versehen. Der Besuch der Höhle Hira, in der der Prophet Muhammad seine erste Offenbarung erhielt, ist nicht Teil des Hadsch, keineswegs alle Gläubigen suchen sie auf.

13: Die merkwürdigen Bezeichnungen “große” und “kleine” Wallfahrt sind eine europäische Erfindung, im Arabischen heißen die zwei Formen des Pilgerns Hadsch (Ḥaǧǧ) und Umra (ʿumra).

19: Das Bild zeigt nicht den Lauf zwischen den Hügeln Safa und Marwa, sondern das Besteigen des Bergs Hira.

20: Hier ist nicht die Wanderung zum Berg Arafat dargestellt, sondern ein Platz vor der Moschee al-haram in Mekka, und zwar nicht während des Hadsch, denn die Leute tragen eben nicht den Ihram (für Männer zwei weiße Tücher), sondern Alltagskleidung. Ihram heißt der Weihezustand und das Gewand, der Gläubige selbst im Ihram heißt Muhrim (fem. Muhrima).

21: Dies ist nicht die Ebene Muzdalifa, in der die Kieselsteine gesammelt werden, die Aufnahme stammt vom Berg Hira.

22: An vielen Orten der Welt opfert der Familienvater den Hammel, nur gerade nicht in Mina, dort passiert das Schlachten im Schlachthaus und liegt ausschließlich in professionellen Händen, alles andere ist nach Verfügungen der saudischen Behörden illegal. Im Rahmen des gesamten Hadsch sehen, hören und riechen die Gläubigen vom Schlachten nichts. Es besteht demnach aus dokumentarischer Sicht kein Anlass für die Veröffentlichung blutrünstiger Fotos.

25: Die Fahrt nach Medina und die Gebete am Grab des Propheten sind nicht Teil des Hadsch. Der Titel Hadsch (fem. Hadscha) wird auch erworben, wenn Medina nicht aufgesucht wird.

Nur die spektakulären Ereignisse und Dinge sind in dieser Fotoserie dargestellt und keineswegs diejenigen, die Muslime als die Wichtigen erachten würden. Für die Gläubigen stehen die einzelnen Etappen der Pilgerfahrt im Mittelpunkt, das spirituelle Erleben, die Begegnungen mit Angehörigen ihrer Religion aus allen Teilen der Welt. Negative Begleiterscheinungen werden sehr bedauert, aber keineswegs ins Zentrum der Betrachtung gerückt.

In diesen Bildern und Bildtiteln hingegen findet sich eine Überbetonung von Sicherheitskräften, Steinigung des Teufels, geschlachteten Widdern, viel Blut und viele Tote, Unfälle und Attentate. Gilt  auch hier: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten?

Statt dessen könnte man auch Hintergründe, Historie und Sinn der Pilgerfahrt erklären, beispielsweise, dass sie zu Ehren von Abraham stattfindet, der als Ahnherr der drei großen monotheistischen Religionen im Mittelpunkt der Rituale steht.

Oder dass das Besteigen des Bergs Arafat das zentrale Ereignis des Hadsch ist: 2,9 Millionen Menschen[1] aus fast allen Staaten der Welt, weiß gekleidet, stehen – alle gemeinsam – von Mittag bis Sonnenuntergang im Tal, weil auf dem Berg selbst nicht genug Platz ist, preisen Gott und reflektieren ihr Leben. Und wenn Gott die Pilgerfahrt annimmt, sind alle Sünden vergeben.

Man könnte auch darauf hinweisen, dass der Hadsch ein emotional stark besetztes, tiefes spirituelles Erleben bedeutet. Er ist ein Sinn und Identität stiftendes, das Gemeinschaftsgefühl förderndes Ritual, die wichtigste Begebenheit in der religiösen Biografie der muslimischen Gläubigen und für viele das bedeutendste Ereignis in ihrem Leben.

Ingrid Thurner
Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien

[1] Laut Central Department of Statistics and Information absolvierten 2,927,717 Personen im Jahr 2011 den Hadsch (Quelle).

2 Kommentare

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  1. Roland Grube

    Diese Richtigstellung enthält leider selbst wieder Irrtümer und Ungenauigkeiten.

    1. Es heißt sowohl “der Hadsch” als auch “die Hadsch”. Die weibliche Form wird etwa von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich oder dem Zentralrat der Muslime in Deutschland gebraucht. Was der Duden nicht weiß, ist deshalb nicht falsch.

    2. Der bzw. die Hadsch wird – ich zitiere aus dem ‚Handbuch Islam’ von Ahmad A. Reidegeld, Spohr Verlag 2008, S. 589 – „im Deutschen und in anderen nichtarabischen Sprachen oft auch als ‚große Pilgerfahrt’ bezeichnet, während man die Umra ‚kleine Pilgerfahrt’ nennt.“ Keineswegs sind diese Bezeichnungen „merkwürdig“, man findet sie zum Beispiel auch in den Prospekten muslimischer Reiseagenturen.

    3. „Im Rahmen des gesamten Hadsch“, schreiben Sie, „sehen, hören und riechen die Gläubigen vom Schlachten nichts.“ Das stimmt nicht. Viele Pilger suchen die Schlachthöfe eigens auf, um der Schlachtung ihres Opfertiers zuzusehen oder sie sogar selbst vorzunehmen (‚Many Want to Slaughter Animals Themselves’, Arab News, 21. Januar 2005). Die Schlachthöfe liegen nahe der Zeltstadt, eine der Straßen von Muzdalifa nach Mina führt an ihnen vorbei, und in der Nacht auf den 10. Dhu l-Hijja passieren auf dem Rückweg von Muzdalifah Hunderttausende von Pilgern die Schlachthöfe und Pferche und Viehhallen. Der Ethnologe Abdellah Hammoudi hat diese nächtliche Vorbeifahrt in seinem Buch ‚Saison in Mekka – Geschichte einer Pilgerfahrt’ (Verlag C. H. Beck 2007, S. 230ff.) beschrieben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Roland Grube, Berlin

  2. Ingrid Thurner

    1. Im Arabischen ist “der Hadsch” ein maskulines Wort, und die Termini, die auf die Religion bezogen sind, werden nun einmal nicht in andere Sprachen übersetzt. Wenn islamische Gruppen im deutschsprachigen Raum den femininen Artikel verwenden, zeigt dies nur, dass sie sich dem Gebrauch in ihrem Umfeld angepasst haben, ein Hinweis darauf, dass Kulturen in der Diaspora sich ändern. Aus theoplogischer Sicht ist es dennoch falsch.

    2. Das gleiche gilt für die Bezeichnungen “große” und “kleine Pilgerfahrt”. Im Arabischen existieren sie nicht, sie sind von den Gruppen, die sie nutzen, aus dem deutschsprachigen Umfeld übernommen worden.

    3. Was die Pilger wünschen und was die Behörden wünschen ist nicht immer das gleiche. Individuelle Schlachtungen gelten als illegal und werden zunehmend unterbunden. Aber nicht alle wollen das Schlachten delegieren, manche begeben sich deswegen absichtlich an den Schlachthof, um es wenigstens zu beobachten. Tut man dies nicht, bekommt man – nach übereinstimmender Auskunft von mir interviewter marokkanischer Pilger – vom Schlachten nichts mit.

    Abzulehnen ist jedenfalls, dass gerade dieser Aspekt des Hadsch, der hierzulande auf Befremden stößt, in Medien und Berichten immer wieder besonders betont wird, während das für Muslime wichtigste Ereignis, das Verweilen auf dem Berg Arafat, kaum je zur Sprache kommt.

    Ingrid Thurner

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