LeserInnenbrief zu “Facebook-Gesichtsverlust”

Sehr geehrter Herr Rauscher, sehr geehrte Standard-Redaktion,

Ihr Kommentar “Facebook-Gesichtsverlust” (Printausgabe 22.11.2011) macht Sie kein bisschen jünger, cooler oder urgeiler, als Sie es Werner Faymann vorwerfen nicht zu sein. Das Einserkastl wird als Plattform genützt, um auf Mitmenschen mit Migrationshintergrund hinzuprügeln – aus welchem Anlass auch immer.

Ich kenne keine Statistiken – und ich frage mich auch, wie man diese erstellen sollte –, die darauf hinweisen, dass mehrheitlich Migranten nächtens in Discos, Parks oder auf den Straßen für Aufruhr sorgen. Die eigene Erfahrung zeigt, dass an unangenehmen Vorfällen eher ein erhöhter Alkoholspiegel als irgendeine nationale Zugehörigkeit schuld ist. Nebenbei bemerkt ist in solchen Situationen die Herkunft völlig irrelevant und könnte höchstens durch vorurteilsbehaftetes Denken (Urteile aufgrund von Sprache oder vielleicht gar Hautfarbe?) vermutet werden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in Konfliktsituationen zuerst Pass und Stammbaum verlangt, um das Gegenüber seiner Meinung nach richtig einschätzen zu können.

Mit freundlichen Grüßen
Mag.a Susanna Reiskopf
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)

Antwort von Hans Rauscher:

Sehr geehrte Frau Reiskopf,

danke für Ihre kritischen Anmerkungen. Es liegt jedoch ein Mißverständnis, bzw.ein zu kleiner Auschnitt der Realität Ihrerseits vor. Ich werfe Hr.Faymann nicht vor, dass er nicht cool etc.ist und ich will auch nicht cool etc.in diesem Sinn sein. Die allermeisten Poster und Leserbriefschreiber haben das übrigens auch so gesehen. ich meine nur auf Grund jahrzehntelanger Politikbeobachtung, dass man nicht versuchen soll, etwas zu sein, was man nicht ist.

Zu den Migranten: Meine konkrete Formulierung wurde durch das Erlebnis einer Diskussion mit mehreren hundert Schülern im Volkstheater ausgelöst: dort stand eine 17jährige auf und sagte, sie wähle Strache, weil der was gegen die Türkenbuam tut, die im Park “Christenf…” zu ihr sagen. Darauf applaudierten rund 25 Prozent des Publikums, andere widersprachen, es kam zu einer äußerst lebhaften Diskussion, in der auch andere, Burschen wie Mädchen, ähnliche Erlebnisse berichteten. Das ist Teil der Realität, die ich beschreibend, nicht wertend berichte.

MfG

HR

2 Kommentare

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  1. Susanna Reiskopf

    Sehr geehrter Herr Rauscher,

    vielen Dank für Ihre rasche Rückmeldung.

    Ich finde die Diskussion im Volkstheater als Grundlage für Ihre Aussage sehr interessant. Es wäre schön, wenn derartige Erfahrungen und Hintergründe in Ihren Texten auch als solche gekennzeichnet sind, da dies Pauschalierungen vorbeugen würde. Ca. 25% beifallstimmende SchülerInnen sind natürlich nicht die Mehrheitsmeinung, wenn auch Realität, die ich nicht leugnen möchte. Wenn die Diskussion rege war, wäre es gerade wichtig, auch die Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Unter den SchülerInnen war mit Sicherheit ein hoher Anteil, der selbst Migrationshintergrund hat.

    Sie haben als Journalist einen wunderbaren Beruf, formen und bestätigen täglich die Meinungen der LeserInnen. Gerade das bringt enorme Verantwortung mit sich. Anstatt die fragwürdige Meinung der 25% zu stärken und dadurch die unterschiedlichen Fronten zu verfestigen, würde ich mir wünschen diese Meinung zu hinterfragen und aufzuarbeiten. Nur so kann das gesellschaftliche Miteinander gefördert werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Mag.a Susanna Reiskopf

  2. Super, endlich ein guter Artikel, vielen Dank. Muss man erstmal verarbeiten. Generell finde ich diesen Blog leicht zugaenglich.

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