Inflationäre Verwendung des Begriffes Islamismus

Sehr geehrte Frau Smekal, sehr geehrte Redaktion,

es ist erfreulich, dass der Kurier am 18. 5. 2012 einen Bericht über Marokko bringt, auch wenn es dazu eines Besuches von Außenminister Spindelegger im Lande bedarf. Aber es ist bedenklich, wenn immer wieder in europäischen Medien, so auch in diesem Artikel, demokratisch gewählte Regierungen und Terroristen in einem Atemzug mit dem Adjektiv islamistisch versehen werden.

Die marokkanische Koalition wird angeführt von einer rechtskonservativen Partei, die die religiösen Traditionen des Landes achtet. Was ist daran islamistisch? Der Zwischentitel „Islamisten-Premier“ klingt wie ein Schimpfwort für einen auch bei seinen politischen Gegnern hoch angesehenen Mann. Niemand kommt auf die Idee, europäische Parteien, die sich auf christliche Werte berufen, wie ÖVP, CDU oder CSU christistisch, katholizistisch oder fundamentalistisch zu nennen.

Dann werden auch noch ein paar Zeilen weiter Terrorakte mit Islamismus in Zusammenhang gebracht. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Gewalttaten und Morde vom Islam ebenso geächtet werden wie vom Christentum. Mit diesen Begriffen diskreditiert man gleichzeitig eine Regierung, in die weite Teile des Volkes große Hoffnungen setzen, und eine ganze Religion samt ihren rund 1,3 Milliarden Angehörigen. In beiden Sprachzusammenhängen sind die Worte Islamismus und islamistisch unangebracht, und Redakteure und Redakteurinnen werden gebeten, sie aus ihrem aktiven Wortschatz zu löschen.

Mit freundlichen Grüßen

Ingrid Thurner

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