Fußball als gelebter Klischee-Krieg: Zu Hans Rauschers „Einserkastl“ „Laufende Tattoos“ in Der Standard vom 22./23.06.2012

Manche Dinge kehren immer wieder. Man kann sich auf sie verlassen. Manche von ihnen begrüßt man wie alte Freunde, andere weniger. Eines dieser weniger erfreulichen Dinge ist die in etwa jährlich wiederkehrende, klischeehafte Kolumne von Hans Rauscher zum Thema Tätowierungen (zuletzt im Mai 2011).

Die Darstellung wiederholt sich immer wieder, deshalb ist es müßig, immer wieder die gleichen Gegenargumente zu bringen.

Dieses Mal greift Hans Rauscher auf Peter-Philipp Schmitts Artikel „Sich seiner Haut erwehren“ vom 21.6.2012 in der FAZ zurück. Die Experten, die dort angegeben werden, sind Stephan Oettermann und sein 1979 (!) erschienenes Buch „Zeichen auf der Haut“ und der nicht wenig umstrittene Medizin-Psychologe Erich Kasten (nicht: Kastner). Deren Thesen vom Fußball als Gladiatorenschauspiel und der Psychopathologie von Tattoos kann man diskutieren. Die „sublimierten Stammeskriege“ der Tätowierten sind dann wieder eine typisch gerauscherte Verkürzung. Für Rauscher bleiben Tätowierte irgendwo zwischen „Gewohnheitskriminellen, Maori-Kriegern und Angelina Jolie“, letztlich genau wie die Fußballfans „heulende Wilde“ oder im besten Fall ‑ die von Erich Kasten zitierten „Mitläufer“.

So geht es natürlich auch. Das ist allerdings wieder einmal nur eine „sublimierteWiedergabe von Klischees und Vorurteilen“ (um Rauschers „Stammeskrieg“-Metapher aufzugreifen). Und diese Klischees haben nur mit einem Teil der Wirklichkeit zu tun.

Es gibt immer mehr Tätowierer und Tätowiererinnen mit künstlerischem Wissen und Können, neuen Techniken und Materialien. Es gibt auch viele Studien über die Gründe und Bedeutungen von Tätowierungen, die nicht nur die bloße Nachahmung von medialen Vorbildern und Moden betonen.Dazu zählen etwa: der Wunsch und die Lust den eigenen Körper zu verschönern; der Wunsch nach Andenken, Spiritualität, Gruppenzugehörigkeit, Selbstwertgewinn, Rebellion und und und. Tätowierte sind noch lange nicht arbeitslos oder aus der Unterschicht. Im Gegenteil, es gibt sie überall. Von der deutschen Ex-Bundespräsidenten-Gattin, der Verkäuferin im Supermarkt bis eben hin zum Fußballspieler oder -fan. Auch das beweisen viele Studien. Die meisten Tätowierten sind auch keine GewalttäterInnen oder VerbrecherInnen. Und schon gar keine „heulenden Wilden“.

Bei Rauschers „Einserkastl“ bleibt es bei einem „sublimierten Klischee-Krieg“ über Tätowierungen. Und es bleibt … zum Heulen.

 

Bis zum nächsten Jahr …

Mag. Igor Eberhard

(abgedruckt im Standard vom 29. Juni 2012)

Der Text von Rauscher zum Nachlesen hier: http://derstandard.at/1339638746511/Einserkastl-rau-Laufende-Tattoos?seite=2#forumstart

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