Nachhaltigkeit als Fortschrittsfeind?

LeserInnenbrief zum Profil-Artikel Retro-Industrie: So schön gemütlich hier von Wolfram Weimer

Sehr geehrter Dr. Weimer,

mit Vergnügen habe ich ihre pointierte Beschreibung aktueller Trends gelesen, aber: Wie kommen Sie darauf, dass Nachhaltigkeit und “Entschleunigung” Fortschrittsfeinde sind? Repräsentieren sie nicht genau jene Richtung, in die die Menschheit fortschreiten sollte, wenn Ressourcen zur Neige gehen, Nahrungsmittel und Kinderspielzeug krank machen, Schulmedizin von den Interessen von Pharmafirmen kontrolliert wird und Menschen bei der Herstellung unserer technischen Geräte ausgebeutet werden? Sie machen mit ihrem Text genau das, was Sie den “Idyllianern” vorwerfen: Sie zementieren Überholtes. Entwicklung soll offenbar nicht weitergehen, wenn sie sich dabei – wie es ein Entwicklungsprozess impliziert – dynamisch anpasst.

Und dabei halten Sie auch noch an dem längst überholten Muster fest, Europa wäre die Wiege des Prozessualen und hätte Fortschritt in die Welt gebracht. Wo werden in dieser vermeintlichen Heilsgeschichte die modernen Hilfsmittel Kolonialismus und Imperialismus erwähnt? Das ist Eurozentrismus, Schönfärberei und Fortschrittsfeindlichkeit in einem.

Mit freundlichen Grüßen,

Mag.a Eva Kössner

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive (www.univie.ac.at/tmb)

(Eine gekürzte Fassung des LeserInnenbriefs wurde im Profil vom 9. Juli 2012 abgedruckt.)

Ein Kommentar

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  1. Frank Broszeit

    Danke Eva!

    Manchen Schreiberlingen muss man einfach den Kopf waschen! Ich kann es mir auch nicht verkneifen die ein oder andere Zeile zu verlieren:

    Retro muss weder g’mütlich, noch g’schmackig sein, wie zahlreiche Modetrends immer wieder aufs neue zeigen. Ebenso verhält es sich mit Herrn Weimers Artikel.

    Nachhaltigkeit und deren Auswüchse zu diskutieren und zu kritisieren darf, soll und muss sein. Dies fällt allerdings schwer wenn in einer Analyse ein Wildwuchs von Themen einsetzt. In diesem Sinne, rann ans Unkraut jäten!

    Konsumgewohnheiten ändern sich und bringen nicht nur fleißige Gärtner_Innen ins Schwitzen, sondern auch Fachleute die sich mit Konsum und Marketing auseinanderzusetzen haben. Anstatt mehr über diese Veränderungen, Ursachen und Auswüchse zu erfahren, wird ein polemisches Ragout gekocht. In österreichischer Manier werden anonym, ewig Gestrige zubereitet. Der Artikel bewegt sich in der Dichotomie von Altbacken vs. Modern. Wobei gerade die Moderne mit technologischem Fortschritt gleichgesetzt wird. Hatten wir das nicht schon mal?

    Gerade Wissenschaft kann kein unumstrittenes Wissen mehr liefern. Die Ökologie und die Debatten um die Berichte der International Climate Change Partnership sind nur einige der prominenteren Schlachtfelder auf denen dieser Autoritätsverlust ausgetragen wird. Darüber erfährt man leider in populärwissenschaftlichen Sendungen wenig. Printmagazine schweigen beharrlich darüber wie manche Positionen innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin umkämpft sind. Schauen wir uns nur mal die Tomaten in unserem Garten an. Ein Molekularbiologe erzählte mir, dass die Biotomaten in Nachbars Garten einen höheren Ertrag liefern, wenn sie sich eben nicht an der Stange hoch hangeln müssen sondern ebenerdig wachsen. Dies bringe natürlich andere Probleme mit sich wie höherer Arbeitseinsatz und andere Varianten der Schädlingsbekämpfung. Wie es nun wirklich ist, bleibt schwer zu sagen. Manche Menschen versuchen gerade darauf eine Antwort zu finden und richten ihre Lebensentwürfe darauf aus an einem besseren Leben zu arbeiten.

    Dies pauschal abzuwerten zeugt von Ignoranz. Aber machen wir doch einen Zeitsprung. Stellen wir uns vor, Technologie in Form von Erntemaschinen, Düngemitteln und Gentechnik könnte die Welt verändern. Kein Hunger mehr, alle leben im Überfluss. – Idyllisch nicht wahr? Dieses Entwicklungsdenken wurde auch „grüne Revolution“ genannt. Meines Wissens nach, gibt es inzwischen mehr Hunger, Armut und ökologische Probleme auf der Welt. Ohne Agrarwissenschafter oder Ökonom zu sein, vermute ich mal, dass da irgendetwas nicht funktioniert hat. Eine rein technologische Lösung – gerade auch des Klimawandels – ist und bleibt Science Fiction. Zu sehen in Star Trek oder Doctor Who, ein Gerät surrt und das Problem ist gelöst. Jäten ist beschwerlich, ebenso wie der Umgang und das Unbehagen von nicht intendierten Effekten unserer Fortschrittsgläubigkeit.

    Diese Probleme haben auch Weltverbesserer, die zum Glück immer öfter zur Reflexion der eigenen Tätigkeiten gezwungen werden oder sich zumindest mit medialen Echos auseinander setzen müssen. Dieser Tage bekommt sogar ein WWF seinen Garten auf Vordermann gebracht. Recht zaghaft, aber immerhin.

    Doch weiter mit der Moderne und Europas Siechtum wie es von Herrn Weimer postuliert wird. Europa sei durch Erfindergeist reich geworden. Dem muss man entgegenhalten, dass je nachdem wo man die historische Messlatte ansetzt, Europa einen Aufschwung erlebte, weil es Rückständig war. Und zwar so Rückständig, dass andere Großreiche sich an China ausrichteten und es durch diese Änderung der geopolitischen Lage erst ermöglicht wurde, im „heiligen Land“ plündern zu gehen. Dort eignete man sich auch einiges an Wissen an, dass Jahrhundertelang in Europa verpönt war. Neben diesen historischen Ungenauigkeiten sind Mythen zu finden. Nehmen wir den Erfindergeist als Beispiel. Im Bezug auf die Industrialisierung in Großbritannien, gehen Historiker seit den 1980er Jahren davon aus, dass sich verändernde Konsumgewohnheiten stark auf die Industrialisierung auswirkten. Konsum – auch in Form von öko-sozialen Weltbildern – muss also kein Widerspruch zu technologischer Entwicklung sein. Man denke hier nur an die wachsende Recyclingindustrie. Der Wiederverwertungsgedanke wie man ihm auch auf Flohmärkten begegnet liegt davon gar nicht so weit weg wie manche annehmen. Das reparieren von Waschmaschinen und Instandsetzen alter Geräte sind ebenfalls mit Wiederverwerten verbunden. Beim letzten Punkt kommt die Aufwertung des Handwerks oder die zwischenmenschlichen Beziehungen die entstehen hinzu. Man könnte hier weiter in die Tiefe gehen und die Komplexität freilegen, die im Alltag verborgen liegt und die Marktforscher aller coleur ins Schwitzen bringt. Doch das wäre zu viel des Guten. Es genügt anzudeuten, dass die Annahme ein surrendes Ding zu erfinden – und natürlich zu patentieren – nicht ausreicht um irgendetwas über Europa und seine vermeintlichen Stärken und Schwächen auszusagen.

    Die Patentfrage bringt uns aber wieder zurück zu Marktmechanismen und Machtfragen. Diese sind wichtig, gerade wenn es um die Kontrolle des täglichen Kaffees geht. Selbst Fair Trade Bohnen müssen sich Aspekten des Weltmarktes unterwerfen. Koloniale und militärische Strukturen, die zu Europas Reichtum beigetragen haben und Länder des globalen Südens in Abhängigkeit halten werden leider von Herrn Weimer unterschlagen. Der Schengenraum hat sich seit Kant und Co. auch etwas verändert – nicht unbedingt zum Besseren.

    Was bleibt vom Fortschrittsdenken? Ein Blick ins Geschichtsbuch verrät, dass der „fortschrittliche“ Schiffsbau der Portugiesen zu Kolonialzeiten in einem finanziellen Debakel endete. Marketingexperten werden sagen, dass neue Produkte eher scheitern als Erfolg haben. Wie um alles in der Welt Herr Weimer nun darauf kommt die Welt mit Schallschraubenziehern und Chemiebaukästen verändern zu können bleibt mir schleierhaft.

    Erfinder gab und gibt es ja auch in Österreich genug. Allerdings sollte es doch zu denken geben, wenn Menschen das Gefühl haben das Land verlassen zu müssen um eine Zukunft zu haben. Dies trifft auch Österreich, wenn nicht so stark wie aktuell in Spanien. Aktuell werden u.a. gerade technische Berufe nach Österreich abgeworben.
    Hier hilft ebenfalls keine Technologie und High-Tech um der Entwicklung entgegen zu halten wenn der (Arbeits)Markt nicht vorhanden ist.

    Forschung gut und schön, aber wozu? Herr Weimer bietet nicht wirklich eine attraktive Zukunft an. Zurück zu den alten Eliten will wahrscheinlich kaum jemand. Forschen für das Land oder Europa wie es jetzt heißt bleibt ebenfalls zu abstrakt um zu berühren.
    Die 90er Jahre waren voll davon: Geschwindigkeit, Wettbewerb und Krieger hinter Schreibtischen. Derivate, eine fortschrittliche Technologie aus den USA, wurde von japanischen Unternehmen mit Freuden und Hoffnungen auf ein erstarkenden Japan ins Land geholt. Oft aus der eigenen Tasche finanziert und ökonomische Lehrbücher übersetzt. Auch hier haben sich die Hoffnungen der 90er Jahre nicht erfüllt, ganz im Gegenteil. Es dürfte wohl ähnlich wie in den USA verlaufen sein als sich dort erste Unsicherheiten über den Hypothekenboom zeigten. Entschleuniger und Kritiker wurden gefeuert. Eine Kultur des Lächelns hielt Einzug. Bist du nicht fröhlich so brauch ich Gewalt.

    Ich habe weder einen Idyllianer kennengelernt, noch jemanden der seine Schildkröte spazieren führt. Wie auch immer die Zukunft aussieht, sie ist nun einmal mit dem Wort Nachhaltigkeit verbunden, ob wir wollen oder nicht. Es langsamer angehen zu lassen und Reflexionsprozesse wert zu schätzen ist sicher nicht der schlechteste aller Wege. Entschleunigung hilft beim Denken und das braucht ja bekanntlich Zeit. Zeit, in der vielleicht gerade veränderte Konsumption und damit verbundene Aushandlungsprozesse mehr bewirken als blinder Fortschrittsglaube. Oder wie Latour es formulierte: Wir sind nie modern gewesen.

    lg
    Frank

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