Die Vorhaut bleibt dran!

Die Vorhaut der männlichen Nachkommen, vom Baby- bis zum Mannesalter, scheint für viele österreichische bzw. deutsche Männer ein sehr emotionales Thema zu sein. „Endlich“, twitterte Florian Klenk, „ein deutsches Gericht erklärt medizinisch nicht notwendige rituelle Bubenbeschneidung zur Körperverletzung“. Auch der eindrückliche FAZ-Artikel „Blutiger Schnitt“ aus dem letzten Jahr fährt schwere Geschütze auf: Beschneidung bei Buben könne die Ursache für Frauenhass und Machogehabe sein, in jedem Fall sei diese eine Gewaltausübung gegenüber Kindern, die in der Kinderrechtskonvention verboten sei.

Der Falter scheint in der aktuellen Debatte Position zu beziehen, widmet er doch – als Reaktion auf einen Kommentar, der sich gegen ein Verbot ausspricht – den Großteil seiner Leserbriefseite der Ausgabe 28/12 den Beschneidungsgegnern (vier Männer, die vermutlich keiner beschneidenden Gruppe angehören).

Aber worum geht es wirklich? Religionsfreiheit vs. das Recht auf Unversehrtheit der Kinder sind scheinbar die zwei Pole in dieser Debatte.

Interessant ist jedoch vielmehr, warum gerade bei diesem Thema der Staat meint, rigoros eingreifen zu müssen. Sicher gehört die Frage an die Öffentlichkeit, sie muss vor dem Vorhang betrachtet werden. Unzweifelhaft jedoch ist sie Teil des viel größeren Integrations- bzw. Ausländerdiskurses. Wer beschneidet? Zuwanderer, Muslime, Juden, Afrikaner. Es scheint, als werde diese „grausame Tradition“ von außen in unsere Gesellschaft getragen. Wir, die aufgeklärten EuropäerInnen, müssen nun dafür sorgen, dass sich derart „archaische“ Sitten und Gebräuche nicht verbreiten, müssen diese, mehr noch, den Zugewanderten verbieten. Bei uns wird so etwas nicht toleriert!

Diese Positionierung – eine Mischung aus „Wir wissen es besser!“ und „Wir müssen die armen fremden Opfer vor ihren eigenen kulturellen Bräuchen schützen!“ – gibt es auch bei anderen Themen, seien es die „unterdrückten Kopftuchmädchen“ oder die „eingesperrten türkischen Hausfrauen“. Auffällig ist da wie dort die Emotionalität der empörten Einheimischen, die sich auf der moralisch richtigen Seite wähnen und oft, so der Eindruck, mit denen, die sie verteidigen, noch kein einziges Wort
gewechselt haben.

Daher: Die Debatten sind wichtig, jedoch sollte nicht darauf vergessen werden, diejenigen, um die es dabei geht, nicht nur anzuhören, sondern vielleicht auch auf sie zu hören.

Mag.a Margarete Gibba

(Der Leserbrief erschien in leicht gekürzter Form am 25.7.2012 im Falter 30/12.)

 

 

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