Welt&Stadt: Wien ohne rosarote Brille

Es ist höchst begrüßenswert, dass Welt & Stadt, eines der Gratis-Journale der Stadt Wien, dezidiert Informationen für Zugewanderte liefert. Gut ist auch, dass gezielt JournalistInnen mit Migrationshintergrund eine Plattform geboten wird. Und drittens ist positiv hervorzuheben, dass sich die Artikel nicht nur auf den Themenkomplex Integration beschränken, sondern einfach den Alltag aus verschiedenen Seiten beleuchten.

Dennoch bleiben die Berichte leider oft an der Oberfläche; echtes Service und politisch-kritische Information sucht man meist vergebens. Besonders auffällig war die rosarote Brille beim Artikel „Staatsbürgerschaft für die ganze Familie?“ von Mirad Odobasic: Bei den Voraussetzungen für die Einbürgerung werden die größten Hürden – das erforderliche Einkommen über drei Jahre sowie die Kosten des Antrags selbst – einfach nicht erwähnt. Es entsteht der Eindruck, die Einbürgerung wäre überhaupt kein Problem, was sich spätestens bei einem Besuch bei der MA 35 als Irrtum herausstellen wird.

Ähnliches gilt auch bei anderen Artikeln: Wie lange warten Menschen in Notlagen bei den Psychosozialen Diensten auf Termine oder Therapien? Was sind die Argumente gegen das Parkpickerl? Hier wäre eine kritische journalistische Recherche gefragt und nicht nur eine selektive Auflistung von behördlichen Fakten und Angeboten, die Wien im schönsten Licht zeigen.

Derzeit wirkt die Zeitschrift über weite Strecken wie eine Broschüre über die verschiedenen – in der Mehrzahl durchaus lobenswerten – Angebote der Stadt Wien. Gefragt wäre aber ein echtes Informationsmedium, das auch Kritik aus Sicht von Zugewanderten zulässt. Ein Beispiel: Von Diskriminierung ist nur in Ausnahmefällen (beispielsweise im letzten Teil des interessanten Interviews mit Simon Inou und Eser Ari-Akbaba) die Rede, obwohl Diskriminierung von Zugewanderten auf vielen Ebenen immer wieder erlebt wird. Wer an ihrer Lebenswelt anknüpfen will, sollte auch die Kritik von Zugewanderten in den Vordergrund rücken, kritisch über politische Entwicklungen (wie z.B. Fremdenrechts-Verschärfungen) und die Positionen der Stadt Wien dazu informieren und dabei auch die weniger rosafarbenen Seiten von Wien erwähnen.

Heidi Weinhäupl, Mag.a
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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