Reportage: Christian Rainer über die afrikanische Misere

Leserbrief zur Reportage Darum immer Afrika (Profil 29/2012)

Es hätte nicht des Profils (und einer Reise des Herausgebers) bedurft, um das Klischee vom „Krisenkontinent Afrika“ aufzuwärmen. Nicht nur scheint es mir journalistisch schlecht, wenn wenige, einseitig ausgewählte Zitate an die Stelle von eigener Recherche treten, das Ergebnis  ist auch inhaltlich ziemlich schwach: Traditionalismus, Fatalismus, ethnische Konflikte, zu viele Kinder…  solche angeblichen Ursachen der „Entwicklungskrise“ in Afrika waren Herrn Rainer wohl schon vor seiner Reise bewusst. Jetzt gibt es halt die Bestätigung von „Betroffenen“ plus noch Lob für die französische Kolonialherrschaft.

Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass gerade Kolonialismus und Neokolonialismus (bis hin zur aktuellen Handelspolitik der EU) mit Absicht in Afrika eine wirtschaftliche Entwicklung verhindern? Ist nicht der angeblich „bitterarme Niger“ der weltgrößte Exporteuer von Roh-Uran? Die Verarbeitung zu Brennstäben aber passiert nicht vor Ort, sondern in Europa und den Vereinigten Staaten. Dort, und nicht in Niger, stehen die Fabriken und Kraftwerke, gibt es diversifizierte Volkswirtschaften und somit auch diversifizierte Exporte, dort, und nicht in Niger,  werden die Gewinne lukriert und veranlagt, sind die gut bezahlten Jobs angesiedelt und demzufolge gottlob auch die Mildtätigkeit. Angesichts dessen freilich bleibt den Menschen in der Sahelzone wohl nur die Flucht in Traditionen, denen sie eine Bewältigung der Krise eher zutrauen als irgendwelchen Rezepten aus dem Norden.

Univ.-Prof. Dr. Walter Sauer
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Universität Wien

(Eine gekürzte Fassung des Leserbriefs wurde im Profil vom 13. August 2012 abgedruckt.)

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