Sehr geehrte Profil-Redaktion,
Sie greifen in der letzten Ausgabe (Nr. 44, 23. Oktober 2009, http://www.profil.at/articles/0943/560/253978/ungerechtes-oesterreich-umverteilungs-steuerpflichtigen) die aktuelle Umverteilungsdebatte auf.
Gernot Bauer, Eva Linsinger und Ulla Schmid zeigen in der „Coverstory“, wie „ungerecht“ das österreichische Sozialsystem ihrer Meinung nach ist und welche Folgen es nach sich zieht: „Das österreichische Umverteilungssystem schröpft die Steuerpflichtigen, fördert die Falschen und ist leistungsfeindlich: Statt Erwerbsarbeit zu forcieren, werden Hausfrauen, Erben und Trägheit belohnt.“
Der eingangs aufgegriffenen Frage nach der Gerechtigkeit des Systems braucht somit nicht weiter nachgegangen werden. Die folgenden Seiten füllen sie mit untermauernden Details sowie Beispielen und erläutern, wo ihrer Meinung nach das Problem liegt: „wenn Erwerbsarbeit nicht gefördert, sondern bestraft und faules Nichtstun belohnt wird, leidet freilich die Leistungsbereitschaft darunter“. Wer belohnt wird, müssen die LeserInnen nicht lange überlegen, denn „Arbeitslose, Pensionisten, Kranke, Jugendliche und Kinder, Studenten, im Haushalt tätige Personen bilden bereits die Mehrheit. Die rotweißrote Zweiklassengesellschaft: Eine Hälfte erwirtschaftet den Wohlstand, die andere konsumiert ihn.“
Von einem wirtschaftswissenschaftlichen Standpunkt aus mögen diese Ausführungen vielleicht ihre Berechtigung haben. Nimmt man aber die Angebot- und Nachfrage-Brille ab, wird deutlich, dass es sich hier nicht um Erklärungen handelt, sondern Kategorien vermischt, Klischees bedient und Vorurteile geschürt werden. Der komplexen Situation kann nicht Rechung getragen werden, indem undifferenziert eine Hälfte der Gesellschaft als Konsumenten und die andere als Produzenten konstruiert wird. Dies strapaziert die Annahme, wir wären (schleichend und unbemerkt) in einen aktuell existierenden Klassenkampf an der Trennlinie Erwerbstätige/Nicht-Erwerbstätige geschlittert. Doch auf welcher Seite stehen wir? Was ist mit der teilzeit-erwerbstätigen Mutter und Hausfrau oder dem ehrenamtlich arbeitenden Studenten? Ist es wirklich so leicht möglich, eine Gesellschaft auf „die Falschen“ und im Gegenzug „die Richtigen“ zu reduzieren und die Frage nach Gerechtigkeit so einfach zu beantworten?
Nur auf einen Aspekt soll hier kurz eingegangen werden: die Hausarbeit. So ist es lediglich eine Frage des theoretischen Blickwinkels, welcher Stellenwert dieser beigemessen wird. Betrachtet man – wie beispielsweise die Ökonomische Anthropologie – wie der Mensch seinen täglichen Lebensunterhalt bestreitet und dabei wirtschaftlich handelt, ist die Reproduktion innerhalb der Familie ein integraler Bestandteil. Geht man von dem heute meist verwendeten Modell (zB. Volkswirtschaftliche Gesamtrechung) aus, so werden Tätigkeiten im Haus und im Rahmen der Kindererziehung nicht subsumiert. Da Hausarbeit aber gerade in der Frage nach (Gender-)Gerechtigkeit einen essentiellen Punkt ausmacht, greift es schlichtweg zu kurz, lediglich das Klischee der „Wohlstand-konsumierenden-Hausfrau“ zu (re)produzieren. Die Erwähnung struktureller Einflüsse (wie Alleinerzieherabsetzbetrag oder Mitversicherung) auf die Berufstätigkeit von Frauen ist wichtig, kratzt aber an der Oberfläche eines komplexeren Phänomens.
Die Argumentation schafft es leider nicht, über den eingeschränkten Bereich wirtschaftlicher Denkweisen hinaus zu gehen. Obwohl einzelne Aspekte erklärt werden und erwähnt wird, wie die Abschaffung der Schenkungs- und Erbschaftssteuer das soziale Ungleichgewicht verstärkt, wird immer wieder auf die Konfliktlinie Erwerbstätige vs. den Rest zurückgegriffen. Wenn die Frage nach etwas philosophisch so komplexem wie „Gerechtigkeit“ gestellt wird, wären über Umverteilungsgrafiken hinausgehende Fragestellungen und Analysen angebracht. Das Aufdecken von im System eingelagerten Machthierarchien auf unterschiedlichsten Ebenen (politischer Einfluss, familiärer Bereich usw.), die die Menschen oft gar nicht mehr wahrnehmen, wäre nur eine der Forderungen. Das Aufzeigen historischer Entwicklungen und deren Implikationen auf das heute existierende System eine andere. Gerade von der Profil-Redaktion könnte der/die kritische LeserIn erwarten, eine Neiddebatte wie diese zu erklären und zu dekonstruieren, anstatt in einer aufgeladenen Situation wie dieser weiter zu polarisieren.
Mit freundlichen Grüßen
Eva Kössner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
Vielen Dank für das Aufgreifen dieser Coverstory vom Profil!
Ich konnte meinen Augen kaum trauen als ich das gesehen habe.
Vor allem gerade jetzt, da die Studierendenproteste mit einer solchen Vehemenz die Ungerechtigkeiten des herrschenden Systems angreifen, scheint mir diese Debatte seitens des profil politisch motviert und kaum sachlich. Die in einer ökonomischen/kapitalistischen Dankweise gehaltenen Pseudoargumente sind nicht tragbar und bringen diese auf die emotionale Ebene einer Nachmittagstalkshow. Einer Qualitätszeitschrift unwürdig und deshalb hat sich das profil für mich vorerst mal disqualifiziert!
Danke für eure Arbeit!