Chancengerechtigkeit und Schule

Die VertreterInnen der sogenannten Ausländerpädagogik konstruierten in den frühen 1970er Jahren – voll guten Willens – die Kinder von „Gastarbeitern“ als SchülerInnen mit „Sprach- und Kulturdefiziten“. Sie arbeiteten mit der naiven Annahme, dass diese Kinder im Schulsystem nur bestehen könnten, wenn sie durch einen Prozess der vollständigen Assimilation gehen und dabei Sprache und Kultur ihrer Eltern gegen die des Gastlandes eintauschen. Die betroffenen Kinder werden dabei als eine besondere Gruppe betrachtet, als Schüler und Schülerinnen mit Defiziten und Problemen charakterisiert; als zusätzliche Bürden, „Analphabeten in zwei Sprachen und Kulturen“, tickende Zeitbomben, Kriminelle, als Gefahren oder als zu wenig motiviert. Eben diese Bilder finden sich auch in jüngster Zeit wiederholt – so auch im Kurier-Kommentar „Mehr Integrations- als Schulproblem“ von Martina Salomon, 5.10.2012.

Die Auseinandersetzung mit Zwei- und Mehrsprachigkeit hieß und heißt in dieser Lesart: Kinder mit Migrationshintergrund können nicht Deutsch, müssen es aber lernen. Dabei werden jedoch geflissentlich mehrere Dinge übersehen: Zum einen war und ist Österreich kein einsprachiges, sondern ein mehrsprachiges Land. Zum anderen zeigt die Praxis, dass bilinguale Bildungsmodelle – und das heißt hier Deutsch + eine MigrantInnensprache – erfolgreich sind. Zudem sind Sprachen – und dazu zählt eben nicht nur Englisch oder Französisch, sondern auch Türkisch oder Serbisch – ein wichtiges Gut. Sprachen wie Serbisch und Türkisch sind in Österreich ohnehin keine „Fremdsprachen“, sondern Sozialisationssprachen, weil sie von vielen Menschen im Alltag verwendet werden.

Aber die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen wird zumeist nicht wahrgenommen und anerkannt, stattdessen wird lieber ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelt. Auch dafür ist der genannte Artikel beispielhaft. Beklagt wird zunächst die schlechte Ausbildung der „Neo-Bürger“, um nahtlos über den Migrationshintergrund eines Fünftels der Bevölkerung zu sprechen. Soll heißen: Alle Menschen mit „Migrationshintergrund“ sind schlecht ausgebildet. Anschließend ist von „Schönredner[n]“ der Gesellschaft die Rede, die von „harmonischer Multikulti-Gesellschaft“ träumen; „aber heimlich brodelt es“, was an den FPÖ-Erfolgen sichtbar würde. Sprich: Schuld an diesen sind die Menschen mit Migrationshintergrund selbst (und ein bisschen die „Schönredner“ – eine neue Abart des „Gutmenschen“?). Von dem Problem der Bildung und der Segregation im österreichischen Schulsystem ist man so rasch bei einem Integrationsproblem gelandet – und bei der scheinbaren Rückständigkeit von MigrantInnen, denn Bildung sei der „Schlüssel, um archaiische [sic] Gesellschaftsmodelle hinter sich zu lassen“. Aber da Menschen mit Migrationshintergrund keine Bildung haben, haben sie auch keine Möglichkeit, diese hinter sich zu lassen.

Richtig ist, dass eine geringe Bildung von Eltern auch die Bildungschancen von Kindern verringert – mit und ohne Migrationshintergrund. Doch anstatt Lösungen in Betracht zu ziehen, werden lieber alle Menschen mit Migrationshintergrund als ungebildet, unintegrierbar und schuld an möglichen Misständen in der Gesellschaft konstruiert. Unerklärlich, dass so ein Artikel unter der Rubrik „Wir verbessern Österreich“ erscheint. Dabei müsste doch vielmehr geklärt werden, wie die Organisation Schule diese Segregation zulässt und sie sogar erlaubt – mit Zustimmung der politischen EntscheidungsträgerInnen. Und damit so viel Einfluss auf die Entscheidungen über Kinderschicksale ausübt.

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