Leben in der Migrationsgesellschaft

Am 13. Oktober 2012 durfte Heinz Buschkowsky, SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, im „Standard“ sein diskussionswürdiges Integrationsverständnis darstellen. Buschkowsky spricht von Einwanderung als „Testbetrieb fürs Sozialsystem“, von einer Zunahme von „Zweit-, Dritt- und Viertfrauen“, von einer „Bewahrung der archaischen Lebenswelt wie bei Opa“ und von einem Zurück zu „Fred Feuerstein“. Als besonders brennende Probleme werden – wieder einmal – die „Sprach- und Bildungsdefizite“ der „Einwandererkinder“ betrachet.

Schon die VertreterInnen der sogenannten Ausländerpädagogik konstruierten in den frühen 1970er Jahren – voll guten Willens – die Kinder von „Gastarbeitern“ als SchülerInnen mit „Sprach- und Kulturdefiziten“. Sie arbeiteten mit der naiven Annahme, dass diese Kinder im Schulsystem nur bestehen könnten, wenn sie durch einen Prozess der vollständigen Assimilation gehen und dabei Sprache und Kultur ihrer Eltern gegen die des Gastlandes eintauschen. Die Auseinandersetzung mit Zwei- und Mehrsprachigkeit hieß und heißt in dieser Lesart: Kinder mit Migrationshintergrund können nicht Deutsch, müssen es aber lernen. Dabei werden jedoch geflissentlich mehrere Dinge übersehen: Zum einen waren und sind Länder wie Deutschland – und Österreich – keine einsprachigen, sondern mehrsprachige Länder. Zum anderen zeigt die Praxis, dass bilinguale Bildungsmodelle – und das heißt hier Deutsch + eine MigrantInnensprache – erfolgreich sind. Zudem sind Sprachen – und dazu zählt eben nicht nur Englisch oder Französisch, sondern auch Türkisch oder Serbisch – ein wichtiges Gut. Sprachen wie Serbisch und Türkisch sind in Deutschland und Österreich ohnehin keine „Fremdsprachen“, sondern Sozialisationssprachen, weil sie von vielen Menschen im Alltag verwendet werden.

Aber die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen wird zumeist nicht wahrgenommen und anerkannt, stattdessen wird lieber ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelt. Auch dafür ist der genannte Artikel beispielhaft. Beklagt werden die schlechte Ausbildung und die daraus resultierende Perspektivenlosigkeit des „Einwanderermilieus“, um nahtlos an die hohen Belastungen für das Sozialsystem anknüpfen und Bildungsdefizite mit Rückständigkeit verbinden zu können. Schließlich wird von den Zugewanderten gefordert, sich den über „Jahrhunderte entstanden[en] und hart erkämpft[en]“ Werten wie „Aufklärung“, „Menschenrechte“ oder der „Ächtung von Gewalt“ zu unterwerfen. Und es wird davor gewarnt, diese „auf dem Altar der Beliebigkeit“ zu opfern. Buschkowsky zeichnet damit ein Bild akuter Bedrohung der deutschen Gesellschaft durch „die Einwanderer“ und implizite auch durch die Vertreter von „Multikulti“, denn diese würden die Errungenschaft der deutschen Gesellschaft „auf dem Alter der Beliebigkeit“ opfern wollen.

Kritikwürdig sind aber nicht nur solche Positionen, sondern auch die Bereitwilligkeit des Interviewers, sich diesen unkritisch einzufügen. Tobias Müller vermag es nicht, Buschkowsky kritisch zu hinterfragen und Schwachstellen in der Argumentation aufzudecken, und er hakt nicht nach, wenn sein Gesprächspartner etwa von „archaischen Lebenswelten“ spricht. Durch eine solche Interviewstrategie wird es Buschkowsky leicht gemacht, unangenehmen Themen und einer tiefergehenden Diskussion auszuweichen. Und es stellt sich so auch die Frage nach dem Integrationsverständnis eines Journalismus, dem es nicht gelingt, die Schwachpunkte einer solchen Argumentation aufzudecken.

 

Mathilde Fixl

Teilnehmende Medienbeobachtung – univie.ac.at/tmb

 

 

 

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