Warum das umstrittene Urteil nichts mit einer sozialwissenschaftlichen Sichtweise zu tun hat

… sondern als solches von Seiten der Sozialwissenschaften zu untersuchen wäre.

Der Kriminalsoziologe Wolfgang Stangl erklärt in seinem Gastkommentar vom 27. Jänner 2010 im Standard die „Argumentationslogik von Verteidigern und Kritikern des umstrittenen Todschlagurteils gegen einen gebürtigen Türken“ und kritisiert unter anderem die „patriotische Perspektive“ im ministeriellen Erlass, wonach der Vorgang aus „österreichischer Sicht“ zu beurteilen sei. Dieser Kritik können wir uns anschließen. In einem anderen Punkt ist ihm jedoch zu widersprechen. Seiner Einschätzung nach liegen die Gründe für das Urteil selbst „in einer verstehenden Perspektive, die das ,Migrantentum‘ des Beschuldigten anerkennt“. Er bezeichnet diesen Zugang als „ungewöhnlich soziologisch“, ohne dies näher zu erläutern. In dieser, seiner Meinung nach „sozialwissenschaftlich angeleiteten Sicht“ lassen sich jedoch durch Forschungsergebnisse aus eben dieser Wissenschaft spezifische, vorurteilsbehaftete Denkmuster nachweisen. So liegen dieser Begründung jahrhundertealte Stereotype und Sichtweisen zu Grunde, denen zufolge Menschen aus anderen Regionen von ihrer Kultur oder ihren Traditionen Getriebene sind.

Basis dieser Vorstellungen ist ein überholtes, essentialistisches Kultur-Verständnis, das Kultur gleichsam als Bündel unveränderlicher, biologischer Eigenschaften begreift. Allerdings wird eine solche „Kultur“ lediglich anderen Gesellschaften zugeschrieben. So werden Menschen aus bestimmten Regionen als unfreie AkteurInnen dargestellt, die bestimmten kulturellen Zwängen auch nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Österreich nicht entfliehen können. Im Gegensatz dazu werden im jeweils dominanten Umfeld (hier bspw. das Konstrukt „österreichische Kultur“) Menschen stärker als Individuen wahrgenommen. Dies findet seine Bestätigung darin, dass hierzulande anlässlich der zahlreichen Gewalttaten „österreichischer Männer“ gegenüber Frauen selten „atavistische Männeridentitäten“, wie Stangl sie nennt, in Frage gestellt werden. Diese unterschiedlichen Blickwinkel auf Gewalttaten bekräftigen Vorurteile, die nicht durch Fakten belegt werden können. Untersuchungen dazu müssen die individuelle Situation, lokale Kontexte und Veränderungen durch Migration berücksichtigen sowie blinde Rückschlüsse von oder auf Herkunftsgesellschaften überwinden.

Sichtbar wird diese Argumentationsweise immer wieder: Vermeintlich von „ihrer Kultur“ Geleitete sind nicht nur Thema in Alltagsdiskursen und politischer Meinungsmache. Essentialisierungen wie diese finden sich wiederholt in der Berichterstattung zu unterschiedlichsten Themen im In- und Ausland. Diese Bilder gehen oft mit evolutionistischen Sichtweisen einher, die Gesellschaften in höhere und niedrigere Entwicklungsstufen einordnen. Die „Rückständigen“ sind im Unterschied zu uns „Fortschrittlichen“ demnach noch in ihrem Irrglauben verhaftet und haben den Schritt zu „freien, aufgeklärten“ Individuen noch nicht vollzogen.

Eine Gegenüberstellung von angeblich verstehenden „Pro-Migranten“- und emanzipatorischen „Pro-Frauen“-Positionen verkennt folglich die Komplexität der Situation ganz entschieden. Hier geht es um vielschichtige Machtverhältnisse – Dynamiken, die sich nicht auf eine Opposition (männliche) Migranten vs. Frauen reduzieren lassen. Vielmehr werden dadurch sowohl Gewaltanwendungen gegen Frauen verharmlost als auch eine angebliche Überlegenheit gegenüber MigrantInnen auf institutioneller Ebene reproduziert. Stangl trifft ersteren Aspekt gut, indem er die Sicht der Staatsanwaltschaft – bei einer Priorisierung des Schutzes von Frauen – als „Camouflage einer Männerjustiz“ bezeichnet. Zentral ist aber, dass es im Gegenzug nicht um den Schutz des „Migrantentums von Beschuldigten“ geht.

Dieser Fall hat somit nicht nur das Potenzial, eine generelle Diskussion über österreichische Verurteilungspraxis und Strafausmaße bei Fällen von Gewalt in der Familie anzuregen. Gerade in Zeiten eines aufgehetzten Klimas rund um die Bereiche Einwanderung oder Asyl sollten tief in gesellschaftlichen und politischen Strukturen verankerte Sichtweisen in Frage gestellt und durch Belege ausgeräumt werden. Fundierte Beiträge aus den Sozialwissenschaften wären dazu seit langem vorhanden. Dabei soll nicht das Problem von Gewalt in den Hintergrund gedrängt, sondern die gängige Gegenüberstellung von „patriarchalen“ und „westlichen“ Gesellschaften aufgebrochen werden. Denn Gewalt gegen Frauen ist ein weltweites Problem, das nicht durch kulturalistische Argumente legitimiert werden kann.

vgl. dazu
Volpp, Leti. 2000. Blaming Culture for Bad Behaviour. In Yale Jounal of Law and Humanities 12(89).
Narayan, Uma. 1997. Dislocating Cultures: Identities, traditions, and Third World feminism. New York.
Kalny, Eva. 2004. (Medien)Politik mit toten Frauenkörpern: Über „Familientragödien“ und „Ehrenmorde“ in den österreichischen Massenmedien. In Frauensolidarität 88.
Strasser, Sabine. 2006. Unbehagen der Kulturen. In Der Standard, Album 24. und 25. März 2006.

Eva Kössner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive, Wien
http://www.univie.ac.at/tmb

Ein Kommentar

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  1. [...] Ein solcher Artikel ist nicht integrationsfördernd, sondern im Gegenteil ausgrenzend. Nicht Soziologie kann dergleichen Fälle erklären, hier ist eher Psychologie zuständig, und die wird im letzten Absatz auch völlig ausreichend herangezogen. Da muss man kein “traditionelles, von Dominanz und Gewalt geprägtes Männlichkeitskonzept” bemühen, das man einem ganzen Millionenvolk unterstellt. Einem derartigen Rückgriff auf vermeintliche kulturelle Gegebenheiten, die man als Rucksack über Generationen hinweg mitschleppt, ohne sie ablegen zu können, liegt ein längst veralteter Kulturbegriff zugrunde, worauf im Übrigen von TMB schon des Öfteren hingewiesen wurde (z. B. http://www.univie.ac.at/tmb/?p=228). [...]

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