Moderne und Assimilation

In dem KommentarBei dieser Wahl ging es um ‘Ausländer’, um nichts anderes vom 12. 10. bedient Hans Rauscher allzu leicht die emotionalen Ressentiments, die auch im Wiener Wahlkampf vorherrschten. Persönlich finde ich es schade, dass nie über die NichtwählerInnen gesprochen wird, doch die Wahlanalyse soll hier nicht das Thema sein.

(http://derstandard.at/1285200619545/Einserkastl-RAU-Wien-Jahrhundertwende)

Dieser Beitrag reiht sich ein in viele andere, die abwertend über MigrantInnen berichten und dadurch Ressentiments schüren, was wiederum der FPÖ Stimmen bringt. Türk/e/in als Bezeichnung verkommt zum Schimpfwort. Dabei scheint es egal zu sein, welchen Pass die angesprochenen Personen wirklich besitzen. Klassisch auch die Argumente: Die deutsche Sprache und die Unterdrückung der Frauen.

Zunächst zur Sprache. Rauscher gibt klar den „nichtdeutschsprechenden“ SchülerInnen die Schuld am Wahlergebnis, statt nach Alternativen zu suchen – wie beispielsweise mehrsprachiger Unterricht für alle Schulen, jeweils Deutsch und die am meisten vertretene Sprache der Klasse. Dazu bräuchte es natürlich auch ein entsprechendes Bildungskonzept, das Mehrsprachigkeit nicht als Bedrohung ansieht und dabei auch Türkisch als „wertvolle“ und nützliche Sprache anerkennt.

Wieviele Kinder nun wirklich Sprachprobleme haben oder welche Lösungsansätze zur Verfügung stehen erfahren wir hier nicht.

Was türkische Frauen betrifft, so werden diese als passives Anhängsel “ihrer Männer, ohne die sie nicht allein zum Zahnarzt dürfen“, dargestellt. Das Kopftuch signalisiere, dass sie noch nicht „in der Moderne angekommen“ sind. Abgesehen davon, dass Rauscher damit allen kopftuchtragenden Frauen die Fähigkeit abspricht, selbst über ihre Kleidung zu entscheiden und die Unterdrückung von Frauen auf eine nationale/religiöse Gruppe reduziert, sollte er sich besser zuvor mit einschlägiger Literatur zur „Moderne“ auseinandersetzen. Besonders empfehlen wir dabei Zygmunt Baumans „Moderne und Ambivalenz“. Vor diesem Hintergrund wäre nämlich auch Rauschers „unausweichliche“ Forderung nach Assimilation noch kritischer zu sehen.

In gleicher Weise geht Hans Rauscher in seinem KommentarYozgat vom 13.10. vor. Moderne wird hier als städtisch konstruiert betrachtet, während eine ländliche Bevölkerung als rückständig angesehen wird.

(http://derstandard.at/1285200828611/Einserkastl-RAU-Yozgat)

Gastarbeit wird von der Mehrheitsgesellschaft nicht erinnert. Das erkennt man daran, dass die so genannten „ungebildeten“ Türken u. a. Zimmermänner und Maurer waren, darunter viele Meister ihrer jeweiligen Zunft. In Österreich angekommen mussten sie Arbeiten unter ihrem Niveau verrichten. Von diesen Beschwerden hört man in Rauschers Moderne wenig. Ebenso unhinterfragt sind die Wohnverhältnisse der GastarbeiterInnen, über die sich einige türkische Zuwanderer beschwerten. Für diese war es unbegreiflich, wie man Wohnungen mit Bad und Klo am Gang vermieten konnte. Aufgrund dieser und anderer „rückständigen“ Lebensbedingungen, die selten benannt werden, gründeten sich erst viele türkische Vereine, die die eigene Lebenssituation verbessern sollten.

Diese Menschen als rückständig zu bezeichnen und fehlende Bildung gar als vererbt darzustellen, ist schon ein starkes Stück. Qualitätsjournalismus ist es jedenfalls nicht.

Frank Broszeit

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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