Durchaus auch mal Grund zur Freude: Kultur- und Sozialanthropologie in den Medien

Wir von der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung beklagen uns ja generell häufig. Und eine unserer Lieblingsklagen ist, dass sich nicht genügend Kultur- und SozialanthropologInnen in den Medien zu Wort melden, um abwertenden Diskursen, wahlkämpfenden Ausfällen und FPÖ-Diktion etwas entgegenzusetzen. Oder auch Schlagzeilen wie „Muslime werben Mitglieder – mit allen Mitteln“ (Presse vom 7.11.2010, gemeint war die Islamische Glaubensgemeinschaft, die dann auch gut beschrieben wurde – doch der Titel! Der Titel!).

Andererseits gab es in den letzten Monaten aber auch Grund zur Freude. Nicht nur, dass immer häufiger medienkritische LeserInnenbriefe oder Gastkommentare von uns abgedruckt werden. Gefreut haben wir uns auch über die fundierten Artikel über den Kulturwissenschafter Johannes Feichtinger und den Sozialanthropologen Johann Heiss. Sie und ihr Team untersuchen in Geschichte und Gegenwart die Instrumentalisierung der Türken-Kriege – und wiesen gleich in mehreren Zeitungen (in der Presse, dem Standard, den Salzburger Nachrichten) auf Parallelen zu den Anti-Türken-Comics der Wiener FPÖ hin. Sie sehen im kollektiven Bewusstsein der ÖsterreicherInnen die „Angst vor der Bedrohung aus dem Osten“ tief verankert. Dabei habe „der Türke“ eine „lange eingeübte Stellvertreterfunktion und diente in der Vergangenheit immer wieder als Schablone für jeweils aktuelle Feinde“, so die beiden im Standard – zum Beispiel wurden im Laufe der Geschichte Protestanten, Aufklärer, Bolschewiken, Nationalsozialisten und der Sozialismus mit „den Türken“ gleichgesetzt oder verglichen.

Auch wie vielseitig unsere Disziplin ist, wurde medial in den letzten Monaten sichtbar – beispielsweise in Porträts. Um nur einige zu nennen: Im Falter-Heureka vom 20.10.2010 wurde kurz auf die Forschungen von Julia Gohm zu Völkerkunde-Studierenden in der NS-Zeit verwiesen. Der Standard vom 18.8.2010 stellte Jelena Tošić und ihre Forschungen zu Migration vor, zum Wandel im postsozialistischen Südosteuropa sowie zu Menschenrechten und Globalisierung in Serbien. Über die Forschungen zum Klimawandel in Neukaledonien von Elisabeth Worliczek wurde in den Salzburger Nachrichten vom 28.5.2010 berichtet (o.k., zugegeben, der Titel „Forscherin am Ende der Welt“ und der Beginn des Artikels knüpfen an typische und überholte Darstellungen unseres Faches an). Dafür holte Ulrike Prattes’ Thema „Junge Männer und Feminismus. Ein sozialanthropologischer Blick auf Männlichkeitskonstruktionen im Kontext Österreichs“ uns wieder nach Österreich zurück – vorgestellt am 24.3.2010 im Standard. Die Presse vom 4.4.2010 wiederum berichtete über Silke Zeitelhofers Forschungen zur Beziehung zwischen LandwirtInnen und ihren Tieren. Und dazu kommen dann noch TV- und Radiobeiträge wie die Dokumentation von Werner Zips und Manuela Zips-Mairitsch auf 3sat über das Weinland Südafrika oder die Sendung „Kultur- und Sozialanthropologie als Wissenschaft fürs dritte Jahrtausend“ auf Ö1.

Gelegentlich strahlt unser Fachwissen auch nach Deutschland aus: Philipp Budka wurde von der taz zu seinen Forschungen über MyKnet.org befragt, einer sozialen Online-Umgebung für kanadische Indigene, mit der sie auch gegen „die Unterdrückung der First Nations und die Missachtung ihrer Kultur durch die Mehrheitsgesellschaft“ stellen. Und Ingrid Thurner analysierte und kritisierte in der Zeit die Strömung des Ethnotourismus.

Auch die KSA-Studierenden werden vermehrt in den Medien aufmüpfig: Die KSA-Arbeitsgruppe „Underdrift Mill“ wurde im Falter vom 17.3.2010 beschrieben, der Diplomarbeitsbetreuungs-Stopp am Institut im Uni-Standard vom 7.10.2010 von der Studienvertretung und den externen LektorInnen beleuchtet. Und der Doktorand Thomas Pantoi beklagt im Kommentar der Anderen im Standard vom 20.10.2010, dass der „ÖFB und die österreichischen Bundesligavereine der Bildungspolitik in diesem Land geistig einen Schritt voraus sind“.

Eigentlich erfreulich also. Wer sich allerdings die Postings zu verschiedenen dieser erfreulichen Artikel ansieht, beginnt wieder zu klagen. Oder wird Mitglied der Initiative „A Comment a Day“. Oder schreibt einen Gastkommentar bzw. LeserInnenbrief an eine Zeitung. Oder wird dann auch gleich Mitglied bei uns, der Teilnehmenden Medienbeobachtung: Wir würden uns über Mit- arbeiterInnen und MedienbeobachterInnen freuen.

Heidi Weinhäupl, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

Der Artikel erscheint voraussichtlich in leicht veränderter Fassung in der nächsten Paradigmata-Ausgabe (Februar 2011).

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