Keine sexistische und exotisierende Werbung für Brasilien!

Sehr geehrter Herr Redakteur Stainoch!
Sehr geehrtes Jumbo-Geschäftsleitungsteam!

Bei einem Besuch der Reisemesse in Wien gestern habe ich u. a. ein Exemplar Ihres Fernreisejournals, Ausgabe 36/2010, erhalten und bin – als Kultur- und Sozialanthropologin sowie als reisende Frau – über die Gestaltung der Titelseite erstaunt bis entsetzt.

Zum Schwerpunktbeitrag Brasilien im Blattinneren „Hot Spot Rio“, der von Geschäftsführerin Hanni Stanek verfasst wurde und interessante Informationen zu den Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2014 in Rio de Janeiro bietet, wurde ein Coverfoto gewählt, das einen vollkommen anderen Erlebniszusammenhang, nämlich den Karneval, suggeriert und zudem den Körper einer der Tänzerinnen in sexistischer und exotistischer Weise als Blickfang missbraucht. Die ausschnitthafte Ansicht einer Tänzerin von hinten mit Rücken, Po und Oberschenkel degradiert diese Frau zum Objekt des Blickes, der auf diese Körperteile fokussiert. Sie haben diesen Ausschnitt mit dem halbnackten Po und der enthüllenden Bekleidung dazu in den Mittelpunkt des Covers gerückt, also zum Blickpunkt erklärt. Dieses Vorgehen finde ich zutiefst kritisierenswert.

Einerseits bin ich überzeugt, dass es nicht im Interesse der Autorin sein kann, dass ihr sachlicher Beitrag zur Fußball-WM, der sicher viele LeserInnen interessiert, mit vollkommen „fremden“ und falschen Federn beworben wird. Und andererseits finde ich es auch bedauerlich, dass Sie Ihre potentiellen KundInnen und InteressentInnen mit so einem Foto zu fangen versuchen. Ist diese sexistische und exotisierende Darstellung einer Karnevalsteilnehmerin Ihrer Meinung nach tatsächlich ein geeignetes Sujet für die Bewerbung einer Urlaubsdestination? Für ein Land, das mit Sextourismus enorme Probleme hat? Dessen Bewohnerinnen ohnedies als die Verkörperung der sexhungrigen, lebenslustigen, leidenschaftlichen Frau herhalten müssen und damit auch bei uns mit diesen Vorurteilen konfrontiert sind? Möchten Sie damit Prostitution und Sextourismus als „Teil des Urlaubserlebnisses“ für sexuell frustrierte männliche Reisende und/oder VoyeuristInnen verkaufen?

Und ganz generell: ist diese extrem reduzierte Darstellung einer Frau, die auf eine Po-Ansicht reduziert wird, für die Bewerbung eines seriösen Reiseunternehmens, das doch als Zielgruppe auch Familien und Paare ansprechen will, statthaft? Das Foto steht für mich im Gegensatz zum ebenfalls im Journal enthaltenen Beitrag über Fairreisen und Ihrem auch durch die Unterstützung des internationalen Verhaltenskodex zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung im Tourismus ausgedrückten Geschäftsethos.

Natürlich, manche Tänzerinnen im Karneval kostümieren sich freiwillig so freizügig. Dennoch stellt sich zum einen die Frage, inwieweit diese Freizügigkeit durch Konkurrenzdruck und Vermarktungsstrategien von den Teilnehmenden erzwungen wird – hin zur immer spektakuläreren Enthüllung. Und selbst wenn dieses Foto mit dem Einverständnis der Abgebildeten und eventuell auch gegen Honorar so angefertigt wurde, sollte dies Ihre journalistische Ethik nicht außer Kraft setzen. Schön wäre es, den Respekt, den man für sich selbst als Menschenrecht in Anspruch nimmt, auch anderen Menschen in anderen Ländern zu gewähren. Dann würde sich so eine Darstellung von selbst verbieten.

Mit besten Grüßen

Mag.a Margit Wolfsberger

Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien
Initiative Teilnehmende Beobachtung TMB

2 Kommentare

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  1. Fritz

    Sie waren noch nie in Brasilien, stimmt´s? Uns sie sprechen auch kein Portugiesisch, oder?

  2. Margit Wolfsberger

    Ich war zwar bereits in Brasilien. Allerdings sehe ich nicht, was das
    mit der vorliegenden Kritik an einer sexistischen Darstellung zu tun hat,
    die hierzulande vorhandene Stereotype verstärkt. Natürlich findet man im
    Zuge des Karnevals solche Bekleidungen – doch auch für Österreich wird
    nicht mit entsprechenden Bilden z.B. von der Regenbogenparade geworben.
    margit wolfsberger

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