Multikulti ist nicht tot

Der Essay erschien am 26. 2. 2011 in Die Presse, Spectrum

Schluss mit Multikulti?

Das, was neuerdings häufiger als Multikultipolitik verteufelt wird, hat in Wahrheit nie existiert. Nicht das Scheitern von Multikultipolitik hat Parallelgesellschaften geschaffen, sondern deren absolutes Fehlen.

Seit der Kapitulation vor einem rassistischen Druckwerk, dessen Befunde auf kreativer Statistik beruhen, tragen Politiker aller Couleur ein Diversitätskonzept zu Grabe, das anderswo gut funktioniert, und Medien aller Couleur stimmen in den Abgesang ein. Die katastrophale Auswirkung eines katastrophalen Bestsellers: Multikulti wird mitteleuropaweit abgeschafft.
Wie kann heute noch jemand von Leitkultur faseln und glauben, er müsse eine einheitliche, mehrheitsgesellschaftliche, nationalistische Dominanz verteidigen? In Zeiten, in denen sich Technologien, Ideen und Krankheiten in Windeseile über den Planeten verteilen, in denen schon für Schulkinder Überseeaufenthalte und Sprachferien als wünschenswert gelten, in denen Auslandssemester und -Praktika zur Berufsqualifikation gehören, in denen Waren schneller zirkulieren als chinesische Fließbänder sie produzieren können, in denen aufständische Bewegungen rascher in die Welt getwittert werden als despotische, vom Westen gestützte Regierungen sie niederknüppeln können, wie kann da noch auf die Ewiggestrigen gehört werden, die sich verbissen an rückwärts gewandte Ideologien einer Nationalkultur klammern?
Da wird nun Multikulturalismus als Begriff und als Ideologie verabschiedet, anstatt Überlegungen darüber anzustellen, wie sozialtheoretische Konzepte der Diversität als politisches Programm umgesetzt werden könnten. Mehr als andere Religionen und Minderheiten sind Islam und Muslime das Ziel verbaler, antimultikultureller Übergriffe. Aber warum sollen denn Türken und Araber nicht türkisch reden oder kurdisch oder arabisch, warum sollen sie nicht Kebab essen und Humus, keinen Alkohol trinken, freitags in der Moschee beten, in Kopftüchern joggen, im Park picknicken?

Genau so eine kulturelle Vielfalt soll herrschen. Diversität muss als Bereicherung und Chance betrachtet werden. Aber bisher wurde sie nur gerade geduldet bis ignoriert. Kein Wunder, wenn sich manche Muslime in ihren Kreisen abschotten, keine Lust haben, Deutsch zu lernen, sich nicht um ihre Umgebung scheren! Und nun wird ihnen vorgeworfen, dass sie nur untereinander verkehren, heiraten, netzwerken.

Das, was jetzt als Multikultipolitik verteufelt wird, hat nie existiert. Es gab keine Multikultipolitik, es gab auch keine Laisser-faire-Politik. Es gab eine Politik der Duldung ungefähr der Art: Wir brauchen sie, dass sie unseren Wohlstand sichern und mit ihrem Kindersegen unsere Pensionen finanzieren, also müssen wir sie erdulden. Es war nicht Multikultipolitik, die „absolut gescheitert“ ist (die deutsche Kanzlerin) und Parallelgesellschaften geschaffen hat, sondern das absolute Fehlen einer Multikultipolitik.

Hätte es nur eine Multikultipolitik gegeben! Dann wären Kinder nichtdeutscher Muttersprache prozentual ungefähr gleich auf die Schulen verteilt, und die Lehrer wären befähigt und willens, die wenigen bunten Vögel als Bereicherung für alle willkommen zu heißen. Des Weiteren würden Praktizierende nichtchristlicher Religionen verstreut in allen Stadtvierteln und Regionen leben. Hätte es eine Multikultipolitik gegeben, würden neu Zugewanderte nicht in Ghettos abgedrängt, in denen sie Wucherpreise zahlen für desolate Wohnungen, die kein Hiesiger auch nur besichtigt. Dann würden sie nicht, weil die Mieten so teuer sind, dicht gedrängt auf zu wenigen Quadratmetern in zu wenigen Stadtteilen hausen müssen. Wenn sie sich nicht in wenigen Gebieten, in denen sie nur geduldet werden, abkapseln, kann ihnen auch nicht vorgehalten werden, dass sie sich nicht integrieren. Aber man würde sie auch nicht beschimpfen können und für alle rezenten Missstände verantwortlich machen.

Hätte es nur eine Multikultipolitik gegeben! Wie sie im Detail und in der Praxis aussehen könnte? Man schicke ein paar Funktionäre in Länder, die solche Programme für erstrebenswert halten, beispielsweise nach Kanada, Mauritius oder auch nach Burkina Faso, Mali, Indien. Sie mögen sich dort bei den Kollegen in den Innenministerien ein paar Ratschläge über Umsetzungsstrategien und mögliche unerwünschte Wirkungen erteilen lassen, das Geld für die Reise- und Aufenthaltskosten wäre gut investiert. Natürlich verschwinden auch in Ländern, die um gesellschaftlichen Ausgleich bemüht sind, nicht zugleich wie durch Zauberhand alle strukturellen Ungerechtigkeiten, Geschlechterdiskriminierungen, sozialen Gegensätze, ethnischen Konflikte und kriminellen Banden. Gleichwohl ist es im Interesse von Vielvölkerstaaten, so sie der Demokratie verpflichtet sind, Spannungen durch Reden zu bewältigen und nicht durch Druck und Waffengewalt auszutragen; und das geht nur durch den politischen Willen, Ethnien, Religionen und Sprachen möglichst gleichrangig auf alle gesellschaftlichen Kräfte und auf alle hierarchischen Ebenen zu verteilen. Einen solchen Ansatz diskutiert der kanadische Philosoph Will Kymlicka in dem Standardwerk „Multicultural Citizenship“.

Eine Multikultipolitik, die diesen Namen verdient, hätte verhindert, dass die Gebildeten der ersten, zweiten und dritten Generation nur als Putzfrauen, Bauarbeiter und Kanalräumer eine Anstellung finden, und durch Anreize dafür gesorgt, dass sie in Politik, Wirtschaft und Medien aufsteigen können. Sie wäre für Teilhabe aller an gesellschaftlichen Prozessen eingetreten und hätte sich nicht begnügt mit ein paar Quotenmuslimen und Quotentürken.

Dann hätte es nicht eines abtrünnigen Finanzsenators bedurft, der den Volksvertretern und Meinungsbildnern zu aller Überraschung mitteilen muss: Etwas ist faul im Staate. Denn sie säßen nicht abgehoben in ihren gut geheizten Amts- und Schreibstuben, sondern hätten Kollegen aus Yozgat und Kolleginnen mit Kopftüchern, die ihnen gelegentlich die Welt da draußen erklären. Unlängst hat Bernd Ulrich in der „Zeit“ genau in diesem Kontext darauf verwiesen, dass in den mittelschichtdominierten Redaktionen „das Gespür fürs Volk verloren” gegangen sei. Allerdings würde dann auch ein anderer heikler Aspekt wegfallen: Man könnte die zuletzt Zugewanderten nicht mehr verantwortlich machen für alle Übel der Gegenwart, Versäumnisse der Politik und Ungerechtigkeiten der Welt. Es gäbe keinen Sündenbock mehr, dem man aufladen kann, was gerade ansteht, von Wirtschaftskrisen bis Terrorismus, von Demokratiedefiziten bis zu Kopfläusen. Rechtsgerichtete Politiker hätten weniger Zulauf, da ihnen das Feindbild und das Parteiprogramm abhanden käme, und rechtsgerichtete Bücher wären keine Bestseller, weil es Bürgern peinlich wäre, so etwas zu kaufen, geschweige denn zu lesen. Und die ÖVP müsste keine Frau Innenminister als Mann fürs Grobe tarnen.

Nicht Multikulti gehört entsorgt, sondern eine Politik, die von der Wiege bis zur Bahre die Alteingesessenen begünstigt und den neu Hinzukommenden Hindernisse in den Weg räumt – im Kindergarten, in der Schule, bei der Arbeits-, Wohnungs-, Partnersuche, in der Religionsausübung, in der Freizeitgestaltung und erst recht beim Anmelden eines Mobiltelefons.

Man fordert von den Neuen, dass sie sich anpassen, und macht es ihnen zugleich unmöglich. Noch so viele Zwangsdeutschkurse werden niemandem Deutsch beibringen, der keinen Sinn darin sieht, die Sprache zu erlernen. Noch so viel Nachbarschaftsmediation im Gemeindebau wird nicht funktionieren, solange die einen die anderen bloß als Rivalen und nicht als Mitstreiter begreifen. In einem sozialen Klima hingegen, in dem Lehrgänge nicht als Hindernisse begriffen werden, die einem böswillige Behörden in den Weg stellen, sondern als Mittel zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, werden sich auch die Sprachkenntnisse einstellen, früher oder später, bei den einen mehr, bei den anderen weniger, jedenfalls aber bei der nächsten Generation. Effiziente Multikultipolitik könnte auch verbunden sein mit einer Informationspolitik, die Aufklärungsarbeit leistet und beispielsweise die einen über den Glauben der anderen instruiert. Anstatt immer bloß das Trennende der Religionen zu betonen, könnte das Gemeinsame hervorgehoben werden. Die einen sehen ihr Heil darin, an gewissen Tagen kein Fleisch, sondern nur Fisch zu essen, und verzichten in der Passionszeit auf allerhand Annehmlichkeiten, die anderen lehnen den Genuss von Schweinen und Alkohol ab und fasten ganztägig einen ganzen Monat lang. Beiden gemeinsam ist eine Tendenz, dem Fasten ein Festen folgen zu lassen. Wohl sind die kulturellen Praxen der Religionsausübung verschieden, aber die Ideen dahinter sind historisch verwandt. Insbesondere das, was Gläubige im Glauben suchen und finden, ist ähnlich: Trost, Halt, Sicherheit, Sinnstiftung, Handlungsanleitungen, Entscheidungshilfen, die Antworten auf existenzielle Fragen.

Eine solche Informationspolitik könnte auch radikal Aufgeklärte und fundamentalistische Atheisten nachhaltig daran erinnern, dass Religionsausübung Privatsache ist, die niemanden etwas angeht und von niemandem zu kritisieren ist, solange die Gesetze respektiert werden. Ein weiterer wichtiger Ansatz wäre das Infragestellen von Grenzen. Gerd Baumann, der Architekt einer multikulturellen Gesellschaft, plädiert in seinem Klassiker „The Multicultural Riddle“ für relationale Differenzierung anstelle von absoluter Differenz, er will kulturelle Grenzen relativieren. Dasselbe gelte auch für ethnische Zugehörigkeit, die sich auf Blut und Abstammung stützt und die sogar Sprache und Kultur als natürlich gegeben begreift. Was heißt das schon, jemand sei Österreicher, Türkin, Kurde, Araberin? Da kann man sich mit Will Kymlicka wundern, warum Russlanddeutsche, die in Russland leben und nicht Deutsch sprechen, als ethnisch deutsch begriffen werden, aber Türken, die in Deutschland geboren sind und akzentfrei Deutsch sprechen, als Türken gelten, denen die Staatsbürgerschaft verweigert wird.

Kultur ist nicht etwas, was wir haben, weil wir es erben, sondern etwas, was wir machen. Statt einer Leitkultur benötigen wir eine Orientierungskultur, sagt der deutsche Grün-Politiker Daniel Cohn-Bendit, und die muss politisch definiert sein, nicht kulturell. Wer sich identifiziert mit dem Land, in dem er lebt, wird auch zum Gemeinwohl beitragen. Dann könnten die Indigenen sich auch von der pathogenen Furcht befreien, dass ihre muslimischen Nachbarn im Keller Bomben basteln.

Denn die Angst vor den Barbaren, so der bulgarisch-französische Sozialwissenschaftler Tzvetan Todorov, „droht uns selbst zu Barbaren zu machen“: „Und das, was wir uns damit antun, ist schlimmer als das, was wir anfangs fürchteten.“

Ein Kommentar

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  1. Die Angst vor Barbare droht uns selbst zu Barbaren werden zu lassen ! Welch ein wunderschöner Schlussatz !

    Lg Isabell

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