Safari in Namibia

Sehr geehrter Herr Mag. Wurm, sehr geehrte Reise-Redaktion,

das Cover Ihrer Reise-Beilage vom letzten Sonntag ziert ein vordergründig sehr ansprechendes Bild. Da muss man doch unbedingt mal hin! Diese Menschen leben im Einklang mit der Natur – und das im 21. Jahrhundert! Das Problem dabei ist: Die damit angedeutete Naturnähe und Unverdorbenheit sind exotistische Verklärungen. Wie schnell diese in Rassismus umschlagen können, wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt. Im Westen jedenfalls wecken solche Bilder Assoziationen mit Primitivität und Rückständigkeit und erhalten den rassistischen Diskurs über AfrikanerInnen aufrecht.

Und der Exotismus beschränkt sich nicht auf das Cover. Auf den Seiten 2 bis 4 reiht sich ein Stereotyp ans nächste. Bilder der Landschaft, die eine „Idylle“ und „Wahnsinns-Kulisse“ ist, von „exotischen“ Tieren und von Menschen, die den westlichen Vorstellungen von „Eingeborenen“ entsprechen: Nackt, bis auf einen perlengeschmückten Lendenschurz, die Frauen mit Röcken aus Tierhaut, mit farbenprächtigem Schmuck oder „seltsamer Haarpracht“. Im Text ist außerdem die Rede vom „Beutezug mit den San in der Wildnis“, dem „wurzelkauenden Clan-Ältesten“, den auffälligen Himba-Frauen, die sich nicht waschen, dafür aber ausräuchern – ein gefundenes Fressen für die Tourismuswerbung. Der enge Bezug zur Natur wird nicht nur über die Beschreibung der (vermeintlichen) Lebenswelt hergestellt. Die bloße Verwendung der Bezeichnung „Buschmann“ trägt zur eindeutigen Verortung bei, sowohl im räumlichen Sinn wie auch hinsichtlich des unterstellten „Entwicklungsstandes“. „Buschmann“ ist eine Wortschöpfung der europäischen KolonisatorInnen, die auch dazu diente, ihre Macht zu rechtfertigen. Verschiedene Gruppen wurden unter einem Namen zusammengefasst, als naturnah, primitiv, wild und bedrohlich beschrieben und dadurch abgewertet. Wer diesen Begriff heute noch verwendet, transportiert – gewollt oder nicht – rassistische Bedeutungen.

Genau diese Versatzstücke festigen das westliche „Afrikabild“ – und Afrika wird meist als Einheit gedacht, trotz völlig unterschiedlicher Bedingungen und Kulturen. Weit verbreitete Stereotype werden auch mit dem Hinweis bedient, dass die „San“ sich „angesichts sozialer Ausgrenzung und Perspektivenlosigkeit“ – leider, leider – selbst ausrotten würden. Er bleibt ohne weitere Informationen über die Situation der Menschen stehen. Interessant und aufschlussreich wäre es aber, zu erfahren, warum diese Menschen ausgegrenzt werden und keine Perspektiven haben. Die Antworten auf diese Fragen führen allerdings zu Bildern, die die touristische Idylle trüben. Auch die Rolle des Westens, Fragen von Macht und ihrer ungleichen Verteilung müssten beleuchtet werden. Der Verweis auf die „stummen Zeugen“ des angeblichen Niedergangs wirkt wie eine Aufforderung: Fahrt hin und schaut euch das noch an, bevor die alle ausgestorben sind!

Diese Art von Tourismus bringt zwar Geld in die Kassen von Reiseunternehmen und wohl auch nach Namibia. Die besuchten Menschen sind aber diejenigen, die davon am wenigsten profitieren – auch wenn sie im Rahmen eines „touristischen Deals“ „Einblick in ihr nomadisches Dasein“ gewähren „und verscherbeln, was als Mitbringsel taugt.“ Folgenreicher als die finanzielle „Unterstützung“ – die ohnehin nur einigen wenigen zugutekommt – ist allerdings, dass diese Art von Tourismus die „San“ als „Herzeige-Volk“ instrumentalisiert und dadurch ihren Status – soziale Ausgrenzung und Perspektivenlosigkeit – verfestigt.

MMag. Susanne Oberpeilsteiner, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

Zum Weiterlesen:

Boussoulas, Andriana (2004): „Buschmänner“. In: Arndt, Susan / Hornscheidt, Antje (Hg.): Afrika und die deutsche Sprache. Münster: Unrast, 102-106

Mosbach, Doris (1999): Bildermenschen – Menschenbilder. Exotische Menschen als Zeichen in der neueren deutschen Printwerbung. Berlin: Berlin-Verlag A. Spitz, 167 ff., 225 ff.

Auf diesen Leserbrief reagierte Herr Mag. Wurm vom Reise-Kurier mit folgendem Mail:

Sehr geehrte Frau Mag. Oberpeilsteiner,

nach all Ihren Kritikpunkten müsste/könnte ich mir als gnadenloser Rassist vorkommen. Das tu’ ich aber nicht,  weil ich als Reiseberichterstatter unterwegs war, der touristische Aspekte in den Vordergrund stellte und nicht ethnisch-wissenschaftliche. Und: Ich habe mich nicht von “exotischer Verklärung” leiten lassen, sondern von der persönlichen Wahrnehmung. Begriffe wie “Primitivität” und “Rückständigkeit”  habe ich nicht verwendet und einen “rassistischen Diskurs über AfrikanerInnen” wollte ich schon gar nicht anzetteln. Tatsächlich aber habe ich einen organisierten Ausgang mit einer Gruppe von San gemacht, den ich als Art Beutezug erlebt habe. Berichten unseres Guides habe ich entnommen, dass die San spitze Pfeile und streng gespannte Bögen nicht nur zum Spaß mitnehmen, wenn sie in der Natur unterwegs sind. Aus diesen Berichten habe ich weiters erfahren, dass die San sehr wohl und direkt von Tourismus-Geldern profitieren, dass sie z. B. auch Einkommen beziehen von der Pharmaindustrie, die für – von San gesammelte – biologische Grundstoffe zahlt. Direkte Befragungen der San waren leider nicht möglich. Buschmann als “Verortung” sehe ich als keine rassistische Attacke, sie leben ja im Buschland. Auch “primitiv, wild und bedrohlich” lesen Sie im Bericht nicht.

Ein Kommentar

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  1. Susanne Oberpeilsteiner

    Mir war es wichtig, darauf hinzuweisen, welche Bedeutungen mit Bildern und Beschreibungen (z.B. Begriffen wie “Buschmann”, den Hinweis, dass die San sich mit Alkohol selbst ausrotten) transportiert werden, ohne dass die Worte “primitiv”, “rückständig” und “wild” verwendet werden. Einen rassistischen Diskurs zetteln Sie damit wohl nicht an, aber Sie bestätigen Klischees und erhalten den Diskurs damit aufrecht. Eine Möglichkeit, diesen Diskurs zu unterbrechen, wäre es, auf die ökonomische Bedeutung der von den San gesammelten biologischen Grundstoffe hinzuweisen, weil das zeigen würde, dass sie nicht Ausstellungsobjekte sind, die man – wie im Museum – bestaunen kann. Und auch wenn touristische Aspekte im Vordergrund stehen und nicht ethnisch-wissenschaftliche, ist es möglich, höchst umstrittene (und diskreditierte) Begriffe wie “Buschmann” zu vermeiden; auch “Busch” ist im Übrigen eine koloniale Erfindung, die dazu diente, den Gegensatz zwischen den “natürlichen Afrikanern” und den “zivilisierten Europäern” zu betonen.

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