Leserbrief zum Interview mit Anja Salomonowitz über „Die 727 Tage ohne Karamo“ in der „Presse“

Mit Erstaunen erfüllte mich das Interview, das Köksal Baltaci mit der Regisseurin Anja Salomonowitz führte. Der Eindruck, dem Interviewer selbst seien binationale Ehepaare nicht ganz geheuer, drängt sich bei der Fragestellung auf. Abgesehen von den drei Fragen zu Beginn zwingt der Journalist die Regisseurin im Laufe des Interviews dazu, sich permanent für ihren Film zu rechtfertigen. Und zwischen den Zeilen vermeint man zu lesen: Selbst schuld! Wenn man schon so blöd ist, sich eine/n Ausländer/in auszusuchen, dann bitte nicht auch noch jammern, wenn’s schwierig wird! Umso verwunderlicher ist dieser Eindruck, da Herr Baltaci soeben mit dem Journalistenpreis für Integration für seinen Artikel „Mit Kopftuch in der Arbeit“ ausgezeichnet wurde. Von eben dieser Haltung (Wenn man schon so blöd ist, sich ein Kopftuch aufzusetzen, dann bitte nicht auch noch jammern, wenn’s schwierig wird!) ist in dem prämierten Artikel gar nichts zu spüren.

Dieser seriöse Journalismus wird in dem Interview leider vermisst. Dies gilt auch für verallgemeinernde, in Fragen gekleidete Statements wie: „Viele wissen es (Anm.: die Schwierigkeiten, die sich stellen, wenn man eine/n Drittstaatsangehörige/n kennenlernt) und lassen die Finger davon!“, oder „Viele machen es (Anm.: eine Scheinehe) nur für Geld“. All diese Unterstellungen sind wohlbekannt: Ehe mit einem/einer Ausländer/in ist gleich Scheinehe, Asylwerber/innen erzählen „Märchengeschichten“, um unser schönes Land auszubeuten! Dass sich auch der Interviewer selbst von diesen Vorurteilen nicht distanzieren kann, scheint offensichtlich, denn was hat ein Film über binationale Paare mit den Votivkirchen-Flüchtlingen, mit organisierter Schlepperei oder mildernden Umständen in Strafverfahren zu tun? – Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Herr Baltaci gegen die Unschuldsvermutung verstößt, wenn er die Votivkirchen- Flüchtlinge in seinem Beitrag als Schlepper bezeichnet. Dass diese Vorwürfe überzogen bzw. größtenteils unrichtig waren, ließe sich mittels einer kurzen Recherche herausfinden.

Kritisch zu fragen und auch einmal die Stammtischparolen auf den Tisch zu legen und zu überprüfen ist nicht dasselbe wie das unreflektierte Übernehmen eben dieser Positionen. Auch braucht es kein Sympathisieren mit binationalen Ehepaaren – die gab es immer und wird es immer geben (außer in Regimen mit Rassengesetzen), unabhängig von der Bewertung durch diejenigen, die das „Glück“ haben, sich in eine/n Hiesige/n zu verlieben. Aber Vorsicht: Zur Sicherheit gleich beim ersten Treffen nach dem Staatsbürgerschaftsnachweis fragen!

Mag.a Margarete Gibba

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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