„Reality Queens auf Safari“

Die sogenannte Reality Show “Reality Queens auf Safari” von Prosieben wurde vorzeitig abgesetzt, nicht wegen der Rassismus-Vorwürfe von 22 NGOs, sondern wegen schlechter Quoten. Die Sendung fiel auf durch wilde Tiere, nackte Busen, geduldige Einheimische und dümmliche Dialoge. Sowohl aus ethnologischer, wie auch aus feministischer Perspektive ist sie ein Rückschritt in finstere Zeiten.

Da werden dem Publikum Informationshäppchen zu Maasai-Kultur in Tansania hingeworfen. Sie sind teilweise falsch und teilweise halbrichtig, jedenfalls aber aus dem kulturellen Kontext gerissen.

Beispielsweise scheint das Konzept eines Häuptlings direkt einem Karl-May-Film entnommen zu sein. Tatsächlich sind es in solchen Dorfkulturen nicht einzelne Personen, die bestimmen, sondern ein Konsilium von Ältesten, das solange beratschlagt, bis eine Lösung gefunden ist.

Andere Versatzstücke aus der Maasai-Kultur dienen nur der Befriedigung einer Sensationsgier. Von Polygamie ist die Rede, von Kuhdung als Baumaterial, vom Gewinnen von Rinderblut aus der Halsschlagader. Solche ethnografischen Details werden nicht im kulturellen Zusammenhang präsentiert. Beim Abzapfen von Rinderblut wird ein vorgeblicher Ekelfaktor ins Bild gerückt. Nicht erklärt wird die Bedeutung für die Ernährung und die Gesellschaft, als Teil eines Übergangsrituals, das den Eintritt von Männern in die Altersklasse der Erwachsenen begleitet.

Zudem ermangelt es an Respekt der Gastgebergesellschaft gegenüber. Einmal sagt der Moderator: „Der Häuptling … er steht dort mit seinen Frauen. Er hat acht Stück.“*)

So wird eine fiktive Maasai-Kultur präsentiert, die es in der vorgestellten Form nicht gibt. Ins Bild gerückt wird das, was den Konstrukteuren dieses Machwerks als rückständig, primitiv, schmutzig erscheint. Dazu kommen wilde Tiere, die immer wieder eingeblendet werden. So sieht das Tansania von Prosieben aus, auf diese wenigen Aspekte wird das riesige Land reduziert. Daher ist dieses Spektakel diskriminierend, erniedrigend und rassistisch.

Der Respekt fehlt aber auch den Kandidatinnen gegenüber. Ihre Bereitschaft, sich unentwegt lächerlich machen zu lassen, scheint grenzenlos. Aber dafür verdienen sie nicht die Verachtung, die ihnen vom Moderator und vom Hintergrundkommentator entgegenschlägt, sondern Mitleid. Denn zur Erlangung ihrer Ziele, welche immer das sein mögen, scheint ihnen kein anderes Einsatzkapital zur Verfügung zu stehen als der Körper. Im Film werden sie beschrieben als Porno-Star, Erotik-Model, Nackt-Model, Bunga Babes. Das sind die „Realitäts-Königinnen“ der Fernsehkultur.

Es wird nicht wenig Aufwand betrieben, sich über die Frauen lustig zu machen, über ihre Plastik-Körper zu witzeln, ihre Intelligenz in Zweifel zu ziehen. Wenn Kühe ins Bild kommen, lässt der Kommentator keine Gelegenheit aus, deutlich zu machen, dass sie nicht bloß vierbeinig sind. Er sagt etwa: „Die andere Kuh geht nämlich auch gleich“.

Aber mehr als einmal gewinnt man den Eindruck, dass die Kandidatin, wenn sie wieder etwas besonders Törichtes sagt, bloß den Regieanweisungen folgt. Denn es gibt da andererseits einen Spruch von nachgerade literarischer Qualität: „Du bist mir einfach zu primitiv. Du hast keine Waffen.“ Waffenlosigkeit als Zeichen von Primitivität – welche Erkenntnis!

Es sind die Männer, Frauen und Kinder aus diesem Maasai-Dorf wie auch die eingeflogenen Teilnehmerinnen, die solche Veranstaltungen erst ermöglichen, mit denen der Sender Profite macht. Und was tut der Auftraggeber? Er macht sich lustig über sein Personal.

Und plötzlich wird klar, warum solche Formate Reality Show heißen. Die Realität, die gezeigt wird, liegt darin, dass der Arbeitgeber diejenigen, die für ihn Geld scheffeln, erniedrigt und verhöhnt – und sie lassen es freiwillig mit sich geschehen.

So sind die Realitäten bei großer sozialer Ungleichheit mit steilem Machtgefälle – in kolonialen und in neoliberalen Arbeitswelten und bei patriarchalen Verhältnissen: Oben steht der Fernsehsender, unten die Statisten. Die Hoffnungen der „Realitäts-Königinnen“ werden ebenso verramscht wie die Kultur der Maasai. So ist es fast zwingend, dass nun schon zum zweiten Mal**) eine deutsche Exkolonie als Schauplatz für ein solches Sittengemälde gewählt wurde.

*) Die Zitate sind aus Folge 2.
**) Die RTL Sendung „Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika“ wurde in Namibia gedreht.

Ingrid Thurner

Ein Kommentar

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  1. Gertrude Sladek

    Gefaellt mir sehr gut.

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