Schwarzafrika gibt es nicht

In zahlreichen Medien erschien am 13.11.2012  ein APA-Bericht, der sich auf einen Bericht von Amnesty International über die Diskriminierung von Menschen aus dem subsaharischen Afrika in Libyen stützte. Dabei wurde diese Personengruppe in allen Medien als „Schwarzafrikaner“ bezeichnet (ORF: http://orf.at/stories/2150951/; Der Standard: http://derstandard.at/1350261279916/Amnesty-Folter-und-Willkuer-gegen-Schwarzafrikaner-in-Libyen; Die Presse: http://diepresse.com/home/panorama/welt/1312334/Libyen_Amnesty-beklagt-Folter-von-Schwarzafrikanern?_vl_backlink=/home/panorama/welt/index.do).

Dazu möchte die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung feststellen, dass der Begriff „Schwarzafrika“ ein kolonialistischer ist und auf einem rassistischen Konzept der Einteilung der Welt und ihrer BewohnerInnen beruht, da er die angebliche Gemeinsamkeit auf die (vereinheitlichend „Schwarz“ oder eine andere angenommene) Hautfarbe seiner BewohnerInnen bezieht. Es ist nicht sinnvoll, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen, da das Erscheinungsbild nichts mit Kultur oder Eigenschaften zu tun hat. “Rasse” ist kein biologisches, sondern ein soziales Konstrukt, der Begriff ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht nur obsolet: ein „Rassebegriff“, der sich auf morphologische Merkmale wie Hautfarbe, Form von Haaren oder Lippen, Abstände zwischen Nasen und Ohrläppchen und ähnlich abstruse Besonderheiten stützt, gilt alleine schon als rassistisch, da er im Allgemeinen dazu benutzt wurde und wird, bestimmte Gruppen abzuwerten und/oder zu benachteiligen. Die morphologischen Merkmale von Menschen sind nur einige wenige, die genetischen hingegen 1000e. Die genetischen Gemeinsamkeiten (DNA) zwischen einzelnen Angehörigen Europas und einzelnen Angehörigen Afrikas oder Chinas sind nicht selten weit größer als die Gemeinsamkeiten zwischen zwei afrikanischen und zwei europäischen Individuen.

Demzufolge wird auch der Begriff Schwarzafrika in Afrika zu Recht abgelehnt. In diesem Sinne sind auch Begriffe wie der dunkle Kontinent und Ähnliches als stereotype, essentialistische Zuschreibungen abzulehnen. Besser sind die geografischen Begriffe Afrika südlich der Sahara, das subsaharische Afrika, das tropische Afrika, Ostafrika, Westafrika etc., Zentralafrika, südliches Afrika, je nach Kontext – oder, noch besser, die genauen Nationenbezeichnungen.

Natürlich ist auch die heute üblicherweise verwendete Bezeichnung „Afrika südlich der Sahara“ ebenso nur ein Hilfskonstrukt, um eine so reiche, vielfältige und auch große Weltregion zusammenzufassen, aber sie ist zumindest neutraler gegenüber der Bewertung der Kulturen Afrikas, die historisch häufig in die „weißeren“ Hochkulturen im Norden und das „wilde“, „primitive“ dunkle Afrika geteilt wurden. Zudem inkludiert eine geographische Beschreibung auch Südafrika mit seiner multikulturellen Gesellschaft.

Gerade die von Amnesty International geschilderten Diskriminierungen von in Libyen lebenden Menschen aus dem subsaharischen Afrika zeigen die innerafrikanischen Trennlinien, die auch auf zum Teil rassistischen Annahmen und gesellschaftlicher Ab- und Aufwertung innerhalb Afrikas aufgrund vielfältiger Ursachen beruhen. Durch die Verwendung des Begriffes „Schwarzafrika“ werden diese Gräben auch über die Sprache zementiert und vertieft, was wohl kaum im Sinne von Amnesty International sein kann. Medien haben die Möglichkeit durch die Verwendung nicht-rassistischer Bezeichnungen konfliktkalminierend und respektfördernd zu wirken.

Mit besten Grüßen
Mag.a Margit Wolfsberger
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
Universität Wien

+++++++++++++++

Reaktion von Der Standard:

Sehr geehrte Frau Mag.a Wolfsberger,

vielen Dank für den Hinweis. Sie haben recht, das war ein Fehler der APA, den wir unkontrolliert übernommen haben. Mittlerweile haben wir unseren Artikel geändert und an die offizielle Pressemitteilung von Amnesty International angepasst. (http://www.amnesty.org/en/for-media/press-releases/libya-foreign-nationals-face-abuse-and-exploitation-2012-11-13)

MfG, Kim Son Hoang Redakteur
International, editor foreign desk

 

Reaktion von ORF.at:  Ersatz der Bezeichnung „Schwarzafrikaner“ durch Schwarze

 

 

9 Kommentare

Schreibe einen Kommentar»
  1. Du schreibst, dass „Afrika südlich der Sahara“ auch nur ein „Hilfskonstrukt“ sei und natürlich auch homogenisierend eine vielfältige Region zusammenfasst.

    Ich würde bei der der Einschätzung dieses Begriffs noch viel weiter gehen. Letzten Endes wird er meistens als Ersatzbegriff für S. benutzt. Durch dieses einfache Ersetzen des einen Begriffs mit dem anderen werden aber auch als Hintergrundrauschen jene rassistischen Konstruktionen übernommen, die du ja in deinem Text hier aufgezeigt hast.

    Viel eher sollten sich alle Schreibende jedes Mal, wenn sie in die Versuchung kommen diese Wortgruppe zu schreiben, fragen, warum das an dieser Stelle nötig ist. Warum können nicht die konkreten Länder benannt werden, um die es geht (seltenst werden doch tatsächlich alle Länder gemeint!)? Warum sollen jetzt gerade die Länder Nordafrikas nicht mitgemeint sein? Welche Region meine ich ganz genau? Warum kann ich über Afrika in so unspezifischen Begriffen berichten, wenn ich das über andere Regionen nicht machen würde?

  2. Margit Wolfsberger

    Danke für das Feedback, da stimme ich absolut überein. Es ist weitaus besser die Personengruppe, die man meint, auch präzise zu benennen und zu verallgemeinernde Kategorisierungen zu unterlassen, wenn sie nicht notwendig oder sinnvoll sind, wie es ja hier eigentlich nicht der Fall sein dürfte.

  3. Nikolaus Strobl

    Sehr geehrte Frau Mag. Wolfsberger,

    ich halte eine Ablehnung des harmlosen Begriffs „Schwarzafrika“ für falsch und politisch motiviert. Verständlicherweise kommen altmodische Bezeichnungen bisweilen aus der Mode. Die Unterscheidung von Rassen und Unterarten, gestützt auf morphologische Merkmale (von Ihnen polemisch als „abstruse Besonderheiten“ bezeichnet), ist jedoch nichts ungewöhnliches in der Biologie.

    Die Bewohner des schwarzafrikanischen Subkontinents waren in ihrer Stammesgeschichte lange von Asiaten, Europäern und Nordafrikanern getrennt. Neben der typischen dunklen, „schwarzen“ Hautfarbe weisen die Völker Zentral- und Südafrikas auch andere charakteristische anatomische Eigenschaften auf.

    Diese Unterschiede können sehr wohl genetisch zugeordnet werden und sollten zu einer Wertschätzung der weltweiten Vielfalt an Rassen, Sprachen und Kulturen führen. Keinesfalls wird dabei die Überlegenheit irgendeiner bestimmten Gruppe impliziert.

    Anmerkung der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Strobl!
    Gerne schalten wir Ihr Posting frei, halten jedoch fest, dass Ihre Meinung allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht und verweisen auf den obigen Kommentar.
    Margit Wolfsberger

  4. Franziskus zelaniec

    Also warum darf man jetzt nicht schwarzafrika(ner) sagen?
    Die länder des maghreb sind einfach von weissen arabern berberischer herkunft bewohnt (ich spreche ganz bewusst von weissen, da so wie wir uns in deutschland als weiss bezeichnen die maghrebiner auch dazu zählen, oder?)
    Aber warum kann es denn nicht möglich sein, dass ein kontinent heimat von zwei grossgruppen ist? Genau so wenig nämlich, wie in calais eine gemischt eurasiatische kultur beginnt, nur wei
    All das ein kontinent geografisch ist, finden wir uns bei der landung in alexandria aus kreta kommend unter schwarzen vor! Afrika hat wenigstens noch seinen namen für den ganzen erdteil, eurasien wird unterteilt in europa und asien, obwohl wir einander vom aussehen sogar ähnlicher sind als berber und yoruba, weiss- und schwarzafrikaner also!
    Und libyer sind auch keine ‚ schwarzen mit weissrr hautfarbe‘ sondern haben sich schon in fruhester zeit zusammen mit uns von den schwarzafrikanern die sie hezte cuiunieren, abgespalten. Libyeer sind nicht schwarz! Wenn eine gruppe libyer vor Ihrem haus entlangzieht, würden Sie dann von afrikanern sprechen?! Afrikaner bedeutet im deutsvhen schwarzafrikaner!

  5. Ingrid Thurner

    Hallo, danke für den Kommentar. Es geht aber nicht darum, welche Schattierungen und Tönungen von Hautfarben in Afrika oder anderswo anzutreffen sind. Der springende Punkt: Äußerlichkeiten wie Hautfarbe sollten nicht wichtig sein, es leben dort Menschen, sie sind Nomaden, Dorfbewohnerinnen, Fischer, Mütter, Obdachlose, Ärztinnen, Lastwagenfahrer, man kann sie in ihrem sozialen Kontext beschreiben oder erforschen, je nach Thema, jedenfalls haben morphologische Merkmale keinen Einfluss, außer in einer Zuschreibung, die von außen kommt.
    I. T.

  6. Zelaniec

    Sehr geehrte Admins,
    könnten Sie bitte freischalten, was ich noch ergänzt hatte auf die Antwort von Frau Thurner? In diesem Moment war es sehr langatmig geschrieben, wenig „schlagfertig“, lässt sich aber ganz einfach zusammenfassen:
    a)das Deutsche und Chinesen gleichermaßen ihrer Arbeit nachgehende homines sapientes sind, ändert nichts an der Tatsache, dass es sich um vor langer Zeit abgespaltene und soweit auch verschiedene Ethnien sind
    b)dass ein Individuum von hier einem Chinesen oder Nigerianer näher sein kann als seinem „deutschen Dorfnachbarn“, dass will ich gar nicht bestreiten, genetisch sind alle in allen Ländern so durcheinandergewürfelt wie die Kleidung die moderne Menschen tragen, natürlich dürfte die Kleidung, die ich heute anhabe, denen vieler Nigerianer, Chinesen oder Paraguayaner zufällig ähnlicher sehen als denen vieler Passanten in meiner Stadt und umgekehrt
    c)dadurch sind also solche Genanalysen nicht aussagekräftig, was die Ethnologie betrifft – natürlich bin ich als Europäer mit JEDEM NICHT-AFRIKANER (also Europäer, Asiaten, Araber (auch eben Nordafrikaner – und das ist der springende Punkt), Lateinamerikaner, Australier MEHR VERWANDT als mit irgendeinem Menschen aus Afrika, also stehen wir geschlossen ersteren näher als den AFRIKANERN, da sich die Menschheit vor 70000 Jahren am „Tor des Leids“ zwischen Eritrea und dem Jemen getrennt hat – die SCHWARZAFRIKANER sind die in Afrika zurückgebliebenen, der ganze REST, also alle NICHT-AFRIKANER, also auch WIR, gehen auf jenen EXILANTEN zurück

  7. Hitimana Innocent

    Guten Tag,
    ich als Ruander kann zu dieser Diskussion hier sagen, dass die Sahara wie ein Ozean ist – die ethnischen Unterschiede zwischen Marokko und Ruanda also zu den größten der Welt gehören. Ich habe den Eindruck, es wird versucht, die Maghrebiner, da ihre Heimat Nordafrika ist, in Verbindung zu bringen mit dem schwarzen Subsahara-Afrika. Wäre es nicht logisch, dass sie ihren arabischen Brüdern in Syrien, Saudiaarabien oder dem Irak näherstehen als uns?
    Wenn nämlich behauptet wird, Schwarzafrika gäbe es nicht, kann das nur eins bedeuten:
    Dass, was gemeinlich als Schwarzafrika (also Subsaharaafrika) bezeichnet wird, ist aufgrund seiner Hautfarbe nicht vom Norden abgrenzbar, also wäre ganz Afrika eine Art Schwarzafrika, nur im Norden mit heller Tönung. Dies würde aber dann bedeuten, dass die den Nordafrikanern zweifellos am nächsten stehenden arabischen Brüder in Syrien oder im Irak auch Afrikaner wären. Offensichtlich ist dem im Falle Syriens et co aber nicht so. Warum dann in Marokko oder Libyen?
    Ich möchte mich auch gegen die Bahauptung stellen, das mit dem Begriff von drangsalierten Schwarzafrikanern in Libyen gewisse Gräben noch vertieft würden. Denn, lassen Sie mich zwei Besipiele geben:
    a) Vertieft es auch Gräben zu sagen, dass auf osteuropäischen Baustellen Ostasiaten ausgebeutet werden (es handelt sich vor allem um Nordkoreaner, da beide länder zum Ostblock gehörten) – geographisch sind Europa und Asien ein Kontinent – und um wieviel größer ist der Unterschied im Aussehen noch zwischen Libyern und Ruandern als zwischen Tschechen und Koreanern!
    b)Von weitaus weniger Gewalt ausgemacht und zudem ein inländisches Problem, aber doch ähnlich, ist die amerikanische Polizeiwillkür gegen Schwarze – vertieft es hier Gräben zu nennen, dass die Opfer wahrscheinlich zumindest öfters wegen ihrer Hautfarbe ihr Leben lassen mussten?

  8. TMB

    Es geht nicht um genetische Verwandtschaft, sondern darum, dass „Schwarzafrika“ ein kolonialistischer Begriff ist; siehe dazu auch den Wikipedia-Eintrag zu „Schwarzafrika“, in dem es unter anderem heißt: „Manche dunkelhäutige Menschen afrikanischer Herkunft empfinden [die Bezeichnung] allerdings teilweise als Stigmatisierung, da sie eine abwertende Nebenbedeutung der Bezeichnung sehen, zusammen mit einer enthaltenen Ausgrenzung im Zusammenhang mit klischeehaften Assoziationen wie Drogenkriminalität und Asylmissbrauch.“ Weiters wird eine Studie aus Wien (Ebermann 2007) zitiert, wonach „Menschen aus Afrika am ehesten mit ihrem Eigennamen, ansonsten als Afrikaner oder als Staatsbürger ihres jeweiligen Landes bezeichnet werden wollen“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzafrikaner).

  9. Hitimana Innocent

    Guten Tag, ich möchte gerne sagen, dass ich Ihre Art und Weise, mit Kommentaren umzugehen, die nicht Ihrer Meinung, dass wir Alle nur undefinierbare Mischwesen sind, entsprechen, als Zensur empfinde. Wnee Sie etwa unter einen Kommentar schreiben „Gerne veröffentlichen wir, weisen aber darauf hin, dass dies allen Erkenntnissen widerspricht“.
    Natürlich haben sie das „Hausrecht“ dieser Website, aber ich würde Sie bitten dieses fairer zu nutzen bei Kommentaren die anderer Meinung sind und so auch die Offenheit zu zeigen , sich vom anderen überzeugen zu lassen, die (ich zumindest) auch mitbringen möchte, denn nur das macht, finde ich, echte Diskussion aus. Vielen Dank!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)