So bunt ist Österreich: Vielfalt zu Wort kommen lassen

Sehr geehrte Kurier-Redaktion!

Vielen Dank für die Titelgeschichte vom 1. Mai 2012 zu Menschen mit Migrationshintergrund („Bananen-Allergiker, Priester und Feen: So bunt ist Österreich“). Wir von der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung freuen uns, dass Sie das Thema am Titelblatt so prominent platziert haben und im Artikel den interviewten Personen die Möglichkeit geben, ihre Meinungen auszudrücken. Gut finden wir auch die Bandbreite an kulturellen und geographischen Herkunftskontexten der Porträtierten sowie die verschiedenen beruflichen Felder, in denen sie tätig sind. Mit solchen Darstellungen wirken Sie gängigen Klischees über MigrantInnen entgegen und zeigen Vielfalt ebenso wie Normalität von migrantischen Lebensentwürfen, die eben auch in allen Berufen und gesellschaftlichen Schichten zu finden sind.

 

Denn es gibt eben nicht nur die kopftuchtragende, nicht-deutschsprechende und in Parallelgesellschaften lebende Türkin, wie man nach dem Kommentar von Martina Salomon („Parallelgesellschaften“, 24. April 2012, ebenfalls in Ihrer Zeitung) glauben könnte. Vielmehr gibt es in allen Herkunftskontexten große Vielfalt. Zu diesem Kommentar noch eine kurze Rückmeldung: Es erscheint doch nahe liegend, dass es gerade für Menschen aus niedrigeren Einkommensschichten, die zu ihren Familienangehörigen in Österreich übersiedeln wollen, nur sehr schwer bis unmöglich ist, in der Türkei ohne ein flächendeckendes Netz an Schulen bereits vor der Einreise zu erschwinglichen Preisen Deutschkenntnisse erwerben zu können. Sollen sie deshalb von ihren Familienangehörigen getrennt leben müssen? Realistischer und Erfolg versprechender wäre es doch, sie ab der Einreise mit niederschwelligen Angeboten und dementsprechender Förderung zum Spracherwerb zu motivieren. Zu der von Salomon konstruierten Parallelgesellschaft auch noch das Ute-Bock-Flüchtlingsheim in Favoriten ins Spiel zu bringen – warum, hier geht es ganz sicher nicht um türkische EinwandererInnen? –, halten wir für unzulässig bis gefährlich.

Beiträge wie der oben genannte vom 1. Mai sind jedoch ein notwendiges Korrektiv zu Klischees und Vorurteilen, die eben in allen Medien nach wie vor zu finden sind und die die Integration nicht vorantreiben sondern torpedieren. Wenn wir da noch etwas kritisch anmerken können, dann vielleicht den Umstand, dass unter 18 MigrantInnen nur drei Frauen vertreten sind. Gerade weil bei Menschen mit migrantischem Hintergrund oft eine „Rückständigkeit“ in Bezug auf Geschlechterrollen (siehe den Kommentar von Martina Salomon) bekrittelt wird, wäre es schön, wenn eine Tageszeitung hier entgegensteuert und 50:50 als Norm eines solchen Beitrages heranziehen würde. Sicher drängen sich Männer (egal welcher Herkunft) eher in den Vordergrund, aber es verwundert doch, dass es nicht gelungen sein sollte, neun interessante Migrantinnen zu finden, die ebenso über ihre Erfahrungen in Österreich etwas zu sagen hätten? Insgesamt möchten wir aber sagen: Vielen Dank für den Beitrag und weiterhin Inspiration und Mut für viele weitere dieser Art!

Mit freundlichen Grüßen

Mag.a Margit Wolfsberger
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung – TMB
Universität Wien

Wien, 3. Mai 2012

 

Antwort von Martina Salomon vom 3.5.2012:

Sehr geehrte Frau Mag. Wolfsberger!
Die Idee zum Aufmacher habe ich mitentwickelt, etliche Personen, die da beschrieben wurden, kamen von meiner Seite. Aber ich warne davor, die multikulturelle Gesellschaft nur schönzuschreiben. Wenn wir die Probleme nicht benennen und zu lösen versuchen, machen wir die Populisten stark. Genau das passiert gerade. Und ich bleibe dabei: In einem Problembezirk wie Favoriten auch noch ein Flüchtlingsheim zu installieren, heißt, den Bezirk noch mehr zum Ghetto werden zu lassen, aus dem man flüchtet, wenn man kann.
MfG Martina Salomon

Dr. Martina Salomon
stv. Chefredakteurin KURIER

 

TMB antwortete darauf am 5.5.2012:

 

Sehr geehrte Frau Dr. Salomon,

vielen Dank für Ihre Reaktion und Antwort – und danke wie gesagt auch an den Kurier und an Sie für diese Titelstory. Wir finden eben, dass dies ein gutes Beispiel dafür ist, wie ein so heikles Thema, das so viele Vorurteile und Stereotype anspricht, in all seinen Zwischentönen dargestellt werden kann – ohne etwas schön zu reden, aber auch ohne Vorurteile zu bestärken. Wir wollen ebenfalls nichts schönreden, aber eben auch nicht pauschal „die Türken“ als „Problem“ dargestellt wissen, ebensowenig wie „die Flüchtlinge“. Genau das haben wir in Ihrem Kommentar herausgelesen – und vermutlich nicht nur wir, sondern viele Leser und Leserinnen, die ohnehin Vorurteile in diese Richtung haben.

Es ist sicher der bessere Ansatz, Probleme zu benennen, um sie zu lösen – doch diese pauschal einer Gruppe zuzuschreiben ist nicht hilfreich, hier gibt es ein komplexes Problem der Stadtteilabwertung, das nicht über Deutschkurse im Ausland gelöst wird und auch nicht nur an „den Türken“ oder „den Flüchtlingen“ festgemacht werden kann. Gegensteuern kann man sicher über den sozialen Wohnbau in anderen Bezirken/Gegenden, über gezielte Aufwertung der Gegend und Studentenheime, über eine Aufwertung der Schulen und Kinderbetreuung in diesem Bezirk, über „Rucksackprojekte“ (vgl. http://www.linz.at/presse/2008/200806_40515.asp oder http://www.stadt-salzburg.at/internet/service/aktuell/aussendungen/2011/sprachfoerderung_rucksackprojekt_laeuft_348255.htm) und „Stadtteil-Eltern“, über viele kleinräumige Initiativen.  Auch für ein Flüchtlingsheim könnte man sich sehr gute Projekte überlegen, die zu einer sehr guten Integration und einem positiven Multikulturalismus führen. Dabei ist aber klar, dass all das natürlich weniger Wählerstimmen bringt als der von Ihnen angesprochene Populismus anderer Parteien.

Jedenfalls also danke für Ihre Antwort und wir freuen uns schon, wieder so gute Artikel wie die Titelstory zu lesen, in denen die Komplexität und auch die unterschiedlichen Positionen und Hintergründe der ZuwandererInnen selbst so gut herauskommen.

Mit freundlichen Grüßen
Margit Wolfsberger für die Initiative TMB

 

 

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