Unsere Mitschuld an den Krawallen

Der Kommentar erschien in gekürzter Form am 19. 9. 2012 in der Wiener Zeitung und in veränderter Form in Politikum bei WDR5.

Die derzeitigen Ausschreitungen in mehreren arabischen Ländern liefern wieder verschiedenen Medien und Personen, die bereits einschlägig bekannt sind, Vorwände für islamfeindliche Angriffe. Sowie irgendwo in der muslimischen Welt Radikalismus und Dummheit eine Allianz eingehen und mit Gewalt Probleme lösen wollen, wird gleich die gesamte Religion mit allen Gläubigen mitverurteilt. Da können Korrespondenten wie Karim El-Gawhary noch so oft betonen, dass es nur eine Minderheit ist, die zündelt. Wenn auf allen Fernsehkanälen des Abends Feuerschein die Wohnzimmer erhellt, dann werden die rechtskonservativen Kreise wohlig in ihre islamfeindlichen Meinungen gelullt.

Hierzulande ist es keine Minderheit, die zündelt, sondern mächtige Medien, die Hunderttausende erreichen, und täglich wird noch ein wenig zugelegt. Was bedeutet es für den sozialen Frieden im Lande, wenn die muslimische Bevölkerung regelmäßig in den Zeitungen liest, wie gewalttätig ihre Religion sei? Was bedeutet es für Gläubige, wenn das Recht eingefordert wird, sie und ihre Religion im Namen der Meinungsfreiheit beleidigen zu dürfen? Zum Glück sind Islamverbände sensibler als manche Kommentare. Sie distanzierten sich und verurteilten die Gewaltakte, ebenso wie viele Politiker der Länder, in denen sie geschahen.

Es geht nicht nur darum, dass ein Filmchen, das landauf landab als bedeutungslos eingestuft wird – auch von den allermeisten Muslimen – den Propheten verhöhnt, es geht um viel mehr. Es geht auch darum, dass sich die Bevölkerungen islamischer Länder seit Jahrzehnten vom Westen, von Amerika, von Europa verhöhnt fühlen. Die Versprechen sind nie gehalten worden, und die Verlockungen sind immer bloß im Fernsehen. An Unterstützung bekommen sie Worthülsen wie Demokratie, Menschenrechte, Transparenz, Gleichberechtigung, die als Forderungen formuliert werden, die nun endlich zu erfüllen seien. Jahrzehntelang hat man die Regierungen und Diktatoren gestützt, die die arabischen Völker gar nicht haben wollten, und hat mit ihnen gute Geschäfte gemacht. Syrien lässt man verbluten, weil es die einfachste Lösung ist, und in Libyen hat man eingegriffen, weil es die lukrativste Lösung war. Hinzu kommen regional unterschiedliche historische Verstrickungen wie die Demütigungen, die die Erfahrungen kolonialer Abhängigkeit mit sich brachten, die einseitigen militärischen Interventionen wie in Afghanistan und Irak, die Doppelzüngigkeit in Bezug auf den Nahostkonflikt.

Nicht Aggressivität, Radikalismus, Fanatismus und Rückständigkeit sind die Wurzeln dieser Gewalt. Das sind allenfalls Symptome. In den postrevolutionären Ländern gestaltet sich die Alltagsbewältigung schwieriger denn je, und die Hoffnungen auf ein besseres Leben schwinden mit den Preiserhöhungen. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Testosteronüberschüsse und Verheißungen, die nie eingetreten sind, sind die Ingredienzien der explosiven Cocktails dieser Tage, und vielleicht auch Langeweile, die aus der Unterbeschäftigung entsteht und die Ansteckungsgefahr, die eine Masse in sich birgt. Bei solcher Gemengelage sind gewalttätige Ausschreitungen über kurz oder lang die unvermeidliche Folge, überall auf der Welt und vor jeglichem religiösen Hintergrund.

Aber Kommentare und Kolumnen gefallen sich darin, den Westen, das Christentum, das Abendland, Amerika und Europa, die doch Mittäter sind, als die unschuldigen Opfer der Gewalt aufzubauen. Gleichzeitig wird der Islam als Gesamtes und all seine Gläubigen für die Toten zur Verantwortung gezogen. Diese stereotypisierende und dogmatische Haltung hat auch etwas von intolerantem, religiösen Eifer an sich.

Ingrid Thurner

Ein Kommentar

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  1. […] Terrorakte haben nichts „mit islamischem Selbstverständnis zu tun“ und sind auch nicht „ein Problem des Islam selbst“. Über dahinter liegende Ursachen wäre in vielen Kommentaren der Teilnehmenden Medienbeobachtung nachzulesen, z. B. Unsere Mitschuld an den Krawallen. […]

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