Leseproben: Vorbemerkungen
des Autors Leider ist
davon all zu vieles bereits arg überholt, da schon längst als
irrig erkannt. So
manches anderes Wissen wurde im Laufe unserer Kulturgeschichte aus
unterschiedlichsten Gründen verfälscht: Einiges davon aus
hehren Zielen, weil
man meinte, dadurch die Verständlichkeit zu verbessern, wie bei
Teilen der
Newton’schen Mechanik. Wir kennen aber auch Fehlinformationen, die aus
purem Eigennutz
bewusst in die Welt gesetzt worden sind, wie etwa die Behauptung, im Mittelalter hätten wir an eine
scheibenförmige
Erde geglaubt. Das vorliegende Buch katapultiert uns in lockerer und allgemein verständlicher Weise – immer aber fachlich völlig korrekt – in eine Weltsicht, die ins 21. Jahrhundert passt. Es räumt mit so manchen Fehlinformationen und Verfälschungen auf und zeigt uns die tatsächlichen Bedeutungen von „Materie“, „Gott“, „Zeit“ und „Raum“. Wir erfahren, was unsere physikalischen Theorien zu unserem Weltverständnis beitragen können, was die Religionen, die Philosophie und die Ideologien. Es zeigt uns auch, wie rational und objektiv die Naturwissenschaft ist, welchen Standpunkt die mechanistische Physik vertreten hat, und was die moderne Naturwissenschaft kann und will. Es war dabei hilfreich, dass sich der Autor seit Jahren bemüht, die moderne Physik „alltagstauglich“ zu machen, indem er sie fachlich korrekt in eine verständliche Sprache und Begriffswelt übersetzt, um so ihre Einbindung in das allgemeine Kulturleben zu ermöglichen – frei nach dem Motto „Unser Wissen muss einfach und verständlich werden“. Zwei Bücher sind dazu von ihm bereits erschienen: Die Werkstatt der Natur – Eine moderne Einführung in die Quantentheorie (ISBN 3-900 799-628) und Das kosmische Spiel – Die verständliche Welt der Relativitätstheorie (ISBN 3-900 799-63-6). Die zweite Schiene zu dem vorliegenden Buch ist eine bislang völlig unbemerkte, aber um so erstaunlichere Parallele, die den Autor seit seinen Studententagen fasziniert: Die Physik benötigt drei transzendente Begriffe – in Abgrenzung zur Philosophie – als im Rahmen ihrer Wissenschaft nicht mehr hinterfragbare Basis ihrer selbst, und der christliche Gott der Dreifaltigkeit wird als drei verschiedene Personen in einem Wesen geglaubt. Der
Autor ist daher seit langem um eine
möglichst geschlossene Weltanschauung bemüht,
die naturwissenschaftliches
Arbeiten und den Glauben an den christlichen Gott als
harmonisch vereinbar
ausweist. Das vorliegende Buch ist ein erstes Ergebnis seiner
diesbezüglichen Gedanken.
Er bemühte
sich nach bestem Gewissen um sachliches,
objektives Erzählen und unterscheidet rigide zwischen
verifizierbaren Tatsachen
und seinen persönlichen Ansichten, wie der geneigte Leser unschwer
zu
konstatieren vermag. Jänner 2010
Josef
Tomiska 1.
Der Geist und die Materie
Es gibt keine
unbestrittene Wahrheit. 1.1. Die
Fronten
1.2 Der GeistDer
„Geist“ der
Spiritualisten, der philosophische Begriff des „Geistes“ also, hat
nichts mit
den „Geistern“ zu tun, denen wir in Naturreligionen und im Aberglauben
begegnen. Für Thales von Milet
(640/624–546[?] v. Chr.), der traditionell als Begründer der
Philosophie gilt
und von Platon zu einem der sieben Weisen des Altertums gezählt
worden ist, gab
es noch keinen „Geist“. Er sah im „Wasser“ den Urgrund (griech.: arché) allen Seins und
allen Geschehens,
allerdings galt es ihm noch als lebendig
und als Inbegriff allen Feuchtens. Der Begriff des „Geistes“ wurde erst etwa hundert Jahre später durch Heraklit von Ephesus (ca. 544–484) in unsere europäische Kulturgeschichte eingebracht, ist aber seither praktisch aus keiner Weltanschauung mehr wegzudenken. Er wurde und wird jedoch in so vielfältiger Weise gebraucht, dass sich kaum ein gemeinsamer Nenner finden lässt. Dieses Schicksal teilt er – wie wir bald sehen werden – mit seinem Gegenspieler, der „Materie“. Heraklit
nannte
ihn „logos“ (griech.:
Wort, Vernunft, Begriff), er dachte ihn als
eine
ordnende Weltkraft, eine ewige Weltstruktur, die überall enthalten
ist und alle
Geschehnisse unserer Welt steuert. Dieser „logos“
verbleibt nach Heraklit für uns eine völlig undurchschaubare
„All-Vernunft“,
die „nicht will und doch will mit dem Namen des ‚Zeus‘ benannt werden“.
Er
wollte offenbar damit sagen, dass die Bezeichnung seines „logos“
mit dem Namen „Zeus“ deshalb versagen muss, weil diese seine
Welt bestimmende Kraft nicht mit dem Gott der damaligen griechischen
Volksreligion identisch war. Aber sie schien ihm andererseits deshalb
gerechtfertigt, weil mit „Zeus“ auch jene göttliche Realität
bezeichnet worden
war, die alles ist und sich in alles verwandeln kann. ...
![]() 1.3 Die
Materie
Sie
können es nicht, denn niemand von uns kann schlüssig
definieren, was unter Materie
genau zu verstehen ist – selbst wenn wir seit der antiken Philosophie
viel
darüber räsoniert haben! Weder die Philosophie noch die
Naturwissenschaft kann
uns schlüssig erklären, was wir unter „Materie“ zu verstehen
haben. Im weit
verbreiteten achtbändigen Lehrbuch der
Experimentalphysik von Bergmann-Schaefer finden wir zwar die
Erscheinungs-
und Strukturformen der Materie, aber keine explizite Definition der
„Materie“. In Meyers Physik-Lexikon werden wir allerdings fündig: „Materie ist der Inbegriff des Stofflichen, und ihre Grundeigenschaft ist die Masse.“ Die Bedeutung des „Stoffes“ müssen wir uns aber aus anderen Quellen suchen. Chemiebücher erklären uns zumeist, dass die Chemie die Lehre von den Stoffen und deren Veränderungen sei, aber meist ebenfalls nicht, was wir uns unter „Stoff“ vorzustellen haben. „Stoff“ und „Substanz“ werden dabei im Allgemeinen weitgehend synonym gebraucht.
... Max
Planck (deutscher Physiker, 1858–1947;
Nobelpreis für
Physik 1918), der Begründer der Quantentheorie für die
Vorgänge im
submikroskopisch Kleinen, war
überzeugt, dass es gar keine „Materie an sich“ gibt. Für ihn
bestand Materie nur durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in
Schwingung
bringt und zusammenhält. Hinter dieser Kraft war für Max
Planck ein bewusster
intelligenter Geist anzunehmen. Dieser Geist war für ihn der
Urgrund der
Materie. Er sagte: „So scheue ich mich nicht, diesen geheimnisvollen
Schöpfer
ebenso zu nennen wie ihn alle alten Kulturvölker der Erde genannt
haben –
‚Gott‘!“
Der britische Physiker Paul Dirac (1902–1984), Schöpfer der relativistischen Quantentheorie der Elektronen (die zur Entdeckung der Antimaterie führte), für die er 1933 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war dagegen überzeugter Atheist und Kommunist. In einem Gespräch mit seinem kongenialen deutschen Kollegen Werner Heisenberg (1901–1976; Nobelpreis für Physik 1932 für die nach ihm benannte Unschärferelation), das dieser in seinem Buch Der Teil und das Ganze: Gespräche im Umkreis der Atomphysik wiedergibt, zeigt sich Dirac verwundert: „Ich
weiß nicht,
warum wir hier
über Religion reden. Wenn man ehrlich ist – und das muss man als
Naturwissenschaftler doch vor allem sein –, muss man zugeben, dass in
der
Religion lauter falsche Behauptungen ausgesprochen werden, für die
es in der
Wirklichkeit keinerlei Rechtfertigung gibt. ... 3.
Die
kopernikanische Wende Aristoteles hatte ganz recht,
wenn er sagte, Zweifel sei der Weisheit Anfang.
Voltaire 3.1
Der
aristotelische Kosmos Mit Aristoteles begann die Naturwissenschaft im engeren Sinne. Bei ihm war „Natur“ allerdings eher eine Bestimmung des einzelnen Seienden als eine Bestimmung der Welt als Ganzes, wenngleich auch Aristoteles die Welt als eine geordnete Ganzheit verstand. Wie bei den anderen antiken Naturforschern, stand bei Aristoteles das Phänomen der Bewegung im Vordergrund. Er verstand die „Natur“ als dasjenige „Etwas“, welches das Prinzip seiner Bewegung in sich selbst trägt, sowohl für die räumliche Fortbewegung als auch für die Entwicklung. Damit war die innere Zielgerichtetheit des Naturgeschehens, das „Prinzip der Teleologie“, die entscheidende Eigenschaft seines Naturbegriffes. So betrachtete er es als die Natur der Samen, sich zu Pflanzen zu entwickeln. Entsprechend hatte jedes Ding seinen natürlichen Platz in der Welt, in der die leichten Dinge nach oben steigen, während die schweren sich zur Erde hin bewegen. Aristoteles unterschied daher zwischen einer natürlichen Bewegung, nach der sich die Dinge zu ihrem natürlichen Ort bewegen, und einer erzwungenen, nach der ein Ding von Menschen in eine bestimmte Richtung gezwungen wird. Die Weiterentwicklung dieser Beobachtung führte zu einer Unterscheidung zwischen Natur und Kultur: Kultur als das vom Menschen Hervorgebrachte im Gegensatz zur Natur als demjenigen an den Dingen, das nicht von Menschen erzeugt wird. Er prägte für mehr als 2000 Jahre unser Weltbild. Die Physik des Aristoteles ging von einem kugelförmigen Universum aus, in dessen Mittelpunkt die Erde ruhte. Das Universum sollte völlig von Materie erfüllt sein, wobei Aristoteles zwischen den vier Elementen der irdischen Welt und dem kristallenen Äther der Himmelssphären unterschied. Für Aristoteles bildete die kugelförmige Erde den ruhenden Mittelpunkt des Weltalls. Wie uns Bild 4 zeigt,
wurde die Erde von
kristallenen Himmelssphären umgeben gedacht. Die innerste
Kugelschale trug den
Mond, die folgenden waren Sitz der Sonne und der verschiedenen
Planeten. Die
äußerste Sphäre war das Himmelsgewölbe, an dem die
Fixsterne befestigt waren.
Außerhalb dieser Sphäre war nichts, nicht einmal Raum. Denn
eine der Grundlagen
des aristotelischen Systems besagte, dass es keinen leeren Raum
gäbe. Raum war
nur zusammen mit Materie denkbar und so konnte es außerhalb der
Fixsternkugel
weder Raum noch Materie geben. ...
3.3
Wie die Erdkugel
zur Scheibe wurde Wie kam eigentlich das Mittelalter zum Glauben an eine scheibenförmige Erde? Sämtliche Astronomen und Astrologen des Mittelalters benutzten für ihre Berechnungen das ptolemäische System, in dem die Erde ebenso Kugelgestalt hatte wie im aristotelischen Himmelssystem. Auch bereits die Pythagoräer und danach die meisten anderen antiken Philosophen waren überzeugt, dass die Erde nur kugelförmig sein könne. Sie hatten sogar ihren Umfang auf 10 Prozent genau gemessen. Insbesondere der deutsche Romanist Reinhard Krüger, der österreichische Philologe Rudolf Simek sowie der amerikanische Historiker J. B. Russell fanden nach umfangreichen Recherchen seit den 1990er-Jahren heraus, dass weder die kirchlichen noch die weltlichen Gelehrten der Spätantike und des Mittelalters geglaubt hatten, die Erde wäre eine Scheibe. Einzig die beiden Kirchenväter Laktantius und Severianus von Gabala sowie der ägyptische Mönch Indikopleustes vertraten diese Ansicht. Doch deren Weltsicht galt als zu abartig, als dass sie im Mittelalter gelehrt worden wären. Erst neuzeitliche Gelehrte entdeckten deren Schriften wieder und schufen mit ihrer Hilfe die Scheibenlegende. Mit
Ausnahme dieser drei
Autoren gab es im christlichen Mittelalter niemanden, der eine
Flacherde
vertreten hätte. Die Polemik, die dem Mittelalter ein Weltbild mit
einer
Erdscheibe zuschrieb, setzte zunächst zaghaft, aber doch zu Beginn
des
17. Jahrhunderts ein. Vermutlich
wollte man das stark kirchlich beeinflusste Mittelalter – und damit die
Kirche
selbst – als besonders primitiv und wissenschaftsfeindlich erscheinen
lassen.
Dadurch konnte man die eigene Zeit als naturwissenschaftlich
ausgerichtetes,
„aufgeklärtes Zeitalter“ – vor allem mit dem neuen,
mechanistischen Weltbild
sowie dem aufkommenden Positivismus und Materialismus – als weit
überlegen
erscheinen lassen. Papst Silvester II. (950–1003) etwa verfasste
Abhandlungen
darüber, wie man Erdgloben herstellte und welchen exakten Umfang
die Erde
hatte. Der Kirchenlehrer Hermann der Lahme (1013–1054) benützte
solche Globen
in seinem Unterricht. Krüger entdeckte insgesamt ein helles,
modern denkendes
Mittelalter. Dazu passt gut, dass der Philosoph,
Theologe und größte Kirchenvater Augustinus
(354–430) –
der selbstverständlich von der Kugelgestalt der Erde
überzeugt war – extrem moderne
Ansichten über die „Zeit“ hatte. ...
5. Unser Erkenntnis- und Vorstellungsvermögen
Da
streiten sich die Leut’ herum, Jetzt müssen wir nur noch klären, was wir unter „Natur“, „Wissenschaft“, „Bewegungsgesetze“, „erforschen“ etc. zu verstehen haben. Das Konversationslexikon von Brockhaus gibt uns Auskunft, dass „Wissenschaft der Inbegriff des durch Forschung, Lehre und überlieferter Literatur gebildeten, geordneten und begründeten, für gesichert erachteten Wissens einer Zeit ist; auch die für seinen Erwerb typische methodisch-systematische Forschungs- und Erkenntnisarbeit sowie ihr organisatorisch-institutioneller Rahmen“. Unter „Forschung“ haben wir dabei „die Gesamtheit der methodisch-systematischen, schöpferisch-geistigen Bemühungen im Rahmen der Wissenschaft zu verstehen, die zur Gewinnung neuer, allgemein nachprüfbarer Erkenntnisse unternommen werden“. Wenngleich diese Formulierungen ein wenig nach Zirkeldefinitionen klingen, ist doch die Forderung nach allgemeiner Nachprüfbarkeit deutlich akzentuiert. Damit wird das, was wir unter „Wissenschaft“ verstehen, grundsätzlich von der Spekulation unterschieden, obwohl jede „Wissenschaft“ zu jeder Zeit auch Ordnungsprinzipien braucht, die aus gewohnten Denkmustern und/oder Wunschvorstellungen stammen und daher Glaubensangelegenheiten darstellen.
In der Physik beschäftigen wir uns mit dem Aufbau und Werden unserer Welt. Aber anders als in Philosophie und Religion versuchen wir in der Naturwissenschaft, Erklärungen für die Ereignisse und Erlebnisse zu finden, ohne auf Geister, Dämonen oder Götter zurückgreifen zu müssen. Dabei bleibt die Frage absichtlich und vorsätzlich ausgeklammert, ob es solche „höhere“ Mächte gibt oder geben könnte. Die Wissenschaft der Physik interessiert sich einzig dafür, inwieweit wir Menschen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Eindrücken, die wir in unserer Welt erleben, herstellen können – und zwar ausschließlich aufgrund von weltlichen Gesetzmäßigkeiten. Von Philosophie und Religion wurde die Physik dadurch abgekoppelt, dass wir Begriffe wie Geister, Gott und Seele absichtlich und ausnahmslos aus ihrem Wortschatz ausgeschlossen haben. Das bedeutet keineswegs, dass die Menschen, die sich berufsmäßig mit Naturwissenschaft beschäftigen, weder philosophische Vorlieben haben, noch religiös sein dürfen. Im Gegenteil! Die Geschichte unserer Naturwissenschaft zeigt, dass sich die überwältigende Mehrheit auch der erfolgreichsten Physiker immer sehr stark mit philosophischen Fragen beschäftigte und eine Reihe von ihnen religiös waren und sind. Die Einschränkung bedeutet nur, dass wir in der Physik für Erklärungen, warum Erscheinungen in der Natur so und nicht anders beobachtet werden, sämtliche Begründungen der Art „Das ist Gottes Wille“ oder „Das ist die Macht der Geister“ ausschließen. Die grundlegenden Fragen nach der Herkunft der physikalischen Gesetzmäßigkeiten und dem „Warum“ der Existenz der Natur als Ganzes werden damit ebenfalls aus dem Arbeitsgebiet der Naturwissenschaft ausgeschlossen. Diese Fragen gehören nach dem Arbeitsverständnis der Physik zu den Gebieten der Philosophie und Religion. ...
6.
Gott
Was ist
ein Name? Was uns Rose heißt, „Im
unbegreiflichen Weltall offenbart sich eine
grenzenlose Vernunft“, sagte Albert Einstein und auf die Frage nach
Gott
antwortete er: „Die gängige Vorstellung, ich sei Atheist, beruht
auf einem
Irrtum. Wer sie aus meinen wissenschaftlichen Thesen (Anm.
des Verf.: seinen beiden Relativitätstheorien) herausliest,
hat diese kaum verstanden.“ Für
den Schweizer Mikrobiologen und Genetiker Werner Arber (*1929;
Nobelpreis 1978) wiederum „ist Gott der, der sich etwas selbst
Organisierendes
erschaffen hat. Er war schlau genug, so zu planen, dass er nicht
eingreifen
muss.“ Voltaire,
eigentlich François Marie Arouet
(1694–1778), der wohl bekannteste Vertreter
der
französischen Aufklärung, schrieb
über den Glauben an Gott: „Wer ist vom wahren
Glauben erfüllt? Wer ist
‚Deist‘? Derjenige, der zu Gott sagt: ich bete dich an und diene dir?
Derjenige
ist es, der zum Türken, zum Chinesen, zum Indianer und zum Russen
sagt: ich
liebe dich. Es ist nach dem buchstäblichen Verstande nichts
gewisser, als was
der Kanzler Francis Bacon gesagt hat, dass nämlich ein wenig
Philosophie den
Menschen zum Atheisten, viel Philosophie hingegen zur Erkenntnis eines
Gottes
führe. Solange man mit Epikur glaubte, dass der blinde Zufall
regiere, oder mit
Aristoteles und verschiedenen alten Gelehrten der Meinung war, dass nur
die
Fäulnis Neues hervorbringe und die Welt von Materie und Bewegung
alleine lebe,
so lange konnte man nicht an die Vorsehung glauben. Allein seit man die
Natur
beobachtete, um ihren Gesetzen zu folgen, seitdem man wahrgenommen hat,
dass
alles seinen Keim hat, seitdem man mit Zuverlässigkeit erkannt
hat, dass ein
Pilz ebenso viel wie jede Welt das Werk einer unendlichen Weisheit ist
–
seitdem haben die, welche denken, angebetet, wo ihre Vorgänger
Gotteslästerungen
verbreiteten. Die Naturkünder sind die Herolde der Vorsehung
geworden; ein
Katechet lehrt Gott den Kindern, ein Newton beweist ihn den Weisen. Wer in Gott nur ein
unendlich mächtiges Wesen und
in seinen Geschöpfen bloß wunderbare Maschinen sieht, der
hat ebenso wenig
Religion wie ein Europäer, der den König von China bewundert,
ein Untertan
dieses Fürsten ist. Allein derjenige, der glaubt, dass Gott
zwischen sich und
uns Menschen ein Verhältnis zu setzen für nötig befunden
hat, dass er sie frei,
zum Guten wie zum Bösen fähig geschaffen und allen die
gesunde Vernunft, diesen
Naturtrieb des Menschen, worauf das natürliche Gesetz
gegründet ist, mitgeteilt
hat, wer das glaubt, hat eine Religion. Unsere geoffenbarte Religion
selbst ist
und kann nichts anderes sein als dieses natürliche Gesetz.“ Eigentlich
schade,
dass die Schriften dieses Mannes bis in die zweite Hälfte des
20. Jahrhunderts auf dem römisch-katholischen Index der
verbotenen Bücher
standen und nicht wenigstens Teile daraus Pflichtlektüre für
alle wissenschaftlich
und philosophisch Interessierten wurden.
... 8.
Ein modernes Weltbild Dreißig Speichen treffen
die Nabe/
Heisenberg hat diesen Sachverhalt im Wirkungskreis der Quantenmechanik mit seiner berühmten Unschärferelation zum ersten Mal ausgedrückt: Weil wir zu jeder Beobachtung eines Geschehnisses die Übertragung von mindestens einem Planck’schen Wirkungsquant h brauchen, können wir das Zusammenspiel von zwei Naturgrößen, deren Produkt die Wirkungsgröße ergibt, immer nur bis auf ein Wirkungsquant genau ermitteln. Insbesondere
gilt dies für die
gleichzeitige Bestimmung von Zeit und Energie sowie von Ort und Impuls.
Je
präziser wir etwa den Ort eines Atomelektrons vermessen, desto
verschwommener
verhält sich sein Impuls und vice versa. Messtechnisch wird uns
dieser
Sachverhalt sofort evident: Licht
entsteht oder wird absorbiert durch den Bahnwechsel eines
Atomelektrons. Wie
sollen wir dann mit Licht etwa seinen Aufenthaltsort vermessen? Und
wenn es uns durch
Tricks doch gelingt, dann verändern wir dabei seinen
Bewegungszustand – und
damit seinen Impuls. Für die Gegenstände unserer Umwelt ist
diese Beschränkung
ohne Bedeutung, da für sie die Wirkungseinheit viel zu winzig ist
und die
Auswirkungen der Unschärferelation weit unter jeglicher denkbaren
Messgenauigkeit
liegen. Zusammen
mit der Unschärferelation von Zeit und Energie ergibt sich daraus,
dass wir in unserer Mikrowelt entweder nur ein scharfes kinematisches
Bild des raum-zeitlichen
Verhaltens der Geschehnisse ermitteln können oder nur die genaue
Kenntnis der
dazu notwendigen Impuls- und Energiebewegungen, unter Preisgabe des
Wunsches,
auch über die örtlichen und zeitlichen Abfolgen der
Ereignisse Bescheid zu
erhalten. Denn: Je schärfer das kinematische (Raum-Zeit) Bild,
desto ungenauer
das dynamische (Impuls-Energie) Bild und umgekehrt. Die
Heisenberg’sche Unschärferelation erzwingt, dass wir in unserem
Universum keine geometrisch scharf gezeichneten Bahnkurven finden
können. Die dadurch erzeugten Unsicherheiten
sind ein
Bauprinzip unseres Universums, das zweischneidige Bedeutung besitzt:
Einerseits
ermöglicht nur der diese Unschärfen bedingende digitale
Charakter der Wirkung
einheitliche Baupläne für die Atome unserer Elemente,
andererseits lassen sich
ihretwegen jedoch die gegenseitigen Wechselwirkungen nicht mehr exakt
bestimmen, wodurch ein gewisses Maß an Unbestimmtheiten in
unseren Kosmos
hineingezwungen wird. Dabei
erhebt sich sofort die Frage, ob ein vollständiger Determinismus
in einem
so komplexen Gefüge, wie unser Universum es zweifellos darstellt,
überhaupt
durchführbar wäre. Oder ob nicht gerade in den durch die
Unschärferelation
bedingten lokalen Freiheiten jenes Prinzip zu finden ist, welches es
den
Geschehnissen in unserem Kosmos gestattet, sich selbst dynamisch zu
regeln. Vielleicht
stellen diese lokalen Freiheiten sogar das Werkzeug dar, unser Weltall
seine
Entwicklung dynamisch selbst finden zu lassen und dabei jederzeit
stabil zu
bleiben. ...
9.
Conclusio In meiner Religion gibt es keine Philosophie. Michael Faraday Ich fühle Mut, mich in die Welt
zu wagen.
Goethe, Faust
Wir
Menschen sollten aber niemals zu leugnen
versuchen, dass wir Lebewesen mit einer langen Entwicklungsgeschichte
sind. Das
Primäre ist für uns zu jeder Zeit immer das biologische
Überleben. Somit ist es
nicht verwunderlich, dass das menschliche Vorstellungsvermögen uns
in unserem
biologischen Überleben zu unterstützen hat. Die Hauptbegriffe
unserer
Vorstellungswelt sind dabei geprägt von den Erfahrungen und
Notwendigkeiten
dieses jahrtausendelangen Überlebenskampfes und entziehen sich
daher einer
verständlich bleibenden Verallgemeinerung auf abstrakte
Wissenschaftsgebiete. Die
Sicherung der
Notwendigkeiten zum Überleben und zur Fortpflanzung ist das
primäre
Aufgabengebiet unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns. Die
Funktionsprinzipien
unserer Umwelt interessieren das Lebewesen Mensch dagegen erst
sekundär.
Dementsprechend haben wir keine Möglichkeiten, Naturabläufe
außerhalb unserer
biologisch relevanten Welt unmittelbar zu erkennen oder auch nur
plastisch vorzustellen. Für
die Erklärung von
Geschehnissen, welche sich außerhalb unserer biologischen
Erfahrungswelt
ereignen, greifen wir daher zwangsläufig auf uns wohl vertraute
Erklärungen
zurück. Der
Sophist Protagoras von Abdera (490–411 v. Chr.) hat mit seinem
berühmten Ausspruch,
dass „der Mensch das Maß aller Dinge sei“, bis heute völlig
recht. Ergänzen
sollten wir ihn noch durch den Zusatz: „Und die gewohnten Dinge sind
das Maß
seiner Vorstellung“, denn ein Haupthindernis für das
Verständnis neuer
Weltvorstellungen wurzelt in dem Dilemma, dass wir nur jene
Erklärungen verstandesmäßig
begreifen können, die wir gefühlsmäßig akzeptieren
wollen. Erst dann, wenn wir
emotional dazu bereit sind, gelingt es uns, Neues zu verstehen und
damit unser
Weltbild zu modifizieren. Egal
ob in der Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie, überall
arbeiten wir mit Begriffen, die jenseits unserer Vorstellungswelt
angesiedelt
sind, die also unsere Erfahrens-, Gegenstands- und Seinswelt
überschreiten und
die wir daher als „transzendent“ bezeichnen. Bei Kant ist dies alles,
was er
unter den „Dingen an sich“ subsumiert. Transzendent nennen wir somit
jenen
Bereich unserer Welt, der sich unserer Sinneswahrnehmung a priori
entzieht und
entweder nur durch Intuition erkennbar oder im Glauben als Sphäre
des
Übernatürlichen – meist Göttlichen – erlebbar ist. Wir
benötigen somit in unseren Denkwelten einen geeigneten Umgang mit
der
Transzendenz. Einen solchen zu finden stellt eines der schwierigsten
Unterfangen im Aufbau unserer Weltbilder und Weltanschauungen dar:
Einerseits
müssen wir uns die transzendenten Begriffe möglichst vertraut
machen,
andererseits dürfen wir dazu aber keine allzu konkreten Bildern
verwenden, denn
solche verbauen uns den Weg zu einem besseren Verständnis unserer
Welt. Dem
britischen Physiker
Lord Kelvin (1824–1907) etwa, der zwar einer der ganz Großen in
der Entwicklung
der Wärmelehre gewesen ist, aber dogmatisch starr an seinem Wunsch
nach einer
völlig konkret vorstellbaren, mechanistischen Weltbeschreibung
festgehalten
hat, ist es so ergangen, wie das folgende Zitat aus dem Jahre 1884
zeigt: „Ich (Anm d. Verf.:
Lord Kelvin) bin
niemals zufrieden, bevor ich ein mechanisches Modell des Gegenstandes
konstruiert habe, mit dem ich mich beschäftige. Wenn es mir
gelingt, ein
solches herzustellen, verstehe ich, andernfalls nicht. Daher kann ich
die
elektromagnetische Theorie des Lichts nicht begreifen. Ich möchte
das Licht so
vollständig verstehen wie möglich, ohne Dinge
einzuführen, die ich noch weniger
verstehe. Daher halte ich an der einfachen Dynamik fest, denn dort kann
ich ein
Modell finden, nicht jedoch in der elektromagnetischen Theorie.“ Der
biblische Gott hat keinen Bart, keine Hände, ja keinen
Körper. Warum
malen wir ihn dennoch oft als alten Mann? In Exodus 20,4 steht: „Du
sollst Dir
kein Bild von mir machen.“ Dies ist doch eine eindeutige Warnung, dass
jeder Versuch,
Gott bildhaft darzustellen, nicht nur zum Scheitern verurteilt ist,
sondern uns
auch noch arg in die Irre führt, weil es uns dazu verleitet, Gott
doch etwas
menschlich-körperlich zu denken. ...
9.3 Wir
brauchen
Naturwissenschaft und Mystik Wir
können die Naturwissenschaft weder dazu verwenden, die
Nicht-Existenz
eines persönlichen Gottes schlüssig zu beweisen, noch
umgekehrt aus unserem Wissen
über die Natur die Notwendigkeit der Existenz eines solchen Gottes
ableiten.
Die Interpretation der transzendenten Basisbegriffe unserer
Weltanschauungen
bleibt in jedem Fall von rein logischer Notwendigkeit ausgeschlossen
und muss
aus unserer Wunsch- und Gefühlswelt heraus bestimmt werden. Für
einen Gott
christlicher Prägung darf es gar keinen logisch einwandfreien und
zwingenden
Gottesbeweis geben, denn ansonsten könnte das Christentum keine
Willensfreiheit
für uns Menschen postulieren, wir wären ja nicht mehr
wirklich frei in unserer
Entscheidung, Gott zu akzeptieren, sondern faktisch zum Glauben
verdammt. Denn:
Welcher Mensch würde sich bei völliger Gewissheit über
einen solchen Gott
trauen, diesem zuwiderzuhandeln? Hier
irren christliche
Theologen ebenso dramatisch wie seinerzeit in ihrer Überzeugung,
die Bibel wäre
auch als Lehrbuch für Astrophysik zuständig. Die christlichen
„Gottesbeweise“
sind nur Irrtümer in dem Sinne, dass immer wieder versucht worden
ist, die
Existenz Gottes durch falsche Argumente schlüssig zu machen. Das
Christentum
etwa kann doch unzweifelsfrei so gelesen werden, dass Liebe und
Güte die echten
Schlüssel für den Gottesglauben sind. Persönlich
stimmt der
Autor völlig mit der Aussage von Fritjof Capra in dessen Buch Das Tao der Physik überein, dass „die
Naturwissenschaft nicht auf die Mystik angewiesen ist und die Mystik
nicht auf
die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden
verzichten“. Dem Autor ist insbesondere eine Welt mit Liebe und
Güte
sympathischer als eine ohne sie. Daher bemüht er sich seit Langem
um eine
möglichst geschlossene Weltanschauung, die naturwissenschaftliches
Arbeiten und
den Glauben an den christlichen Gott als harmonisch vereinbar erlaubt.
Deshalb
wünscht er sich, an einen Gott der Liebe glauben zu lernen. Leider
ist die
Geschichte des Christentums keine „Liebesgeschichte“ geworden, den
unbestritten
wertvollen Leistungen steht eine überaus schlimme Ansammlung von
völlig
unverständlichen Verbrechen an der Menschlichkeit gegenüber.
Allerdings hat
auch der gelebte Atheismus etwa in Form des Dialektischen Materialismus
ganz
sicher keine bessere Menschlichkeitsbilanz. Die Geschichte bietet uns
keine
Entscheidungshilfe, außer vielleicht den Hinweis, dass weder der
Glaube an
einen persönlichen Gott, noch die Überzeugung, dass es einen
solchen nicht
gibt, die Ursache menschlichen Leids war und ist, sondern nur deren
allzu
fanatische und doktrinäre Anhänger. Wir
können und dürfen
uns von der modernen Naturwissenschaft keine Klärung in Hinblick
auf die
Existenz eines persönlichen Gottes erwarten, denn sie ist
dafür nicht
zuständig. Wissenschaft ist geistige Neugierde und Religion ist
für ein
gesundes Gefühlsleben von unschätzbarem Wert. Verstand und
Gefühl sind die
beiden integrierenden Bestandteile unseres Menschseins: Jeden, der
gefühllos
handelt, bezeichnen wir als „unmenschlich“ und umgekehrt nennen wir
jeden
„tierisch“, der ohne Benützung seines Verstandes seinen Trieben
freien Lauf
lässt. Einer
der berühmtesten
Sätze der europäischen Philosophie ist der Ausspruch von
Descartes „Cogito ergo
sum“ – „Ich denke, daher bin ich“. Aber: Sind wir nicht auch einfach
deshalb,
weil wir lieben, uns freuen und traurig sein können? „Ich liebe,
ich freue
mich, ich bin traurig, ich sehne mich nach Liebe, daher bin ich.“ Warum
also sollen
unsere Weltanschauungen immer nur allein auf der „ratio“
beruhen müssen und nicht auf einer ausgewogenen Balance
zwischen Gefühl und Verstand? Wie wir im vorangehenden Punkt „Eine
neue
Weltsicht entsteht“ gesehen haben, sind selbst in den umfassendsten und
abstraktesten physikalischen Theorien Gefühlsentscheidungen
eingebettet. Hören
wir doch auf, unseren Verstand wichtiger zu nehmen als unsere
Gefühlswelt! ...
9.4 Vorteile einer
eigenständigen Physik Die
Eigenständigkeit und scharfe Abgrenzung der Naturforschung
gegenüber
Philosophien, Ideologien und Religionen bedeutet für die
Erarbeitung einer
Weltanschauung tatsächlich einen nicht zu
überschätzenden Fortschritt: Wie Bild
15-A illustriert, sind bei einheitlichen Welterklärungen die
Interpretationen
der transzendenten Begriffswelt mit den erfahrbaren und erforschbaren
Aspekten
unserer Welt untrennbar verwoben. Das verhilft ihnen häufig zu
Vorteilen in
Bezug auf Überschaubarkeit, Eleganz und leichtere Fasslichkeit –
das gilt
insbesondere für das aristotelische Weltbild, das für mehr
als 2000 Jahre
unsere Vorstellungswelt prägte. Allerdings bieten solche einheitlichen Weltanschauungen nur karge Möglichkeiten zur Revision der Erklärung von Naturvorgängen, denn selbst Abänderungen von Details haben bei diesen einheitlich formulierten Systemen meist zur Folge, dass das gesamte Weltbild zu revidieren ist. Deshalb durfte es zur Zeit Galileis nicht mehr Sterne am Himmel geben als bei Aristoteles beschrieben, und die „Fernrohre“ wurden daher als „Teufelsinstrumente“ bezeichnet, weil sie uns die wahre Sicht verblenden, indem sie uns vorgaukeln, dass es viel mehr Sterne geben würde.
Die
Abgrenzung der
Naturwissenschaft erlaubt hingegen – wie in Bild 15-B schematisch
dargestellt
–, dass wir unser Weltall mit den Methoden der experimentellen
Forschung betrachten
und beschreiben können, ohne die individuell geglaubten Inhalte
unserer
transzendenten Begriffswelt zu tangieren. Die Kopplungsbasis sind drei
aufeinander
abgestimmte physikalische Begriffe. Wie wir gesehen haben, ist die
kosmische Troika Energie – Impuls – Impulsmoment dafür bestens
geeignet. ... 10. Bemerkungen zum Christentum Die Wahrheit ist nicht das
Beweisbare, Wissenschaft, Kunst und politische Bewegungen sind genauso bunt gemischte Gruppen mit teils deutlich divergierenden Überzeugungen wie sämtliche ideologische, philosophische oder religiöse Gemeinschaften. Den Zusammenhalt über längere Zeit hinweg bilden vor allem Tradition, Gewohnheit und vom Inhalt her einige Kernaussagen, deren Interpretation aber schon oft unterschiedlich ausfällt. Überall finden wir daher Neid, Herrschsucht und Flügelkämpfe. Jede Gruppierung kennt Extremisten, weniger Radikale und Versöhnliche. Romantiker, Liberale, Fundamentalisten, Revolutionäre, Modernisierer, Konservative und Reaktionäre sind eben nicht das Produkt irgendeiner Ideologie oder Religion, sondern Ausdruck der Geisteshaltung von uns Menschen, die sich in jenen Gruppierungen besonders manifestiert, in denen wir uns am stärksten engagieren. In der Wissenschaft haben wir es schon kennengelernt: Die verschiedenen Ansichten über Raum, Zeit und Materie sowie über das Aussehen unseres Universums prallten im Laufe unserer Wissenschaftsgeschichte oftmals derart heftig aufeinander, dass wir von Geisteskriegen sprechen können, die immer wieder ausgebrochen sind. Es hat dabei leider immer wieder Tote gegeben: So mancher Gelehrte wurde in den Selbstmord getrieben (wie Boltzmann) oder beging ihn aus Schmach, wenn er erkannte, dass er jahrelang allzu vehement einen schlimmen Irrtum vertreten hatte. Letzteres geschah noch im 20. Jahrhundert – etwa bei einem Wiener Technikprofessor, bei dem der Vater des Autors studierte. Warum sollte es in Religionsgemeinschaften anders zugehen? Überall sind es gleich fehlerhafte Menschen mit ihren Träumen, Wünschen, Begierden und Eitelkeiten. So auch im Christentum: Es kennt und nennt all diese Fehler beim Namen, sie heißen Sünden. Eine Grundmaxime dieser Glaubenslehre sagt, dass wir alle fehlerhafte, sündige Menschen sind, die sich bemühen müssen, ihre Fehler immer wieder im Zaum zu halten. Auch der Papst ist nicht fehlerfrei, sonst würde er keinen Beichtvater benötigen. Die viel kritisierte Unfehlbarkeit des Papstes bezieht sich ausschließlich auf die feierliche Verkündung einer grundlegenden Glaubenswahrheit, eines Dogmas eben. Und selbst diese steht nicht in der Bibel. Dort steht allerdings ganz deutlich, dass nicht der Buchstabe der Gesetze wichtig ist, sondern deren Sinn. Im Neuen Testament wird daher immer wieder eindringlich gezeigt, dass formale Gesetzeskriterien nichtig sind, wenn Liebe und Güte gefordert sind. Sämtliche Kirchengebote und Messzeremonien, alle Rituale und Gebetstexte sind im Laufe der Kirchengeschichte eingeführt worden, teils sogar aus dem Wunsch, gewohnte Gebräuche der Missionierten christlich umzudeuten – denken wir nur an Weihnachten und Ostern. Priester durften lange Jahre hindurch verheiratet sein und der Wissensschatz unserer Kirchenväter musste auch erst erdacht werden! Anglikanische und evangelische Priester, die zum katholischen Glauben übertreten, dürfen Priester bleiben, nicht aber jene katholischen Untergrundpriester des vergangenen Ostblocks, die zu Tarnzwecken verheiratet gewesen sind. Diese mussten nach dem Fall der Sowjetherrschaft ihr Priesteramt aufgeben. Soll das alles in sich theologisch widerspruchsfrei fundiert sein? 10.2 Der
Gott des Christentums
ist anders Vielleicht half die extreme Fokussierung auf die Raum-Zeit-Struktur unserer Welt, uns loszulösen von zu viel Mystik, um die uns umgebenden immanenten Phänomene besser als solche erkennen und beschreiben zu können. Aber Raum und Zeit sind jene Größen, die am wenigsten zu einem Gott – insbesondere zum Gott des Christentums – passen, also die „weltlichsten“ Begriffe, die wir kennen. Das materielle, raum-zeitliche Weltbild entspricht einer Konkretisierung des Universums faktisch unter Ausklammerung einer Wechselwirkungsmöglichkeit mit Gott – vielleicht wurde deshalb die klassische Naturwissenschaft so oft als atheistisch empfunden. ...
Epilog Die Philosophen nicht, weil sie nur „Liebende“ der Wahrheit sind, Suchende, die nirgendwo Gewissheit im Verständnis der modernen Naturforschung zu finden vermögen. Die Religionen nicht, weil sie keinen logisch einwandfreien Beweis dafür haben, dass ihre Botschaft tatsächlich stimmig ist. Infolgedessen können sie von uns auch nur „geglaubt“ werden. Aber auch die Physik nicht, da sie ja all ihr Wissen auf transzendenten Begriffen aufbaut, also auf einer Basis von drei Gegebenheiten, deren unterschiedliches Auftreten sie zwar beobachten kann, die Antwortsuche nach dem Wesen, der Entstehung oder der Begründung einer etwaigen „Existenz an sich“ aber absichtlich aus ihrem Arbeitsgebiet ausgeschlossen hat. Niemand kann uns Gewissheit geben und so von der Mühsal befreien, nach für uns schlüssigen Antworten auf die immer gleichen Fragen der Menschheit zu suchen. Wie sollten wir denn auch aus dem Innern unseres Universums nach „außerhalb“ schauen können? Wir wissen nicht einmal, ob unsere Logik tatsächlich „die Logik des Universums“ ist oder von anderen Existenzen arg belächelt würde. Wir haben jedoch klar gesehen, dass sich das Wissen der modernen Naturwissenschaft unschwer mit dem Glauben an den Gott des Christentums zu einer harmonischen Weltanschauung vereinen lässt. Ein solches Unterfangen ist daher um nichts weniger „wissenschaftlich“, als eine Welterklärung ohne Gott zu suchen. Da es weder einen denknotwendigen Schluss gibt, dass der Gott der christlichen Offenbarung existiert, noch einen, dass er nicht existiert, obliegt es einzig dem persönlichen Gefühl eines jeden einzelnen von uns Menschen, seine Präferenzen zu setzen. Dem Autor ist eine Welt mit Liebe und Güte sympathischer als eine ohne sie. Es klingt ihm auch die Aussicht auf eine Existenz, losgelöst von unserem körperlichen Leben, deutlich verlockender als ein totales Nichts nach seinem körperlichen Tod. Der Autor hofft daher, dass es die Trinität, den gütigen Gott der Liebe tatsächlich gibt, und er bemüht sich, an ihn glauben zu lernen. Jedem wünscht er aus ganzem Herzen, geistige Zufriedenheit zu erlangen, und hofft, dass er dazu ein klein wenig beitragen konnte.
www.Jesus.de (Feber 2010)
Josef
Tomiska sucht Gott. Er stellt sich dabei verschiedene Fragen: Wie kann
ich Gott
fassen? Wie haben sich die Weltbilder auseinanderentwickelt? Und: Wie
und warum
passen sie zusammen, ja ergänzen sich sogar? Neue Luzerner Zeitung (Feber 2010) Wiener
Zeitung - Wissen und Religion Tomiska,
Josef: Physik, Gott und die Materie.
Dabei
müssen wir die
Welt heute völlig anders sehen als vor 100 Jahren und akzeptieren,
dass unsere
"Wissenschaft" zwar extrem erfolgreich ist, doch immer Menschenwerk
bleibt, schreibt Tomiska zu Recht. Vor allem aber, dass unsere Welt so
gestaltet ist, dass wir ihr Wesen vermutlich niemals wirklich erkennen,
sondern
immer nur in einem kleinen Teil von ihr eine Bühne aufbauen
können, die nur
eines kann: ein auf uns Menschen zugeschnittenes Bild unseres
Universums
vermitteln. Wir wissen nicht einmal, ob unsere Logik tatsächlich
"die
Logik des Universums" ist oder von anderen Existenzen arg
belächelt würde.
Was es für ein modernes Weltbild braucht, ist, endlich die "ratio"
mit menschlichen Gefühlen in Einklang zu bringen, meint er. Es
bedarf einer
ausgewogenen Balance zwischen Gefühl/Glauben und Verstand, um ein
holistisches
Weltbild zu schaffen, das Wissenschaft und Religion ihren Daseinszweck
ermöglicht und nichts ausschließt. Auch den Glauben an eine
göttliche Vernunft
nicht. Josef
Tomiska: Physik, Gott und die Materie – Warum Wissenschaft und Glaube
kein
Widerspruch sind. Ueberreuter Verlag, 207 Seiten, 19,95 Euro. Printausgabe
vom Dienstag, 27. April 2010
![]()
Das Buch ist keineswegs
„populärwissenschaftlich“ verfasst,
denn eine Unterscheidung zwischen Populär- und Fachwissen lehne
ich aus
didaktischen Überlegungen kategorisch ab und strukturiere lieber
in Übersichts-
und Detailwissen. Übersichtswissen bleibt bei aller Vereinfachung
der
Darstellung fachlich korrekt und bereitet die wesentlichen Strukturen
eines
Gegenstandes leicht verständlich auf - es
lässt sich
daher zwanglos immer mehr verdichten und spezialisieren bis hin zum
aktuellen Detailwissen. Solches
Übersichtswissen möchte ich bieten, denn wir benötigen
es alle für unser
Weltbild und den Fachstudenten hilft es zusätzlich zu einem rascheren
Vordringen an unsere Forschungs- und
Industriefront. Während
meiner Gastvorlesung „Foundamentals of Modern Quantum Mechanics“
an der Masaryk Universität (Brünn,
CFR) wurde ich einmal von einem zuhörenden tschechischen Kollegen
dahingegen
kritisiert, dass ich zwar eine ausgezeichnete Vorlesung hielte, aber
einige
meiner Beispiele für eine Universität zu einfach wären.
Auf meine Frage, ob die
von ihm monierten Beispiele falsch oder unzutreffend seien, verneinte
er dies,
wiederholte aber, dass sie für eine Universität zu einfach
sind. Ich verstand
seine Kritik zwar als Lob und gleichzeitig auch, warum wir so manches
Mal Mühe
haben, uns eine neue wissenschaftliche Thematik anzueignen. Mein Buch soll eine
Einführung in unsere neuen Weltvorstellungen geben, so wie wir sie
heute sehen
können. Es bricht damit ziemlich radikal mit den üblichen
Konzepten, die auf
dem Nachvollzug des physikalisch-historischen Werdeganges beruhen.
Über Hundert
Jahre nach den ersten Arbeiten zur Quantentheorie erscheint es mir dies
hoch an
der Zeit. Der Zugang in die neue Natursicht wird nämlich drastisch
vereinfacht,
wenn wir die Pfeiler der modernen Physik nicht als Ergebnis, sondern
als Ausgangspunkt
unserer Überlegungen nehmen - Frei nach dem Motto: „Die Natur ist
nicht
‚ideal’, sondern real - und das hat Konsequenzen!“
Selbstverständlich andere
als die uns aus der klassischen (Newton’schen) Weltsicht vertrauten. Die Rückbesinnung darauf,
dass wir biologische Lebewesen sind, zeigt uns, dass unsere Sinnesorgane und die
Verarbeitungsfähigkeit
unseres Hirns primär für die biologische Notwendigkeit zum
Überleben und zur
Fortpflanzung ausgelegt sind, und die Beschäftigung mit den
Funktionsprinzipien
unserer Umwelt für das Lebewesen Mensch erst von sekundärer
Bedeutung ist.
Damit wird verständlich, warum wir keine Möglichkeiten
besitzen, die
Naturabläufe außerhalb unserer biologisch relevanten Welt
unmittelbar zu
erkennen und sie uns plastisch vorstellen zu können. Somit wird
auch der zweite
Paradigmenwechsel der modernen Physik evident, dass wir nicht mehr das
Aussehen
der „wirklichen“ Welt, sondern ausschließlich nur noch die
menschliche Sicht
des Universums für erforschbar halten. Die wichtigste Lehre der
modernen Physik wird als Leitfaden meiner Einführung benützt:
Nämlich die
Erkenntnis, dass alles in der Natur - jede Bewegung, jede Beobachtung,
jede
Kommunikation - mit Arbeit verbunden
ist. Daher muss bei jeder Bewegung auch etwas transportiert werden, und
das
Kraftspiel, die Dynamik, ist damit in jedes Geschehnis automatisch
einbezogen.
Daraus resultieren zwanglos alle Beobachtungsbeschränkungen die
uns das moderne
Weltbild auferlegt: Wir können eben kein Atomteilchen mit sowenig
Energie und
Impuls beobachten, dass wir es in seinem Geschehen nicht stören.
Und wir können
auch nicht soviel Arbeit (Energie) aufbringen, um ein Masseobjekt auf
Lichtschnelligkeit
zu beschleunigen. Jede Wechselwirkung zwischen
Objekten unseres Universums
entpuppt sich damit auch als Energie- und Impulsaustausch. Die Regeln,
wie
solche Transporte in der realen Natur durchgeführt werden sind die
Kernpunkte
der Quanten- und Relativitätstheorien. Der berühmte
„Wellen-Körper- Dualismus“
wird dadurch ebenso harmonisch erklärt wie die Äquivalenz von
Masse und Energie
sowie die Bedeutung der Lichtschnelligkeit als
Ausbreitungsschnelligkeit der
Kraftwirkungen - letztere allerdings erst im Zwillingsbuch „Das
kosmische Spiel“, das ebenfalls in der
Edition Volkshochschule erscheinen wird. Dadurch, dass die Bedeutung
der drei
kosmischen Erhaltungsgrößen Energie, Impuls und Drehimpuls
für die Vorgänge in
unserem Universum in den Vordergrund gestellt werden, ergeben sich auch
einfachere Antworten auf so manche philosophische Fragestellungen. April
2005
Josef Tomiska ![]() 1.
Die Entdeckung der Quantenwelt
Die
Götter bauten eine Brücke von der Erde zum
Himmel, Bifröst genannt. Sie kennt jeder.
Regenbogen heißt sie bei den Menschen. Sie
hat drei
Farben und ist sehr stark und mit mehr Geschick
und Kunst gefertigt als andere Bauten. Snorra-Edda Jeder Regenbogen zeigt uns immer dieselben
Farben Violett, Indigo, Blau,
Grün, Gelb, Orange und Rot. Wieso eigentlich?
Selbstverständlich kennen wir
alle die Antwort: Unsere Sonne schickt uns gar kein weißes
sondern ein Bündel
voll buntes Licht, das sich aus eben diesen „Regenbogenfarben“
zusammensetzt. Dieses
wird beim Durchgang durch eine Fülle von Regentropfen ganz genau
so in seine
Bestandteile aufgefächert wie wir es von den Glasprismen her
kennen. Daher
sehen wir die Regenbögen nur, wenn die Sonne hinter unserem
Rücken steht und
eine Regenwand beleuchtet. Warum strahlt unsere Sonne aber gerade
dieses Farbenbündel
ab? Und woher nimmt sie ihre Hitze? Wenn wir in unseren Küchen
Kaffeewasser
erhitzen wollen, dann brauchen wir dazu Brennmaterial. Der Sonnenschein
erledigt
das dagegen von ganz alleine. Wirklich? Kann der Sonnenschein zaubern?
Wohl
nicht. Woher also nimmt der Sonnenschein die Fähigkeit, unsere
Körper zu erwärmen? Wie gelingt es der Natur, (fast) alle
Goldteilchen untereinander exakt
gleich anzufertigen? Und wie erfährt etwa unsere Erde, wie schwer
die einzelnen
Äpfel, der Mond und alle anderen Körper dieser Welt sind und
auch, weit
entfernt sie sich in jedem Augenblick vom Erdmittelpunkt aufhalten? Das
Newton’sche Schwerkraftgesetz sagt uns doch, daß sich alle
Körper untereinander
mit einer Kraftstärke anziehen, die proportional zu den jeweiligen
Körpermassen
und umgekehrt proportional zu den Quadraten ihrer
Mittelpunktsentfernungen ist.
Die Erde benötigt diese Daten also unbedingt, um ihre
Anziehungskraft auf
jeden einzelnen Körper in jedem Augenblick richtig einzustellen.
wo ist also
diese Kraftlogistik und wie funktioniert sie? 1.1 Forschungsreisen in die NaturViele
Fragen verbleiben in der mechanistischen Weltsicht völlig
rätselhaft, wir finden für sie in unserer vertrauten und
gewohnten Umwelt keine
Antwort. Wie sollten wir auch, die Werkstatt der Natur befindet sich
gar nicht
in unserem gewohnten, biologischen Lebensraum. Es war ein aufregendes
Abenteuer, herauszufinden, daß sich hinter unserer Alltagswelt
eine völlig
andere Welt versteckt hat, nämlich die „Quantenwelt“ der atomaren
und subatomaren
Gebilde. Diese „Quantenwelt“ ist die Werkstatt der Natur, sie ist
für die Erzeugung
des Lichtes ebenso zuständig wie für die exakt gleiche
Herstellung (fast) aller
Goldteilchen. Dort entdeckten wir auch die Logistiken für die
Kraftübertragung
und ebenso die Regeln, nach denen sich die verschiedenen Materialien zu
neuen
Stoffen verbinden.
Jede Forschungsreise ist ein Abenteuer, ein spannendes Erlebnis. Wir müssen dabei immer mit Überraschungen rechnen, denn es gilt ja, in noch unbekannte Teile unserer Welt vorzudringen. Unsere Motive für solche Expeditionen in die Natur können vielfältig sein: Der Wunsch, eigene Vorstellungen bestätigt zu finden, aber auch geistige Abenteuerlust, pure Neugierde oder ein Schuß Sportsgeist nach dem Motto „Wir wollen sehen, wie weit wir kommen können, wie tief wir eindringe können, was uns alles gelingt“. Hierbei ist es gleichgültig, ob es sich um Expeditionen in die Geographie unserer Welt handelt, ob wir unsere Kenntnis über die Fauna und Flora unserer Erde erweitern wollen oder ob wir in die Funktionsstrukturen des Mikrokosmos einzudringen wünschen. Jedes Experiment der Naturwissenschaft ist ebenso eine Entdeckungsreise wie jene der Entdecker der Neuen Welt, der Erforscher der Wüsten, Urwälder, der Polargebiete und der Tiefen unserer Meere. Wir benützen meist nur unterschiedliche Transportmittel und Werkzeuge, wenngleich einiges wie Photokameras, Maßbänder oder Uhren bei allen unseren Expeditionen eine wichtige Rolle spielen. In der Naturwissenschaft müssen wir allerdings viele unserer Erlebnisse künstlich herbeiführen: In freier Wildbahn kommt schon mal ein wildes Tier ganz ungefragt auf uns zu, in unseren Laboratorien hingegen müssen wir unsere Abenteuerszenarien meist selbst zusammenstellen, um zu erfahren, welche Überraschungen die Natur ansonsten vor uns verborgen hielte. Kein Wunder, daß wir um so mehr Überraschungen erleben, je ausgeklügelter und machtvoller unsere Werkzeuge geworden sind. Ein Elektronenmikroskop ist ein Transportmittel in die Grottenbahn des submikroskopischen Kosmos. Unsere Himmelsteleskope sind vergleichbar mit Ozeanschiffen oder Fernzügen, welche uns die ungeahnten Weiten des Universums schauen lassen. Und die Teilchenbeschleuniger der Hochenergiephysik spielen wiederum die Rolle von Zeitmaschinen, denn sie ermöglichen uns einen Blick näher hin zu den Geschehnissen aus den Anfängen unseres Kosmos zu tätigen. Je höhere Energiekonzentrationen uns hier gelingen, desto stärker gehen unsere Forschungsreisen in der Zeitskala des Kosmos zurück, desto mehr erfahren wir von den Entwicklungsstufen unseres Universums. Wir betreiben dabei also quasi Ahnenforschung, denn unser Interesse gilt hier den Wurzeln unserer gesamten, heutigen Erlebniswelt - sowohl dem Stammbaum der Materieteilchen als auch dem Werden der vier fundamentalen Kräfte unserer Welt. Bei anderen, einfacheren und weniger spektakulären Entdeckungsreisen erweitern wir beispielsweise unser Wissen um die vielfältigen Kraftspiele im Kosmos oder lernen das Licht und den Aufbau unserer Materie immer besser verstehen. Manchmal werden wir dabei gewaltig überrascht: So mußten wir erfahren, daß sämtliche Geschehnisse nahe der Ausbreitungsschnelligkeit des Lichts die Gesetze der Newton’schen Mechanik genauso ignorieren wie die Geschehnisse in der Quantenwelt der atomaren und subatomaren Gebilde. Überrascht wurden
wir auch durch die Energie, den Impuls und den Drehimpuls: Diese drei
Größen
weisen Eigenschaften und Wirkungsbereiche auf, die wir im neunzehnten
Jahrhundert dramatisch unterschätzt haben: Sie prägen nicht
nur die
körperlichen Stöße und die anderen mechanischen
Bewegungen. Nein, sie treten
bei jedem Geschehnis im gesamten Kosmos auf. Sie sind überall
dabei, bei allem,
was wir bemerken können: Bei jedem Körper, bei jeder
Strahlung, und bei jeder
anderen Veränderung im Gefüge der Erscheinungen unserer Welt
- eben bei allem,
was in unserer Natur vor sich geht. Klar, daß solch große
Mächte, die überall
mitmischen, die alles kontrollieren und diktieren, daß diese
Größen ihre
eigenen Spielregeln haben und sich nicht so plastisch begreifen lassen
wie eine
Gänsefeder, ein Pudel oder ein Diamant. Sobald wir diese
akzeptieren, sind wir
schon den wichtigsten Schritt zum Verständnis der Quantenwelt
gegangen. Anfangs war die Erforschung der Quantenwelt ausschließlich aus wissenschaftlicher Neugier motiviert. Heute jedoch werden ihre Gesetze bereits kommerziell genutzt: Der Bau vieler unserer modernen Alltagsgeräte wie Handys, TV-Geräte, Computer und all den anderen Geräten mit Bauteilen, in denen Tausende elektrische Schaltkreise auf nicht einmal Fingerhutgröße zusammengepfercht sind, wird einzig und allein nur durch die Funktionsprinzipien der Quantenwelt ermöglicht. Desgleichen beruhen eine Reihe medizinischer Behandlungsmethoden ebenso auf ihnen (Nobelpreis 2003) wie die Nachrichtenübermittlung der heutigen Geheimdienste. 1.2
Der
Bruch eines Denktabus Die „Schwarzen
Körper“, auch
„Schwarzstrahler“ genannt, sind der extremste Gegensatz zu
unseren Spiegeln,
sie fungieren quasi als „Antispiegel“. Ihr eigenwilliges, den
Gesetzen der
Mechanik hohnsprechendes Strahlungsverhalten war der Schlüssel zur
Entdeckung der Quantenwelt. Lichtspiegel
kennen wir alle
aus dem Badezimmer, und wissen, daß sie im Finstern
nicht funktionieren. Wie
sollten sie auch, denn ihre Arbeit besteht ja darin,
auftreffende
Lichtstrahlen möglichst vollständig zurückzuwerfen, zu
„reflektieren“. Und
Finsternis bedeutet, es gibt kein Licht, das
reflektiert werden kann. Körper können das Licht aber
nicht nur reflektieren, sondern
auch durchlassen oder verschlucken („absorbieren“).
Lichtdurchlässige Körper
heißen auch „durchsichtig“ bzw. „durchscheinend“ und die
lichtabsorbierenden
„undurchsichtig“. Seit wir aber wissen, daß es außer dem
sichtbaren Licht noch
viele andere Arten elektromagnetischer Strahlung mit
unterschiedlichstem Verhalten
gibt (Bild 1), müssen wir das Stoffverhalten für jeden
einzelnen Strahlungstyp
getrennt betrachten und klassifizieren. Die
Bezeichnungen „spiegeln“,
„durchsichtig“ und „undurchsichtig“ waren uns da schon so
gewohnt, daß wir
damit sinngemäß das Verhalten der Stoffe gegenüber
allen uns bekannten
Strahlungsarten charakterisieren. Spiegel
gibt es daher für alle Arten von elektromagnetischer
Strahlung: Für die
Funk- und Radiowellen ebenso wie für die Wärmestrahlung
(„Infrarot“), die
Ultraviolett-, Röntgen- und Gammastrahlung. Dasselbe gilt für
die Absorption.
Schiefer ist beispielsweise für Licht völlig undurchsichtig,
aber durchlässig
für Radiolangwellen. Praktisch alle Körper
unserer Umwelt sind mehr oder weniger
gute Licht- und Wärmespiegel, zumindest für einen
Teil dieser Strahlen. Davon
lebt ja unser Farbempfinden. Körper die wir als
rotgefärbt sehen, reflektieren
zwar das in unserem Sonnenlicht enthaltene
rote Licht, absorbieren hingegen
alle anderen Bestandteile des Sonnenlichtes. Bei
„grünen“ Körpern wird nur
der Grünteil des Sonnenlichtes gespiegelt, usf. Das
Fehlen von Licht empfinden
wir als finster, als schwarz. Körper, die kein Licht
reflektieren, sind für
unsere Augen schwarz, eben „Schwarzkörper“. ...
3.2
Die
submikroskopisch kleine Welt
Aber nicht nur das gigantisch Große ist uns jeglicher Vorstellung entrückt, sondern auch das Kleine: Ein Tausendstel Millimeter ist uns als Winzigkeit zwischen dem Nonius einer Mikrometerschraube erahnungsfähig. Mit den besten Mikroskopen können wir tausendmal besser sehen, also ein Millionstel Millimeter (1 nm „Nanometer“) noch an die Ahnungsgrenze unserer Weltsicht bringen. Mit erstklassigen 500-keV-Elektronenmikroskopen dehnen wir diese Distanz nochmals auf 15 Millimeter auf, so daß wir heute schon ein Milliardstel Millimeter sichtbar machen können, aber nur in ebenen Schnitten, ohne räumliches Gefüge. In Bild 10 sehen wir solche ultramikroskopische Bilder von zwei Kristallen, nämlich ein mit Hilfe sämtlicher Tricks rekonstruiertes Bild eines Niobiumoxid-Kristalls (a), und einen Kristall mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Kupfer-Chlorphthalocyanin, für den seine Strukturformel ins Bild miteingezeichnet ist (b). Noch vor wenigen Jahren waren solche Bilder undenkbar. Lange Zeit meinten wir, die Atome würden sich für immer unserem Blick entziehen. Die Erfordernisse der Mikroelektronik hatten aber in den achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die Industrie gewaltige Summen in die elektro-optische Forschung pumpen lassen, so daß wir heute unseren Sehhorizont bis zu den atomaren Bereichen ausgedehnt haben. Wir sehen heute also bereits die großen Objekte des Mikrokosmos. ...
4.
Die innere Struktur der Natur Die berühmte Frage „Was ist das Prinzip, das die Welt im Innersten zusammenhält?“ des Dr. Faust bleibt im ganzen Drama von Goethe (selbstverständlich) unbeantwortet. Aus heutiger Sicht unseres Universums sind es vier fundamentale Wechselwirkungen ("Kräfte"), die allesamt auf ihre Weise dazu beitragen müssen, daß uns die Materie in so vielfältiger Weise zu erscheinen vermag. Die Quantenwelt
der atomaren und subatomaren Gebilde ist ebenso wie der gesamte
übrige Kosmos
dynamisch aufgebaut. Wir kennen in unserem Universum keine einzige
statische
Nische, in der sich auch nur ein einziges Objekt dauerhaft in Ruhe
befände.
Nichts in unserem Kosmos bleibt dauerhaft im selben Zustand, alles
verändert
sich. Jeder Naturvorgang - vom Zerbersten ganzer Sternenverbände
bis hin zur
Beobachtung mit Hilfe eines winzigen Lichtquants bedeutet ja,
daß Energien,
Impulse und Drehimpulse verschoben werden müssen. Oft genug werden
dabei auch
die geometrischen Bilder von Massekörper verändert, bei allen
elektromagnetischen Vorgängen muß dazu noch elektrische
Ladung umverteilt
werden, usf. 4.1
Die Natur arbeitet überall Wenngleich wir mit Newton einig sind, daß Spekulationen in der Naturwissenschaft keinen Platz haben dürfen, müssen wir uns dennoch mit den Regelmechanismen unserer Welt auseinandersetzen. Gedanken darüber, wie die an Naturvorgängen beteiligten Gebilde voneinander das für ihre gegenseitige Wechselbeziehung Notwendige erfahren können, sind physikalisch legitim. Sie sind sogar unabdinglich, wenn wir mehr transportieren wollen als bloße mathematische Punkte in einer Reißbrettwelt zwischen gedachtem Raum und gedachter Zeit. Es hat sich eingebürgert, die Wirkursache einer jeden „Veränderung“ in einer zuvor erfolgten „Bewegung“ zu denken: Wann immer wir eine Veränderung des Zustandes unserer Welt feststellen, sagen wir daher, daß sie durch eine „Bewegung“ entstanden ist. Da Veränderungen der geometrischen Lagen von bewegten Körpern am augenfälligsten sind, vermeinten wir denn auch lange Zeit, daß sie die eigentliche Bewegung darstellen würden. Dies führte zur Überbetonung der kinematischen Naturbeschreibung, bei der wir die geometrischen Bahnen bestimmen, welche die Schwerpunkte von Körpern im Laufe des Bewegungsvorganges überstreichen. Wenngleich mit Hilfe der Newton’schen Sicht die Körperbewegungen des Alltags hervorragend beschrieben werden können, mußten wir mit ihr in einer Sackgasse landen auf unserem Weg zum besseren Verständnis der Geschehnisse in dieser Welt: Sie zeichnete ja ein rein geometrisches Bild von den Bewegungen in unserer Umwelt, sie zeigte uns im wesentlichen nur, welche Bahnen mathematische (Schwer)-Punkte im Laufe der Zeit in einem geometrischen Raum durchliefen. ...
6.
Die Quantenwelt 6.1 Heisenberg’sche
Unschärferelation Keine einzige Messung ist vollkommen exakt, bei Gebrauch von Meßapparaturen sind Meßfehler unvermeidlich, denn jeder Maßstab, jede Uhr unterliegt den Umweltseinflüssen, und kein Maßvergleich kann völlig fehlerfrei durchgeführt werden. Darüber hinaus gibt es auch prinzipielle Beschränkungen: Seitdem wir erkannt haben, daß wir weder unendlich schnell noch unendlich fein beobachten können, müssen wir uns damit abfinden, daß uns Menschen massive Beobachtungsgrenzen gesetzt sind, die wir durch nichts in der Welt umgehen können. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit ist daher nicht unendlich groß, sondern strikten Beschränkungen unterworfen, die wir unter keinen Umständen umgehen können. Die daraus resultierenden Ungenauigkeiten der Messungen, ihre „Unsicherheiten“ oder „Unschärfen“ werden gerne so wie die Differenzen mit dem großen griechischen D bezeichnet: Die Ungenauigkeit der Orte schreiben wir daher als Dx, jene der Impulse als Dp, die Unsicherheit der gemessenen Zeiten als Dt und die der Energie als DE. Heisenberg hat diesen
Sachverhalt im
Wirkungskreis der Quantenmechanik mit seiner berühmten - in Bild
19 gezeigten -
Unschärferelation zum ersten Mal ausgedrückt: Weil wir zu
jeder Beobachtung
eines Geschehnisses die Übertragung von mindestens einer Wirkungseinheit (einem
Wirkungsquant) h brauchen, können wir
von zwei physikalischen Größen, deren Produkt die
Wirkung ist, während eines
Experimentes nur den Wert einer von ihnen genauer ermitteln. Der Wert
der
zweiten Größe wird dabei um so
verschwommener,
je präziser die erste Größe gemessen wird. Insbesondere
gilt dies für die
gleichzeitige Bestimmung von Ort und Impuls sowie von Zeit und Energie. ...
![]() 6.3
Quantenwirklichkeit Die Quantentheorie ist die von uns Menschen am besten beherrschte Naturbeschreibung, aber gleichzeitig auch jene, die wir am wenigsten verstehen. Deshalb gibt es schier unzählige Versuche, die weltanschaulichen Konsequenzen herauszuarbeiten. Doch es spießt sich bisher völlig. Persönlich meine ich, daß wir erst dann den Durchbruch im philosophischen Verständnis der Quantenwelt schaffen werden, wenn wir uns von den statischen Modellen der klassischen Physik völlig gelöst haben werden. Erst, wenn
unsere Kultur die modernen Paradigmen der Physik voll
akzeptiert haben wird
und damit die Vorstellungen „idealer“ Naturgesetze und eines bis ins
letzte
winzige Detail vollkommen kanalisierten Universums überwunden
worden sind,
erst wenn wir uns an mehr Argumentationsweisen mit Hilfe der
Impuls-, Energie-
und Drehimpulsspiele gewöhnt haben werden und nicht mehr alles in
ein Geometrie-Zeit-Korsett
zu zwängen wünschen, erst dann werden wir meiner
Überzeugung nach eine Chance
erhalten, einsichtige Interpretationsmodelle zu entwickeln ...
6.5
Lokale Freiheit unserer Welt Die
Heisenberg’sche Unschärferelation erzwingt, daß wir in
unserem Universum keine
geometrisch scharf gezeichneten Bahnkurven finden können, da kein
Bündel von
Ortunsicherheit Dx und Impulsunsicherheit Dp eines Particles genauer
fixiert werden kann als (Dx
.Dp) >= Elementarwirkung h. Diese Unsicherheiten sind ein Bauprinzip
unseres Universums,
das zweischneidige Bedeutung besitzt: Einerseits ermöglicht nur
der digitale
Charakter der Wirkung einheitliche Baupläne für die Atome
unserer Elemente
(siehe Kapitel 8.4 Atome und ihre Teile), andererseits zwingt sie
gewisse
Zufälligkeiten in unseren Kosmos, da die gegenseitigen
Wechselwirkungen nicht
mehr exakt bestimmbar sein können. Es
erhebt sich dabei sofort die Frage, ob ein vollständiger
Determinismus
in so einem komplexen Gefüge wie unser Universum es zweifellos
darstellt, überhaupt
durchführbar wäre. Oder ob nicht gerade in den durch die
Unschärferelation bedingten
lokalen Freiheiten jenes Prinzip zu finden ist, welches es den
Geschehnissen
in unserem Kosmos gestattet, sich selbst dynamisch zu regeln.
Vielleicht
stellen diese lokalen Freiheiten sogar das Werkzeug dar, unser Weltall
dynamisch seine Entwicklung selbst finden zu lassen und dabei jederzeit
stabil
zu bleiben. Selbststabilisierende
Systeme kennen wir aus der Umwelt: Fliehkraftregler,
die bei schneller oder langsamer werdender Rotation gegensteuern,
stabile
Gleichgewichtslagen wie Mulden oder Senken für Kugeln, die
bei Auslenkung
wieder zurückfallen. Die ökologischen Gleichgewichte zwischen
Flora und Fauna,
Raubtieren und ihrem Futter, die Anpassung von Flora und
Fauna an die Witterung
und sonstigen Umweltgegebenheiten, usf. Ja,
auch die Ausformung nicht nur von höherem Leben ist vermutlich ein
solcher dynamischer Ausleseprozeß, dessen Facetten erst
während der Entwicklung
fixiert werden - ansonsten wären die Chancen praktisch Null, das
jeder Entwicklungsstufe
notwendige und passende Umfeld
rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen also gar keine
komplizierten
philosophischen Spekulationen, um mit der Unsicherheit zu leben, welche
durch
den digitalen Charakter der Wirkung in unser Universum eingeprägt
ist. Wir
müssen uns nur vom übertriebenen
Determinismus-Wunsch des klassischen
Weltbildes lösen. In
der klassischen Physik wird so gerne der Laplace’sche Dämon
bemüht -
warum eigentlich ein Dämon und kein Mensch? Ganz einfach deshalb,
weil auch
Laplace wußte, daß wir Menschen nie in der Lage sein
würden, alle Geschehnisse
des Universums konkret zu erfassen. Die Bewegungsgesetze der
klassischen Welt
geben zwar im Prinzip an, wie wir aus den momentanen Daten für die
Orte und Impulse
der Teilchen ihr künftiges Schicksal ermitteln können, aber
in der Praxis gelingt
uns nicht einmal mehr die Bestimmung der exakten Bewegungen von drei
Körpern,
die sich gegenseitig beeinflussen! Hier müssen wir bereits mit
Näherungen
arbeiten, die wir zwar gut beherrschen, wie Marslandungen beweisen,
aber dennoch
bleiben sie Näherungen. Und
die Welt weist beträchtlich mehr als drei Teilchen auf - woher
also der
exakte Determinismus? Er war immer nur Wunschdenken, ähnlich dem
unendlich
feinen Beobachten, dem unendlich schnellen Schauen, der unendlich
starren Körper,
den wahren Längen, usf. Zählen wir zusammen: (i) Die
Naturwissenschaft sucht
nicht die Wahrheit sondern die Nützlichkeit, die Techne für
den
avisierten Zweck. (ii) Unser Gegenstand behandelt die
nachprüfbaren Geschehnisse
dieser Welt - also müssen wir beobachten. Ansonsten machen wir
das, was wir
nicht wollen, nämlich Spekulation. (iii) Exakter Determinismus
bleibt uns aufgrund
der mathematisch-physikalischen Fakten seit je verwehrt, er war immer
schon
Schimäre - allerdings nie als solche bloßgestellt,
sondern „im Prinzip“ gedacht.
Was hindert uns daran, ihn geistig endgültig so wegzulegen wie wir
es mit dem
liebgewordenen Himmels- oder Lichtäther schon getan haben und es
bei dem
„absoluten Raum“ und der „absoluten Zeit“ schon zu unternehmen begonnen
haben? ...
7. Erscheinungsformen der Materie Gott hat
eine verborgene Kunst in die Kräfte der Natur gelegt, die
ihr die Fähigkeit verleiht, sich selbst aus einem Aggregat zu
einem vollkommenen Weltsystem zu bilden. Immanuel
Kant
7.1 „Atomos“,
Urpunkte und Elementarteilchen Zumindest
seit der antiken griechischen Philosophie denken wir uns
die Entwicklung der
Welt so gestaltet, daß ein Baustoff (die „Materie“) vorlag,
aus dem unter
Einwirkung eines gestalterisches Prinzips alles herausgeformt geworden
ist, was
wir in unserer Umwelt bemerken können. Es steht
längst nicht mehr zur
Diskussion, ob diese Zerlegung sinnvoll ist oder nicht, denn wir
können bis
dato gar nicht mehr anders, als in dieser Teilung zu denken: Hier die
Materie,
der Baustoff unseres Universums, da die ordnende Kraft, welche die
Entwicklung,
das Werden der konkret anzuschauenden Körper in unserem
Kosmos hervorgebracht
hat. Dieses
Schema zieht sich all die Jahrhunderte durch, wenngleich die
Vorstellung
darüber, was nun Urstoff und Urprinzip sei, kunterbunt
durcheinander gelaufen
ist, und wir viele Jahrhunderte lang vergessen hatten, darüber
nachzudenken,
auf welche Art und Weise die ordnenden Kräfte in unserer realen
Welt wirken.
Unter Materie verstehen wir aber nicht nur den „Urbaustoff“ aus dem
unser gesamtes
Weltall geworden ist, sondern insbesondere auch alle die uns
bemerkbaren
körperlichen Dinge, also alle Objekte unserer Umwelt, die wir
als Stoffe
oder Substanzen bezeichnen. All die verschiedenen
Vorstellungen über
den „Urstoff“ unseres Universums, mit denen Philosophen und
Naturforscher im
Laufe der Jahrhunderte unsere Kulturgeschichte bereichert
haben, sind Ausdruck
für den Wunsch, das gesamte Universum aus einer einzigen Wurzel
heraus
gebildet zu sehen. Die besonders von Leukipp, Demokrit und
Epikur
geforderten, aber nicht näher spezifizierten „Unteilbaren“ (gr.: atomos)
haben weder mit unseren chemischen Atomen gemein, noch mit unseren
„Elementarteilchen. Dennoch liest es sich in den Fragmenten, die uns
von Demokrit
erhalten geblieben sind, unglaublich modern: „Der
gebräuchlichen Redeweise
nach gibt es Farbe, Süßes, Bitteres, in Wahrheit
aber nur Unteilbares (atomos)
und Leeres.“ Für die „Atomisten“ der antiken
Philosophie waren sowohl
die Natur als auch die Seele aus unveränderlichen „atomos“
und leerem Raum
aufgebaut. Ihre „atomos“ und ihr „leerer Raum“ waren für sie das
allein Wirkliche.
Damit enden schon die semantischen Gemeinsamkeiten. Demokrit behauptete, daß alle
Eigenschaften,
die den „vier Elementen“ zugeschrieben worden waren, in Wirklichkeit
die der
atomos seien. Er dekretierte, die atomos seien ewig, unteilbar,
unveränderlich
und in steter Bewegung (was für die heutigen Atome auch
gilt). Des weiteren,
daß es unzählige davon gäbe, die sich alle nur durch
Größe und Form voneinander
unterscheiden würden. Alles war bei ihm aus den atomos
zusammengesetzt, und die
atomos waren auch für alles verantwortlich, insbesondere
betrachtete er sie
auch als Ursache jeglicher Veränderungen, indem diese durch
Trennung und Verbindung
von den atomos erzeugt werden sollten: Beim Zusammenprallen etwa
bleiben sie
entweder aneinander hängen und bilden so die Körper oder
sie stoßen einander
ab. Für Demokrit war die Welt das Produkt eines riesigen
Wirbels und die Erde
durch die massereichsten atomos gebildet worden, die sich in der Mitte
dieses
Wirbels und daher auch im Zentrum des Universums zu befinden hatten. ... 7.3
Atome Die Atome
unserer chemischen Grundstoffe (Elemente) sind Winzlinge in der
Größenordnung
von einem Zehnmillionstel Millimeter (10-7 mm), aber schon lange
teilbar geworden. Wie
wissen bereits, daß sie aus zwei grundlegend verschiedenen,
noch viel kleineren Teilen bestehen: Aus einem Kern und ihrer
Elektronenhülle. Die
Elektronenhülle
ist die Quelle des Lichts, und das Aussehen des Kerns entscheidet, um
welches
chemisches Element es sich handelt. Wir können heute viele
Elemente ineinander
überführen - teils durch „Kernverschmelzung“, teils
durch „Kernspaltung“.
Ersteres geschieht in unserer Sonne und in den
Wasserstoffbomben, letzteres
in den Atombomben und bei der Radioaktivität.
Näheres darüber erfahren wir
in Kapitel 10. Die Atomteilchen und viele ihrer Bausteine heißen „-Ons“ nach dem griechischen Wort für „Seiendes“. Das „Prot“-On ist das „Erste Seiende“, das „Elektr“-On das „Wie Bernstein-Seiende“ und das „Neutr“-On das „Weder-Noch-Seiende“ nämlich weder das erste, noch das wie Bernstein Seiende. Der Kern selbst besteht aus Protonen und Neutronen, weshalb wir sie auch „Kernteilchen“ (Nukleonen; nucleus (lat.): Kern) nennen (Bild 24). Die Zahl der Kernprotonen fixiert den Typ des chemischen Elementes und stimmt mit dessen Ordnungsnummer im Periodensystem der Elemente (Bild 15) überein: Wasserstoff besitzt ein Proton, Helium 2, Lithium 3, Kohlenstoff 6, Sauerstoff 8, Eisen 26, Gold 79 und Uran 92. ...
7.4 Die Teilchen des Universums ...
Die Natur kennt zwei fundamental von einander getrennte Teilchenwelten: Die Bausteine der Materie und die Überträgerteilchen der Kräfte. Der Spin aller Materieteilchen ist halbzahlig, während die Kraftüberträger ganzzahligen Spin aufweisen. Alle Individuen einer jeden Teilchenart sind untereinander identisch. Wir können ebensowenig ein Proton von einem anderen unterscheiden, wie auch die Atome eines Elementes untereinander ununterscheidbar sind. Dies gilt für die Materieteilchen aber nur solange, wie sie sich frei bewegen. Der österreichische Physiker Wolfgang Pauli (1900-1958; Nobelpreis 1945) fand nämlich heraus, daß sie in Gesellschaft ihrer Artgenossen eitel werden. Materieteilchen derselben Art, die miteinander in Kontakt stehen, können sich daher nicht in allen Eigenschaften gleichen, müssen sich also mindestens in einem Merkmal unterscheiden („Pauliverbot“). Die Elektronen eines Atoms etwa dürfen nicht alle dieselbe Energie aufweisen, nur zwei von ihnen können die Minimalenergie haben, alle anderen müssen höhere Energieinhalte aufweisen. Zwei dürfen es deshalb sein, weil auch dem Spin zwei Drehsinnwerte zugesprochen werden kann: (+1/2) und (-1/2). Die höchste Energie eines gebundenen Elektrons heißt „Fermi-Energie“ oder „Fermikante“ (Enrico Fermi: italienischer Physiker, 1901-1954; Nobelpreis 1938). Alle
Teilchen, die dem Pauliverbot gehorchen, werden auch Fermi-Teilchen
oder Fermionen genannt, die anderen heißen nach dem indischen
Physiker S.N.
Bose (1894-1947) „Bosonen“. Die drei Atombausteine sind also auch
„Fermionen“,
die Photonen (Spin 0) dagegen „Bosonen“. Bei
den
Kraftüberträgern gilt das Pauliverbot ebensowenig wie bei
Teilchenverbänden,
deren Gesamtspin ganzzahlig geworden ist. Hier können alle solche
Teilchen ein-
und dieselbe Energie aufweisen. Ansonsten wäre beispielsweise der
LASER ebenso
unmöglich wie die Phänomene der Superflüssigkeiten und der Superleitung. Die
Eitelkeit der Materieteilchen hat eine handfeste Notwendigkeit für
den
Aufbau unserer Materie: Nach dem Pauliverbot können sich keine
zwei gleichen
Materieteilchen im selben Zustand befinden, also innerhalb der Unschärfegrenzen nicht dieselbe
Geschwindigkeit
und Position annehmen. Das verhindert, daß die
Materieteilchen unter
Krafteinfluß in einen Zustand extremer Dichte zusammenklumpen.
Wenn sie sich
durch die Anziehungskräfte nahegekommen sind, dann
müssen sie sich mit
unterschiedlichen Impulsen bewegen, so daß sie wieder auseinander
streben. Ohne
Pauliverbot wären die Quarks nicht fähig gewesen, einzelne
Protonen
und Neutronen zu bilden, und diese wiederum nicht zusammen mit
Elektronen die
einzelnen Atome. Alle Materieteilchen wären in einen Einheitsbrei
zusammengestürzt,
wie wir ihn von den Bosonen her kennen (z.B.: Superflüssigkeit).
Wohingegen für
eine Kraftübertragung jegliche zusätzliche Unterscheidung der
entsprechenden
Überträgerteilchen stören würde, denn hier dient
alles nur einem Zweck: Die
Wechselbeziehung zwischen zwei oder mehreren materiellen Gebilden
herzustellen
und aufrechtzuerhalten. Modern bezeichnen wir nur mehr zwölf
Particles als
Elementarteilchen: 6 Leptonen und 6 Quarks. Ihnen allen
können nur noch
Durchmesser zugeschrieben werden, die kleiner sind als 10-15
m, den
meisten von ihnen sogar weniger als 10-18 m. Die sechs
Leptonen sind
neben dem altbekannten, stabilen Elektron, das Myon und Tauon sowie
drei
Neutrinos. Die Neutrinos treten jedoch nur zusammen mit einem Elektron,
Myon
oder Tauon auf, von denen sie auch ihren Zusatznamen erhalten haben.
Sie können
auch frei im Weltenraum fliegen, ohne daß sie stärker
bemerkt werden.
Alle anderen
Materieteilchen sind aus den Quarks zusammengesetzt. Sie treten in
sechs
„Flavors“ auf, die up, down, strange, charme, bottom und top
heißen, und ein
jedes besitzt auch sein Antiquark. Während die Hadronen immer aus
drei Quarks
zusammengesetzt sind, bestehen die Mesonen aus einem Quark mit seinem
Antiquark. Ein Proton ist ein Ensemble aus zwei up-Quarks und einem
down-Quark,
das Neutron besitzt hingegen nur ein up-Quark, dafür aber zwei
down-Quarks. Da
Protonen eine positive elektrische Elementarladung zeigen und aus drei
Quarks
bestehen, dürfen letztere nur Ladungsdritteln besitzen. Dies
bedeutet
allerdings keinen Widerspruch zum Begriff „Elementarladung“, da sich
die Quarks
im heutigen Kosmos nicht mehr frei bewegen können, sondern immer
im Innern von
Materieteilchen eingefroren sind. Die up-, charme- und top-Quarks weisen je zwei Drittel der positiven Elementarladung auf und die drei anderen je ein Drittel der negativen. Somit kann das Proton eine positive elektrische Elementarladung zeigen, und das Neutron elektrisch neutral erscheinen. Die Umwandlung eines Protons in ein Neutron geschieht mitnichten dadurch, daß es sich mit einem Elektron verbindet, wie in vielen älteren Büchern zu lesen ist. Sie erfordert vielmehr die Verwandlung eines up-Quarks in ein down-Quark während eines extrem komplizierten Prozesses, der beide Kernkräfte benötigt und bis heute noch nicht ganz geklärt ist (vgl. Kapitel 8).
Die
gesamte Materie unseres Universums, ob in den Sternengebilden, im
Gestein oder
in der Pflanzen- und Tierwelt anzutreffen, besteht letztendlich aus
bloß drei Teilchenarten,
nämlich aus zwei Quarktypen („up-“ und „down-“) und den Elektronen
(Bild 25).
Die anderen Elementarteilchen sind erforderlich, um die in die Hunderte
gehende
Fülle subatomarer Gebilde zu beschreiben, die wir heute kennen. In
Tabelle 4
sind die Charakteristika des Aufbaues unserer Materie kurz
zusammengefaßt. ![]() 8.
Die
vier Kräfte der Natur 8.1 Kraftwirkungen
Aus unserem Alltag kennen wir viele Kräfte: Elastische Kräfte, Reibungskräfte, Trägheitskräfte, chemische Bindungskräfte, magnetische, elektrostatische Kräfte, die Dipolkraft, usf. In der modernen Natursicht ist es uns gelungen, sämtliche dieser Kräfte auf vier grundlegende Wechselwirkungen zurückzuführen: Diese vier grundlegend verschiedenen Arten von Wechselwirkungen oder Kräften sind notwendig, dass die Materie sich uns in so vielfältiger Weise zu zeigen vermag. Damit sind sie auch die Antwort auf Dr. Fausts Frage „nach dem Prinzip, das die Welt im Innersten zusammenhält“. Es besteht aus heutiger Sicht unseres Universums aus Diese vier
fundamentalen Wechselwirkungen sind perfekt aufeinander abgestimmt,
jede hat
ihre klar umrissenen Hauptdomänen. Durch ihre unterschiedliche
Wirkungsweise
ermöglichen sie damit sowohl den Aufbau der kosmischen Strukturen
als auch die
Vorgänge in den Winzigkeiten der subatomaren Welt. In Tabelle 5
sind für diese
vier Fundamentalkräfte der Natur die Reichweiten und die
Namen der
Vermittlerteilchen (Vermittler-Particles) zusammengefaßt, und
Tabelle 6 zeigt
uns die Aufteilung ihrer Hauptdomänen. Wegen ihrer extrem kurzen
Reichweite
sind die beiden Kernkräfte auf die subatomaren Gebilde
beschränkt. Die Welt der
großen Körper wird von unserer Schwerkraft geprägt und
die Stoffeigenschaften
der Materie sind die Hauptdomäne der elektromagnetischen Kraft. ...8.3
Vereinheitlichung
der Wechselwirkungen Alle Prozesse der elektroschwachen
Wechselwirkung werden durch den Austausch von vier
Überträgerteilchen erklärt:
dem masselosen Photon, das die Wechselwirkung zwischen elektrisch
geladenen Teilchen
vermittelt, und den drei Überträgern der schwachen Ladung (W+-,
W--
und Z0-Particle). Im Gegensatz zum Photon, das nur mit
elektrisch
geladenen Teilchen wechselwirkt, vermittelt das Z0-Particle
auch
Prozesse, bei denen elektrisch neutrale Teilchen beteiligt sind, wie
etwa die
Streuung von Neutrinos an Elektronen. 1973 gelang am CERN der Nachweis
dieser
Reaktionen. Bei Prozessen mit geladenen Teilchen sind sowohl das Photon
als
auch das Z0-Teilchen beteiligt, und es kommt zu
experimentell
nachweisbaren Interferenzen dieser beiden Austauschvorgänge. Mit
Präzisionsexperimenten
zur Elektron-Positron-Vernichtung am Speicherring LEP konnten die
Aussagen der
elektroschwachen Theorie eindrucksvoll bestätigt werden. ...
9.1
Die Entstehung der Elemente Die „natürlichen“ Elemente werden im wesentlichen durch Kernreaktionen in den Sonnen selbst gebildet. Allerdings gelingt es keiner Sonne, im Alleingang sämtliche chemische Elemente hervorzubringen. Die Sonnen erster Generation hatten als Rohstoff im wesentlichen nur Wasserstoff zur Verfügung und verbrannten diesen vorwiegend zu Helium - so wie unsere Sonne auch. Diese Kernverschmelzung liefert jene ungeheuren Mengen an Energie, welche die Sonnen teils über zehn Milliarden Jahre lang in den Weltraum abstrahlen. Wenn im Zentralgebiet
eines Sternes der
Wasserstoff zu Helium fusioniert worden ist, steigt die Temperatur an,
bis die
Umwandlung in höhere Kerne möglich wird. Helium fusioniert zu
Beryllium, das
teils sofort wieder zerfällt und dabei den Sternenkern immer
weiter aufheizt,
so daß auch Kohlenstoff und auch die höheren Elemente
bis zu Kalzium entstehen
können. Die Bildung eines neuen, schwereren Kerns bedeutet aber
die
gleichzeitige Vernichtung eines oder mehrerer, leichterer Kerne. ...
![]() Ende:
...
Trotz der ungeheuren Probleme, die mit der Entwicklung von Kernfusionskraftwerken verbunden sind, erscheinen offensichtlich die Aussichten auf Erfolg den zuständigen Stellen als nicht hoffnungslos. Derzeit können allenfalls kleine Fusionsvorgänge im Millisekundenbereich erzielt werden. Wie daraus in halbwegs absehbarer Zeit Kraftwerke entstehen soll, bleibt offensichtlich ein Geheimnis der die Kernfusion puschenden Gremien. Es darf allerdings vermutet werden, dass die in die Fusionstechnik gepumpten Forschungsmilliarden für die Erforschung von effizienteren Techniken zur Nützung von Sonnenenergie auf Jahrzehnte besser angelegt wären. Die Natur wusste vielleicht sehr genau, warum sie die Energieversorgung zig Millionen Kilometer von unserem Planeten entfernt angesiedelt hat, und hier auf unserer Erde biologische Rezeptoren und Transformatoren in Form unserer Flora entstehen ließ, sodass wir in der Vergangenheit keinerlei Befürchtungen bezüglich Reaktorunfall, Wirtschaftlichkeit und Entsorgung des radioaktiven Abfalls zu hegen hatten. Es hatte sich bis dato allemal als klug erwiesen, die Natur als Lehrmeister anzusehen, sich aus ihr schlau zu machen, ihre Techniken zu kopieren. Überall dort aber, wo wir es besser wissen wollten als die Natur, dort erlitten wir regelmäßig Schiffbruch - Verkarstung und Verwüstung ganzer Regionen, das Baumsterben und all das andere verhängnisvolle Kippen ökologischer Gleichgewichte. Die Natur setzt bei jedem Geschehnis bloß die dafür minimale Energiemenge ein - vielleicht sollten auch wir uns bei unserer Lebensgestaltung stärker an dieses Minimalprinzip halten und weniger versuchen, über riskanteste Techniken unseren vielfach schlicht überhöhten Energiebedarf zu decken. Und uns dafür umso öfter an den Schönheiten der Natur zu erfreuen sowie an der faszinierenden Genialität ihrer „Werkstatt“.
Einleitung Die
Welt der Relativitätstheorie ist überhaupt nicht so bizarr,
wie sie uns
vordergründig erscheinen mag. Im Gegenteil: sie zeigt uns eine
Welt geballter
Dynamik, deren Kraftspiele Myriaden von Sternen gebären und nach
turbulentem
Leben wieder vernichten. Sie sperrt die Naturgebilde nicht länger
in ein
absolutes Korsett der starren Figuren ein, sondern lässt sie
für jeden
Blickwinkel einen ganz individuellen Habitus besitzen. So mancher geneigte Leser mag
jetzt schon verspüren,
dass die Relativitätstheorien und die Weltraumfahrt für den
Autor die
eigentlichen Triebfedern waren, Physik zu studieren. Der Traum einer
NASA-Karriere wurde jedoch durch das vorzeitige Stoppen des
Mondprogramms
abrupt beendet, die dadurch losgetretene Entlassungswelle an Physikern
war so
enorm, dass ein anderer Arbeitsplatz zu suchen war. Meiner alten Liebe
bin ich
aber immer treu geblieben, was meine Gattin teils sehr leidvoll
erfahren hat.
Für ihre Geduld und ihr Verständnis dafür möchte
ich ihr hier sehr herzlich danken. Umso
erfreuter war ich, als mich Studenten im Jahre 1986 nach
meiner Habilitation zum Dozenten für Physikalische Chemie an der
Universität
Wien aufforderten, doch eine Vorlesung über
Relativitätstheorie für Chemiker zu
halten. Allerdings wurde mir bald deutlich, wie
unbefriedigend und
ineffizient die traditionellen
Vermittlungstechniken
naturwissenschaftlichen
Wissens sind. Der Wunsch entstand daher, mich frei zu spielen von den
ungeschriebenen Gesetzen naturwissenschaftlichen Studiums,
„fundierte“
Vorlesungen müssen einen
mathematisch präzisen Aufbau und - salopp
formuliert - ein gerüttelt Maß an
Unverständlichkeit aufweisen.
Hierbei
wurde mir auch ganz klar bewusst, dass auf diese Art das Wissen der
modernen
Physik auf den kleinen Bereich der Fachleute beschränkt bleiben
muss. Ihren Ruf der Unverständlichkeit
verdankt die Relativitätstheorie vor allem ihrem
wissenschaftlich-historischen
Werdeganges, der mühsam genug war, um den notwendigen Bruch mit
den
mechanistischen Weltvorstellungen zu vollziehen. Der Zugang vereinfacht sich
jedoch drastisch, wenn wir die Eckpfeiler der modernen Weltsicht als
Ausgangspunkt
unserer Entdeckungsreisen in die kosmische Welt nehmen. Konkret
bedeutet dies,
dass wir nicht mehr die geometrischen Bahnkurven der Massekörper
in den Vordergrund
unserer Betrachtung stellen dürfen, sondern die Dynamik ihrer
Bewegung. Nur so
können wir die Geheimnisse des kosmischen Spiels aufspüren,
und die Energie
mitsamt ihren beiden kongenialen Partnern (Impuls und Drehimpuls) als die wahren Machthaber des Universums
entdecken. Die Energie enttarnt sich als
der große Baumeister unseres
Universums, und ihre Trägheit erweist sich als jene Bremse, die
verhindert,
dass wir so schnell wie das Licht fliegen können. Keine
Wechselwirkung zwischen
Objekten unseres Universums erfolgt ohne Austausch eines
Energie-Impuls-Paketes.
Die Regeln, wie solche Transporte in der realen Natur durchgeführt
werden sind
Kernpunkte der Relativitäts- und Quantentheorien. Die
Äquivalenz von Masse und
Energie sowie die Bedeutung der Lichtschnelligkeit als
Ausbreitungsschnelligkeit der Kraftwirkungen werden dadurch in diesem
Buch ebenso
harmonisch erklärt wie der „Wellen-Körper-Dualismus“ im
quantentheoretischen
Buchzwilling „Die
Werkstatt der Natur“, die heuer schon in der Edition Volkshochschule
erschienen
ist. Die Rückbesinnung darauf,
dass wir biologische Lebewesen sind, zeigt uns, dass unsere Sinnesorgane und die
Verarbeitungsfähigkeit
unseres Hirns primär für die biologische Notwendigkeit zum
Überleben und zur
Fortpflanzung ausgelegt sind, und die Beschäftigung mit den
Funktionsprinzipien
unserer Umwelt für das Lebewesen Mensch erst von sekundärer
Bedeutung ist.
Damit wird verständlich, warum wir keine Möglichkeiten
besitzen, die
Naturabläufe außerhalb unserer biologisch relevanten Welt
unmittelbar zu
erkennen und sie uns plastisch vorstellen zu können. Somit wird
auch der zweite
Paradigmenwechsel der modernen Physik evident, dass wir nicht mehr das
Aussehen
der „wirklichen“ Welt, sondern ausschließlich nur noch die
menschliche Sicht
des Universums für erforschbar halten. Das vorliegende Buch ist keineswegs „populärwissenschaftlich“ verfasst, denn eine Unterscheidung zwischen Populär- und Fachwissen lehne ich aus didaktischen Überlegungen grundsätzlich ab und strukturiere lieber in Übersichts- und Detailwissen. Übersichtswissen bleibt bei aller Vereinfachung der Darstellung fachlich korrekt und bereitet die wesentlichen Strukturen eines Gegenstandes leicht verständlich auf. Solches Übersichtswissen möchte ich bieten, denn wir alle benötigen es für unser Weltbild und den Fachstudenten hilft es zusätzlich zu einem rascheren Vordringen an die Forschungsfront. Dadurch, dass die Bedeutung der drei kosmischen Erhaltungsgrößen Energie, Impuls und Drehimpuls für die Vorgänge in unserem Universum in den Vordergrund gestellt werden, ergeben sich auch einfachere Antworten auf so manche philosophische Fragestellungen. Ohne den über Jahre
dauernden, teils schier endlosen Gesprächen und Diskussionen mit
meinen beiden
Freunden Dr. Reiner Lück und Dr. Ingo Arpshofen vom
Max-Planck-Institut für
Metallforschung in Stuttgart wäre dieses Buch wohl nicht zustande
gekommen. Ich
möchte daher auch Ihnen an dieser Stelle herzlich danke sagen. Und
ebenso
meinem väterlichen Freund Univ.-Prof. Dr. Bruno Predel,
emeritierter Direktor
dieses Institutes, dem ich persönlich sehr viel zu verdanken habe.
![]() Leseproben:
1. Natur und Wissenschaft
Ist es denn
Wirklichkeit, was ich sah?
Mozart, Die Zauberflöte Wir Menschen fragen uns schon lange, wie es zur Entstehung von unserer Welt und des sie umgebenden „Himmels“ gekommen ist. In den uns bekannten Kulturperioden fanden wir dazu die unterschiedlichsten Antworten. Die Suche nach den grundlegenden Verursachungen dieser Welt ging dabei in zwei völlig konträre Richtungen: Zum einen nach dem Urgrund unseres Universums, nach einem obersten, höchsten Wesen, von dem her sich die Welt als Ganzes bestimmen lässt. Im Laufe unserer Kulturgeschichte wurde hierfür der Begriff des „Absoluten“ (lat.: abgelöst) geprägt. Es galt und gilt uns als das eigentlich „Wirkliche“. Wir sprechen damit das „Unbedingte“ an, also das von allem anderen völlig Unabhängige, dasjenige, was sich selbst genügt. Das „Absolute“ ist für uns der Begriff für jenes Existierende, das für sich allein in dieser, seiner Form da sein kann und auch da ist. Diese Fragen werden von der Naturwissenschaft bewusst ausgeklammert, sie sind nicht Teil der naturwissenschaftlichen Arbeit, sondern gehören zu Philosophie und Religion. Die Naturwissenschaft forscht hingegen in anderer Richtung, sie beschäftigt sich ausschließlich damit, wie das schon wohlvorhandene Universum aussieht, und wie die einzelnen Geschehnisse in ihm voneinander abhängen. Auch in diesem Zusammenhang wird der Begriff „absolut“ verwendet: Wir waren seit Anbeginn unserer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Natur davon überzeugt, dass der Kosmos eine unbedingte, unveränderliche Form aufweisen würde. Deshalb war sowohl in der Aristotelischen Vorstellung als auch in der mechanistischen Weltsicht das Universum exakt so aufgebaut gedacht gewesen, wie wir es unmittelbar sehen: Der Himmel vorwiegend blau, die Wiesen grün, die Entfernungen waren in ihrer Kilometerzahl (oder in Meilen,...) absolut gegeben, und die Zeit ordnete alle Geschehnisse dieser Welt unbestechlich in ein Früher und Später ein. Aus dieser Überzeugung heraus wollten wir auch jedem Objekt dieser Welt eine „objektiv wahre“ Größe und jedem Geschehnis eine „objektiv wahre“ Zeitdauer zuschreiben. Das ging aber nur
solange gut, solange
unsere Naturbeobachtungen nicht allzu genau waren. Je besser im
ausgehenden
neunzehnten Jahrhundert unsere Messtechnik wurde, desto eindeutiger
wurde es, dass
einige Naturvorgänge im offenen Widerspruch zu den Behauptungen
des mechanistischen
Weltbildes stehen. Diese Widersprüche wurden unser Eingangstor in
die dynamische
Welt des modernen Naturbildes: Durch sie entdeckten wir nicht nur die
Existenz
einer submikroskopisch kleinen Welt mit all den Molekülen, Atomen
und den subatomaren
Teilchen (Elektronen, Protonen,...), sondern sie erzwangen auch jene
völlig
neue Betrachtungsweise unserer Natur, die seit Einsteins
Arbeiten unter den
Namen „Relativitätstheorie“ firmiert. ...
1.2 Moderne WeltsichtDie Naturwissenschaft ist in unserer Kulturwelt zuständig für das Entwerfen jener Bilder der Natur, mit denen wir die realen Gegebenheiten unserer sinnlichen Beobachtungen erläutern und zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfassen können. Dazu ist die tatsächliche Durchführbarkeit und Wiederholbarkeit unserer Experimente notwendig. In der Tat war hier der klassischen Physik ein Fehler unterlaufen, indem sie der Platonischen Überzeugung treu geblieben war, dass die wahren Weltgesetze losgelöst von aller Materie existieren würden (Platon: griechischer Philosoph; 427/28-347/48 v. Chr.). Zur Zeit Einsteins ist die Relativitätstheorie ein gewagtes, revolutionär gezeichnetes Bild unserer Natur gewesen, das nur durch einige wenige experimentelle Beobachtungen gestützt war. Heute hingegen sind die allermeisten der damals so kühn und undenkbar anmutenden Konsequenzen dieser Theorie im tatsächlichen Verhalten der Natur wieder gefunden und unwiderlegbar bewiesen worden. Sie sind vermutlich nur deshalb noch nicht Allgemeingut unseres Kulturlebens geworden, weil sich das allgemeine Interesse in den letzten Jahrzehnten von den Naturwissenschaften doch deutlich wegbewegt hat.
Die Welt der modernen Naturwissenschaft zeigt sich viel dynamischer und lebendiger als das Newton’sche Universum der starren mechanischen Kugeln, für welches ursprünglich schon zehntausend Jahre die Ewigkeit bedeutet hatten (Sir Isaac Newton: englischer Physiker, Mathematiker und Astronom; 1643-1727; Sir ab 1705). Heute sehen wir unsere Welt voller Werden und Vergehen, denn nicht nur die Angehörigen der Fauna und Flora unserer Erde, sondern auch die allermeisten Objekte der Quantenwelt und die Myriaden von Sternen werden geboren und sterben wieder. Viele der Himmelsgiganten leben unvorstellbare 10 bis 15 Milliarden Jahre, einige sogar noch länger, dafür müssen die massereichsten Sterne schon nach wenigen Millionen Jahren sterben. Manche Sterne explodieren, andere erkalten und wieder andere komprimieren ihre Materie auf eine Kugel von wenigen Kilometer Durchmesser. Letztere ziehen sich also in sich selbst zurück und leben dann quasi als extreme Autisten, denn sie verweigern jegliche Kommunikation mit der Außenwelt - wir nennen sie „Schwarze Löcher“. Die Sternenfriedhöfe sind Geburtsstätte neuer Myriaden von Sternen, wodurch allmählich die schwereren Elemente wie Eisen, Gold und Uran entstehen konnten. Immer wieder durchquert ein Sternenreich ein anderes, meist bemerken die involvierten Galaxien fast nichts von ihrer Durchdringung. Hin und wieder geschehen aber Kollisionen mit entsprechend gewaltigen kosmischen Spektakeln. ...
2.
Fakten
der Realität Übertriebene
Farben fährden das Sehen. Überstiegene
Töne töten das Hören. Überspitzte
Kost kostet den Geschmack.
Laotse, Tao
Te King 2.1
Das
Licht ist „langsam“ Mit den Fortschritten in unserer
Messtechnik musste
sich auch Newtons Schwerkraftgesetz immer strengere
Prüfungen gefallen
lassen. Die Jupitermonde gehörten zu den
ersten, die ausgewählt worden
waren, um mittels genauer
Langzeitbeobachtungen Newtons Formel
an
neueren Objekten zu bestätigen. Doch, es wurde zunächst
ein Flop, denn einmal
verspäteten sich die Jupitermonde gleich um etwa acht
Minuten, ein andermal
eilten sie den Voraussagen um dieselbe Zeit voraus. War das
Schwerkraftgesetz
nicht gut oder waren die damaligen Ansichten über das Licht
falsch? Der
dänische Astronom Ole (Olaf) Roemer (1644-1710) vertraute
Newton und fand 1676
heraus, dass die Unpünktlichkeit der Jupitermonde
Methode hatte: Immer,
wenn der Riesenplanet relativ nahe bei der Erde war, tauchten seine
Monde
früher auf als nach Newtons Fahrplan vorgesehen, dafür
verspäteten sie sich
regelmäßig in ihrem Erscheinen, wenn er sich weit von uns
entfernt hatte. Sein Gedanke war: Wenn nun das Licht mitnichten unendlich schnell wäre, sondern Zeit zu seiner Ausbreitung benötigen würde, dann hätten die Unpünktlichkeiten der Jupitermonde eine einfache Erklärung: Wir sehen im Fernrohr gar nicht die Monde dort, wo sie sich im Augenblick der Beobachtung befinden, sondern dort, wo sie vor der Zeitspanne waren, die das Licht benötigt, um von diesen Monden zur Erde zu gelangen. Mit seinen schlechten Uhren und einer noch etwas falschen Erdbahn kam er auf eine Lichtschnelligkeit von 215 000 km/sec. Heute wissen wir, dass Licht sogar noch schneller ist und zwar fast 300 000 km/sec. Damit kann das Licht unseren Erdäquator in einer Sekunde siebeneinhalb Mal umrunden. Von der Sonne braucht es im Mittel dennoch über acht Minuten zu uns, zum Jupiter etwa vierzig Minuten und zum Neptun schon vier Stunden! Dennoch wird die Lichtschnelligkeit in der
klassischen
Mechanik ignoriert und so getan, als ob wir unendlich schnell schauen
und
messen könnten. Schon im siebzehnten Jahrhundert glaubte man
daran, dass die
Lichtbrechung beim Übergang von einem Medium in ein anderes (z.B.
von Luft in
Wasser) dadurch zustande kommt, dass das Licht in den verschiedenen
Medien unterschiedlich
hohe Ausbreitungsschnelligkeiten aufweist. Zwar waren die
eingefleischten Mechaniker
wie Descartes felsenfest davon überzeugt, dass sich Licht um so
schneller
ausbreiten würde, je dichter das zu durchquerende Medium
wäre, aber der französische
Mathematiker Pierre de Fermat (1601-1665) vertrat die bis heute als
richtig
erkannte Ansicht, dass es umgekehrt wäre, dass sich Licht also in
optisch
dünneren Medien schneller ausbreitet als in dichteren. Die
unendlich schnelle
Lichtausbreitung geisterte dennoch durch unsere Kulturgeschichte - auch
durch
die der Physik.
3. Die dynamische Welt Ich möchte wissen,
wie Gott diese Welt erschaffen hat.
Albert Einstein 3.1
Doppelspiel
der Bewegung
Das Augenscheinliche ist nicht immer das prägende Element des Geschehens, wie wir schon aus Politik und Geselligkeitsvereinen wissen: Oft gibt es „graue Eminenzen“, die ruhig und beinahe unbemerkt, still ihre Fäden ziehen. Sie sind dann die eigentlich Mächtigen und nicht die im Rampenlicht Stehenden. Bei den Naturvorgängen verhält es sich nicht anders, denn sie werden mitnichten von den oft spektakulär verlaufenden oberflächlichen Veränderungen geprägt, sondern durch unsichtbare Geschehnisse. Das liegt daran, dass wir ja nur die körperlichen Teile unserer Welt bemerken können - und sonst nichts. Von Kraftwirkungen, Energieströmen, von elektrischer Ladung, von Licht und all den anderen nicht körperlichen Phänomenen unserer Welt erfahren wir ausnahmslos nur über die von ihnen verursachten Veränderungen in der Körperwelt. Beispielsweise sprechen
wir von „Wasserwellen“,
wo sich die Oberfläche von Wasser wellig zeigt. Wir sind davon
fasziniert und beeindruckt.
Sie sind schön anzusehen und manchmal Furcht erregend gewaltig.
Woher nehmen
sie aber ihre Kraft? Hier werden wir nun überrascht, denn die von
uns wahrgenommenen
„Oberflächenwellen“ bilden nur einen kleinen
Ausschnitt der eigentlichen „Wasserwellen“,
die sich als in die Tiefe gehende Kreisbewegungen entpuppen. Sie
transportieren
dabei gar kein Wasser, sondern Energie und Impuls. Initiiert werden
diese Wellen
entweder durch den Wind, durch ins Wasser geworfene Steine, durch
Seebeben oder
durch fahrende Schiffe. Diese Verursacher geben bei ihrem Kontakt
mit dem
Wasser einen Teil ihrer Energien und Impulse an die sie
berührenden
Wasserteilchen ab, die sich daraufhin kreisförmig in die Tiefe zu
bewegen
beginnen. Dabei stoßen sie andere Wasserteilchen an, wodurch sie
ihrerseits
wieder Energie und Impuls an diese weitergeben, usf.: Die
Wellenbewegung ist
im Laufen. ...
Jetzt aber, mit der erkannten Äquivalenz von Energie und (träger) Masse vergegenwärtigen wir eine völlig neue Situation: Es setzt nicht nur die „Masse“ sondern auch die Energie jeder äußeren Krafteinwirkung einen Trägheitswiderstand entgegen. Es muss damit nicht nur die am „ruhenden“ Objekt gemessene Masse („Ruhmasse mo“) beschleunigt werden, sondern der gesamte Energieinhalt des Objektes. Damit ist der Trägheitswiderstand von Naturgebilden abhängig von ihren Transportgeschwindigkeiten! Ein Teil der Literatur belässt dabei die Masse als einziges Trägheitsmaß, spricht von Massenzunahme durch die Beschleunigung und benützt dafür den Begriff einer „dynamischen Masse“. Wesentlich einfacher ist es hingegen, unter der „Masse“ eines Gebildes ausschließlich nur seine „Ruhmasse“ zu verstehen und als Trägheitsmaß die Energie selbst heranzuziehen. Ein neben uns ruhendes Objekt - etwa unser geparktes Auto - weist uns gegenüber weder Impuls noch Bewegungsenergie auf sondern nur seine Ruhmasse. Dieser entspricht aufgrund der Energie-Massenäquivalenz ein Energiebetrag, der sinngemäß die „Ruhenergie“ des Objektes heißt (Eo = mo.c2). Unter der Ruhenergie E0 eines Gebildes verstehen wir also jene Energie, die ein Betrachter konstatiert, demgegenüber das Gebilde keinerlei Impuls zeigt. Diese etwas kompliziert anmutende Ausdrucksweise ist notwendig, da sich die Begriffe „ruhend“ und „bewegt“ bald schon als abhängig vom Betrachterstandpunkt herausstellen werden. ...
4. Geschwindigkeit, Zeit und Geometrie
Die Physik ist nicht deshalb mathematisch,
weil wir so viel über die physikalische Welt
wissen, sondern
weil wir so wenig wissen: Wir können nur ihre
mathematischen
Eigenschaften entdecken.
Bertrand
Russell 4.1 Die
Relativität der Geschwindigkeit Jetzt: Wir machen eine
Momentaufnahme unserer
Umwelt. Und jetzt wieder eine neue Bestandaufnahme. Bei jedem „Jetzt“
erfolgt
eine neue Momentaufnahme unserer Umwelt, wobei immer nur die
Eindrücke des jeweiligen
„Jetzt“ zählen. Sie sind das einzig real Greifbare in unserer
Sinnenwelt. Alles
andere ist Erinnerung oder Erwartung. Wir können bei jedem „Jetzt“
einen Finger
umlegen oder eine Marke auf einen Ast machen, wie in Bild 12 gezeigt.
Bemerken
wir „jetzt“ ein Tier oder einen Stein, dann ist es für uns oft
wichtig, zu wissen,
ob wir uns nun schützen müssen, und ob wir es im Bedarfsfalle
auch einfangen
können – mit oder ohne Werkzeug. ![]() Wir vergleichen dazu die Wegstücke, welche die Objekte
unserer Aufmerksamkeit
zwischen den einzelnen „Jetzt“ zurückgelegt haben. In unserem Bild
12 sind
diese ein Hase und ein Stein. Beim ersten „Jetzt“ war der Hase gerade
bei der
einzelnen Blume. Beim nächsten „Jetzt“ passiert er die
Doppelblüte, dann das
Dreiblumenbüschel, und schließlich bei der letzten unserer
„Jetzt“-Beobachtungen
sichten wir ihn bei den vier Blüten. Auf diese Art und Weise
beobachten wir
nicht nur den Hasenlauf sondern alle Bewegungen in unserer Welt. Wo wir
keine
Wegmarken finden, dort können wir auch keine Bewegungen
feststellen, außer wir
wissen um die Größe des bewegten Objektes Bescheid. Dann
lassen dessen
scheinbaren Größenveränderungen uns ebenfalls darauf
schließen, wann das Objekt
wo sein wird.
Die Angabe einer Fortbewegungsgeschwindigkeit hat also nur Sinn, wenn wir dazu sagen, worauf wir sie beziehen. Deshalb sprechen wir von der „Relativität“ unserer Geschwindigkeiten. Für die Zugsfahrpläne etwa wäre es unsinnig, die Geschwindigkeit der Erdrotation dazuzuzählen. Zum andern hängen unsere Geschwindigkeitsangaben auch davon ab, wie sicher wir Zeit und Längen bestimmen können. Die Schnelligkeit gilt uns nur als Maß dafür, wie groß das Wegstück ist, das innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne überwunden werden kann. Von doppelt so hoher Geschwindigkeit sprechen wir sowohl, wenn wir konstatieren, dass wir in derselben Zeit den doppelten Weg zurücklegen, als auch dann, wenn wir für die Durchquerung der ursprünglichen Weglänge nur die halbe Zeitspanne benötigen. Schlechte Uhren produzieren damit ebenso willkürliche Geschwindigkeitsangaben wie ungenaue Maßstäbe. Verstellt uns jemand die Gangschnelligkeit unserer Uhr oder verändert jemand die Länge unseres Maßstabes durch Dehnen oder Schrumpfen des Trägermaterials, dann sind wir dennoch felsenfest davon überzeugt, die richtigen Geschwindigkeiten gemessen zu haben. ...
...
Die allermeisten großen Denker
unserer Kulturgeschichte kamen
ohne die Vorstellungen einer absoluten Zeit und eines absoluten Raumes
zurecht.
Diese beiden Begriffe sind niemals eine Denknotwendigkeit gewesen und
können daher
aus unserem Kulturbild problemlos wieder entfernt werden. Heute sind
wir in der
glücklichen Lage, den experimentellen Nachweis zu besitzen, dass
es für unser
Universum tatsächlich weder eine absolute Zeit noch einen
absoluten Raum geben
kann. Für die moderne Weltsicht wird der Begriff einer
„Zeitlosigkeit“ wieder
wichtig, denn wir können uns die Vorgänge bei hohen
Geschwindigkeiten nur so
erklären, dass unser Universum mitnichten in eine „Zeit“
hineingeworfen ist.
Die „Zeit“ muss in ihre ursprüngliche Bedeutung der „zit“
zurückgeführt werden.
Sie wird dann zur Eigenschaft des Weltalls, nicht zu dessen
Voraussetzung. ...
5. Die
Gegenwart ist nur bei uns „...woher
kommt all die Ordnung und Schönheit, die
wir in der Welt sehen?“ Isaac Newton
5.4 Das Trägheitsfeld ist unser „Raum“Es erscheint uns völlig selbstverständlich, dass der „(leere) absolute Raum“ für sich existieren soll, also ein Substrat, welches übrig bleibt, wenn wir unseren gesamten Kosmos mitsamt allen darin befindlichen Körpern und Kraftfeldern entfernen. Der „(leere) absolute Raum“ war in der mechanistischen Sicht ebenso wie die „absolute Zeit“ als ein Gebilde gedacht gewesen, welches den Aufbau und Ablauf des Universums einzig durch seine bloße Existenz mitzubestimmen in der Lage war. Nichts in unserer Welt kann mit diesem „(leeren) absoluten Raum“ kommunizieren, denn ihm ist keine andere Eigenschaft zugedacht worden, als in seiner Länge, Breite und Höhe immerwährend zu existieren. Ihm wurden keine Kommunikationsmittel geschenkt, und er kann daher weder von uns noch von irgendwelchen anderen uns bekannten Naturgebilden aufgespürt werden. Der „(leere) absolute Raum“ bekam von der mechanistischen Weltsicht eine wahrhaft autistische Existenz verpasst: Er hatte einfach nur in seiner Absolutheit da zu sein und bildete damit gleichsam Bühne und Kulisse für alle Geschehnisse unseres Universums. Wir vermeinen dennoch, ohne solch einen eigentümlichen Gebilde nicht denken zu können. Warum eigentlich? Wir benützen diesen „(leeren) absoluten Raum“ doch nur für zweierlei: Als Aufnahmeplatz für die Körper und für die geometrische Orientierung zwischen ihnen. Wir sind nämlich aus unserer biologischen Umwelt her gewohnt, dass alle Objekte einen vorher schon existierenden Platz benötigen, wo sie sich aufhalten und bewegen können. Solch ein Aufenthaltsraum ist in einem real existierenden Universum mit Körpergebilden sicher und unabhängig von den Umständen seiner Werdegeschichte vorhanden. Die notwendigen Ingredienzien für das Zustandekommen unseres Weltalls bleiben uns, die wir ein Produkt dieser Welt sind, hingegen ohnehin verborgen. Wir können ja bloß versuchen, die Chronologie unseres bereits real existierenden Kosmos nachzuzeichnen. Die Umstände jedoch, welche letztlich die Entstehung unseres Universums bewirkten, verbleiben grundsätzlich außerhalb unserer physikalischen Erkenntnisfähigkeit. Wir benötigen daher auch dafür keinen unabhängig von unserem Universum existierenden, absoluten (leeren) Raum. ...
6.
Unsere
reale Erlebniswelt Der
Urgrund der Dinge bleibt der
Erkenntnis verschlossen.
Voltaire Bei
Gott ist ein Tag wie 1000 Jahre
und 1000 Jahre wie ein Tag.
2
Petrus 3, 8 Mit der Erkenntnis, dass wir für jede Informationsübertragung zumindest ein winziges Energie-Impuls-Paket benötigen, gibt es für uns keine Möglichkeit mehr, eine objektiv gültige Gleichzeitigkeit von all jenen Geschehnissen zu konstruieren, die sich in unterschiedlichen Trägheitswelten ereignen. Andererseits sind sinnvolle Messergebnisse sowohl an Weglängen als auch an Zeitspannen nur durch einen gleichzeitigen Vergleich mit den entsprechenden Referenz- oder Einheitsgrößen zu erhalten (vgl. „Zeit- und Längenmessung“ in Kapitel 4). Für die Zeitmessung bedeutet dies, dass sich die Uhr im Moment der Zeitmessung am Ort des Geschehnisses befinden muss. Die (Durchschnitts-)Schnelligkeit eines Gebildes lässt sich daher nur mit Hilfe von zwei synchronisierten Uhren ermitteln, die am Anfang und Ende der Messstrecke platziert sind. Und eine sinnvolle Längenbestimmung erfordert denselben experimentellen Aufwand, da ja beide Enden einer auszumessenden Strecke gleichzeitig am Messband markiert werden müssen, was selbstverständlich nur mit Hilfe von zwei synchronisierten Uhren zu bewerkstelligen ist. ...
...
Dieser Weltabstand hat überraschende und faszinierende Eigenschaften: Innerhalb einer Trägheitswelt übernimmt er bei ruhenden Uhren vollständig die Rolle der uns gewohnten Zeit - hierbei sind die Bezeichnungen Eigen- oder Ruhzeit auch voll zutreffend. Bei der Ermittlung der Weglängen hat er hingegen überhaupt nichts mit unserem Zeitbegriff zu tun, sondern wandelt sich chamäleonartig zum geometrischen Abstandsmaß! Korrekte Längenmessungen müssen gleichzeitig durchgeführt werden, daher verschwindet der Zeitterm des Weltabstandes in der betreffenden Trägheitswelt (hier: blauer Raum) und es verbleibt die (negative) geometrische Länge als Weltabstand (-xB² = [c.tG]² - xG²). ...
7. Die
Energie prägt das Universum Das
Wesen / das
begriffen werden kann / Ist
nicht das Wesen des Unbegreiflichen. Der
Name / der gesagt werden kann / Ist
nicht der Name des Namenlosen. Unnambar
ist das All-Eine / ist Innen. Nambar
ist das All-Viele / ist Außen. Das
Nachgiebige überwindet das Starre. Das
Nichtsichtbare durchdringt das Sichtbare. So
wird das Tätige des Nicht-Tuns ersichtlich. Laotse,
Tao Te
King
Aristoteles musste sich genauso anstrengen, um einen 1 kg
schweren
Stein 5 m weit zu werfen, wie später Descartes, Newton und
Einstein. Desgleichen
waren sie sich ziemlich einig, wie lange Sonne, Mond und der Merkur
brauchen,
um wiederum exakt an dieselbe Stelle des Firmaments zu gelangen.
Selbstverständlich
wären die drei Älteren verblüfft gewesen, welch
präzise Chronometer und
Fernrohre am Übergang zum 20. Jahrhundert existierten, aber sie
hätten zweifellos
alle daraus resultierenden Verbesserungen des Datenmaterials akzeptiert. Die Begründungen für diese
unumstrittenen
Fakten wandelten sich allerdings im Laufe unserer Kulturgeschichte
ganz
gewaltig: Aristoteles war überzeugt, er müsse sich einzig
deshalb anstrengen,
weil er den Stein von dessen „natürlichen Ort“ in der Nähe
des Mittelpunktes
des Kosmos weggestoßen hatte. Und die Himmelskörper
waren für ihn göttliche
Wesen gewesen, die sich Kraft ihrer Natur immerwährend auf ihren
kristallenen
Himmelssphären bewegten (vgl. „Der Lichtäther ist Fiktion“ in
Kapitel 2). Descartes hingegen
glaubte
felsenfest daran, die Ursache für die Planetenbewegungen in
den Wirbelbildungen
eines den ganzen Weltraum
erfüllenden Äthers gefunden zu haben. Diese
verursachten für ihn auch die Schwere seines
Steines. Manche seiner
Zeitgenossen vermuteten aber auch, dass Englein mit ihrem
Flügelschlag die
Planeten auf ihren Bahnen vorantreiben würden. Newton wiederum
hatte sich kategorisch geweigert, über die Ursache der
Schwerkraft zu „spekulieren“.
Er dekretierte dafür, dass seine „Schwerkraft“ ihren Sitz in
der Masse selbst
hätte, und sich daher alle Massekörper gegenseitig anzuziehen
hätten, wie wir
es schon im ersten Kapitel kennen gelernt haben. Mit seinem
berühmten „Gravitationsgesetz“
lieferte er gleich ein Rechenschema dazu, mit Hilfe dessen er
schon vor dem
Wurf erfahren konnte, wie stark er sich
anzustrengen haben werde. In der
Folge ermöglichte es auch, die Umlaufbahnen der Planeten um unsere
Sonne und
die der Monde um ihre Planeten (fast) minutiös zu berechnen (vgl.
„Masse und
Schwerkraft“ in Kapitel 1). Und Einstein schrieb dafür seine
allgemeine Relativitätstheorie. Streng genommen kennen wir die „Schwerkraft“ nur von unserer Erde: Wir müssen uns jedes Mal anstrengen, wenn wir einen Stein heben wollen. Je stärker wir uns anstrengen müssen, desto „schwerer“ nennen wir den Stein, desto größer sein „Gewicht“. Weil die größeren Steine auch die „schwereren“ sind, verbanden wir bald die „Schwere“ mit der Klumpengröße und sprachen bald schon von der Stein-“Masse“ (massa (lat.): Teig, Klumpen). Bis Newton war daher das Wort „Masse“ ein Synonym für „Schwere“ und „Gewicht“ - ja teilweise sogar als Synonym für die Materie selbst. ...
...
Das
Äquivalenzprinzip
besagt, dass nicht nur das
„Schwerefeld“ sondern
auch das Trägheitsfeld direkt auf die Energie - und somit auf alle
transportfähigen
Gebilde der Welt - wirkt („koppelt“). Schwere- wie
Trägheitswirkung werden also
von sämtlichen Teilchen des Universums in ein- und derselben Weise
über die
Energie erregt, und sie erzeugen an ihnen selbst identisch dieselben
Beschleunigungseffekte.
Bei diesem Tatbestand erhebt sich die Frage, ob wir hier noch
länger von zwei verschiedenen Kraftfeldern sprechen sollen
- oder
nicht besser davon, dass sich Trägheit und Schwere bloß als
verschiedene
Zustände ein und desselben universellen Kraftfeldes manifestieren.
Doch von
welchem?
Selbstverständlich vom Trägheitsfeld, denn wir haben dessen Grundzustand
ja schon als unseren „leeren“ Raum identifiziert. Dieser zeigt sich uns
immer
dann, wenn wir in ein und demselben Bewegungszustand verharren, wir uns
also
„kräftefrei“ fühlen. Wo immer wir aber an Transportgebilden
Beschleunigungen
konstatieren, dort zeigt sich uns das universelle Trägheitsfeld
unmittelbar,
weil in erregten Zuständen, die wir traditionellerweise in
„Schwer“- und „Trägheits“-Kräfte“
unterteilen. ...
...
7.4
Die „gekrümmte“
RaumZeit Die Relativitätstheorien gestalten unseren physikalischen Erlebnisraum völlig neu und erfordern somit für seine Beschreibung auch neue mathematische Hilfsmittel: Solange wir überzeugt waren, dass wir unendlich schnell zu schauen vermögen, konnte unser Eigen- oder Ruhraum auf das ganze Universum ausgedehnt werden. Es konnte an eine absolute Zeit geglaubt werden, die für uns die Rolle einer jederzeit ablesbaren Referenzuhr spielte. Damit gab es im Universum eine universell gültige Gleichzeitigkeit, die uns garantierte, jederzeit und überall dieselbe geometrische Gestalt der Naturgebilde erfahren zu können. Wir lebten in einer Welt der gleichförmig dahin fließenden, absoluten Zeit und in einem absolut dastehenden, dreidimensionalen Raum, in dem die Regeln der euklidischen (ebenen) Geometrie strikt gelten. Der Abstand zwischen zwei beliebigen Punkten des Universums ist dabei stets mit Hilfe des pythagoreischen Lehrsatzes definiert (Bild 17). Diese bequeme Weltsicht
wurde uns mit der
Erkenntnis, dass der schnellstmögliche Informationsaustausch
nur mit der
(Vakuums-)Lichtschnelligkeit bewerkstelligt werden kann,
nachhaltig zerstört:
Bei endlich schnellem Schauvermögen gibt es weder eine
einheitliche, von
überall identisch abrufbare Referenzuhr, noch universell
gültige geometrische
Formen der Naturgebilde. Selbst die geometrische Gestalt der
Körper unseres
eigenen Ruhraums muss jetzt aus den visuellen Bildern konstruiert
werden. Letzteres
lässt sich jedoch verhältnismäßig einfach
durchführen, denn unser Eigenraum ist
als Trägheitswelt keinerlei äußerer Kraft ausgesetzt.
Infolgedessen gelten in
ihm überall dieselbe Eigenzeit und Geometrie (Bild 28A). ![]() Durch die Nicht-Existenz einer kosmischen Referenzuhr sind wir bei unserer Zeitmessung jedoch den technischen Eigenschaften unserer Uhren ausgeliefert. Dies hat zur Folge, dass unsere Weltzeit von den Eigenzeiten aller anderen Trägheitswelten abweicht (Bild 23; siehe auch Tabelle 5). Analoges gilt für die Geometrie: Die in unserer Eigenwelt für die Naturgebilde konstruierte geometrische Gestalt wird in keiner anderen Erlebniswelt erhalten. Da sich jedoch innerhalb einer jeden Trägheitswelt durch nachträgliche Rekonstruktionen die Raum- von den Zeiterlebnissen trennen lassen, ist die Geometrie eines jeden Eigenraums nach wie vor euklidisch und das Abstandsmaß pythagoreisch. Die endlich schnelle Informationsübertragung reduziert damit die einstige universelle Regentschaft der euklidischen Geometrie auf die einzelnen Trägheitswelten: Sobald wir nämlich unsere Eigenzeit als Weltzeit betrachten, müssen wir unsere Zeitchronologie mit dem Werkzeug „dreidimensionaler euklidischer (ebener) Raum“ zu jener gemeinsamen Raum-Zeit Beschreibung verweben, die wir als „Minkowskigeometrie“ kennen gelernt haben. Wichtigster Unterschied ist dabei, dass hier die früher als unabhängig angesehenen Zeit- und Weglängen zu einem gemeinsamen Abstandsmaß, dem Weltabstand verknüpft sind, der auch oft als „Eigenzeit“ bezeichnet wird. Infolgedessen scheinen jedem Beobachter alle für ihn bewegten Uhren ihren Gang verlangsamt zu haben, und die mitbewegten Maßstäbe geschrumpft zu sein. Wie Bild 22 illustriert, werden diese Verzerrungen bewegter Uhren und Maßstäbe aus beiden involvierten Trägheitswelten heraus völlig symmetrisch wahrgenommen. Dies ändert sich aber radikal, sobald eine der beiden Beobachterwelten eine Beschleunigung erfährt. Deshalb wird in unserem Universum überall dort die Symmetrie der Zeit- und Maßstabsverzerrung gestört, wo (große) Energiekonzentrationen (Masseansammlungen) wie Planeten und Sonnen auftreten. Wie Bild 28B zeigt, verlangsamt sich der Uhrgang umso mehr, je größer die Wirkung der Energiekraft (Schwerkraft) ist. Und umgekehrt gehen die Uhren umso schneller, je kleiner die auf sie einwirkende Schwerkraft ist (Bild 28B). Das Auftreten von unterschiedlich starker Energiekraft (Schwerkraft) vereitelt damit jedwede Möglichkeit zur Synchronisation von Uhren. In einem unterschiedlich starken („inhomogenen“) Schwerefeld, wie dem der Sonnen und Planeten, reduziert sich daher die Gültigkeit der Eigenzeit auf einen einzigen Punkt, nämlich den Aufenthaltsort des Beobachters. ...
Ende:
...
Angesichts der unermesslichen Weite und des
geheuren Alters
unseres Universums sollten wir in unseren
Erklärungsansprüchen durchaus bescheiden
bleiben. Auch wenn sich unsere Forschung seit Jahren intensiv mit dem
Frühstadium
des Kosmos beschäftigt, ist es dennoch weitgehend unbekannt und
vor allem keiner
experimentellen Forschung zugänglich. Ob etwa die kosmische
Hintergrundstrahlung
tatsächlich ein Beweis für einen homogenen Urnebel darstellt,
wird ebenso erst
die Zukunft weisen müssen, wie die Stimmigkeit vieler anderer
Annahmen auch -
insbesondere, ob unser Universum tatsächlich aus einem „Urknall“
heraus
entstanden ist oder einen völlig anderen Lebenslauf hat. Eines steht heute aber bereits außer
jeden Zweifel: Die
Energie ist Hauptakteur im kosmischen Spiel. Sie prägt mit ihrer
Schwerewirkung
sowohl die großräumige Struktur des Universums als auch das
Schicksal der einzelnen
Sterne. Zusammen mit dem Impuls und Drehimpuls, den beiden anderen
„Global
Players“ des Universums, bewirkt und kontrolliert sie alle
Bewegungen und Entwicklungen in unserer
Welt - von den astronomisch großen bis hin zu den winzigsten der
submikroskopischen Quantenwelt. Und ermöglicht daher auch unsere
Erlebniswelt
in der RaumZeit.
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