Zu Ende geschrieben (1) – zum Tod von Christa Wolf

In den letzten Jahren ist es ruhig geworden um Christa Wolf, eine der bekanntesten und renommiertesten AutorInnen des deutschsprachigen Raumes. Dabei waren weniger ihr Schreiben und ihre ästhetischen Verfahren als ihr politisches Wirken und ihre öffentlichen Positionierungen immer wieder Stoff für Feuilleton und Literaturkritik.

Wolf wurde in der BRD in den 1970er und 1980er-Jahren als „loyale Dissidentin“ und nach der Wende als „Systemautorin“ immer wieder als Projektionsfläche für die westdeutsche politische Agenda vereinnahmt. Es ist also nicht überraschend, dass nach ihrem Tod am 1. Dezember des vergangenen Jahres im Alter von 82 Jahren in den Nachrufen das Label „DDR-Schriftstellerin“ dominiert und konsequenterweise etwa Die Welt sich genötigt sieht, den besorgten LeserInnen zu versichern, „die große alte Dame der ostdeutschen Literatur“ sei (trotz?) ihrer „Bekenntnisse zu einer Humanität jenseits aller Ideologien“ wegen zurecht im Kanon der Bundesrepublik angekommen (2).

Fortschreiben der Vergangenheit

Wolf, 1929 als Christa Ihlenfeld im heutigen Polen geboren, studierte ab 1949 in Jena und später in Leipzig Germanistik. Mit Der geteilte Himmel gelangte sie 1963 zu literarischer Bekanntheit und löste innerhalb der DDR trotz der zahlreichen Neuauflagen auch kulturpolitische Debatten aus, was sie nicht daran hinderte, 1963 bis 1967 Kandidatin (3) im Zentralkomitee (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu werden. Allerdings wurde für Wolf nach ihrem Widerstand gegen restriktivere Bestimmungen in der Kulturpolitik des ZK 1965 die Situation prekärer. Seitdem sah sie sich immer wieder Druck ausgesetzt, stand unter Überwachung des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) und engagierte sich bis zur Wende bei Protestaktionen. Nach der Wende und der Veröffentlichung von Was bleibt, einer Aufarbeitung der Überwachung, wurde aber vor allem ihre eigene kurze Tätigkeit für die Stasi Ende der 1950er-Jahre in den Vordergrund gestellt und gar mit Günter Grass‘ Tätigkeit in der Waffen-SS verglichen (4). Dies wird nicht zuletzt seinen Grund darin gehabt haben, dass Wolf auch 1989/90 noch an eine Reform der DDR und eine mögliche sozialistische Utopie glaubte: Das geteilte Deutschland war ihrer Meinung nach logische Konsequenz der Verbrechen des nationalsozialistischen Groß-Deutschlands.

Schreiben als Notwendigkeit

Wolf ist also in der Rezeption ihrer Literatur nicht nur Autorin, sondern vor allem auch immer öffentliche Person gewesen, deren Texte mit ihrem Handeln eng verbunden wurden. Dabei lotete Wolf nach 1945 in ihrem Schreiben Möglichkeiten und Grenzen des Erzählerischen aus. Durch Vielstimmigkeit und die Schichtung mehrerer Zeit- und Perspektivebenen suchen Wolfs Texte zwischen Ent-Täuschung und intermedialen sowie intertextuellen Bezügen nach der Vergangenheit genauso wie nach den Orten von Frauen in Literatur und Gesellschaft. Deshalb sollte Wolf nach ihrem Tod endlich wieder weniger als moralische Instanz und mehr als wichtige Autorin – sei es des Kassandra-Projekts, von Kein Ort. Nirgends oder Nachdenken über T. – rezipiert und wiedergelesen werden.

Anmerkungen:

1 www.spiegel.de/spiegel/print/d-70940417.html Interview am 14.06.2010: Wir haben dieses Land geliebt. Von Hage, Volker und Beyer, Susanne. Darin spricht sie vom Tod und sagt in diesem Zusammenhang: „Na, das werden sie mich vielleicht noch zu Ende schreiben lassen.“
2 www.welt.de/kultur/literarischewelt/article137450 09/Christa-Wolf-die-grosse-Autorin-der-DDR-ist-tot.html.
3 Kandidat_innen im ZK hatten eine beratende Funktion ohne Stimmrecht.
4 www.derwesten.de/kultur/christa-wolf-schrieb-geschichte-von-innen-id6124421.html.

Literaturhinweise:

www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/christa-wolf

Sabine Fischer-Kania, Daniel Schäf (Hg.Innen): Sprache und Literatur im Spannungsfeld von Politik und Ästhetik. Christa Wolf zum 80. Geburtstag. München. Iudicium 2011

Sonja Hilzinger: Christa Wolf. Frankfurt am Main. Suhrkamp 2007 (= Suhrkamp BasisBiographie; 24)

Monika Papenfuß: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton. Eine kritische Studie vor dem Hintergrund des Literaturstreits um den Text „Was bleibt“. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag. Berlin 1998