Wenn die Masken sterben und die Menschen leben

Versteinerte Wolken, Oktopusse als Filmstars und tanzende Skelette. Die Ausstellung Animismus. Moderne hinter den Spiegeln widmet sich der Verkehrung der Welt im Bewusstsein der modernen Menschen.

Hier ist der Mensch niemals von der Welt getrennt“, heißt es sehnsüchtig im gezeigten Kurzfilm Les Statues meurent aussi von Alain Resnais und Chris Marker bei der Darstellung afrikanischer Kultobjekte. Die Gabel, die Krippe, die Maske … schlicht alles war Kunst. Die Begriffe Kunst und Kult, Glaube und Wirklichkeit machten hier wenig Sinn, da alles ungeschieden war. Der Mensch war ein Gefangener der Welt. Die unbekannten Kräfte, die die Menschen quälten und frei umherwanderten, gingen in die Masken und Statuen ein und wurden darin gefangen genommen. Durch eine ‚legendäre‘ Metamorphose verlieren sie an Schrecken, werden besänftigt, bis sie eines Tages sterben, damit die Menschen ohne Angst leben können. Die Masken werden dann nutzlos, dienen als Kuriositäten im Museum und sind Vorgeschichte.

Dekolonialisierung des Fetischismus

Aber die Masken wurden den Menschen schmerzhaft entrissen. Sowohl in Europa wie auch überall. Als die Menschen auf brachen, um die ‚neue Welt‘ zu zivilisieren, indem sie diese brutalst eroberten, prägten die noch im Katholizismus fest verankerten portugiesischen Eroberer den Begriff des Fetischismus für den falschen Götzenglauben der Heiden.

Ein Versuch diesen ‚kolonialen Blick‘ zu dekolonialisieren ist jedoch zum Scheitern verurteilt, wenn der Universalismus lediglich als Lüge begriffen wird. Denn damit verwelkt auch dessen schöner Schein einer vereinten Menschheit. Sind die EuropäerInnen nichts als die „Marsmenschen Afrikas“, wie es im Film weiter heißt, die die schwarze Kunst durch eine „kosmopolitische Kunst der Hässlichkeit“ ersetzen, und die „weiße Krankheit“ – die westliche Zivilisation – einführen, dann ist dies nichts als eine plumpe Umkehrung der Hierarchie, im Sinne eines Befreiungsnationalismus. Den Kosmopolitismus als Vorwurf zu benutzen, anstatt an ihm als ein Versprechen festzuhalten, das tat man just zum Zeitpunkt des Films (1953) in antisemitischen Schauprozessen in der Sowjetunion.

So ein Verständnis des Universalismus, das die Moderne nur als eifersüchtigen Gott Moh Dun (‚modern‘) des „Volks der EthnografInnen“ kennt, die Informationen jagen und sammeln, neigt zur Ablehnung des (abstrakten) Gedankens, dass alle Menschen eben – Menschen sind. Um diesen Anthropozentrismus zu brechen, zeigt uns eine Videoinstallation, dass Mensch und Natur irgendwie eins sind. Denn auch ein Oktopus kann Hauptprotagonist eines Films sein und nein, es ist keine Tierdoku. Yayoi Kusamas Film mit dem programmatischen Titel Self Obliteration treibt dieses Motiv weiter und macht aus Mensch, Tier, Dingen und Ton eine unentwirrbare Einheit. Diese Fetisch‚kritik‘ zielt auf die Verallgemeinerung der verkehrten Verhältnisse, letztlich die Auflösung von Subjektivität. Autonomie wird nur in ihrer selbstbewussten Preisgabe erlangt. Theodor W. Adorno meinte dazu einmal, dass das Lügen sind, die man selbst glaubt (1).

Von der Totenmaske zur Charaktermaske

Dem ähnelt oberflächlich eine materialistische Fetischismuskritik, weshalb wohl auch die Dialektik der Aufklärung ausgestellt wird. Leider einseitig anti-aufklärerisch gelesen und nicht als Versuch, die Aufklärung zu vollenden. Karl Marx, der eigentlich den Begriff des Fetischismus auf die moderne Gesellschaft angewandt hat und in der Ausstellung unerwähnt bleibt, beabsichtigte damit zu skandalisieren, dass die aufgeklärten BürgerInnen immer noch Anhängsel von Dingen seien, die sie selbst machen (2). Damit der Mensch aber aufhöre, als verstecktes Etwas hinter der Maske und allein durch sie hindurch die Welt wahrzunehmen, müssen die Charaktermasken, so wie die Totenmasken, ins Gruselkabinett der Geschichte eingehen.

Bis zum 29. Jänner läuft die Ausstellung Animismus. Moderne hinter den Spiegeln in der Generali Foundation, Wiedner Hauptstraße 15. Mehr Infos

Anmerkungen:

1 Vgl. Alex Gruber / Philipp Lenhard: Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft. Freiburg 2011
2 Vgl. Stephan Grigat: Fetisch und Freiheit. Freiburg 2007