Die Sache mit dem 27. Jänner

Auschwitz: von Gedenken und Symboliken

Am 27. Januar 1944 wurden mit einem Transport aus dem Durchgangslager Westerbork in den besetzten Niederlanden 948 durch die Nürnberger Gesetze als „jüdisch“ definierte Menschen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Unter ihnen befanden sich 391 Männer, 435 Frauen und 122 Kinder. Nach der Selektion, die umgehend nach der Ankunft des Transportes vorgenommen wurde, wurden 689 Menschen in den Gaskammern ermordet. Nur 190 Männer1und 69 Frauen wurden als Häftlinge registriert (1). Ein Jahr später, am 27. Jänner 1945, befreiten die Soldat_innen der Roten Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Bilder der Lagertore von Auschwitz sollten sich als Ikonen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik etablieren.

Nahe der polnischen Stadt Oswiecim wurde im Jahr 1940 der Lagerkomplex Auschwitz erbaut. Ausgehend von dem sogenannten ‚Stammlager Auschwitz I‘ entwickelte sich das auf dem Gebiet des Deutschen Reiches gelegene Konzentrationslagersystem nahe der Stadt Krakau sehr rasch zu einem Zentrum des Massenmordes an im Nationalsozialismus verfolgten Gruppen. Der Bau des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau 1941 markiert hierfür einen entscheidenden Wendepunkt.

Das Auschwitz-Gedenken?!

In den Jahrzehnten nach der Befreiung etablierten sich nicht nur die bildlichen Ikonen, sondern auch der Begriff Auschwitz. Er wurde zu einem Synonym für die Vernichtung der europäischen Jüdinnen* und Juden*, zu einem Schlagwort in politischen Diskussionen und der Imperativ Nie wieder Auschwitz zu einem Ausgangspunkt zahlreicher Bildungsprojekte. Die UNO nahm im November 2005 die Befreiung von Auschwitz zum Anlass, den 27. Jänner als Internationalen Holocaust-Gedenktag zu ernennen.

Wie die Verwendung des Begriffes Auschwitz nehmen auch die Gedenkkulturen am historischen Ort Auschwitz unterschiedliche Formen an. Für einige ist er ein Ort der Trauer um ermordete Angehörige, für andere wiederum dient er der Sinnstiftung einer nationalen Identität. Für Schulgruppen bspw. ist er ein Lernort und für Historiker_innen eine Forschungsstätte. Gleichzeitig treten Besuchende oft mit religiösen und politischen Symbolen an den Ort heran.

Die genauen Motive hinter einem Gedenkstätten-Besuch sind aber schwer zu generalisieren oder komplett nachzuvollziehen. Klar wird nach einem Besuch vor Ort nur, dass für die über 1,3 Millionen Menschen, die 2010 Auschwitz besucht haben, touristische Motive zentral waren. So entsteht der Eindruck, der Ort Auschwitz habe sich auf einer europäischen ‚Erinnerungslandkarte‘ festgeschrieben und ist somit für zahlreiche internationale Gruppen, ob aus Singapur, Kanada oder Australien, fixer Bestandteil einer Europarundreise zwischen Eiffelturm und Biennale.

Motive gibt es viele – Symboliken auch

So schwer Motive zu generalisieren sind, so sehr müssen sie Teil einer politischen Analyse sein. Die Frage ist also auch, für wen die Gedenkstätte gemacht wurde, welche Geschichten sie erzählt und welche nicht. Betrachten wir beispielsweise das große Denkmal in Auschwitz-Birkenau, welches unmittelbar neben den Ruinen der zwei großen ehemaligen Gaskammern und Krematorien steht, sind dort national-polnische Motive und christliche Symbolik in Form eines vom NS-Lagerhaus zum Karmeliterinnen-Kloster konvertierten Gebäude samt Kreuz (2) sichtbar und damit Teil einer ganz spezifisch polnischen Narration ist.

Aber auch die Symbolik in der keineswegs kohärenten Österreich-Ausstellung in der Gedenkstätte des ehemaligen ‚Stammlagers‘ ist als eine ganz spezifische Form der österreichischen Narration zu lesen, in der nicht nur die Selbstdarstellung Österreichs einen Blick wert ist, sondern auch die Frage nach den Täter_innen, nach einer spezifisch geschlechtlichen Konstruktion von Opfern und der Frage, welchen Gruppen Widerständigkeit zugesprochen wird und welche hinter der Fassade der Ausstellung verschwinden. So wurde die 1978 eröffnete Ausstellung zwar mittlerweile mit einem Banner versehen, das darauf hinweist, dass der Opfermythos nicht mehr dem Geschichtsbild des heutigen Österreichs entspreche, die Ausstellung selbst ist aber nicht nur hinsichtlich der Opferfrage eher als Quelle des österreichischen Umgangs mit dem NS nach 1945 zu lesen. Betrachtet man beispielsweise die Ausstellungsteile zum Widerstand, so wird dieser als männlich und politisch bzw. religiös dargestellt, während widerständige weibliche Biografien mit den Assoziationen Hilfe und Fürsorge in eine ganz spezifische Geschlechterkonstruktion eingebettet werden (3).

Österreichisch

Betrachten wir wiederum die Statistik der Gedenkstättenbesuche mit einem quantitativen Blick, muss festgestellt werden, dass Auschwitz sich zwar auf internationalen Reiserouten, aber nicht auf der ‚geistigen Landkarte‘ Österreichs befindet. Nur 3.200 Österreicher_innen besuchten letztes Jahr die Gedenkstätten in Auschwitz (4). Das sind, um eine Vergleichszahl zu geben, um 1.900 weniger als Besucher_innen aus Singapur (wo etwa fünf Millionen Menschen leben). Diese Zahlen sind kein Aufruf, um einen ‚Holocaust-Tourismus‘ in ein realistisches ‚Gruselkabinett‘ zu initiieren – sie veranschaulichen lediglich ‚unseren‘ Umgang mit jenem Ort, der unweigerlich zu einem Teil unserer Geschichte geworden ist.

Aber wie weit reicht die österreichische ‚geistige Landkarte‘ in Bezug auf die NS-Verbrechen überhaupt? Reicht sie bis Ebensee, wo am ehemaligen Lagergelände kurz nach der Befreiung eine Wohnsiedlung erbaut wurde? Reicht sie bis nach Melk, wo das ehemalige KZ-Gelände heute wieder als Kaserne des österreichischen Bundesheeres dient? Reicht sie bis nach Floridsdorf oder Schönbrunn – auch dort befanden sich Außenlager des KZ Mauthausen?

Der Umgang der österreichischen Gesellschaft mit der Geschichte des Nationalsozialismus, seiner Vor- und Nachgeschichte, ist seit jeher ein schwieriger. Zwischen Opfermythos und Heldenehrung stellte die sogenannte Waldheim-Affäre Ende der 1980er-Jahre einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung dar. In diese Zeit fiel auch die Gründung des Vereins GEDENKDIENST (www.gedenkdienst.at), der mit der Entsendung junger Österreicher* an Einrichtungen zur Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen im Rahmen der Zivildienstpflicht eine Konfrontation mit der österreichischen Geschichte im Ausland ermöglichte. Jedes Jahr arbeiten zwei österreichische Gedenkdienstleistende an der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in wiecim. Während mehrtägiger Programme arbeiten sie mit Jugendlichen an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konzentrationslagerkomplexes Auschwitz, der Erinnerung und den damit verbundenen Themenbereichen wie Antisemitismus und Rassismus.

Wir sind davon überzeugt, dass es in der Verantwortung einer Gesellschaft liegt, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Über viele Jahrzehnte hinweg gab es in Österreich jene neblige Vorstellung, Österreich wäre das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Und in vielen Kreisen gibt es sie noch heute (5).

Anmerkungen:

1 Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945
2 (2008) S. 715.5 www.zeit.de/1989/38/das-kreuz-mit-dem-kloster/ (06.01.2012)
3 vgl. hierzu u. a.: Brigitte Bailer, Bertrand Perz, Heidemarie Uhl: Projektendbericht. Neugestaltung der Österreichischen Gedenkstätte im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, online unter: http://www.doew.at/information/endbericht_gedenkstaette_auschwitz.pdf
4 http://en.auschwitz.org/m/index.php?option=com_ content&task=view&id=620&Itemid=49 (15.12.2011)
5 www.wienerzeitung.at/nachrichten/panorama/chronik/339505_Schuessel-Oesterreich-war-erstes-Nazi-Opfer.html (15.12.2011)