Das spukende Gespenst

In Wien sind eine Straße, ein Gymnasium, ein Haus, eine Apotheke und zwei medizinische Auszeichnungen nach ihm benannt: Theodor Billroth. Er gilt als einer der ganz großen Mediziner*innen des 19. Jahrhunderts. Es scheint nur logisch, dass auffällige Denkmäler im alten AKH und im Arkadenhof an ihn erinnern. Vergessen wird dabei jedoch der Antisemitismus, den Billroth vertrat.

Theodor Billroth wurde 1829 auf der Ostsee-Insel Rügen geboren. Er studierte in Greifswald, und war in Berlin und Zürich tätig, bevor er 1867 die Berufung an den chirurgischen Lehrstuhl an der Universität Wien annahm. Hier erwarb er sich durch seine Leistungen auf den Gebieten der Bauch- und Kehlkopfchirurgie sowie der Entdeckung der Streptokokken seine Anerkennung als medizinischer Pionier. Die meisten Biografien erwähnen zudem seine Passion für Musik und seine Freundschaft zu Johannes Brahms.

Deutschnationaler und Antisemit

In seinen politischen Ansichten vertrat Billroth einen vehementen Deutschnationalismus, sah sich als ‚fanatischen Germanen‘ und nahm freiwillig am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teil. Im Jahr 1875 meldete er sich mit einem über 500-seitigen Buch zur Universitätspolitik und ihren Problemen zu Wort. In einem kurzen Abschnitt des Buches über den Andrang zum Medizin-Studium in Wien bediente Billroth das Negativbild des ‚Ostjuden‘. Er beschwerte sich über die, nach seinen Angaben, meistens jüdischen Studenten* aus Galizien und Ungarn, denen sowohl die finanziellen als auch die kulturellen Voraussetzungen für das Medizinstudium fehlen würden. Für Billroth stellten Jüd*innen eine eigene Nation dar, und könnten keiner anderen angehören. Nicht die Religionszugehörigkeit, sondern das ‚Blut‘ war für Billroth das ausschlaggebende Merkmal der Gruppenzugehörigkeit. Er schloss sich damit dem noch relativ jungen, biologisch-rassistisch fundierten Antisemitismus an.

Die Folgen des Buches waren heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit, aber auch unter den Studenten*. Ablehnung zeigten einige Angehörige des jüdischen Bürger*innentums, die sich beispielsweise dagegen wehrten, zum ‚Fremdling‘ gemacht zu werden. Auch Max Nordau verurteilte Billroths Aussagen, in denen das Vorurteil aufsteige „wie ein spuckendes Gespenst“. Für ihn drückte Billroth das aus, was alle fühlten, aber nicht zu sagen wagten.

Unterstützung hingegen erhielt Billroth vor allem von deutschnationalen Verbindungen und Burschenschaften. Zur Eskalation kam es, als diese ihn in einer Vorlesung mit ‚Prosit‘-Rufen begrüßten, während ‚Pereat‘-Rufe („Er/Sie/ Es gehe unter!“, „Nieder mit!“) an die jüdischen Studenten* gerichtet wurden. Billroth versuchte zu beschwichtigen, das entstehende Handgemenge endete aber darin, dass die jüdischen Studenten* den Hörsaal verließen. Bevor Billroth unter einem Vorwand die Vorlesung frühzeitig abbrach, wurde sie immer wieder durch antisemitische Attacken unterbrochen. Ähnliche Vorfälle nahmen in den folgenden Jahren eher zu; und erste studentische Verbindungen begannen damit, Regelungen gegen jüdische Mitglieder einzuführen.

… als Bezugspunkt

Ähnliche Aussagen in dieser Schärfe tätigte Billroth bis zu seinem Tod 1894 zwar nicht mehr, er widerrief seine Ansichten aber auch nicht. Obwohl er damit wohl nicht als Theoretiker des Antisemitismus bezeichnet werden kann, blieb er ein Bezugspunkt für Antisemiten* wie Georg von Schönerer, Karl Lueger oder die deutschnationalen Burschenschaften.

Im Vergleich zum englischsprachigen Raum wurde der Antisemitismus von Billroth in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung kaum problematisiert. Einige relativierten Billroths Ansichten mit dem Hinweis auf den historischen Kontext oder schrieben dem Mediziner mit zunehmendem Alter eine Läuterung zu. Diese fehlende Thematisierung von Historiker*innen trägt bis heute dazu bei, dass das glanzvolle Bild des Pioniers auf dem Gebiet der Chirurgie kaum Kratzer abbekommen hat. Somit ist auch nicht verwunderlich, dass es keine Kontroversen gibt, wenn Straßen, Schulen und Auszeichnungen den Namen von Theodor Billroth tragen, und Denkmäler an ihn erinnern. Aber sind Kontroversen über die Angemessenheit dieser Ehrungen nicht notwendig?

Literaturhinweis:

Felicitas Seebacher: „Der operierte Chirurg“. Theodor Billroths Deutschnationalismus und akademischer Antisemitismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), S. 317-338