Exklusionsrisiko Behinderung?

An der Universität Wien zu studieren ist für die Mehrheit der Studierenden gewöhnlicher Alltag. Was Selbstverständlichkeit für viele ist, ist für eine Minderheit oft mit erheblichen Hürden verbunden.

Das beginnt mit fehlender Barrierefreiheit außerhalb der Universität und setzt sich innerhalb universitärer Gebäude in manchen Bereichen fort. Studierende mit Behinderung (SmB) wurden dazu im Rahmen der Diplomarbeit des Autors befragt.(1) Kurt (2), ein Student der Katholischen Religionspädagogik, meint dazu: „Es war mir bis zum letzten Semester nicht möglich, Proseminare in der Bildungswissenschaft […] in Anspruch zu nehmen […].“ Probleme, mit denen SmB konfrontiert sind, gehen aber weit über ihren Uni-Alltag hinaus. Liegt eine (biologisch bedingte) Behinderung früh vor, so begegneten viele auf ihrem Bildungsweg Barrieren oder waren Diskriminierungen ausgesetzt.

Michaela studiert Ernährungswissenschaften und sammelte Berufserfahrung in Teilzeitjobs. Aufgrund ihrer Sehbehinderung machte sie viele Diskriminierungserfahrungen in ihrer Schulzeit: „Mit der dicken Brille, da bin ich extrem […] ausgestoßen worden [...]. Die haben mich komplett abgelehnt.“ Probleme aller SmB reichen vom Schuleintritt oder -übertritt bis zu verweigerten Unterstützungsleistungen – was auch teilweise noch an der Universität Wien vorkommt. Michaela schildert, dass sie Angaben am Prüfungsbogen oft nicht lesen konnte und ProfessorInnen auf ihre Bitte um einen größeren Schriftgrad kaum eingingen. Am Arbeitsmarkt werden SmB wegen ihren ‚Unzulänglichkeiten‘ entlassen oder der Zugang bleibt ihnen verwehrt. Hubert berichtet: „Jetzt hab‘ ich mal ein Gespräch gehabt […]. Die hat dann klipp und klar gesagt: Die Chancen tendieren gegen Null.“ Folge davon ist die Abhängigkeit von sozialstaatlichen Leistungen sowie wenig Geld und Sozialkontakte zu haben. Zusätzliche Barrieren sind bürokratische Hürden sowie unflexible Dienstleistungsanbietende.

Sichtweisen von Behinderung und ihre Konsequenzen

Das Phänomen Behinderung wird von Seiten der Mehrheits-gesellschaft noch immer als etwas Defizitäres wahrgenommen, das lediglich das Individuum betrifft. Behinderung wird als Schicksal einer Person betrachtet (3) und entpolitisiert.(4) Krankheit und physische Defizite gilt es zu therapieren. Bedürfnisse und Probleme, die mit der Sozialstruktur der Gesellschaft zu tun haben, geraten aus dem Blickfeld. Weder Relationalität noch Relativität werden mitgedacht.(5) Die zentrale Frage ist, welche gesellschaftlichen Erfahrungen SmB teilen, wie sie erlebt werden und wie Betroffene damit umgehen. Begreift man Behinderung als bio-psycho-soziales Modell, so bedeutet das, dass Behinderung teilweise von ‚innen‘ (psycholog./biolog.) kommt und großteils von außen (behindernde Rahmenbedingungen) hergestellt wird. Eine wichtige Erkenntnis der Interviews war, dass sich manche ausgegrenzte SmB selbst als defizitäre Menschen betrachten und ‚ihre Behinderung‘ biologischen Gegebenheiten und nicht gesellschaftlichen Barrieren zuschreiben.

Paula studierte Medizin und ist derzeit in KSA inskribiert. Aufgrund einer chronischen Erkrankung ändert sich ihr Gesundheits-zustand von Tag zu Tag. Sie weiß nicht, ob sie kulturelle Veranstaltungen besuchen kann. Flexible Möglichkeiten der Teilnahme fehlen. Verhaltensweisen von ausgegrenzten SmB sind spezifisch ausgeprägt: passiv, zurückhaltend, assimilierend und leistungsbezogen. Sich zugehörig fühlende SmB verfügen über ausreichende und tiefgehende Sozialbeziehungen, einen Job und eine unterstützende Familie. In der Vergangenheit erlebten aber auch sie Diskriminierungen. Gegenwärtig bereiten ihnen politisch-institutionelle Ausgrenzungen Probleme.

Die Zukunftsaussichten von SmB sind vage und ungewiss. Zu hoffen bleibt, dass der Großteil daran festhält, das begonnene Studium abzuschließen, und dass sich bis dahin die Situation am Arbeitsmarkt sowie rechtliche Gegebenheiten verbessert haben werden. Von gravierendem Nachteil wären Ablehnungen oder Rückgänge von sozialstaatlichen Transfers bzw. Veränderungen des Wohlfahrtsstaats aufgrund der bestehenden ‚Euro-Krise‘. Damit würde einer ohnehin schon marginalisierten Gruppe die Existenzgrundlage entzogen.

Anmerkungen:

1 Zamarin, G.: Exklusionsrisiko Behinderung? Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erfahrung gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Ausgrenzung bei Studierenden mit Behinderung der Universität Wien. Ein empirischer Vergleich. Diplomarbeit 2011.
2 Namen von der Redaktion geändert.
3 Waldschmidt, A.: Disability Studies – Konturen einer neuen Forschungslandschaft. In: Gemeinsam leben, 2. Juventa Verlag. Weinheim 2006, S. 66 – 74.
4 Metzler, H.: Hilfebedarf von Menschen mit Behinderung. Fragebogen zur Erhebung im Lebensbereich „Wohnen/Individuelle Lebensgestaltung“, H.M.B.-W, Version 5, Forschungsstelle Lebenswelten behinderter Menschen, Tübingen 2001.
5 Ebd.