Spiel’s noch einmal Kevin: Soziale Reproduktion und Pierre Bourdieus Habitus-Konzept

Weder Explosionen noch Romantik, dafür Theorielastigkeit und eine von Wenn-aber-dochKlauseln durchsetzte Rhetorik: Abschreckender Aufbereitung sei Dank wird das Thema der sozialen Reproduktion meist abseits der Öffentlichkeit abgehandelt – wodurch die Nummer ungestört weiterläuft. Als Kontrastprogramm daher nun ein entkrampfter Einblick in die Thesen von Pierre Bourdieu.

Aus wissenschaftlicher Sicht hat der werte Soziologe eine ziemlich unvorteilhafte Position inne. In den Geisteswissenschaften residierte Bourdieu zu Lebzeiten – der gute Mann ist seit 2002 tot – wie Gott in Frankreich, und auch heute noch ist Die feinen Unterschiede ein Standardwerk. Im Gegensatz zu etwa Max Weber oder Jürgen Habermas, oder dem zwar polarisierenden, aber selbst Ackermann-ApologetInnen bekannten Theodor W. Adorno, scheint Bourdieu allerdings im Elfenbeinturm begraben worden zu sein: Abgesehen von GeisteswissenschaftlerInnen kennt ihn kein Schwein. Das ist seinem nach wie vor relevanten Werk nicht nur unwürdig, sondern geradezu paradox: Obwohl die von ihm abgedeckten Themenfelder mit der aktuellen Empörungs-Agenda höchst kompatibel sind, wurde Bourdieu weder bei der semi-aktuellen Sarrazin-Debatte ausgepackt, noch kriegen sendungsbewusste MentalathletInnen, die Mario Barth lustig finden und mit der Biologiekeule auf dem Nachttisch schlafen, Bourdieus ausschweifende Ausführungen und Theorien vor den Latz geballert. Ihn als ,verkannte Geheimwaffe der Linken‘ zu verstehen würde Bourdieu, der omnidirektional gegen jegliche pseudo-objektivierende Verbrämung von normativen Positionen wetterte, allerdings Unrecht tun. Denn unabhängig davon, ob man nun Fan von Karl Marx oder vom Kopp-Verlag ist, lohnt die Beschäftigung mit Bourdieus Theorien, mit denen sich viele Schein-Gemeinplätze sehr elegant angehen lassen.

Das Habitus-Konzept und die Reproduktion von Werten: Girls just wanna have fun

Zentral für Bourdieu und seine Analysen ist das Konzept des Habitus. Plump gesagt tangiert der Habitus das, was ,halt natürlich so ist‘ – er vereint alles, was wir erfahren haben, was wir sind und was wir glauben, sein zu müssen, in fleischgewordener Geschichte. Ein Beispiel ist, dass wir die ,natürliche Art‘, wie Männer und Frauen jeweils gehen, erst lernen müssen. Das Ganze ist verblüffend, da tatsächlich nicht hinterfragt wird, wie etwas als ,natürlich‘ – sprich nicht erst später sozial gesetzt – angesehen werden kann, wenn wir es erst einmal lernen müssen. Schließlich wackeln Mädels nicht von Geburt an mit dem Arsch, wenn sie von A nach B gehen.

Das Lernen erfolgt allerdings nicht wissentlich, sondern man kopiert unbewusst Verhaltensweisen; anders gesagt: Der Horizont, den man vermittelt bekommt, wird auch zum eigenen, denn der Habitus bedingt auch das Denkbare und das Undenkbare – das, was wir eigentlich auf dem Schirm haben und was wir überhaupt in Frage stellen können. Das läuft auf der Senderseite nicht bewusst ab – man überlege sich nur, wie viele Eltern mit den Resultaten ihrer Erziehung nicht unbedingt zufrieden sind. Entscheidend ist aber nicht nur das Elternhaus, sondern das gesamte Umfeld. Daher eignet sich der Habitus-Begriff auch als Analysedimension für die immer gern genommene Gender-Debatte, da das, was man vermittelt bekommt, wie man sich als ,richtiger Mann‘ (der man qua Klöten sein zu wollen hat) zu benehmen hat, ja nicht nur von den Eltern kommt, und Kronjuwelen des Aufklärungserbes wie Sex & the City auch den ‚Ladies in spe‘ ebenso anschaulich klarmachen, wie ihresgleichen heute nun einmal drauf sind. Das Ganze fliegt dabei unterhalb des Radars, führt aber normative Werte vor, die dann von den nichtsahnenden RezipientInnen möglicherweise für bare Münze – „es ist halt so, dass Jungs …“ – genommen werden. Ergebnis: Ein Leben voller Frust, weil ich noch nie mit einem verschwitzten Unterhemd am drahtigen Körper und einem „Yippee-kiyay, motherfucker“ auf den Lippen durch Lüftungsschächte robben durfte. Womit auch klar wäre: Deterministisch ist die ganze Angelegenheit nicht, und direkt im Sinne von ,Verhalten wird eins zu eins kopiert‘ wirkt sie auch nicht – aber Tendenzen, Wahrscheinlichkeiten und Weltbilder werden mitgenommen. Denn wer die Hauptabnehmer von actionlastigen Computerspielen mit einer ,männlicher Mann macht fiese Feinde fertig‘-Thematik sind, dürfte auch klar sein. Deshalb ist das aber noch lange nicht ,natürlich‘ – die selbsterfüllende Prophezeiung lässt grüßen.

Die Reproduktion von sozialen Hierarchien: Might is right

Der Bezug zur Reproduktionsarbeit in dem Sinne, dass bestehende Werte reproduziert werden, ist damit also erst einmal klar, aber es geht noch weiter. Wer daheim umringt von Fernsehern und keinem einzigen Buch aufwächst, dürfte eine deutlich andere Einstellung zum Lesen haben als ein Literatenzögling. Die Folgen sind allerdings immens, denn wenn Lesen später als ,fremd‘ wahrgenommen wird und man keinen Bezug dazu hat, dürften die Auswirkungen auf den Bildungserfolg auch klar sein. Dass Bildung nicht universell zugänglich ist, ist aber ein Riesenproblem, denn die Grundlage für Demokratie nach dem richtungsweisenden Modell der Französischen Revolution war nun einmal, dass man eine informierte Meinung hat und auch haben kann! Der Habitus sorgt also sowohl dafür, dass wir uns in bestimmten Bereichen zuhause fühlen, als auch dafür, dass er uns unsichtbare und undurchdringbare Riegel vor die Nase setzt. Er wird richtiggehend inkorporiert; sprich, der Körper speichert bestimmte Mechanismen ab – man fühlt sich tatsächlich physisch unwohl, wenn man ,unpassende‘ Dinge tut. Das einfachste Beispiel ist das Erröten, wenn man etwas tut, das einem peinlich ist. Das vielbemühte ,man müsste nur wollen‘ greift also zu kurz, da man sich nicht aussuchen kann, was man will! Ebenso verkommt ,die beschweren sich doch aber nicht‘ zur fehlschließenden Farce, denn die ,freie Entscheidung und Meinungsbildung‘ ist fremdbeeinflusst in gewisse Richtungen gedrängt. Indes nutzt die bloße Kenntnis dieser Wirkungsweisen nur wenig, man müsste sich entsprechend eingeübte Mechanismen regelrecht physisch abtrainieren. Die Wahrheit alleine wird einen nicht befreien.

Optimistisch verzerrte Selbstwahrnehmung: Die Höhe, das sind die Anderen

Die Reproduktion bestehender Verhältnisse kommt dabei vor allem den Mächtigen zugute, denn der Erfolg bestätigt deren Verhaltensweisen – die für ihren Habitus typisch sind – als ,besser‘. Die Gründe, die zum Aufstieg geführt haben, werden rückwirkend und für die Zukunft als die ,sinnvollen‘ Kriterien verbrämt. An sich ist nun die Annahme, dass alles zu einem gewissen Grad Produkt seiner Umgebung ist, nicht so abwegig. Man kann nicht mal eben aus seiner Haut, das ist aber kein Weltuntergang – nur sollte man dann nicht einfach leugnen, dass man geprägt ist! Einfach so zu tun als würde einen das nicht betreffen, ist das Kontraproduktivste, was man machen kann, wenn man nicht einfach auf Autopilot laufen will – oder wie good ol’ Goethe es formulierte: „Niemand ist so unfrei wie der, der fälschlicherweise glaubt frei zu sein“! Gar tragisch wird es, wenn man sich unbewusst internalisierter Mittel einer opponiert geglaubten Strömung bedient. Doch es sollte erst mal schaffbar sein, sich einzugestehen, dass man auch nicht außen vor ist, um sich selbst und das, was man im Alltag unbemerkt auf ganz bestimmte Art und Weise (nicht) macht, auf den Schirm zu kriegen, und sich klar zu machen, dass es auch anders möglich wäre. Erst dann kann man sich die Frage stellen, was da eigentlich dahintersteckt. Warum würde es mir etwa im Traum nicht einfallen, Mails mit ,LG‘ abzuschließen?

Demgegenüber verhindert die Zugehörigkeit zu meinungsinzestuösen Autoaffirmationskolonien den Austritt aus einer vielleicht nicht selbst verschuldeten, wohl aber aufrechterhaltenen Unmündigkeit – Gruppenaktivitäten wie ,Mit zweierlei Maß messen und einseitige Argumentation immer nur bei den anderen sehen‘ sei Dank. Würden beide Seiten aber mal ihre Brillen der Marke ,Selbstgefällig & Selbstverarsche‘ abnehmen, so würden sie gewahr, dass sie nackt sind. Bleiben die Korrekturlinsen allerdings bis zur Hirnblutung festgezurrt, so kommt natürlich niemand auf die Idee, sich mal eine Hose anzuziehen – aber alle wundern sich, warum sie von lauter Ärschen umgeben sind.